Mittel gegen den Massentod? Zur Geschichte des Eichelkakaos

Eichelkakao? Geht es nicht noch kleiner? Sollten sich Historiker nicht mit großen, zumindest aber größeren Themen beschäftigen? Absolut richtig! Und deshalb, gerade deshalb ist ein Blick auf die vermeintlich kleinen Dinge wichtig, die den Alltag von Millionen von Menschen mitbestimmt, die gar das Leben von Zehntausenden erst ermöglicht haben. Eichelkakao war kein modisches Hipstergetränk, keine kommunikativ zu schlürfende Süßware. Es handelte sich um ein Heilmittel, das stopfend wirkte und so Durchfälle mindern, Magen- und Darmbeschwerden lindern konnte. Eichelkakao war ein Präparat mit Wirkung, dessen Geschichte den Weg hin zu unserem heutigen pharmazeutisch-therapeutischen Dasein nachvollziehbar macht. Während Eichelbrot nur in Kriegs- und Notzeiten konsumiert wurde und Eichelkaffee ein überschätztes Heilgetränk blieb, war Eichelkakao ein effektives Pharmakon, verpackt in der Süße eines angenehm mundenden Tranks.

Der Wirkstoff aber war bitter, entstammte der Eiche, genauer dessen Früchten, den Eicheln. Sie dienten in der vorindustriellen Zeit der Mast von Wild und Schweinen, wurden von Menschen nur dann gegessen, wenn anderes nicht zur Verfügung stand. Eicheln haben einen hohen Gerbstoffgehalt, zumal die in Deutschland gängigen Stiel- und Zerreichen. Sie müssen verarbeitet werden, können erst nach dem Auslaugen, Rösten und Mahlen als Nahrung dienen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden sie als Grundlage für „teutschen“ Kaffee propagiert, doch derartiger Eichelkaffee wurde kaum konsumiert. Seit den 1770er Jahren jedoch gerieten Eicheln in das Blickfeld mehrerer auf Entdeckertum und Sinneserfahrung setzenden Mediziner. Unisono empfahlen der Marburger Friedrich Joseph Wilhelm Schröder (1733-1778), der Hannoveraner Jacob Marx (1743-1789) und der von Hof zu Hof wandernde Melchior Adam Weikard (1742-1803) die therapeutische Nutzung von Kaffee aus Eicheln. Die Eichelkraft öffne die Drüsen, ließe die Säfte fließen. Im Denken der damaligen herrschenden Meinung, der sog. Vier-Säfte-Lehre, war dies ein entscheidender Hebel für den Einsatz von Eicheln und des „medicinischen“ Eichelkaffees gegen eine Großzahl der damals gängigen Krankheiten. Mögen auch nach unserem heutigen Verständnis fast alle diese Anwendungen verfehlt und wenig hilfreich gewesen sein, so destillierten sich im späten 18. Jahrhundert doch zwei Anwendungsgebiete heraus: Allgemeine Kräftigung und Magen-Darm-Krankheiten. Kleinkinder und Ältere standen im Mittelpunkt des Interesses; wobei zu beachten ist, dass der Gang zum Medikus zu dieser Zeit ein Privileg zahlungskräftiger Gruppen war. Da Eicheln im Herbst aber breit verfügbar waren und Kochen und Rösten gängige Hausarbeiten, gewann der Eichelkaffee eine gewisse Alltagsbedeutung als stärkender Trank für die Kinder und als Labetrunk für die Greise.

Allen Bemühungen zum Trotz blieb der bittere Geschmack ein Kernhindernis für die weitere Verbreitung des Heilmittels. Entsprechend bemühten sich dessen Propagandisten von Beginn an, es mit zusagenden Zusätzen anzureichern. Marx empfahl den Zusatz von einem Viertel Kaffee oder einem Achtel Kakao (Magazin vor Aerzte 1, 1778, 141) und der österreichische Botaniker und Kinderarzt Heinrich Johann Nepomuk Crantz (1722-1797) folgte ihm, um den Eichelkaffee so „wohlschmeckender zu machen“ (Medizinische und Chirurgische Arzneymittellehre, Bd. I, Th. I, Wien 1785, 204). Auch der Altonaer Arzt Johann August Unzer (1727-1799) schloss sich in seinem Medicinisches Handbuch an (Neue verb. Aufl., Agram 1787, 226). Einmal etabliert, wurden derartige Ratschläge als Handbuchwissen weitergetragen, wobei Kaffee- oder Kakaozusätze auch durch Zimt oder Milch ergänzt werden konnten, so der Leipziger Mediziner Gotthilf Wilhelm Schwartze (1787-1855) in seinen weit verbreiteten Pharmakologische Tabellen, ehedem eine Handreichung für den praktischen Arzt (Bd. 1, Leipzig 1819, 99). Die Eichel enthielt den Wirkstoff, doch Kakao konnte als Mantelstoff, als Wirkmittelträger dienen. Eichelkaffee mit Kakao dürfte in der ärztlichen Praxis des frühen 19. Jahrhunderts entsprechend Anwendung gefunden haben – wobei der relativ hohe Preis die Patientenschar übersichtlich hielt.

Dieser Zusatz aber etablierte noch keinen Eichelkakao. Eichelkaffee hatte eine moderate Wirkung auf die Verdauung, eher stopfend als lösend. Doch diese hing von der Art der Eicheln ab, von deren Zubereitung und Aufbewahrung. Zielgerichtete Medikamente sind etwas anderes. Das galt auch für die Eichel-Schokoladen, die seit den späten 1820er Jahren neben den Eichelkaffee mit Kakao traten. „Schokolade“ war damals ein schillernder Begriff, ließ sich nicht auf die uns geläufige Tafelschokolade reduzieren. „Schokolade“ bedeutete damals häufig Koch- und Trinkschokolade; die selten gewordene Bezeichnung „heiße Schokolade“ erinnert noch hieran. Eichel-Schokoladen waren gewerblich hergestellte Produkte, die auf der Gesundheitsreputation der Eicheln aufbauten, die den Kunden zugleich aber auch mundeten.

Dank der umfassenden (aber leider nur bis in die 1870er Jahre reichenden) Digitalisierung eines Großteils der bayerischen Zeitschriftenliteratur durch die Bayerische Staatsbibliothek lässt sich die Kommerzialisierung eines zuvor im häuslichen Rahmen zubereiteten Heilmittels genauer nachzeichnen. Spätestens 1827 wurde in München von der im Mai gegründeten „Chocoladen-Fabrik“ des Gregor Martin Mayrhofer selbst hergestellte „Eichel-Chokolade“ produziert und verkauft – und das nach einer zuvor erfolgten ärztlichen Untersuchung des für Kinder und Nervenschwache gedachten Präparates (vgl. auch Hermann Schelenz, Geschichte der Pharmazie, Berlin 1904, 761, mit einer allerdings fehlerhaften Datierung).

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Erstanzeige des Verkaufs von Eichelschokolade durch [Gregor] Martin Mayrhofer 1827 (Der Bayerische Volksfreund 1827, Nr. 159 v. 13. Dezember, 744)

Mayerhofers Schokoladefabrik bestand aus einem Handelsgeschäft, einem Schokoladenausschank sowie dem Verkauf von verschiedenen Schokoladen (Der Bayer’sche Landbote 1827, Nr. 61 v. 22. Mai, 335). Eichel-Schokolade wurde in größeren Quantitäten hergestellt und dann über einen längeren Zeitraum abverkauft (Ebd. 1828, Nr. 20 v. 14. Februar, 167). Anzeigen für die „nunmehr so beliebte Eichel-Chocolade“ richteten sich an den „hohen Adel“ und das Stadtbürgertum; sie sollte getrunken werden, entweder zuhause oder aber im Ausschank (Ebd. 1828, Nr. 54 v. 3. Mai, 449). Und der Pionier hatte Erfolg: Im Juni 1828 erhielt Mayrhofer ein fünfjähriges Privilegium für sein Produkt, das „nach den öffentlich bekannt gemachten Resultaten einer medicinisch-polizeylichen Untersuchung von ganz besonderm und heilbringendem Nutzen für Nervenschwache jeden Alters ist, und bey hektischen, atrophischen, scrophulösen, rachitischen Subjekten, besonders bey Kindern, nach vielen hitzigen und den meisten chronischen Krankheiten, nach großem Säfteverlust etc., mit dem größten Vortheil in Anwendung gebracht werden kann“ (Ebd. 1828, Nr. 75 v. 21. Juni, 614). Das Zitat verdeutlicht, dass Mayrhofer keine präzise Vorstellung von den Wirkungen seines Heilmittels hatte und letztlich nur die breiten Verheißungen der Eichelpropagandisten kommerziell nutzte. Er schuf aber eine neue, stetig (re)produzierte Gesundheitsware, überführte den heimischen Eichelkaffee damit in eine neue Sphäre. Mayrhofer blieb der führende Produzent in München. 1835 besuchte König Ludwig I. sein Etablissement und schmückte ihn später mit dem Titel des Hof-Chocolade-Fabrikanten und sein Geschäft mit dem der Hof-Materialwarenhandlung (Bayer’sche Landbötin 1835, Nr. 23 v. 21. Februar, 197; Regierung-Blatt für das Königreich Bayern 1848, Nr. 3 v. 25. Januar, Sp. 48).

Das Münchner Beispiel fand rasch Nachahmer, sicherlich auch begünstigt durch die 1828 patentierte Entfettung des Kakaos durch die Amsterdamer Schokoladenfabrikanten Casparus (1770-1858) und Coenraed Johannes Van Houten (1801-1887), durch die Kakao leichter zu Pulver und letztlich zu Trinkschokolade verarbeitet werden konnte. Weihnachten 1829 empfahl Wilhelmine Bauer in Regensburg ihre Cacao-Chocoladen, darunter die „reinen ungekünstelten Gesundheits-Eichel-Choccolade das Pfund 45 kr.“ (Regensburger Wochenblatt 1829, Nr. 5 v. 16. Dezember, 714). Spätestens 1830 bot auch der Kaufmann und Konditor Georg Heinrich Drexel seine „Chocolade-Fabrike“ in der Donaustadt an, darunter „auch Ißländisch Moos mit und ohne Salep, Reis- und Eichel-Chocolade, frei von allen fremdartigen Zuthaten“ (Regensburger Wochenblatt 1830, Nr. 7 v. 17. Februar, 95). Der Wettbewerb führte zu langsam sinkenden Preisen, deutlich unter den 54 Kreuzern, die Mayrhofer anfangs forderte. Und es blieb nicht bei Bayern. Die gewiss fragmentarischen Belege dokumentieren eine seit 1830 in Frankfurt a.M. vertriebene „Königl. Preuß. Privilegirte Eichel-Chocolade“, von der Berliner Sanitäts-Chocoladen-Fabrik Wilhelm Pollack hergestellt und empfohlen von Berliner Ärzten (Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung 1835, Nr. 108 v. 18. April, 7). In Wien las man im gleichen Jahr von einer von Ferer und Comp. angebotenen „Gesundheits- und Eichel-Chocolate“ (Wiener Zeitung 1830, Nr. 67 v. 23. März, 390). Und in Prag bot Joseph Wanig 1833 u. a. eine „Feine Wiener Eichel-Choccolade“ an (Prager Zeitung 1833, Nr. 44 v. 17. März, 23).

Eichel-Schokoladen wurden also seit etwa 1830 an verschiedenen Orten produziert und angeboten, doch ihr Vertrieb blieb lokal, bestenfalls regional begrenzt. Das lag auch an den Zollschranken zwischen den deutschen Territorien. Doch am Beispiel der Eichelschokolade zeigt sich, dass der 1829 zwischen Preußen und den süddeutschen Staaten geschlossene Zollverbund und dann der 1834 gegründete Deutsche Zollverein zu neuen, überregionalen Märkten und zum Entstehen leistungsfähigerer Schokoladeproduzenten führten. Seit spätestens 1830 offerierte die Potsdamer Dampf-Chocoladen-Fabrik von J.F. Miethe ihr breites Sortiment von aromatisierten Schokoladen, Kakao und Sanitäts-Chocolade, darunter auch „Süße Eichel-Chocolade“, im Süden Deutschlands (Augsburger Tagblatt 1837, Nr. 366 v. 7. Dezember, 1377). Die politischen Auseinandersetzungen vor Gründung des Deutschen Zollvereins umging Johann Friedrich Miethe (1791-1832) kurz vor seinem Tode durch Gründung einer zweiten Fabrik in Nürnberg mit Heinrich Lorenz Birkner (1792-1864) als Kompagnon (Der Friedens und Kriegs Kurier 1832, Nr. 49 v. 18. Februar, 3-4). Die in den meisten Städten Bayerns und Württembergs präsenten Herren warben, “daß wegen ihrer äusserst sorgsamen, nach den beßten ärztlichen Vorschriften und gründlichen technischen Erfahrungen geschehenen zweckmäßigen Bereitungsart und Beschaffenheit“ ihre Angebote „nach genauer Prüfung den strengsten Anforderungen genügen werden“ (Die Bayer’sche Landbötin 1832, Nr. 103 v. 28. August, 838). In den Anzeigen wurde immer wieder hervorgehoben, dass die Gesundheitsschokoladen „nach den Wünschen der Herren Aerzte“ zusammengestellt seien (Intelligenzblatt der Königlich Bayerischen Stadt Nördlingen 1833, Nr. 24 v. 11. Juni, 4). Stolz verwiesen wurde auf die kraftvolle und stetig arbeitende „Dampf-Chocoladen-Maschine“, die allein es ermögliche, derartige Kunstprodukte herzustellen (Allgemeiner Anzeiger 1832, Nr. 5 v. 18. Februar, insb. Sp. 23). Dabei handelte es sich wohl um eine Fortentwicklung des 1826 von Philippe Suchard (1797-1884) eingeführten Mélangeurs, mit dem Zucker und Kakaopulver enger verschmolzen werden konnten (zum damaligen Stand der Technik s. Die Chokoladefabrikation nach den neuesten Verbesserungen, Nürnberg 1841). Hervorgehoben wurde außerdem die hygienische Verpackung aus „feinem englischen Zinn“, versehen mit der „Etikette der Fabrik“ (Augsburger Tagblatt 1836, Nr. 13 v. 13. Januar, 3). Markenartikel waren diese Produkte aber noch nicht, denn noch dominierten Gattungsbegriffe, also eine sachliche Produktbezeichnung Werbung und Vertrieb (Die Bayerische Landbötin 1840, Nr. 94 v. 6. August, 794). Doch Eichelschokolade wurde von derartigen überregional ausgerichteten Firmen schon in vorportionierten Tafeln angeboten, die dann lediglich mit Wasser aufzukochen und eventuell mit Milch und Zucker zu ergänzen waren. Deutlich wird hier der langsame Übergang von der salzigen, mit Wasser zubereiteten Trinkschokolade hin zum süßen Kakaogetränk.

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Schokolade zwischen Nahrung und Pharmakon. Produktpalette von Jordan & Timaeus 1863 (Leipziger Zeitung 1863, Nr. 136 v. 10. Juni, 2914)

Ein weiterer überregionaler Anbieter von „Chocoladen (nach ärztlicher Vorschrift bereitet)“ war die 1823 gegründete Dresdener Schokoladenfabrik Jordan & Timaeus. Neben Eicheln verarbeiteten die Sachsen auch Isländisches Moos, Gerste, Fleischextrakt, Reis, Mandelmilch, Arrowroot und anderes zu Kochschokolade, die dann im Haushalt lediglich aufgekocht und eventuell mit Milch und Zucker geschmacklich verbessert werden musste (Leipziger Zeitung 1861, Nr. 206 v. 30. August, 4552; ebd. 1863, Nr. 136 v. 10. Juni, 2914). Derartige Waren wurden auch abseits von Sachsen verkauft, so etwa in der Magdeburger Kolonialwarenhandlung von Louis Sintenis (Magdeburger Zeitung 1850, Nr. 25 v. 30. Januar, 8). Für brustschwache und geschwächte Personen empfahlen Jordan & Timaeus in Bayern „Brust-Osmazon-Chocolade mit feinstem Bouillon-Extrakt, Eichel-, Mandelmilch-, Gersten- und Reis-Chocoladen“ (Fürther Tagblatt 1858, Nr. 237 v. 3. Oktober, 6).

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Werbung für Eichelschokolade vor der Gewerbefreiheit (Der Bayerische Volksfreund 1843, Nr. 97 v. 18. Juni, 388)

Eichelschokolade war seit den 1830er Jahren gewiss „hie u. da käuflich“, so der Gießener Pharmakologe Philipp Phoebus (1804-1880) in seinem Handbuch der Arzneiverordnungslehre (Th. 2, Berlin 1836, 218). Sie war Teil des recht stetig steigenden Kakaoimports sowie der Produktion und des Konsums von „Schokolade“. Dabei handelte es sich aber nicht um simple Süßwaren, um Genussartikel zum Pläsier der Kinder und Damen. „Schokolade“ stand damals vielmehr zwischen Nahrungs- und Heilmittel. Eichel-Schokolade war ein Gesundheitsprodukt, verkauft in „Fabrikniederlagen“, in Drogeriewarenhandlungen und Apotheken – und erst seit der Jahrhundertmitte auch in Kolonialwarenhandlungen. Die Wachstumschancen wurden anfangs vor allem von kleineren, lokal ausgerichteten Firmen genutzt. Innovationen halfen die Grenzen der gebundenen Zunft- und Privilegienwirtschaft zu durchbrechen. Die Handelsliberalisierung innerhalb des deutschen Territoriums erlaubte die Etablierung größerer und überregional agierender Firmen. Eichel-Schokoladen wurden, wie schon seit längerem die Kaffeesurrogate, verpackt und gekennzeichnet verkauft. Im damaligen Warenabsatz war das eine Ausnahme, die die Entstehung früher Markenprodukte einfacher machen sollte.

Eichelschokolade war nie ein Massenprodukt. Doch nicht nur die fehlende Quantität begrenzte ihre Wirksamkeit als Heilmittel. Es handelte sich vielmehr um ein Produkt, welches die in es gesetzten Hoffnungen schlicht nicht erreichen konnte. Mochten einzelne Produkte auch Magen-Darm-Probleme eindämmen können, so gab es doch keine klaren Wirkmechanismen, keine präzisen Vorstellungen von den Wirksubstanzen, von ihrer physiologischen Funktion. Der Eichelschokoladenkonsum glich dem Schießen mit einer Schrotflinte. Irgendwie würde das Wild schon verenden. Doch begrenzten Wirkungen zum Trotz, verendeten seit den 1820er Jahren immer mehr Säuglinge. Mitte des Jahrhunderts starben in Preußen mehr als ein Fünftel der Neugeborenen im ersten Lebensjahr, in Bayern gar mehr als jedes dritte Kind. Die Ursachen lagen neben konstitutionellen Mängeln vor allem in Magen-Darm-Erkrankungen, hervorgerufen durch geringe Stillquoten, vergorene Milch, keimbelastete Nahrung, prekäre Wasserversorgung, Armut und eine fahrlässige Einstellung gegenüber dem Leben. Seit den 1860er Jahren wurde dem eine stetig wachsende Zahl von Kindernährmitteln entgegengestellt, viele, aber nicht alle davon waren hilfreich (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, Kap. 3.1). Eine wirksame Arznei hätte das Leben immens vieler retten können. Eichelkakao war ein solches Präparat – nicht aber Eichelkaffee und Eichelschokolade.

Doch bevor wir auf dem scheinbar linearen Weg vom Eichelkaffee mit Kakaozusatz über die Eichelschokolade hin zum Eichelkakao mir nichts, dir nichts weiterschreiten, ist noch zu klären, was sich hinter der Bezeichnung eigentlich verbarg. Der Pharmakologe Hermann Hager (1816-1897) beschrieb Eichelschokolade als „ein Gemisch aus gerösteten Eicheln, Cacao und Zucker“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 512), ähnlich dem 1885 neu auf den Markt gebrachten Eichelkakao. Diese Gleichsetzung erzürnte den eigentlichen Macher dieses Produktes, den Berliner Chemiker Hugo Michaelis (1852-1933): „Eichelschokolade war eine wenig rationell zusammengesetzte Mischung; sie enthielt die gesammte Cellulose der Eicheln, und war daher von vornherein als ein diätetische Präparat, welches event. Kindern mit geschwächten Verdauungsorganen gegeben werden sollte, im Prinzip verfehlt.“ Da die Heilwirkung, ähnlich wie beim Eichelkaffee, gering war, und die Faserstoffe den Magen-Darmtrakt belasteten, fand Eichelschokolade auch keine allgemeine Verwendung in der sich damals langsam institutionalisierenden Kinderheilkunde. „Es war eben widersinnig, Schokolade, welche als Emulsionsgetränk, d. h. in Substanz mit Wasser oder Milch zusammengekocht genossen wird, und geröstete Eicheln, deren wässriger Aufguss doch nur zum Trinken verwendbar ist, zu einem Präparat zusammenzumischen“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 568).

Eichelkakao war Ergebnis einer Abstraktionsleistung. Die Mystik um die Wirkung der Eichel wurde auf ihren Kern reduziert, nämlich die Wirkung ihrer Gerbsäure auf den Verdauungstrakt. Wenn man diese isolieren und mit einem die Obstipation ebenfalls anregenden und schmackhaften Trägerstoff kombinieren könnte, so bedürfte es lediglich noch technischer Hilfsstoffe um ein wirksames Eichelpräparat zu schaffen. Dies gelang einer kleinen Forschergruppe um die beiden erfahrenen Kliniker Oscar Liebreich (1839-1908) und Hermann Senator (1834-1911) sowie zweier jüngerer Forscher, Carl Hasenclever (1855-1934) und den schon genannten Hugo Michaelis. Liebreich regte das Präparat an, Senator erlaubte in seiner Berliner Klinik Tests an Patienten, Hasenclever führte diese durch und Michaelis kümmerte sich um die chemischen und technologischen Probleme bei der Überführung einer an sich simplen Idee in ein in großer Menge zu (re)produzierendes und wirksames Präparat. Es war Michaelis, seit 1878 Inhaber einer Berliner Handelsgesellschaft, der 1883 an die Kölner Schokoladenfirma Stollwerck herantrat, um den Eichelkakao zu produzieren. Stollwerck war mit der Herstellung von Brustbonbons groß geworden, besaß ein breites Angebot an Sanitäts- und Gesundheitsschokoladen, baute zudem das Angebot von Konsumschokolade und Zuckerwaren aus. Mit mehr als 500 Beschäftigten war sie ein Großbetrieb, auch wenn ein chemisches Laboratorium erst 1884 im Zusammenhang mit der Entwicklung des Eichelkakaos gegründet wurde ([Bruno] Kuske, Ausführliche Firmengeschichte mit Archiv-Ergänzungen von Direktor G. Laute 1941-1944, 192). Der Wirtschaftshistoriker Bruno Kuske (1876-1964) versuchte in seiner während des Nationalsozialismus entstandenen Firmengeschichte die Bedeutung der externen Experten klein zu halten. Schließlich hatte die Kölner Firma 1868, also sehr spät, die Produktion von mit Eichelkaffee vermischter Schokolade aufgenommen. Kuskes Aussage, dass „die pharmazeutischen Zusammenhänge der Eichel längst bekannt“ (Kuske, 65) waren, als Michaelis mit seinem Präparat auf den Plan trat, sind aber wohl eher dem Umstand geschuldet, dass der vom Sozialdemokraten zum nationalsozialistischen Propagandisten und Germanenforscher mutierte Schreiber die Verdienste der jüdischen Initiatoren für das weitere Wachstum des späteren Kölner NS-Musterbetriebes gering halten wollte. Es war dagegen Michaelis, der Stollwerck veranlasste, „mein Präparat genau nach den von mir publicirten Angaben im Grossen darzustellen“ und der dafür Sorge trug, „dass die Gleichmässigkeit des Präparates ein für alle Mal gesichert blieb“ (Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 328).

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Hilfe gegen den Massentod: Werbung für Dr. Michaelis’ Eichel-Cacao 1885 (Pharmaceutische Centralhalle 26, 1885, 5. S. n. 536)

Das neue Präparat, dass ab 1885 unter dem Markennamen „Dr. Michaelis’ Eichelkakao“ von Stollwerck vertrieben wurde, bestand „im Wesentlichen aus einem Cacaopulver von relativ geringem Fettgehalt, den wasserlöslichen Bestandtheilen gerösteter Eicheln, und einem geringen Zusatz von Zucker und geröstetem Mehl“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 26, 1885, 484). Der Eichelextrakt enthielt die für die Wirkung entscheidende Gerbsäure, der entölte Puderkakao wirkte leicht stopfend, sorgte für eine angenehme Textur und milderte, zusammen mit dem Staubzucker, den bitteren Geschmack des Präparates. Für die Konsistenz entscheidend war allerdings der Zusatz des dextrinierten Weizenmehles. Es war nicht nur leicht zu resorbieren, sondern diente der Stabilität der Emulsion. Das „Nähr- und Heilmittel bei der Behandlung chronischer Durchfälle, insbesondere bei Kindern“ wies knapp 2% Gerbstoff, 25% Zucker, über 23% Stärke, mehr als 14% Fett und lediglich 1,9% Cellulose auf (Pharmaceutische Rundschau 3, 1885, 281). Der beträchtliche technische Aufwand für die Produktion von Dr. Michaelis’ Eichelkakao zeigt sich deutlich an den erforderlichen Maschinen und Geräten. 1903 listete sie der damalige Laboratoriumsleiter Peter Welmans minutiös auf: „1. ein Eichelröster besonderer Konstruktion; 2. ein Mehlröster; 3. eine Eichelmühle; 4. eine Mehlsiebvorrichtung für geröstetes Mehl; 5. ein Eichelkochkessel von 1800 l Inhalt; 6. eine Filterpresse mit Dampfheizung und Luftdruckvorrichtung, 20 Kammern enthaltend; 7. ein Vakuum zum Eindampfen der Extraktbrühen, ca. 1000 l Inhalt; 8. eine Mischmaschine mit heizbaren Läufern; 9. eine Kakaosiebmaschine, um das fertige Produkt in staubfeinem Zustande zu erhalten“ (Pharmaceutische Zeitung 48, 1903, 278). So klang Spitzentechnologie anno 1885.

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Produkteinführung mit Kakao- und Eichenlaub (Breslauer Aerztliche Zeitschrift 7, 1885, 276)

Das Präparat wurde vor der Markteinführung von Februar bis Juni 1884 an 97 Kindern und fünf Erwachsenen in der Poliklinik des Berliner Augusta-Hospitals getestet. Die mit akuten Brechdurchfällen eingelieferten Patienten erhielten anfangs dreimal täglich Eichelkakao, nach Besserung wurde die Dosis dann verringert (C[arl] Hasenclever und  H[ugo] Michaelis, Ueber die Behandlung chronischer Durchfälle mit Eichelcacao, besonders im Kindesalter, Deutsche Medizinische Wochenschrift 11, 1885, 686-687). Sechs Erkrankte verstarben; lediglich aus Sicht der damaligen Zeit, immer noch überraschend viele aus heutiger Sicht, abgesichert durch hygienisch-pharmazeutische Puffersysteme.

Blickweitung ist daher erforderlich: Insgesamt starben im Deutschen Reich von 1877 bis 1882 120.650 Personen an Darmkatarrh und Brechdurchfall, die meisten davon Kleinkinder (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 1, 1886, 62-63). Dieser „Würgeengel der Kleinen“ wurde vielfach als Schicksal verstanden, als „Kindercholera“ den Infektionskrankheiten zugerechnet, als „Sommerdiarrhoe“ naturalisiert (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 1, 1886, 27). Die Kinder starben meist im Haushalt, noch nach der Jahrhundertwende wurde nicht einmal ein Drittel der im ersten Monat gestorbenen Säuglinge von einem Arzt behandelt (HdStw, 4. Aufl., Bd. 7, Jena 1926, 159). Die damalige Medizin hatte jedoch ohnehin keine präzise Erklärung derartiger intestinaler Krankheiten. Erbrechen bzw. dünner Stuhl waren augenscheinlich, nicht aber, ob es sich im Einzelfall um Reaktionen auf die Nahrung, Erkrankungen des Darms oder aber des Gesamtorganismus handelte. Die meist häusliche Therapie bestand im Stopp der Nahrungszufuhr, also einer Art Entgiftung, dann aber in primär diätetischen Maßnahmen, also dem Auffüttern mit einer speziellen Krankenkost. Eichelkakao stand zwischen beiden Schritten: Es unterband den Abfluss weiterer Nahrung, diente zugleich aber der Grundversorgung des Patienten. Diese Brückenfunktion hatte ihre Schwächen. Ohne eine umfassende Untersuchung, ohne angemessene Behandlung und ohne eine andere Ernährung konnten Brechdurchfälle rasch wieder auftreten, konnte vor allem die Ursache der Durchfälle nicht wirklich bestimmt werden. Eichelkakao erlaubte Zeitgewinn, war zugleich aber nur ein Teil des umfassenderen Therapie- und Heilungsprozesses. Die nur sehr langsam sinkende Kindersterblichkeit unterstreicht, dass die durchaus breit gefächerten Maßnahmen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht ausreichend waren. Bis kurz nach der Jahrhundertwende stieg die Mortalität aufgrund von Darmkatarrhen und Brechdurchfällen sogar noch an (Darmkrankheiten und Brechdurchfall als unmittelbare Ursachen der Säuglingssterblichkeit, in: Katalog der Ausstellung für Säuglingspflege, Berlin 1906, 99-104). Entsprechend schwierig ist es, die unmittelbaren Wirkungen des Eichelkakaos zu quantifizieren. Aus meiner Sicht dürfte das neue, rasch wirkende Präparat in den nächsten Dekaden wohl Zehntausenden das Überleben ermöglicht haben; doch mangels detaillierter Daten und einer klaren Ätiologie ist dies nur eine allgemeine Schätzung. In der klinischen und ärztlichen Praxis war Eichelkakao jedenfalls ein sofortiger Erfolg. Es verdrängte dort peu a peu bisher angewandte Hausmitteln, etwa Heidelbeeren oder aber gewöhnliche Schokolade. Die breite, nicht auf Fachzeitschriften beschränkte Werbung plädierte für eine präventive Anwendung auch im Haushalt, suggerierte also eine einfache Behandlung ohne Arzt. Angesichts fehlender Absatzdaten ist die Reichweite jedoch nur indirekt abzuschätzen, nicht aber präzise zu fassen.

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Werbung für ein Plagiat des Stollwerckschen Eichelkakaos 1887 (Berliner Tageblatt 1887, Nr. 464 v. 14. September, 7)

Ein wichtiges Argument für die Breitenwirkung des neuen Präparates ist die beträchtliche Resonanz bei den Wettbewerbern um den neu entstandenen Nischenmarkt. Die erfolgreiche Einführung des Eichelkakaos weckte natürlich Begehrlichkeiten. Dem bestehenden Patentschutz zum Trotz zeigten sich rasch die Probleme einer Wettbewerbsgesellschaft ohne Wettbewerbsordnung. Das 1874 erlassene Gesetz über Markenschutz stellte nur Bildmarken unter Schutz, nicht aber Wortmarken und die nähere Ausstattung eines Produktes. Unlauterer Wettbewerb stand ebenfalls noch nicht unter Strafe. Wer aber geglaubt hatte, dass die viel beschworene Kaufmannsehre unfaire Handlungen im Zaum halten würde, wurde auch im Falle des Eichelkakaos rasch enttäuscht. 1887 bot etwa die Berliner Kronen-Apotheke von Siegfried Radlauer (1850-1912) einen Eichelkakao an, nur echt mit dem Namenszug des Dr. Michaelis. Hugo Michaelis war darüber erstaunt, denn von ihm stammte dieses Produkt nicht. Des Rätsels Lösung war einfach. Der geschäftstüchtige Pharmazeut hatte Herrn Dr. Michaelis aus Waldenburg gewonnen, den von ihm hergestellten Eichelkakao mit seinem Namen zu zieren. Hugo Michaelis war entrüstet: „Die Absicht, die hier vorliegt, kann wohl kaum zweifelhaft sein; die Käufer, die Dr. Michaelis’ Eichelcacao verlangen, sollen durch diesen Namenszug in den Glauben versetzt werden, es handelte sich um das Stollwerck’sche Präparat. […] Kritik über eine solche Handlungsweise hier zu üben erscheint mir überflüssig; sie ergiebt sich für Jeden von selbst (Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 328). Radlauer ließ sich von derartig moralischer Kritik anfangs nicht beirren, doch ging er nach einigen Monaten zumindest dazu über, sein nicht näher analysiertes Präparat lediglich unter eigenem Namen zu vertreiben (Berliner Tageblatt 1887, Nr. 540 v. 25. Oktober, 8). Auch der durch den „Anker-Pain-Expeller“ (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2226, 7) und noch mehr durch seine Anker-Baukästen bekannt gewordene Friedrich Adolf Richter (1846-1910) aus dem thüringischen Rudolstadt koppelte den Namen seines rasch auf den Markt geworfenen Eichelkakaos wahrheitswidrig mit dem des Ideengebers Oscar Liebreich (Leipziger Tageblatt 1885, Nr. 358 v. 24. Dezember, 7233). Der verneinte in einem Protestschreiben jeglichen Kontakt mit dem Anbieter. Entsprechende Behauptungen seien irreführend, könnten das Renommee des Stollwerckschen Präparates unterminieren, würden minderwertiger Ware den Weg bahnen. Gerade bei einem Heilmittel müsse Verlass auf eine standardisierte Herstellung und hochwertige Rohwaren sein (Deutsche Medizinische Wochenschrift 11, 1885, 855).

Eichelkakao war schon kurz nach der Markteinführung des Stollwerkschen Präparates weit verbreitet, so das Ergebnis einer ersten umfassenden Untersuchung durch den Berner Pharmakologen Alexander Tschirch (1856-1939) aus dem Jahre 1887. Das Richtersche Präparat erschien ihm ungeeignet für den klinischen Einsatz, andere enthielten Kakaoschalen, Kartoffelstärke oder kaum dextriniertes Weizenmehl. Wichtiger als die so bewirkte Marktbereinigung war, dass damals ein Standard für Eichelkakao etabliert wurde, der sich eng an das Pionierprodukt von Hugo Michaelis anlehnte (Jahresbericht über die Fortschritte der Pharmakognosie, Pharmacie und Toxikologie 21, 1886, 381-382). Damit wurden Bewertungsmaßstäbe für die Arbeit der noch wenigen Nahrungsmitteluntersuchungsämter, insbesondere aber pharmazeutischer Institute geschaffen, mit deren Hilfe in den Folgejahren geringwertige Ware erfolgreich vom Markt verdrängt werden konnte (Technisches-Chemisches Jahrbuch 10, 1889, 413). Eichelkakao blieb eine Ware im Grenzgebiet zwischen Nahrungs- und Arzneimittel. Sie wurde vornehmlich von Apotheken und Drogerien verkauft, konnte jedoch auch im Kolonialwarenhandel erworben werden. Sie war im freien Verkehr erhältlich, ihr Verkauf war rechtlich nicht beschränkt (H[ugo] Böttger, Die reichsgesetzlichen Bestimmungen über den Verkehr mit Arzneimitteln, 3. verm. Aufl., Berlin 1895, 29). Auch wenn die hier genutzten Quellen eine klare medizinisch-pharmazeutische Schlagseite aufweisen, so war das Haupteinsatzgebiet von Eichelkakao doch das Haus.

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Wettbewerb der Eichelkakaomarken: Anzeige von Hartwig & Vogel 1887 (Der Bazar 33, 1887, 251)

Entsprechend begannen die führenden Schokoladenproduzenten nach 1885 rasch mit der Produktion eigener Eichelkakaoangebote. Die 1870 gegründete Dresdener Kakao- und Süßwarenfabrik Hartwig & Vogel, seinerzeit der zweitgrößte Schokoladenproduzent im Deutschen Reich, warb einprägsam mit einer Eichel für ihr neues Produkt. Mit dem Dresdener Pharmazeuten Otto Schweißinger (1856-1920), später Mitglied im Reichsgesundheitsrat, hatte man einen prominenten Wissenschaftler als werbeträchtigen Qualitätsgaranten für das neue Heilsprodukt gewonnen. In der Folgezeit wurde die Reklame zwar verändert, das Produkt aber weiterhin, und offenbar mit Erfolg, angeboten (Über Berg und Tal 16, 1893, 415; Führer durch die sächsisch-thüringische Export-Industrie, Dresden 1897, 288-289). Auch die Schokoladen- und Kakaofabrik Ferdinand Lobeck produzierte in Dresden-Löbtau Eichelkakao (Kursbuch für Sachsen, das übrige Mitteldeutschland, Böhmen, hg. v. Robert Fritzsche, s.l. 1896, IV). Erwähnenswert ist zudem der von der Züricher Firma Sprüngli entwickelte C.B. Bernhard’s entölter Eichel-Cacao, der auch als Exportgut erfolgreich war (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 5, 1890, 14).

Eichelkakao blieb dabei nicht auf die Schokoladenindustrie begrenzt. Auch die Kindernährmittelindustrie entdeckte das Präparat: Die seit 1848 bestehende Fabrik diätetischer Präparate Theodor Timpe aus Magdeburg hatte mit „Timpe’s Kraftgries“ schon in den frühen 1860er Jahren ein leicht stopfend wirkendes und gut resorbierbares Nährmittel auf den Markt gebracht. 1888 präsentierte der innovationsstarke Unternehmer einen Eichelkakao, der von Hermann Hager untersucht und mit Lob bedacht wurde: Guter Geschmack, hochwertige Rohware, keine Probleme bei der Verdauung und effektive Wirkung. “Es wäre ein Fortschritt in der Ernährung der kleinen Kinder und diesen zum Vortheil, wenn der Eichelcacao den arabischen Kaffee verdrängte“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 512). Derartige Verdrängungsphantasien waren natürlich gegenstandslos, doch der Magdeburger Tüftler bewarb sein Präparat offensiv mit Anzeigen und einer Broschüre (Die Ersatz-Mittel des Cacao. Eichel-Cacao als Nahrung bei Durchfall, schlaffer Function der Verdauungs-Organe etc., Magdeburg 1889). Als Kindernährmittel wurde es als reines, also milchfreies Produkt beworben. In der Kinderheilkunde führte dies dazu, die physiologischen Wirkungen der Säuglingsnahrung stärker in den Blick zu nehmen. Kufekes Kindermehl und dann Soxhlets Nährzucker wurden auch deshalb zu starken Marken ([Georg] Fendler, Kindermehle, in: Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 7, Berlin/Wien 1906, 440-446, hier 442).

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Anzeige für Timpes Eichelkakao 1897 (Wochenblatt für Zschopau und Umgegend 1897, Nr. 84 v. 21. Juli, 584)

Doch nicht allein Spezialanbieter bedienten das neue Marktsegment. Auch die zunehmend wichtiger werdende Zuliefererindustrie bot veränderte Einzelkomponenten für die Produktion und auch Komplettpräparate an. Die 1869 gegründete Chemische Fabrik Helfenberg, später mit dem Präparat Regulin einer der Marktführer im Felde der Abführmittel, erweiterte beispielsweise 1888 ihre breite Palette pharmazeutischer Angebote um einen Malzeichelextrakt. Den Chemikern war es zuvor gelungen, durch Zusatz von Malz das Stärkemehl der Eichel in Malzzucker umzuwandeln (Pharmaceutische Rundschau 6, 1888, 117). Dieses konnte dem Gerbsäureextrakt zugefügt werden, so dass die Zumengung von Zucker bei der Produktion von Eichelkakao begrenzt werden konnte. Derartige Zwischenprodukte erleichterten auch den Markteintritt zumal kleinerer Anbieter, bis hin zu lokalen Apotheken.

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Lokale Angebote von Eichel-Kakao, Hamburg 1892 (Hamburger Nachrichten 1892, Nr. 214 v. 8. September, 10)

Trotz der großen Zahl potenter Konkurrenten dürfte es dem Stollwerckschen „Dr. Michaelis’ Eichelcacao“ gelungen sein, seine Marktführerschaft zu behaupten und Pioniererträge zu erzielen. Den frühen chemischen Analysen diente er als Referenzprodukt, größere klinische Tests anderer Präparate hat es wohl nicht gegeben (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 27, 1886, 497; Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 117). Der Eichelkakao verdrängte Eichelkaffee vollständig aus der ärztlichen Praxis (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreich Sachen 62, 1897, 184). Auch in der häuslichen Gesundheitspflege dürfte letzterer kaum mehr verwandt worden sein, nicht zuletzt aufgrund der für den zarten kindlichen Organismus potenziell schädlichen Ballaststoffe (Der praktische Arzt 30, 1889, 71). Eichelkakao half deutschen Kolonialbeamten und Soldaten in den Tropen (B[otho] Scheube, Die Krankheiten der warmen Länder, Jena 1896, 352) und fand sich rasch als Standardgabe in den Lehrbüchern der Kinderheilkunde und der allgemeinen Medizin wieder (Ph[ilipp] Biedert, Die Kinderernährung im Säuglingsalter und die Pflege von Mutter und Kind, 3. ganz neu bearb. Aufl. Stuttgart 1897, 234; Franz Penzoldt, Handbuch der Speciellen Therapie der Erkrankungen der Verdauungsorgane, Jena 1896, 257; Carl Wegele, Die diätetische Küche für Magen- und Darmkranke, Jena 1900, 14). Um die Jahrhundertwende befand er sich unter den „altbekannten Hausmitteln“ (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreiche Sachen 1900, 181) und wurde in Tageszeitungen und Zeitschriften als wichtiges Hilfsmittel der Hausapotheke propagiert. Obwohl Heilmittel, war Eichelkakao nicht apothekenpflichtig, war vielmehr explizit aus den im Arzneimittelgesetz von 1901 aufgeführten Präparaten ausgeschlossen. Stollwerck produzierte ihn nicht mehr nur in Köln, sondern auch in Preßburg und in New York. „Michaelis’ acorn cocoa“ konnte sich auch international etablieren.

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Rationale Werbung für Eichelkakao 1900 (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 465 v. 13. September, 7)

All dies war auch auf die stete Werbung von Stollwerck zurückzuführen. Sie war sachlich gehalten, verwies auf die bestehenden gesundheitlichen Risiken, offerierte Eichelkakao als käuflichen Ausdruck der Sorge für Kinder und Kranke. Das schmucke Äußere – Eichelkakao wurde in einer Blechbüchse angeboten, das darin befindliche Pulver befand sich in einem schützenden Pergamentbeutel (Archiv für Hygiene 30, 1897, 137) – unterstützte die Attraktivität der Ware. Stollwerck bediente aber auch virtuos den kleineren Werbemarkt für Multiplikatoren, also Ärzte, Apotheker und Drogisten. Die Werbebroschüre „Dr. Michaelis’ Eichelkakao, seine Anwendung als Antidiarrhoikum, Tonikum und als tägliches Getränk“ wurde kostenlos an alle Interessierten versandt (Pharmaceutische Zeitung 48, 1903, 278). Probepackungen banden und gewannen Kunden. Stollwerck hielt zudem an der ursprünglichen Zusammensetzung des Präparates fest, präsentierte es daher glaubhaft als bewährtes Heilmittel. Dass hierbei immer wieder auf die umfassende Kontrolle verwiesen wurde, versteht sich bei dem wissenschaftsgläubigen Publikum der Jahrhundertwende fast von selbst.

Im Hintergrund aber veränderte sich der Heilmittelmarkt rasch. Die pharmazeutische Industrie wies seit dem späten 19. Jahrhundert hohe Wachstumsraten auf, und eine wachsende Zahl neuer Arzneimittel veränderte nicht nur Märkte, sondern auch den Alltag. Schmerzmittel, Hormonpräparate, Anregungs- und Beruhigungsmittel entstanden in großer Zahl. Ihr praktischer Wert wurde vielfach im Alltag ausgetestet, sei es bei gesundheitsgefährdenden Diäten, Überdosierungen oder der rasch abhängig machenden Nutzung von anfangs frei verkäuflichen Pharmazeutika wie Heroin, Morphium oder Veronal. Auch Eichelkakao wurde von diesen Entwicklungen berührt. Die aus Rohwaren extrahierten Wirkstoffe wurden zwar nicht durch synthetisierte Zumengungen ersetzt, doch in pharmazeutischen Fachzeitschriften tauschte man optimierte, also gewiss billigere und eventuell wirksamere Fabrikationsrezepte aus. Einzelkomponenten wurden substituiert, etwa Weizenmehl durch das preiswertere Arrowroot. Eichelkakao konnte demnach aber auch aus der Verarbeitung von Eichelkaffee mit Wasser, Spiritus, Zucker und entöltem Kaffee resultieren (Pharmazeutische Zeitung 48, 1903, 249). Süßes wurde Trumpf seitdem die Brüsseler Zuckerkonvention 1902 niedrige Preise sicherstellt hatte: „Jeder kann natürlich so viel Zucker dem fertigen Getränk zufügen, als er Lust hat“ (Pharmazeutische Zeitung 48, 1903, 212). Die bestehenden, rechtlich nicht verbindlichen Produktionsstandards erlaubten immerhin Variationen ([Albert] Stutzer, Eichelkakao, in: Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1905, 509; Technische Rundschau 13, 1907, 121). Wer sich über derartige Praktiken jedoch wundert, hat weder die moderne Lebensmittel-, noch die Arzneimittelproduktion verstanden. Sprache dient in Konsumgütermärkten nicht nur der eindeutigen Bezeichnung von Angeboten, sondern immer auch der Schaffung semantischer Illusionen. Sie wissen doch, dass Begriffe wie Natur, Gesundheit oder Qualität inhaltsleer sind. Oder etwa nicht?

Während das Produkt variabler gedacht wurde, führten die zahlreichen Fehlreichungen von Pharmazeutika aber auch zu Gegenbewegungen. Die Nebenwirkungen des Eichelkakaos gerieten genauer in den Blick, zumal, nachdem um die Jahrhundertwende die Kindersterblichkeit aufgrund besserer Daseinsfürsorge, reichhaltigerer Nahrung, erhöhter Stillraten, umfassender Milchkontrolle und auch des Eichelkakaos langsam zu sinken begann. Der führende Berliner Pädiater Otto Heubner (1843-1926) verwies darauf, dass eine Eichelkakaokur kalorisch als Unterernährung anzusehen sei, sie also ergänzende Beikost erfordere (Lehrbuch der Kinderheilkunde, Bd. I, 3. umgearb. Aufl., Leipzig 1911, 210). Kliniker thematisierten die gesundheitlichen Probleme der an sich erwünschten Verstopfung. Eichelkakao sei zwar weiterhin hilfreich, aber „nicht so harmlos wie man von gewissen Seiten glaubt“ (Berliner klinische Wochenschrift 43, 1906, 420).

Stollwerck reagierte darauf einerseits mit kontinuierlicher Werbung in führenden Tageszeitungen. Bereits 1905/06 hatte das Qualitätsprodukt Eichelkakao auch der werblichen Bekämpfung des raschen Aufstiegs der Wandsbecker Kakao-Kompagnie Theodor Reichardt zum deutschen Marktführer gedient. Entöltem „Volkskakao“ wurden qualitativ höherwertige und teurere Qualitätsprodukte entgegengestellt. Zwischen 1912 und 1914 waren Anzeigen für Dr. Michaelis’ Eichelkakao Dauergast in den Berliner Zeitungen. Parallel intensivierte man die seinerzeit übliche redaktionelle Werbung, die auch in medizinischen Fachzeitschriften breiten Raum einnahm (Wiener Medizinischen Wochenschrift 58, 1908, Sp. 1951).

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Vorbeugen mit Eichelkakao – Werbemotiv 1912 (Vorwärts 1912, Nr. 161 v. 13. Juli, 6)

Anderseits aber begann man mit der Entwicklung neuartiger Heilmittel – abermals in Kooperation mit Hugo Michaelis. Er war in der Zwischenzeit vielfach aktiv gewesen. In den späten 1890er Jahren gelang ihm beispielsweise die bei der Margarineproduktion lange Zeit übliche Milch durch ein billigeres Ersatzprodukt, nämlich Mandelmilch, zu ersetzen (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 40, 1899, 171). Dies reduzierte die Produktionskosten erheblich, rein rechnerisch um ca. 10 %. Stollwerck vermarktete unter seinem Namen eine Kindernahrung (Katalog der Ausstellung für Säuglingspflege, Berlin 1906, 283). 1906 gründete Michaelis gemeinsam mit dem Chemiker Isidor Traube (1860-1943) ein Unternehmen zur Verwertung eines von beiden entwickelten Kunstleders. Glaubt man Bruno Kuske, so hat Michaelis zudem schon vor dem Ersten Weltkrieg „Nurso“ entwickelt, ein Eichelkakaosubstitut aus Kakao, Milch- und Malzextrakt (Kuske, Firmengeschichte, 69). Hierfür, und auch für Dr. Michaelis Kindernahrung, habe ich jedoch keine weiteren Belege finden können.

Gut belegt ist demgegenüber das 1911 eingeführte „Chocolin“, ein abführendes Kakaopräparat, dessen Komposition an die des Eichelkakaos erinnert. Kakao wurde mit Manna vermengt, dem leicht abführenden süßen Saft der Mannaesche. Als eigentlichen Wirkstoff nutzte Michaelis aber das seit 1871 bekannte Phenolphtalein. Dieses bewirkte binnen zehn bis zwölf Stunden das Ende der Verstopfung und Stuhlgang ohne größere Schmerzen (Therapeutische Monatshefte 26, 1912, 194). Trotz der damals schon großen Zahl offensiv beworbener Abführmittel wurde das neue Präparat von Klinikern allgemein begrüßt. Erstens war die Zubereitung einfach, denn das Pulver konnte einfach in heiße Milch oder heißes Wasser eingerührt werden (Therapie der Gegenwart 52, 1911, 576). Zweitens schmeckte das Getränk der Hauptzielgruppe, also Kindern und Frauen. Drittens aber erlaubte es Konsum „in der diskreten Form einer Tasse Schokolade“ (Deutsche Medizinische Wochenschrift 37, 1911, 2428), ohne die strenge Aura der medizinischen Laxantien. Der Internist Carl Anton Ewald (1845-1915) begrüßte Stollwercks Chocolin, weil es „seine Eigenschaft als Medikament nicht an der Stirn trägt“ (Zentralblatt für die gesamte Therapie 30, 1912, 2). Die Regelung der Abfuhr ging also harmonisch mit der Hebung der Ernährung einher. Positiv hervorgehoben wurde auch, dass der regelmäßige Konsum nicht zu körperlicher Abhängigkeit führen würde (Wiener Medizinische Wochenschrift 62, 1912, Sp. 3398). Die potenziell kanzerogenen Wirkungen des Wirkstoffs Phenolphtalein kannte man damals noch nicht.

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Chocolin, ein Abführmittel von Dr. Michaelis (Therapeutische Monatshefte 31, 1917, H. 2, IX)

Chocolin deutete schon den Übergang des Eichelkakaos zum Medikament an. Der Erste Weltkrieg aber beschleunigte ihn. Mit etwa 0,8 Kilogramm Prokopfkonsum (errechnet aus den Importdaten) gehörte Deutschland 1913/14 zu den führenden Verbrauchern weltweit. Doch die alliierte Blockade unterbrach die Zufuhren. 1916 waren die Reserven aufgebraucht, 1917 gab es nur noch letzte Reste (Konsumgenossenschaftliche Praxis 12, 1923, 240). Während sich Hugo Michaelis darum bemühte, die Linde als Fettlieferant nutzbar zu machen (Berichte der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft 26, 1916, 185-192), wurde die Produktion von Chocolin und auch seines Eichelkakaos reduziert und 1917 eingestellt. Explizit hieß es: „Kakao und Präparate, auch Eichelkakao, sollten nur noch, wo als Heilmittel unbedingt erforderlich, und nur in kleinsten Mengen (100 g) verordnet werden“ (Deutsche Medizinische Wochenschrift 43, 1917, 209). Dies war um so einschneidender, da die Umstellung auf eine vornehmlich pflanzliche und weniger kompakte Nahrung massive Verdauungsprobleme hervorrief und auch Infektionskrankheiten häufiger Durchfälle hervorriefen. Morbiditäts- und Mortalitätsraten stiegen teils dramatisch an, die Rekonvaleszenzzeiten ebenso. Der Mediziner Alfred Lewandowski (1864-1931), ein guter Bekannter von Hugo Michaelis, fasste es pointiert: „Man darf ohne Uebertreibung sagen, dass von dem Krankenpublikum kaum ein Präparat so schmerzlich vermisst wurde wie Dr. Michaelis’ Eichelkakao“ (Berliner klinische Wochenschrift 55, 1918, 1003).

All das mündete in die Schaffung eines neuen Medikaments. Michaelis substituierte 1918 den fehlenden Kakao durch präparierte Kohlehydrate, fügte zudem synthetisches Vanillin als Aromastoff hinzu (Pharmaceutische Post 52, 1919, Nr. 37 v. 7. Mai, 289): Stopfend wirkender Ersatzeichelkakao aus rein deutscher Produktion. „Nurso“ war ein Medikament ohne größeren Nährwert, nicht bitter, aber auch nicht wirklich angenehm schmeckend. Doch das Medikament wirkte dank des aus Eicheln gewonnenen Gerbsäureextraktes. Die 1918 durchgeführten Versuche an Patienten ergaben „die gleichen günstigen Wirkungen auf den Verlauf der verschiedenartigen Darmerkrankungen, auf die Regelung der Darmtätigkeit, und damit auf die gesamte Vitalität und Arbeitsfähigkeit“ (Berliner klinische Wochenschrift 55, 1918, 1004). Nurso war ein in Wasser aufzukochendes Pulver, das durch Zucker- und Milchzusatz geschmacklich noch verbessert werden konnte. Es wurde mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts der Ernährungskrise von Stollwerck vertrieben, bald wieder ergänzt durch „Dr. Michaelis’ Eichelkakao“, dessen Produktion nach Import ausreichender Kakaomengen wieder aufgenommen wurde.

Trotzdem nahm die Zahl der Nennungen von Eichelkakao in den 1920er Jahren deutlich ab. Er wurde zunehmend von Medikamenten auf anderer Wirkstoffbasis abgelöst, seien es Wismut- oder Pektinpräparate, seien es Pepsin-Salzsäure- oder Tanninapplikationen, letztere nicht mehr aus Eicheln extrahiert (vgl. Deutsche Medizinische Wochenschrift 60, 1934, 434-437; ebd., 65, 1939, 97-99). Eichelkakao wurde aber weiterhin angeboten, verschrieben und verkauft. Die Beurteilungsgrundlagen der Nahrungsmitteluntersuchungsämter der Nachkriegsjahre hatten sich nur moderat verändert (J[oseph] König, Chemie der Nahrungs- und Genußmittel sowie der Gebrauchsgegenstände, Bd. 2, 5. umgearb. Aufl., Berlin 1920, 566-567; Lexikon der Ernährungskunde, Wien 1926, 194), knüpften an die Vorkriegszeit an. Die pharmazeutischen Fachzeitschriften machten jedoch deutlich, dass die Produktionstechnik der frühen 1880er Jahre nicht mehr zeitgemäß war. Demnach wurde dem „Eichelkakao“ nicht nur Gerbsäureextrakt hinzugefügt, sondern auch gepulverter Eichelkaffee, Eichelmalzextrakt und zunehmend Eichelkaffeeextrakt (Pharmazeutische Post 57, 1924, 371). Stollwerck hielt dennoch an seinem Präparat fest, ergänzte es 1932 gar um eine diätetische Variante mit Zusatz von Saccharin.

Man könnte diese kurzen Ausführungen schließen mit Hinweisen auf den Zweiten Weltkrieg, als die neuerlichen Versorgungsprobleme dazu führten, gegen Durchfälle der Kinder neuerlich Eichelkaffee zu empfehlen – so, wie ehedem die Eichelenthusiasten der Aufklärungszeit. Doch ein anderer Hinweis unterstreicht die Brüche und Paradoxien deutscher Geschichte vielleicht deutlicher. Hugo Michaelis, dessen Präparat Zehntausenden das Überleben ermöglicht hatte, starb am 8. November 1933 in Berlin. Gefunden habe ich darüber nur einen Zweizeiler im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt: „82jährig verstarb Dr. Hugo Michaelis, der sich große Verdienste um die Nahrungsmittelchemie, Bakteriologie und Hygiene erworben hat“ (12, 1933/34, 149). Die vielbeschworene Treue der Deutschen war demgegenüber bröselig wie wurmstichige Eicheln.

Uwe Spiekermann, 25. März 2019

PS Die wenigen Informationen zum Leben von Hugo Michaelis haben mich veranlasst, ergänzende Recherchen in Berlin durchzuführen. Dank der kompetenten Hilfe der Verwaltung des Jüdischen Friedhofs Weissensee konnte ich sein Grab ausfindig machen.

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Jüdischer Friedhof Weissensee, Feld U1, 3. Reihe

Es liegt in dem schmucklosen Urnenfeld U1 unter der Nummer 88441. Während nach der orthodoxen Interpretation der Halacha Feuerbestattung verboten war, wurden im liberalen Berliner Judentum Ausnahmen geduldet. Hugo Michaelis teilt die Grabfläche mit seiner sieben Jahre zuvor verstorbenen Gattin Harriet Michaelis (1862-1926).

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Die Grabplatte von Hugo Michaelis und seiner Gattin Harriet Michaelis

Uwe Spiekermann, 17. April 2019

PSS Die in deutscher Gemächlichkeit voranschreitende Digitalisierung von Tageszeitungen erlaubt eine weitere biographische Ergänzung: Schon zum 80. Geburtstag wurde er als Chemiker, aber auch als Komponist des populären Liedes „Das war der Graf von Rüdesheim“ gewürdigt (Bonner Zeitung 1932, Nr. 136 v. 14. Juni, 2). Ein Nekrolog des nach kurzer Krankheit verstorbenen Hugo Michaelis präsentierte ihn als „eine Begabung von erstaunlicher Vielseitigkeit. Im Hauptberuf Chemiker, gelang ihm während des Weltkrieges die Entdeckung von Ersatzlebensmitteln. So verwendete er die Lupine unter Ausscheidung ihres Giftstoffes als Nahrungsstoff. Auch der Eichelkakao verdankt seinen Forschungen die Existenz als Genußmittel. Diese Verdienste um die deutsche Volksernährung wurden bei Erneuerung seines Doktor-Diploms anläßlich seines goldenen Doktor-Jubiläums mit Anerkennung  hervorgehoben. In den Musestunden betätigte sich Michaelis als Komponist und als Sänger, der seine Ausbildung noch von Stockhausen erhielt und bis ins hohe Alter eine außerordentliche Stimmfrische bewahrte. Schließlich war er ein begabter Bildhauer, der zahlreiche lebensechte, formstark modellierte Plastiken schuf“ (Hugo Michaelis gestorben, Westfälische Neueste Nachrichten 1933, Nr. 263 v. 11. November, 3).

Uwe Spiekermann, 6. Juni 2022

Eichelkaffee – Schwaches Heilmittel und bitteres Kaffeesurrogat

Als Reichskanzler Leo von Caprivi (1831-1899) am 8. März 1893 vor den Reichstag trat, um die beantragten Flottenausgaben zu begründen, nutzte er die Kraft der Geschichte: „Wir brauchen Rohstoffe, um unsere Fabriken im Stand zu halten, wir brauchen Kolonialwaaren, wir sind verwöhnter als unsere Väter und Großväter, die zur Zeit der Kontinentalsperre mit Eichelkaffee sich begnügten“ (Verhandlungen des Reichstags, Bd. 129, 1499). Nein, mit Surrogaten wollte sich das neue Deutsche Reich damals nicht mehr begnügen, wollte nach echtem Bohnenkaffee aus den eigenen Kolonien streben und die Schmähungen der napoleonischen Zeit hinter sich lassen. Importe waren die Achillesfersen einer Industriegesellschaft, Selbstgenügsamkeit war in Zeiten der Globalisierung nicht mehr möglich. Und doch: Caprivis historischer Exkurs war mehr als fragwürdig. Auch im frühen 19. Jahrhundert wurde der verordnete Wirtschaftskampf gegen Großbritannien nicht klaglos hingenommen, dessen ökonomische Folgen unterminierten vielmehr die französische Dominanz in Europa. Und Eichelkaffee war damals eine seltene Ausnahme, anders als die Zichorie, die als Kaffeesurrogat großflächig angebaut und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiges Heißgetränk war.

Doch nicht allein der Reichskanzler irrte. Immer wieder finden sich im langen 19. Jahrhundert Verweise auf den Eichelkaffee als einheimisches Ersatzmittel für den kolonialen Kaffee, als preiswerten Bauernkaffee. Einen Höhepunkt erreichten derartige Narrative vor allem im Ersten, bedingt wieder im Zweiten Weltkrieg. Es dürfte auch dieses Erbe gewesen sein, dass dem Eichelkaffee selbst bei vielen fachkundigen Historikern und Volkskundlern wie Günter Wiegelmann (1928-2008), Hans-Jürgen Teuteberg (1929-2015) und Roman Sandgruber ein Platz als nicht unwichtigem Ersatzgetränk für den Bohnenkaffee im 18. und 19. Jahrhundert eingeräumt wurde.

Was also hatte es mit dem Eichelkaffee in dieser Zeit auf sich? Meine Argumentation im Folgenden ist einfach und hoffentlich gut nachvollziehbar. Aus meiner Sicht wurde der Eichelkaffee seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zwar vielfach als Kaffeesurrogat empfohlen, doch als solches hat er sich nicht durchsetzen können. Bedeutung gewann er seit den 1770er Jahren, als einige aufgeklärte Mediziner die Heilkraft der Eicheln näher erkundeten und den daraus bereiteten Trank als Universalheilmittel propagierten. Diese Erwartungen waren weit überzogen, teils falsch begründet. Der Eichelkaffee wurde in der ärztlichen Praxis gleichwohl verordnet, einerseits als stopfendes Mittel bei Magen-Darm-Erkrankungen, anderseits als stärkendes Getränk bei Auszehrung und Skrofulose. Das so bestehende Gesundheitsrenommee erweiterte die Akzeptanz für den recht bitter schmeckenden Eichelkaffee und etablierte ihn Mitte des 19. Jahrhunderts auch als Surrogat vornehmlich in Süddeutschland und Cisleithanien. Im späten 19. Jahrhundert kam dies an ein Ende: Als Heilmittel wurde der Eichelkaffee vom Eichelkakao abgelöst, als Kaffeesurrogat vom Malzkaffee. Im Ersten Weltkrieg kam es nochmals zu einer kurzfristigen mehr appellativen denn realen Verwendung als Kaffeeersatz, ebenso am Ende und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Eichelkaffee hat heutzutage nur noch wenige Freunde, teils aus der Kernbioszene, teils Enthusiasten einer vermeintlichen natürlichen Medizin. Seine Geschichte ist also verwoben und voller Missverständnisse. Wohlan, ich darf Sie bitten, mit mir dem Geschehen näher zu treten.

Im 18. Jahrhundert war die Eiche die häufigste Baumart in Mitteleuropa. Ihr Holz diente zum Bauen, ihre Früchte, die Eicheln, „zur Mastung der Schweine und des Rindviehes“ (Georg Adolph Suckow, Oekonomische Botanik, Mannheim/Lautern 1777, 31). Der aus dem Jemen stammende Kaffee war demgegenüber ein Neuankömmling. Er wurde schon im späten 17. Jahrhundert zuerst im asiatischen Kolonialreich der Niederlande, dann auch im britischen Machtbereich angebaut. Anfang des 18. Jahrhunderts etablierte sich schließlich eine Plantagenökonomie in der Karibik und an den Atlantikküsten Südamerikas. In Westeuropa war Kaffee schon Mitte des 17. Jahrhunderts Konsumgut, in die deutschen Lande gelangte er seit ca. 1680 (vgl. Günter Wiegelmann, Alltags- und Festspeisen, Marburg 1967, 165-171). Trotz seiner Verbreitung auch durch Kaffeehäuser blieb er bis ins zweite Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts selten und teuer, anschließend setzte er sich jedoch bis zur Jahrhundertmitte als prestigeträchtiges Getränk des höheren Bürgertums durch. Soziale und auch wirtschaftliche Konflikte waren die Folge, denn einerseits wurde durch die Importe den merkantilistisch geführten Staaten und Städten Kapital entzogen, anderseits konnte sich die Mehrzahl der Bevölkerung das Modegetränk eigentlich nicht leisten. Anders als in den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien konnte man in deutschen Landen nicht auf Produkte aus eigenen Kolonien zurückgreifen. Die Konsequenz war einerseits zwischen etwa 1760 und 1780 eine staatliche Einschränkung des Kaffeekonsums, teils durch Verbote, teils durch Verteuerungen mittels Zöllen und Steuern. Anderseits begünstigte dies die Entstehung einer heimischen Kaffeesurrogatproduktion. Davon profitierte vor allem der Zichorienkaffee mit Schwerpunkten in Braunschweig und der Magdeburger Börde (Sabine Ulrich, Industriearchitektur in Magdeburg, Magdeburg 2003, 241-262).

Es wäre allerdings verfehlt, Kaffee- und Surrogatkonsum als strikte Gegensätze zu begreifen. Im Gegenteil wurde die Verbreitung des Kaffees durch die breite Nutzung und Verfügbarkeit von Surrogaten wesentlich befördert. Billige Ersatzmittel etablierten das „Kaffee“-Trinken auch bei denen, die sich Kolonialware schlicht nicht leisten konnten. Ihnen allen war gemeinsam, dass sie kein Koffein enthielten, zugleich aber farblich und ansatzweise geschmacklich an das Vorbild erinnerten. Sie wurden von akademischen Eliten propagiert, von Priestern und Professoren, Beamten und Medizinern. Kaffee sei gefährlich, Surrogate dagegen zu empfehlen. Der Forstwissenschaftler Johann Friedrich Stahl (1718-1790) weitete 1766 dabei den Rohwarenkanon für „teutschen“ Kaffee über die gängige Gerste, über Walnüsse und Zichorien aus: „Man wählet sich gesunde vollkommene und schwere Eicheln, die weder eingerunzelt noch wurmstichig sind; schälet die Rinde vom Kern ab, und nach dieser auch die erste braune Haut, die den weissen Kern bedeckt. Wenn diß geschehen, spaltet man die weissen Eicheln entzwey: macht ordentlich Würfel daraus in der Grösse der Caffeebohnen: dörret sie auf dem Ofen auf einem Papier, bis sie recht hart werden; wobey man sich nur zu hüten hat, daß man sie nicht auf einer Seite allzulange liegen lässet, bis sie anbrennen, daher man sie zuweilen rühren muß. Sind sie so hart, wie andere Bohnen, so werden sie auf die nemliche Art, wie der recht Caffee geröstet, in der Caffeemühlen gemahlen, und kurz, wie der andere Caffee gesotten und zubereitet“ (Allgemeines oeconomisches Forst-Magazin 9, 1766, 116-117). Derart zubereiteter Eichelkaffee sei schmackhaft und aufgrund seiner adstringierenden, also zusammenziehenden Wirkung auch gesund. Wem er dennoch zu bitter sei, der könne ihn mit Kaffee vermengen – und würde dergestalt einiges Geld sparen. „Den wohlschmeckenden Eicheln-Caffee“ (Allgemeines oeconomisches Forst-Magazin 11, 1768, 316) rühmten natürlich auch andere in diesen Zeiten der Bohnenkaffeerestriktionen: „Aber auch Eicheln Caffee zuzubereiten, dürfte, ob es schon wirklich nichts ganz neues ist, gleichwohl noch nicht überall bekannt, oder versucht worden seyn“ (Vorschlag, wohlfeilen, und doch gesunden Caffee zu trinken, Der Bienenstock 2, 1769, 360-364, hier 361). Dieser kleine Einschub macht deutlich, dass die Empfehlungen offenbar wenig Widerhall fanden. Es handelt sich um Appelle, nicht um Berichte über realen Konsum. Das gilt für die meisten Hinweise auf Eichelkaffee. Entsprechend fehlt er in vielen zeitgenössischen Übersichten, wird im Falle eines Falles gar abgelehnt: „Die Eicheln welche sonst der Schweine Speise, lassen wir ihren Liebhabern, wie auch das geröstete Strohe“ (Benützte Reise durch Deutsch- und Waelschland, Augsburg 1782, 324-325). Auch der Botaniker Carl Wilhelm Juch (1774-1821) erörterte ausführlich die Vor- und Nachteile von Zichorien, Erdmandeln, Haferwurzeln und Runkelrüben, während ihm der Eichelkaffee nicht empfehlenswert schien (Europens vorzüglichere Bedürfnisse des Auslandes und deren Surrogate, H. 1: Caffee und dessen Surrogate, Nürnberg 1800, 97). Dennoch gewann er seit Mitte der 1770er Jahre an Bedeutung – allerdings nicht als Alltagsgetränk, sondern als Heilmittel.

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Referenzwerk der Eichelenpropagandisten

1774 legte der Marburger Mediziner und Alchimist Friedrich Joseph Wilhelm Schröder (1733-1778) die Ergebnisse spekulativer Ideen über die Eichenfrucht vor, die er an mehreren Patienten auch praktisch angewandt hatte. Eicheln galten ihm als Mittel, „wodurch die verstopften Drüsen im thierischen Körper wieder geöffnet werden“ (Von den Wirkungen der Eicheln, Verstopfungen der Drüsen im menschlichen Körper aufzulösen, Göttingen/Gotha 1774, 3). Sie bewirkten „zähen stinkenden Schweiß“ (Ebd., 21), dadurch die Reinigung des Körpers und eine neue Balance der Körpersäfte. Schröders kleine Broschüre ist ein gutes Beispiel für die damalige Humoralpathologie, voller spekulativer Elemente, ohne fundierte Kenntnis der Zusammensetzung der Eicheln. Der Medikus empfahl gleichwohl einen „medicinischen Caffee“ aus Eicheln, der bereits im Siebenjährigen Krieg als Notkaffee genutzt worden und dessen Konsum „gar bald wieder von selbst unterblieben“ (Ebd., 27) sei. Schröder testete den Trank an sich selbst, dann an einem Kinde, an einem Krätzigen und einem Verzehrten. Letzterer, „der ein Skelet mehr als ein menschlich Geschöpf zu seyn schien, fand in diesem Mittel bald seine völlige Nahrung und eine solche Befriedung, daß er am Ende die Eicheln den kräftigen Suppen selbst vorzog und sich einbildete, die Eicheln müßten wol recht zur Nahrung für den Menschen geschaffen seyn, weil er so augenscheinliche Wirkung davon an der Zunahme seines Körpers und seiner Kräfte wahrnahm“ (Ebd., 31). Das Resümee seines Pröbelns lautete hoffnungsfroh: „Ich glaube, daß man aus diesen Erfahrungen hinlänglich überzeugt seyn können, daß die Eichel das wirksamste, bewährteste und beynahe einzige Mittel sey in den Verstopfungen der Drüsen und selbst der Eingeweide“ (Ebd., 33-34).

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Hauptwerk des Eichelpropagandisten Marx

Schröders Spekulation wurde sofort aufgegriffen und in die medizinische Praxis überführt. Dabei tat sich vor allem der Hannoveraner Mediziner Jacob Marx (1743-1789) hervor. Er verordnete Eichelkaffee extensiv, bündelte die so gemachten Erfahrungen rasch in einer Broschüre, in der er Eicheln als „eine gesunde, stärkende und kraftmachende Nahrung“ (Bestätigte Kräfte der Eicheln, Hannover 1776, 5) pries. Weitere Fallstudien folgten, begleitet von präzisen Instruktionen für die häusliche Zubereitung eines wirksamen Eichelkaffees ([Jacob] Marx, Zwey Fälle von der Abzehrung, welche durch die Eicheln glücklich curiret worden, Magazin vor Aerzte 1, 1778, 133-142, hier 141). Damit begann die medizinische Nobilitierung der „gering geachteten Früchte der Eichenbäume“ (Ebd., 133), damit begann zugleich die wissenschaftliche Debatte. Der Kameralist Johann Friedrich von Pfeiffer (1717-1787) unterstützte die frühen Eichelpropagandisten durch Beobachtungen, nach denen in den Grafschaft Mark ein Krebskranker von Eichelkaffee geheilt worden sei (Vermischte Verbeßrungsvorschläge und freie Gedanken, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1778, 7). In den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen, in denen schon 1769 bezweifelt worden war, dass die Eicheln des Nordens überhaupt Nährwert besaßen (Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen 1769, Bd.1, 400), regte sich dagegen Kritik: Wie könne es sein, dass „die Eicheln, die in der größten Menge im thierischen Körper nichts thun, als nähren, wie können die wol in so geringer Menge so unglaubliche Wirkung haben?“ (Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen 1778, Bd. 1, 605). Diese stammte von dem Berliner Arzt und Naturphilosophen Marcus Herz (1747-1803), der außerdem darauf hinwies, dass Eicheln schon zuvor von anderen als Heilmittel empfohlen worden seien, etwa dem Pharmazeuten und gescheiterten Kirchenreformer Arnald von Villanova (ca. 1235-1311). Doch lassen wir die wissenschaftliche Beckmesserei, zumal zahlreiche Digitalisate es heute einfach machen, weitere Belege anzuführen. Denn noch dominierte die Begeisterung für das „neue“ Heilmittel Eichelkaffee.

Mit dem Hofarzt und Assoziationspsychologen Melchior Adam Weikard (1742-1803) fand es nämlich einen weiteren prominenten Fürsprecher. Er hatte nach der Lektüre von Schröders Schrift gleich ausprobiert, ob der ihm aus der Therapie der Ruhr bekannte Eichelkaffee seinen Patienten helfen würde. Doch die Effekte blieben unmerklich. Dann aber erfolgte der Selbstversuch und Skepsis verflog: „Kurz, er ist nun mein Mittel gegen Säure, Blähung, Schwäche des Magens, Empfindlichkeit der Nerven, vielleicht auch gegen Schärfe, die auf den Nerven liegt, gegen Schwindel, Bangigkeit, u.s.f.“ (Vermischte medicinische Schriften, Stück 2, Frankfurt a.M. 1779, 160). Daher galt es diesen allgemein zu nutzen, Vorurteile zu beseitigen. Und er lockte luzid: „Bey einigen älteren und jüngeren Männern, besonders auch bey zwei Phelgmatischen, habe ich die Bemerkung gemacht, daß der Eichelkaffee mehr Stärke und Regung zum Venuswerke gab“ (Ebd., 169). Den Höhepunkt medizinischer Eicheleuphorie bildete aber gewiss die von Marx 1784 veröffentliche Geschichte der Eicheln. Abermals reihte er Fallstudie an Fallstudie, abermals empfahl er Eichelkaffee als eine Art Universalheilmittel. Eine eher skeptische Rezension bündelte die Aussagen: „Am wirksamsten hat er das Mittel bey Kachexieen und daher entstandenen wässerichten Geschwülsten, bey Verstopfungen der Drüsen, Knoten und Verhärtungen in den Lungen, daher entstehenden schleichenden Fiebern, bey Krämpfen der mit Mutterbeschwerungen und der Hypochondrie behafteten Personen, bey gehemmten oder fehlerhaften Abgang der Monatszeit, der Engbrüstigkeit und dem Krampfhusten, bey Wechselfiebern, und in allen Fällen gefunden, wo die Verdauung geschwächt und Säure in den ersten Wegen vorhanden war. Selbst den hartnäckigen Nachtripper und den weißen Fluß haben die Eicheln glücklich gehoben“ (Allgemeine Literatur-Zeitung 4, 1785, 347). Die Quintessenz war offenkundig: Trinkt Eichelkaffee und ihr werdet gesund. Derartiger Euphorie folgte die wissenschaftliche Kanonisierung: „Dieser Eichelkaffee stärket, nähret und eröffnet“ hieß es vom österreichischen Kinderarzt Heinrich Johann Nepomuk Crantz (1722-1799) (Medizinische und Chirurgische Arzneymittellehre, Bd. I, Th. I, Wien 1785, 204). Auch der frühe Neurophysiologe Johann August Unzer (1727-1799) plädierte für seinen Einsatz in der medizinischen Praxis (Medicinisches Handbuch, neue verb. Aufl., Agram 1787, 225).

Doch mit etwas Abstand wurde die Kritik am Eichelkaffee lauter. Knapp zwanzig Jahre nach Schröders Broschüre hieß es, „daß man ihn gebraucht und wieder vergessen zu haben schien,“ dass vor allem aber die ihm zugeschriebenen Effekte nicht vorhanden seien (Kaiserlich privilegierter Reichs-Anzeiger 1793, Nr. 9 v. 10. Juli, Sp. 71-72). Ein Universalheilmittel? Keinesfalls! Dass Eichelkaffee „gegen Abzehrung, Lungensucht, Mutterbeschwerde, und der Himmel weiß, für welche Krankheiten noch, nach prahlerischem Vorgeben gewinnsüchtiger Aerzte“ anzuwenden sei, sei irrig (Churfürstlich gnädigst privilegirte oberpfälzisch-staatistisches Wochenblat 1799, Nr. 14 v. 4. April, 106-107). Eichelkaffee wurde verordnet, doch die erhoffte Wirkung blieb aus (Neues Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst 2, 1800, 105-106). Seit der Jahrhundertwende finden sich dann auch eindringliche Warnungen, da die Eicheln eine zusammenziehende und verhärtende, nicht aber eine öffnende Kraft besäßen und Verstopfung höchst nachteilige Wirkungen, bis hin zum Tode, mit sich bringen könne: „Ich will daher einem jeden wohlmeinend rathen, diesen Kaffee als ein schleichendes Gift zu meiden (Georgi, Warnung vor dem Eichel-Kaffee, Nachrichten von und für Hamburg 1808, Nr. 62 v. 3. August, 2). Die Folgen einseitigen Eichelbrotkonsums waren ihm wohl noch geläufig (Spiekermann, Eichelbrot). Einigung erzielte man auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner: Eichelkaffee ja, doch „alles auf Anordnung eines Arztes, da jedes Individuum besonders beurtheilt und behandelt werden muß“ (Fr[iedrich] Otto Conradi, Etwas über Verfütterung und Diät der Kinder, Neues Hannöverisches Magazin, 1804, Sp. 385-398, hier 390).

Vor diesem Hintergrund dürfte nachvollziehbar sein, dass sich der Eichelkaffee um 1800 als Alltagssurrogat für Kaffee wohl kaum etabliert hatte. Der schon erwähnte Carl Wilhelm Juch unkte: „Die Eicheln vollends als gewöhnliches Surrogat des Caffees vorzuschlagen, als Ersatzmittel einer zur Gewohnheit gewordenen Leckerey anzuwenden, war unstreitig ein Meistergedanke eines satyrischen Kopfs“ (a.a.O., 97-98). Das Scheitern des Eichelkaffees in der Alltagspraxis war kurz vor Beginn der Kontinentalsperre Handbuchwissen (J[ustus] L[udwig] G[ünther] Leopold, Handwörterbuch des Gemeinnützigsten und Neuesten aus der Oekonomie und Haushaltungskunde, 2. Ausg., Hannover 1805, 180). Das unterstrichen auch Fachleute des späten 19. Jahrhunderts, etwa der Pharmakologe Hermann Hager (1816-1897) (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 511). Gleichwohl ist mangels verlässlicher Konsum- oder Produktionsdaten der Umfang der Verwendung des Eichelkaffees letztlich nicht präzise zu klären. Die zahlreichen Hofkanzleidekrete Österreichs erwähnten ihn ab 1771, untersagten seinen Verkauf ohne offizielle Befugnis (Handbuch der Gesetzkunde im Sanitäts- und Medicinal-Gebiethe, Bd. 1, Wien 1830, 191). Und das Dekret vom 20. Oktober 1810 dehnte die Kennzeichnungs- und Verpackungspflicht für den Zichorienkaffee auch auf Erdmandel- und Eichelkaffee aus (Adolf Schauenstein, Handbuch der öffentlichen Gesundheitspflege in Österreich, Wien 1863, 201). Doch dabei handelte es sich um Eichelkaffee als Heilmittel, nicht als Kaffeesurrogat. Ersteres trotzte der Kritik und etablierte sich als ein gängiges Präparat für Kinder, Magen-Darm-Kranke und Ältere.

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Die gemeine Eiche im Blick der Botanik (Friedrich Guimpel, Carl Ludwig Willdenow und Friedrich Gottlob Hayne, Abbildung der deutschen Holzarten, Bd. 2, Berlin 1820, Tafel 139)

Um dieses verstehen zu können, ist es wichtig, sich durch den gleichmachenden Begriff der Medizin nicht täuschen zu lassen. Aller Erfahrungskunst zum Trotz standen die Ärzte im ersten Drittel näher an ihren antiken Vorbildern als an der wissenschaftlichen Medizin des frühen 20. Jahrhunderts. Die organische Chemie entwickelte sich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts und mit ihr präzisere Vorstellungen eines Stoffwechsels innerhalb des menschlichen Körpers. Die Auswirkungen der stetig steigenden Zahl anorganischer und organischer Stoffe wurden erst dann in reproduzierbaren experimentellen Designs überprüft. Die langsame Abkehr von der Naturphilosophie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlaubte die Etablierung materiellen und kausalen Denkens. Dadurch konnten auch die vielfältigen Mittel der ärztlichen Praxis neu befragt werden. Hielten sie diesem Test stand, so bestand mit dem Wachstum der pharmazeutischen Industrie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Chance, Wirkstoffe zu isolieren, sie zu synthetisieren oder anders zu gewinnen, sie dadurch zugleich wirksamer und preiswerter zu machen. Das erfolgte in größerem Maße allerdings erst im 20. Jahrhundert.

Die Verheißungen der Eichelenthusiasten wurden von der berechtigten Kritik der Zeitgenossen daher nicht einfach entkräftet. Sie wurden vielmehr von Handbuch zu Handbuch fort-, ja, abgeschrieben. Entsprechend finden sich Lobreden auf den Eichelkaffee nicht nur in Fachbüchern, wie etwa Konrad Anton Zwierleins (1755-1825) „Der deutsche Eichbaum und seine Heilkraft“. Darin bündelte der Mediziner und spätere Badearzt nicht nur die zuvor diskutierten Heilwirkungen des Eichelkaffees, sondern empfahl ihn als das „beste Surrogat des orientalischen Kaffees“ (Leipzig 1824, 116). Aber auch akademische Überblickswerke enthielten lange Listen von Heilwirkungen, etwa der Versuch einer Literatur und Geschichte der Nahrungsmittelkunde (Abt. 2, Stendal 1811, 649-652) des Mediziners und Seebadvorreiters Samuel Gottlieb Vogel (1750-1837) oder aber die weit verbreiteten Pharmakologische Tabellen (Bd. 1, Leipzig 1819, 99) des Leipziger Arztes Gotthilf Wilhelm Schwarze (1787-1855). Diese Experten handelten wohl nach bestem Wissen, doch dieses war häufig additiv und unkritisch. Außerdem war Gelehrsamkeit meist mit der Belehrung von Laien verbunden, das – neudeutsch gesprochen – Nudging der nicht akademischen Klassen war jedenfalls unübersehbar. Doch glaubte wirklich irgendjemand, dass „der feinste Leckergaumen“ eine Mischung von zwei Drittel Eichel- und einem Drittelbohnenkaffee nur schwer von reinem Kaffee unterscheiden konnte (Der Aufmerksame 1813, Nr. 45 v. 5. Juni, 3)? Es wäre leicht, weitere Beispiele zu ergänzen. Festzuhalten ist jedenfalls, dass die Verheißungen der Eichelenthusiasten bis in die Jahrhundertmitte präsent blieben und sie erst dann auf die medizinische Hauptwirkung der Gerbsäure begrenzt wurden, nämlich ihre stopfende Wirkung, die bei Brechdurchfällen und Magen-Darmkrankheiten hilfreich sein konnte.

Festzuhalten ist aber auch, dass ab den 1810er Jahren die Belegstellen für einen regulären Absatz von Eichelkaffee zunehmen. Wenzel Storch, wohl kein Vorfahre des bekannten Trashfilmers gleichen Namens, verkaufte seit spätestens 1812 Eichelkaffee in Wien in Pfund-, Halb- und Viertelpfundpaketen (Wiener Zeitung 1812, Ausg. v. 4. Januar, 12). Es handelte sich laut Werbung um „ein stärkendes nahrhaftes, und Verdauung beförderndes Getränk“ (Wiener Zeitung 1813, Nr. 13 v. 30. Januar, 7). Der Paketinhalt wurde im Haushalt mit Wasser wohl eine Viertelstunde gekocht und anschließend gefiltert. Lauwarm, teils kühl, ergänzt um Zucker und Milch sollte er dann „gegen Schwäche der Verdauung, Atrophie, Scrofeln, Rhachitis“ helfen (Justus Radius, Auserlesene Heilformen, 2. umgearb. Aufl., Leipzig 1840, 606 [Bericht von 1813, US]). Ein Zusatz von Bohnenkaffee konnte den Geschmack natürlich verbessern, minderte aber nicht die vermeintliche medizinische Wirkung. Eichelkaffee wurde zunehmend von Kaffeesurrogatfabrikanten hergestellt, meist kleinen Anbietern für einen lokalen Markt (Wiener Zeitung 1829, Nr. 129 v. 6. Juni, 916). Doch er blieb auch Apothekerware. Die meisten mir vorliegenden Anzeigen finden sich dabei im österreichischen und bayerischen Bereich – aber es ist nicht klar, ob dies aus der Fokussierung auf die digitalisierten Bestände etwa der Österreichischen Nationalbibliothek, der Bayerischen Staatsbibliothek, von Internet Archive oder Google Books resultiert oder ob in den digitalisierungsfaulen Regionen Deutschlands ehedem wirklich kaum Eichelkaffee konsumiert wurde.

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Werbung für Eichelkaffee 1833 (Augsburger Tagblatt 1833, Nr. 32 v. 31. Januar, 124)

Sicher ist aber, dass seit den späten 1820er Jahren ein wichtiger Konkurrent für den Eichelkaffee aufkam, nämlich die Eichelschokolade – ein weiterer Beitrag hierzu wird folgen. Dabei handelte es sich um eine Vermengung von gerösteten Eicheln, Kakao und Zucker, die gewiss wohlschmeckender war als der bittere Eichelkaffee. Das neue Getränk zielte auf Kinder und Magen-Darm-Kranke, galt im bürgerlichen Bereich als Heilmittel und Ausdruck elterlicher Sorge. Es wurde seinerseits nach 1885 von dem technisch versierteren Eichelkakao abgelöst, einem feinen und wohlschmeckenden Präparat, das Brechdurchfälle stoppen konnte und zudem half, die geschwächten Patienten wieder langsam aufzufüttern. Der Eichelkaffee verlor damit eine wichtige kaufkräftige Klientel, auch wenn er von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts eine gängige Handelsware gegen Magenprobleme blieb.

Die gewerbliche Herstellung des Eichelkaffees erlaubte eine gewisse qualitative Verbesserung und an einzelne Anbieter gekoppelte Produktqualität. Nach wie vor dürfte der Großteil häuslich zubereitet worden sein, abhängig vom Eichelanfall der einzelnen Jahre: „Am wohlfeilsten aber kommt der Caffe einer Familie zu stehen, wenn sie ihn selbst pflanzt, oder selbst sammelt und zurüstet“ (J[ohann] B[aptist] C[arl] Kottmann, Versuch über Caffeesurrogate, Solothurnisches Wochenblatt 1823, 421-432, hier 423). Die Mehrzahl der in Tageszeitungen und Journalen publizierten Rezepte zielte jedenfalls auf eine optimale häusliche Praxis. Sie wurden im Regelfall erst in Fachzeitschriften publiziert (etwa Dierbach, Bemerkungen über die officinellen Früchte der Eichen, Annalen der Pharmacie 12, 1834, 85-88, hier 87; Krauss, Ueber den Eichelkaffee, Annalen der Chemie 19, 1836, 346-347; Gesundheits-Zeitung 4, 1840, 67-68) und dann dem breiteren Publikum unterbreitet (Der Humorist 1837, Nr. 42 v. 8. April, 60; Goldgrube, 1850, 33; Illustrirte Zeitung 16, 1851, 100). Diese Rezepte waren langlebig, wurden immer mal wieder publiziert und erlebten während des Ersten Weltkrieges eine neuerliche Renaissance (etwa Berliner Volks-Zeitung 1915, Nr. 523 v. 13. Oktober, 10).

Der häuslich zubereitete Eichelkaffee hielt sich im ländlichen und kleinstädtischen Raume, denn hier war er Teil der Hausmittel. Er wurde vor allem den Kindern gegeben, um Verdauungsproblemen vorzubeugen und diese zu bekämpfen (Deutscher Volks-Kalender 1847, Berlin s.a. [1846], 143; Ernst von Bibra, Die Narkotischen Genußmittel und der Mensch, Nürnberg 1855, 31). Ältere tranken in präventiv, als gesundes Alltagsgetränk. Die ländliche Bevölkerung nahm damit den Wandel in der medizinischen Beurteilung vorweg. Seit den 1840er Jahren wurde das Einsatzspektrum des Eichelkaffee resp. die wirkende Substanz der Eicheln immer stärker eingegrenzt, einerseits auf Verdauungskrankheiten, anderseits auf die allgemeine Stärkung (Ferdin[and] Ludw[ig] Strumpf, Systematisches Handbuch der Arzneimittellehre, Bd. 1, Berlin 1848, 245; Encyclopädie der gesammten Medizin, 2. Ausgabe, Bd. 2, Leipzig 1848, 195-197; L[udwig] W[ilhelm] Mauthner von Mautstein, Kinder-Diätetik, 2. Aufl., Wien 1853, 109; Friedrich Oesterlen, Handbuch der Heilmittellehre, 6. neu umgearb. Aufl., Tübingen 1856, 378). Im städtischen Raum aber verlor Eichelkaffee spätestens seit den 1850er Jahren seine ohnehin nur marginale Position. Der 1865 erfolgte und vielfach kommentierte Konkurs der Wiener Surrogatkaffee-Fabrik von Anton Gemperle markierte dabei ein gewisses Ende, hatte sie doch stark auf Eichelkaffee gesetzt (Gerichtshalle 9, 1865, 206). Der Nürnberger Naturforscher Ernst von Bibra (1806-1878) vermerkte jedenfalls schon 1858, dass Eichelkaffee „nur wenig gebraucht“ würde und wenn, dann vorzugsweise auf ärztlichen Rat (Der Kaffee und seine Surrogate, München 1858, 105).

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Eichelkaffeeofferte von Anton Gemperle, Wien (Die Presse 1858, Nr. 156 v. 11. Juli, 7)

Parallel setzte in den 1860er Jahren eine neuerliche Kritik am Heilmittel Eichelkaffee ein. Sie kam zumeist von Kinderärzten, die auf Basis ihres neuen physiologischen Wissens versuchten, die massive Kindersterblichkeit zu bekämpfen, die in Oberbayern beispielsweise über 40 % lag. Dr. Flügel kritisierte die Landbevölkerung und auch die dortigen Ärzte: „So wurde mir auch hier verschiedene Male entgegnet, dass man auch Eichel-Caffee versucht habe und doch sei das Kind immer schlechter geworden. Auch der Eichel-Caffee ist ein thörichte Nahrung, denn nicht brenzliches Wasser und Gerbstoff brauchen schlecht genährte Kinder, sondern ganz andere Dinge!“ (Betrachtungen eines Neulings in Niederbayern, Aerztliches Intelligenz-Blatt 14, 1867, 473-475, hier 475). Der Wiener Mediziner Karl Kirschneck argumentierte ebenfalls physiologisch als er Eichelkaffee als Gefährdung für Säuglinge brandmarkte (Der Wiener Bote für Stadt und Landleute auf das Jahr 1872, Wien s.a. [1871], s.p.; ähnlich Allgemeine Wiener Medizinische Zeitung 22, 1875, 139). Zudem wandte man sich in bürgerlichen Kreisen offen gegen den unangenehm bitteren Geschmack der Eicheln (Iris 16, 1864, 173): Das „ekelhafte Gebräu, welches man aus ihnen bereitet, wird nie und nimmer die schlechteste Kaffeesorte ersetzen; ihre Anwendung ist der gröbste Selbstbetrug“ (Erheiterungen 1869, Nr. 124 v. 29. Mai, 495). Die sich langsam institutionalisierende Nahrungsmittelkontrolle beseitigte zuvor nicht selten vorkommende Kaffeeverfälschungen mit Eichelmehl, und selbst Ersatzkaffeeproduzenten wie die Nordhausener Firma Krause bewarben ihren „Gesundheitskaffee“ offensiv mit dem Gütehinweis „nach chemischer Untersuchung frei von Cichorien, Eicheln und sonstigen schädlichen Stoffen“ (Pfälzer Zeitung 1870, Nr. 16 v. 20. Januar).

Dennoch verschwand der Eichelkaffee nicht. Das lang an der höheren Beharrungskraft ländlicher Ernährungsweisen, an seinem niedrigeren Preis, aber auch einer Unterstützung des Getränkes durch die Naturheilkunde und die Temperenzbewegung. Schon der Makrobiotiker Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) hatte sich im späten 18. Jahrhundert mehrfach für den Eichelkaffee als Heiltrunk ausgesprochen, da er Wirkung und Nährkraft miteinander verbinde (Johann Wendt, Die Kinderkrankheiten systematisch dargestellt, Breslau/Leipzig 1826, 579). Auch der Begründer der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755-1843) sah in ihm ein hilfreiches natürliches Heilmittel (Apothekerlexikon, T. 2, Abt. 1, Leipzig 1798, 35). Naturheilkundler stärkten das schwindende Renommee des Eichelkaffees als Kinder- und Alltagsgetränk am Ende des 19. Jahrhunderts neuerlich – mochte dieses von der wissenschaftlichen Medizin auch nicht (mehr) gedeckt sein. Sebastian Kneipp (1821-1897) ist zwar bis heute als Namensgeber von „Kathreiners Malzkaffee“ bekannt (Spiekermann, Kathreiners Malzkaffee), doch in seinem Hauptwerk „So sollt ihr leben“ bedauerte er, dass der Eichelkaffee nicht „die wohlwollende Gunst des Volkes“ habe (Kempten 1889, 81). Und pointiert ergänzte er: „Ich weiß wirklich nicht, ob ich dem Eichelkaffee oder dem Malzkaffee den Vorzug geben soll“ (zit. n. Linzer Volksblatt 1891, Nr. 62 v. 17. März, 1). Der Salzburger Feigenkaffeeproduzent Andre Hofer brachte entsprechend seit 1890 sowohl einen Gesundheitsmalzkaffee als auch einen Eichelkaffee auf den Markt. Auch der Schweizer Kräuterpfarrer Johann Künzle (1857-1945) empfahl den Eichelkaffee, vermarktete dann aber mit dem Kaffeesurrogat Virgo eine Eigenkreation. Die beiden Geistlichen waren überzeugungsstarke Persönlichkeiten mit großen Anhängerscharen. Die Zahl der Temperenzler blieb demgegenüber klein, wohl auch, weil sie sich über die Alternativen zum Teufel Alkohol nicht recht einigen konnten. Doch wie eine Hymne vom Wiener Antialkoholkongress 1901 belegt, zählte auch Eichelkaffe zu ihren Optionen: „Fort mit dem Alkohol, Fort mit dem Wein sowohl Als auch dem Korn! Bier, Rum, Arrac, Kognac, All dieses Teufelspack Ist uns ein Dorn. Gießet mir Milch ins Glas, Schänket mir eine Tass’ Eichelkaffee, Schänket Thee und Selters ein Und laßt uns lustig sein: Ach du herrje!“ (Neue Hamburger Zeitung 1901, Nr. 184 v. 20. April, 17). Die darin enthaltenen Gängelungsphantasien wurden damals noch kritisch kommentiert: „Es gab eine Zeit, wo man den in ein Irrenhaus gesteckt hätte, der für ein Gesetz gegen den Genuß von Wein und Bier plaidiert hätte. Und heute wird diese Forderung ganz laut erhoben und der edle Rebensaft für schnödes Gift erklärt. Vielleicht kommt’s wirklich noch dazu, daß die Menschheit auf Himbeerlimonade und Eichelkaffee gesetzt wird“ (Neue Hamburger Zeitung 1903, Nr. 138 v. 23. März, 5).

Eichelkaffee, ach du herrje, war damals bereits Symbol des einfachen, unbedarften, unverkünstelten Lebens im Einklang mit der Natur. Es verkörperte Häuslichkeit, bezog sich auch auf die vermeintliche Natur der Geschlechter. Eichelkaffee war ein Getränk des Kindes und der häuslichen Frau. Entsprechend wurde den kunstsinnigen aber mageren Besucherinnen des Wiener Burgtheaters von einem wohlmeinenden Manne nahegelegt: „Zuviel Kunstgenuß ist darum wahrscheinlich auch nicht gesund. Lieber etwas mehr Eichelkaffee!“ (Hagelbrunners Spaziergänge und Sonntagsplaudereien, Morgen-Post 1854, Nr. 115 v. 14. Mai, 3). Noch ärger das Bemühen seines Mannheimer Geschlechtsgenossen, der anlässlich der Gründung des ersten Mannheimer Frauenturnvereins folgendes zusammenreimte: „Verrenken sie sich die Glieder, Mit oder ohne Mieder? Vollbringen sie den Purzelbaum, Mit einfachem oder doppeltem Saum? Und springen sie Trambolin, In Seide oder in Mousselin? Und wenn sie klettern auf’s Strickel, Was hat ihr Strumpf für einen Zwickel? Und wenn sie schlagen flink ein Rad, Was hat ihr Negligé für eine Naht? O deutsche Frauen, laßt Euch nicht lachen aus, Bleibt hübsch beim Kind und beim Mann zu Haus, Und schlägt die deutsche Eiche mit Gewalt heraus, So trinkt Eichelkaffee und spielt Eichel-Daus!“ (Der Humorist 10, 1846, Nr. 312 v. 30. Dezember, 1258). Ach ja, die deutschen Männer. Das dachte sich gewiss auch der französische Reiseschriftsteller Victor Tissot (1844-1917), der in seiner 1875 erschienenen „Reise in das Milliardenland“ mitleidvoll vermerkte: „‘Abends gehen die Familienväter […] allein in’s Gasthaus des Ortes – lassen ihre Frau und Kinder zu Hause, welche indessen Eichelkaffee trinken und Kartoffeln essen‘“ (Dresdner Nachrichten 1876, Nr. 235 v. 22. August, 3). Das stimmte nicht ganz, zumal es ja den Freiheitsraum des Kaffeekränzchens gab. Doch auch hier warnten männliche Ärzte schnatternd vor dem Bohnenkaffee, der sie „gleichsam zu Tode liebkose. Darum ihr Kaffeebasen des Waldes und des Landes trinkt Eichelkaffee, Gersten-, Roggen- und Malzkaffee“ (Vorarlberger Volksblatt 1897, Nr. 86 v. 16. April, 4). Solches Hobbitidyll konnte man natürlich in Frage stellen. Eichelkaffee wurde daher ebenfalls als Symbol der Reaktion verstanden, etwa als Bestandteil eines von agrarischen Interessen einseitig dominierten Deutsches Reiches. Darin konnte man auf die Reizstoffe des modernen Lebens glücklich verzichten. „Wir dürfen Eicheln, Bucheckern, Brennesseln [sic!], Kartoffelblättern, Maikäfer, Lindenblüten und das Unkraut aus den Feldern sammeln, ohne einen Pfennig dafür bezahlen zu müssen. Was ich in ein paar Monaten schon an Delikatessen kennen gelernt habe, die mir früher fremd waren, das glaubt man gar nicht. Insektenkraftbrühe, Bucheckernpasteten mit Brennesselsalat, Wolfsmilch, Unkräuterkäse, Eichelkaffee und vieles mehr“ (Oscar Harsiem, Der agrarische Himmel auf Erden, Berliner Volks-Zeitung 1909, Nr. 345 v. 27. Juli, 2).

Handelt es sich bei alledem um typisch bürgerliche Symbolkämpfe, so markierten Eicheln und Eichelkaffee aber auch reale Machtkämpfe, vor allem aber die Grenze zwischen auskömmlich und arm. Eicheln konnten gesammelt werden, doch nicht nur in den Forsten stand dies häufig gegen Besitzrechte. Öffentliche Anlagen mussten gegen Lausbuben verteidigt werden, die dort ihr Unwesen trieben: „Daß arme Mütter daheim Eichelkaffee brauen, um die teueren Bohnen zu sparen, und daß im Winter mit gedörrten Kastanien Feuer angemacht wird, spielt im Vorstellungskreise der Jungen doch wohl noch kaum eine Rolle“ (Volks-Zeitung 1903, Nr. 467 v. 6. Oktober, 3). Eichelkaffeerezepte wurden vor dem Ersten Weltkrieg überschrieben mit „Eine, die sparen muß“ (Neue Hamburger Zeitung 1913, Nr. 500 v. 24. Oktober, 14). Das merkten auch die Kinder, zumal in der Nachkriegszeit: „Da wanderten wir Mädeln und Buben an schulfreien Tagen […] hin, den Mundvorrat in der Tasche; er bestand aus einem Stück Schmalzbrot und einer Flasche Eichelkaffee. Unsere Mutter wollte uns weismachen, dieser sei sehr gesund; in Wirklichkeit hat sie uns bewußt angelogen. Doch dürfte es eine Notlüge gewesen sein; denn wäre genug Geld im Hause gewesen, so hätte uns die Mutter sicherlich keinen Eichelkaffee gekocht“ (Rosa Nejedly, G’schichten vom „Linagrab’n“, Die Unzufriedene 1927, Nr. 39 v. 24. September, 5).

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Eichelprodukte als Kindernährmittel (Drogisten-Zeitung 9, 1894, 454)

Im frühen 20. Jahrhundert war Eichelkaffee als Nahrungsmittel und auch als Heilmittel unbedeutend. In Haushaltslehren und Kochbüchern tauchte er kaum mehr auf (eine Ausnahme ist Wilhelmine von Gehren, Küche und Keller, Leipzig 1905, 778). Die Hinweise in pharmazeutischen, chemischen und allgemeinen Nachschlagwerken informierten kurz und pflichtschuldig (Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1905, 511; J[oseph] König, Chemie der Nahrungs- und Genußmittel sowie der Gebrauchsgegenstände, Bd. 2, 4. verb. Aufl., Berlin 1904, 813). In der medizinischen Literatur wurde er zumeist als „wenig nährend“ ([Leo] Langstein, Ueber die Ernährung des Kindes, Hebammen-Zeitung 9, 1895, 41-44, hier 43) abgelehnt, doch finden sich immer noch auch positive Einschätzungen (Therapie der Gegenwart 52, 1911, 57 (Adolf Baginsky)). Schlechter Geschmack, geringer Kaloriengehalt und die praktikable Alternative des Eichelkakaos dominierten jedoch die Bewertung des Eichelkaffes (Der Zeitgeist 1897, Nr. 21 v. 24. Mai, 4). Entsprechend wurde er ab und an mit Malzkaffee vermischt und dann als Eichelmalzkaffee angeboten.

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Mühlenmedizin – Werbung für Eichelmalzkaffee (Vorwärts 1907, Nr. 258 v. 3. November, 23)

Der Erste Weltkrieg führte zu einer Sonderkonjunktur, wenngleich auf niedrigem Niveau. Die Preissteigerungen für Bohnenkaffee hatten schon vor dem Ersten Weltkrieg zu deutlichen Konsumrückgängen und einem weiteren Wachstum des Ersatzkaffeekonsums geführt. Davon profitierte vor allem der Malzkaffee, bedingt Zichorien- und – in Süddeutschland und Cisleithanien – Feigenkaffee. Nachdem im Herbst 1914 klar war, dass der Weltkrieg nicht rasch enden würde, und die völkerrechtswidrige Blockade der Alliierten die Kaffeeimporte größtenteils unterband, waren Konsumveränderungen erforderlich: „Wenn der Eichelkaffee vielleicht auch dem verwöhnten Gaumen nicht so ganz zusagt, so ist er doch ein billiges und gutes Volksnahrungsmittel und verdient bei den heutigen Kaffeepreisen volle Beachtung“ (Oesterreichische Land-Zeitung 1914, Nr. 43b v. 26. Oktober, 3). Noch besaßen die Mittelmächte beträchtliche Vorräte. 1915 lag der Bohnenkaffeekonsum im Deutschen Reich höher als 1914 (3,02 gegenüber 2,78 kg/Kopf), doch diese Menge halbierte sich 1916. 1917 waren die Vorräte aufgebracht, für 1918 geben die amtlichen Landesstatistiken einen Bohnenkaffeeverbrauch von lediglich 2000 t an, 0,03 kg/Kopf. Schon 1915 hatte man daher mit der Bewirtschaftung von Getreide begonnen, und Kaffeeersatzmittel der Rationierung unterworfen. Eichelkaffee schien eine sinnvolle Ergänzung zu sein, ein „ganz annehmbares Getränk“ (Vorarlberger Volksblatt 1915, Nr. 217 v. 23. September, 4), zumal für den häuslichen Konsum abseits der Kartenpflicht. Insbesondere in Süddeutschland gab es eine durchaus „lebhafte Propaganda für die Verwendung von Eicheln im Haushalt“, zumal bei ärmeren Bevölkerungsschichten (Oesterreichische Forst- und Jagd-Zeitung 30, 1915, 269).

Eichelkaffee schien eines der vielen Opfer zu sein, die den Sieg im Völkerringen näher bringen würden. Doch von einer sakrifiziellen Gemeinschaft (Herfried Münkler, Der Große Krieg, 5. Aufl., Berlin 2014, 226) konnte nicht die Rede sein. Stattdessen beschwor man die Vergangenheit, die gute alte, in der der Eichelkaffee noch „sehr geschätzt war und besonders gern von schwächlichen und der Kräftigung bedürftigen Personen getrunken wurde. Jetzt ist er ganz in Vergessenheit geraten“ (General-Anzeiger für Hamburg-Altona 1915, Nr. 226 v. 26. September, 17). In Zeiten der Sinnsuche für den Krieg hatte die Ernährung eine wichtige Funktion, konnte eine Transformation der „Volksernährung“ doch mehr erringen als den militärischen Sieg. Als zu Beginn des Krieges erlaubt wurde, bei außergewöhnlichen Belastungen die Kaffeeportion des Heeres mit einer Branntweinportion von 0,1 l zu ergänzen, wurde darüber kontrovers diskutiert, heiße Getränke oder Rotwein statt der Spirituosen gefordert. „Noch zweckmäßiger wäre der fast alkoholfreie und mehr gerbsäurehaltige Heidelbeerwein, Eichelkaffee, Eichelkakao“ (Medizinische Klinik 10, 1914, 1772). Der Krieg bot demnach die Chance einer wieder schollengebundenen, einfachen und natürlichen Kost. Gegen Verweichlichung, Fleischmast und koloniale Reizstoffe wurde breit gewettert, da kam der „beste Gesundheitskaffee“ (Mährisch-Schlesische Presse 1916, Nr. 73 v. 9. September, 5) gerade Recht. „Gratis-Nahrung aus Wald und Feld“ (R. Stätter (Hg.), Zürich 1918) war nicht nur erforderlich, sondern auch Umkehr. Künzle und Kneipp wussten das ja immer schon. Eichelkaffee war ein kleiner Baustein in dem großen Wandel, den die verlangten, die ausländische Weine, teure Südfrüchte und Luxuswaren verdammten. An die Stelle von Tee, Kakao, und Kaffee sollten „vollwertige Ersatzgetränke, wie Malz- und Eichelkaffee und Tee aus Brombeer- und Erdbeerblättern, Heidekraut, Apfelschalen usw.“ treten (Neue Hamburger Zeitung 1916, Nr. 69 v. 8. Februar, 11).

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Ästhetisierter Mangel: Ersatzmittel aus der Natur (R. Stätter (Hg.), 2. Aufl., Zürich o.J. (1919))

Das waren Naturalphantasien, auch nicht ansatzweise geteilt von der zur Einschränkung grundsätzlich bereiten Mehrzahl. Für sie wurde Geschichte als Argument genutzt. Die Kontinentalsperre wurde bemüht, auch wenn die damals erzwungene Waffenbrüderschaft mit den Franzosen nicht ganz ins Bild passte. „Früher“ hatte man noch Eichelkaffee getrunken, also war das auch heute möglich. Schließlich ging sein Genuss „auf die direkte Anregung Friedrichs des Großen zurück“ (Deutsche Zeitung 1917, Nr. 22 v. 2. Juni, 7). Das wurde vielleicht zurecht nicht geglaubt, stellte den Ersatzmampf aber in eine hebende Tradition. Die Rezepte für Eichelkaffee griffen jedenfalls ältere Vorschläge auf, allerdings ohne dieses zu erwähnen (etwa Berliner Tageblatt 1917, Ausg. v. 8. August, 16).

Abseits derartiger Wunsch- und Zerrbilder dominierte jedoch eine Pragmatik des Alltags, die versuchte mit der wachsenden Enge umzugehen und die Not zu ertragen. Staatlicherseits wurde anfangs das Eichelsammeln propagiert, doch schon 1915 setzte die Bewirtschaftung der Eicheln ein, wurden Festpreise festgelegt und Eichelkontingente zugewiesen. Schweine hatten Vorrang. Am 8. November 1915 übernahm die Bezugsvereinigung Deutscher Landwirte die Federführung, wies Futtermittel aus Eicheln und Kastanien dezentral zu. Noch bestehende Lieferverträge mit den wenigen Eichelkaffeeproduzenten konnten allerdings noch erfüllt werden (Berliner Bösen-Zeitung 1915, Nr. 535 v. 14. November, 9). Unmittelbar vor dem Krieg wurden etwa 2000 t Eicheln zu Kaffeeersatz verarbeitet. Das waren etwa 0,8 % aller gewerblich hergestellten Kaffeesurrogate (Fritz Bürstner, Die Kaffee-Ersatzmittel vor und während der Kriegszeit, Berlin 1918, 6). Die staatliche Bewirtschaftung erlaubte bis 1918 eine Steigerung auf „höchstens 5000 t“ (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 35, 1918, 87 (Beitter)). Das war deutlich mehr als offiziell zirkulierender Bohnenkaffee, doch pro Kopf ergaben sich nur 0,08 kg. Diese Mengen dienten nicht zuletzt der Substitution des als Heilmittel wegbrechenden Eichelkakaos. Deutlich umfangreicher dürfte trotz staatlicher Bewirtschaftung die beträchtliche Selbsthilfe gewesen sein, zumal seit 1917. Eichelkaffee diente als „Stopfmittel“ (Carl von Noorden und Hugo Salomon, Handbuch der Ernährungslehre, Bd. 1, Berlin 1920, 620), als wenig effizientes Heilmittel gegen Durchfall und die deutlich zunehmenden Magen-Darm-Krankheiten. Er war aber nun auch wärmendes Alltagsgetränk: „Sie müssen die Eicheln rösten und mahlen, dann haben Sie Eichelkaffee. Mit Kaffee hat das Getränk absolut nichts zu tun, es ist aber immerhin ein guter Ersatz, besser als Rüben“ (General-Anzeiger für Hamburg-Altona 1918, Nr. 116 v. 21. Mai, 5). Häuslich hergestelltes Eichelmehl wurde vielfach zugemengt, anfangs zum Bohnenkaffee, dann zu Kaffeesurrogaten, schließlich zu Lupinen und sonstigem Wald- und Wiesengewächs. „Blumenerde“ hieß dieses Getränk, bitter war sein „Geschmack“ (Vorwärts 1924, Nr. 464 v. 2. Oktober, 5).

Die Sonderkonjunktur des Eichelkaffees endete nicht bei Kriegsende. Die Blockade wurde fortgesetzt, erst 1919 gelockert. Unter den dann verfügbaren Lieferungen waren auch große Mengen von Eicheln, Eichelkaffee und Eichelaromaextrakt (Berliner Tageblatt 1919, Nr. 267 v. 12. Juni, 5). Der Mangel betraf nicht nur Bohnenkaffee, sondern auch alle Surrogate. Im Herbst 1919, hieß es zum Auftakt der Eichelernte: „Jetzt ist der Eichelkaffee in unverfälschtem Zustande aber kaum noch käuflich, und wenn, nur zu sehr hohem Preise. Deshalb lohnt das Sammeln von Eicheln für den Hausverbrauch“ (Neue Hamburger Zeitung 1919, Nr. 531 v. 18. Oktober, 13). Dieses zog sich bis zum Ende des Jahrzehnts der Ernährungskrise hin, also bis 1923. Die vielbeschworenen Hausfrauen waren weiterhin gezwungen, „zu allerlei Ersatzmittel zu greifen, um der Familie eine Art ‚Kaffee‘ vorzutäuschen“ (Wienerwald-Bote 1920, Nr. 47 v. 27. November, 4). Eichelkaffee wurde jedoch gewerblich in schwindender Menge produziert. In Österreich gab es 1921 unter den zugelassenen Kaffeesurrogaterzeugern nur zwei Produzenten von Eichelkaffee, einer davon aus der Schweiz (Wiener Zeitung 1921, Nr. 58 v. 12. März, 202). In der Populärliteratur hieß es deutlich: „Die Leut‘ woll’n den Eichelkaffee net, das Geschlader mit dem ekelhaften Saccharin und der pappigen Kondensmilch, Da muß ja aner Sau grausen“ (Valentin Kramretter, Der Kotelettenfranzl und seine Tochter, Illustrierte Kronen-Zeitung 1922, Nr. 8035 v. 22. Mai, 2).

Die Geschichte des Eichelkaffees endete nicht 1923, doch breitere Bedeutung gewann das Heil- und Nährgetränk nicht mehr. Natürlich wurde es von medinischen Populärschriftstellern, wie etwa Waldemar Schweisheimer (1889-1986), weiter als „uraltes Hausmittel“ vorgestellt (Heilbestandteile der heimischen Laubbäume, Drogisten-Zeitung 41, 1926, 152). Armut blieb ein wichtiger Grund, um Eicheln nicht allein zu lustigen Tierfiguren zu formen, sondern auch zur Getränkebereitung heranzuziehen, da man mit dem Pfennig zu rechnen hatte (Vorwärts 1925, Nr. 457 v. 27. September, 6). Trotz wieder verfügbarem Eichelkakao und einer wachsenden Zahl wirksamer pharmazeutischer Mittel wurde Eichelkaffee weiterhin gegen Durchfall empfohlen (Alpenländische Rundschau 1928, Nr. 239 v. 5. Mai, 28; Illustrierte Kronen-Zeitung 1934, Nr. 12469 v. 7. Oktober, 17). Der Zweite Weltkrieg wurde begonnen, und trotz effizienter Kriegsvorbereitung wurde neuerlich an den Eichelkaffee als „ein altes, erprobtes Küchenmittel“ erinnert, galt er als „alter ‚Bauerntrank‘“ (Das kleine Blatt 1939, Folge 304 v. 4. November, 6). Neuerlich wurden Hausfrauen unterrichtet, wie sie denn die Eicheln zu schälen und zu rösten hatten, „einfach und ergiebig und – markenfrei“ (Salzburger Volksblatt 1940, Folge 245 v. 17. Oktober, 8). Die NS-Frauenschaft gab Eichelkochbücher heraus, denn die „Eichel ist als Nahrungsmittel heute neu entdeckt“ (zit. n. Rainer Horbelt und Sonja Spindler, Tante Linas Kriegskochbuch, Frankfurt/M. 1982, 192). Und in der nächsten Nachkriegszeit konkurrierten abermals Menschen mit Wild und Nutztieren um die immerhin nährenden Früchte. Glaubt man den vielfältigen Verheißungen heutiger Natur-, Wald- und Eichelpropagandisten, werden sich wohl weitere Kapitel anschließen. Ach du herrje!

Uwe Spiekermann, 22. März 2019

Eichelbrot – Notnahrung, Armenspeise, Gaumenhappen

Vor einigen Monaten auf dem Wochenmarkt entdeckt, ist das Eichelbrot der Steinofenbäckerei Marquardt aus Garbsen seitdem ein regelmäßiger Gast auf meinem Frühstückstisch. Der Geschmack ist keineswegs lieblich, eher herb, kräftig, würzig, eine Grundlage mit Nachhall.

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Eichelbrot auf meinem Tisch

Doch was esse ich da eigentlich? Gekauft habe ich es, da ich mich an die Kriegsküche im ersten Weltkrieg glaubte zu erinnern, an Not und Kargheit einer überstandenen Zeit. Doch vor mir lag ein verfeinertes, wohlschmeckendes Nischenprodukt. Eine Koketterie mit dem Schlechten, vergleichbar mit der Veredelung vieler „Arme-Leute-Essen“ in der gehobenen Gourmetküche, ein Gaumenkitzler für vom Alltag gelangweilte Bürger?
Vor dem Urteil steht das Wissen. Und über die Geschichte des halbrunden Braunen hatte ich offenkundig eine nur vage Vorstellung. Wohlan, wo ist das nächste einschlägige Lexikon? Die Standardantwort vor mehr als 90 Jahren klang prosaisch-nüchtern: „Eicheln dienen zur Herstellung des auch als menschliches Nahrungsmittel verwendeten Eichelmehls. […] Eichelmehl dient auch als Zusatz bei den Hungersnot-Broten, zur Herstellung von Eichelkakao […] und anderer diätetischer Erzeugnisse. Geröstete Eicheln geben auch einen Ersatzkaffee, der namentlich bei Kindern als diätetisches Mittel angewendet wird. Eicheln verwendet man in großen Mengen als ein Futtermittel, das bei niedrigem Protein- und mittlerem Fettgehalt reich an Stärkemehl ist. Sie finden eine nützliche Verwendung bei der Viehmast, werden jedoch wegen ihres bitteren Geschmackes nicht von allen Tieren gleich gerne gefressen.“ So weit, so klar. Doch dort hieß es zugleich: „Unsere einheimischen Eicheln kommen dagegen ihres hohen Tanningehaltes wegen als menschliches Nahrungsmittel nicht ernstlich in Betracht.“ (Ernst Mayerhofer und Clemens Pirquet (Hg.), Lexikon der Ernährungskunde, Wien 1926, 193, 194) Wirklich? Das Eichelbrot auf meinem Tisch schien Unding und Zärtling zugleich zu sein. Nachfragen schienen geboten.
Hinein also in das Unterholz der Literatur. Dort eichelte es von Anfang an: Heinrich Johann Nepomuk Crantz (1722-1797), österreichischer Botaniker, Pädiater und Begründer der modernen Bäderkunde führte nah an den Rand des Garten Eden: „Die Eicheln waren schon in den ältesten Zeiten ein Nahrungsmittel, aus welchem man Brod gebacken hat. Man hielt sie nicht nur allein für die älteste Frucht, sondern auch für die einzige Leibesnahrung, welche die erste Welt gebrauchet hat“ (Medizinische und Chirurgische Arzneymittelehre, Bd. I, Th. I, Wien 1785, 202). Etwas präziser bitte! Johann Carl Leuchs (1797-1877), einer der produktivsten Sachbuchautoren der Mitte des 19. Jahrhunderts, führte zurück nach Kerneuropa: „Die Eicheln waren die vorzüglichste Nahrung der alten Deutschen und Gallier. Ob sie dieselben roh oder zubereitet aßen, ist nicht bekannt“ (Haus- und Hülfsbuch für alle Stände, Bd. 2, Nürnberg 1823, 333). Immerhin! Eichelbrot trat aber sicher später auf den Speiseplan, war es doch ein Hunger- und Notbrot in der frühen Neuzeit. Leuchs berichtete über Weißrussland, von Hungerkrisen im Frankreich im frühen 18. und gar von emsigem Eichelbrotverzehr in Italien und Südtirol im frühen 19. Jahrhundert. Doch seine Fabulierkunst machte mich skeptisch. Eichelbrot als Standardbrot in Norwegen? Und wenige Jahre später relativierte der Vielschreiber gar sein Kernaussage: „Die Eicheln waren das Hauptnahrungsmittel der alten Griechen, Gallier und Deutschen […]“ (Johann Carl Leuchs, Vollständige Brod-Bak-Kunde, Nürnberg 1832, 159). Sollte ich dies glauben?
Die Eiche war den Germanen (die es so als Einheit nicht gegeben hat) ein heiliger Baum, und darüber wurde im 19. Jahrhundert viel geschrieben und noch mehr gesungen. Fachliteratur entstand, auch über die Eichelnahrung. Carl Bolle (1821-1909), finanziell unabhängiger Sohn eines Brauereibesitzers und quirlig-produktiver Botaniker, führte seine Leser zurück in die vorschriftliche Zeit: „Wer jemals einen der fruchtbeladenen Riesenbäume aufmerksam betrachtet, wer dem prasselnden Geräusch, mit dem, vom Herbstwind gefegt, die Eicheln herabregnen, gelauscht hat, dem wird die Eiche als ein Sinnbild des Überflusses erschienen sein; so reichlich deckt sich der Tisch auf und unter ihr.“ Homo sapiens nutzte die Eichel: „Es bedurfte bei ihr keiner Überlegung, kaum der Zubereitung; einzig nur des Auflesens und Sammelns. Im Spätherbst, wenn anderes Wildobst zu Ende ging, kam die Eichelernte gelegen. Mochte es immerhin eine derbe und rohe Kost sein, sie fand keinen verwöhnten Gaumen. Mochte es eine harte Kost sein, sie ging durch eine Mühle von Zähnen, gewöhnt, die starken Markknochen des Wildes zu zermalmen. […] Also Eichelkost überall da, wo das Getreide, dem frühen Menschen unbekannt, sie noch nicht entbehrlich gemacht hat; […] Eichelkost die erste Stillung des Hungers innerhalb der gemässigten Zone“ (Carl Bolle, Die Eichenfrucht als menschliches Nahrungsmittel, Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1, 1891, 138-148, hier 139-140). All dies galt jedoch vor allem für den mediterranen Raum, für Griechenland, Italien, auch Spanien. Denn Bolle machte glasklar: „Die oft besprochene Eichelesserei der Germanen entbehrt dagegen jedes klassischen Zeugnisses“ (Bolle, 1891, 141). Und für den Rest der Voreuropäer galt demnach: Eicheln waren vor und während der Altsteinzeit eine Zukost, wurden ergänzt und dann überlagert von den (gerösteten) Kastanien, ehe sich Getreide als Hauptkost durchsetzte. Anders als im mediterranen Raum, warfen die Eichen des Nordens gar bittere Eicheln ab. Menschen mussten sie bearbeiten, um sie essen zu können.

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Früchte der Stieleiche und der Zerreiche (Adolf Hohenstein, Die Eichelschäl-Wirthschaft, Wien 1861, 27)

Die Unterschiede im menschlichen Verzehr von Eicheln, Eichelmehl und Eichelbrot zwischen Süd- und Nordeuropa waren in der frühen Neuzeit durchaus bekannt. Eichelbrot war im Norden Ausdruck von Not und Elend: Als der Barnabitermönch Florentinus Schilling Mitte des 17. Jahrhunderts das ehedem habsburgische Elsass bereiste, war allerorten Hunger und er fragte anklagend: „Ist Elsaß ein Treydkasten [ein Getreidespeicher, US] / warumb essen wir Eichelbrod?“ (Vorder-Oesterreichische Landtsmannschaft, Wien 1655, s.p.). Während der Aufklärung galt das im Süden gegessene Eichelbrot kämpferischen Protestanten dagegen als Beleg katholischer Rückständigkeit, so etwa dem als Kerkerknacker bekannt gewordenen Friedrich von der Trenck (1727-1794), der die Bauern im Kirchenstaat bemitleidete, da sie „kein andres als Eichelbrod zu essen“ hatten (Nachtrag zur näheren Beleuchtung der Bilanz zwischen Fürsten und Priestergewalt, o. O. 1799, 21). „Um wi vil kräftigger und schmakhafter ist nicht unser Brod gegen di Eicheln und roen Körner, die di alten asen,“ posaunte dagegen der heute vergessene Schriftsteller Christian Adam Horn (1743-1798), wobei er wohl das kernige Roggenbrot meinte, nicht das vermeintlich welsche Weizenbrot des Westens und Süden Europas (Uiber Gleichheit und Ungleichheit aus dem Gesichtspunkt gegenwärtiger Zeiten, Hildburghausen 1792, 109). Getreidebrot war Fortschritt, und dies predigten spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts auch deutsche Katholiken, denn damals war Eichelbrot auch in Italien nurmehr eine seltene Ausnahme (Philothea 16, 1852, 118).
Doch Ordnung! Diese Debatten entstammten einer Zeit, in der Eichelbrot keinerlei Platz in der täglichen Kost hatte, in der Roggen, Hafer und Gerste, dann auch die Kartoffel den Alltag der breiten Mehrzahl prägten. Im langen Mittelalter war dies regional noch anders gewesen. Eichelbrot wurde, zumal im Süden der deutschen Lande, vereinzelt gebacken. Doch dies endete wohl im 16. Jahrhundert: „Der späteste bekannte Zeitpunkt, in dem in germanischen Ländern die Eichel noch als genießbare Mehlfrucht scheint gebraucht worden zu sei, ist das Jahr 1604. Damals wurde sie noch in der Klostermühle zu Sindersdorf (Oberbayern) gemahlen.“ (H[einrich] Brockmann-Jerosch, Die ältesten Nutz- und Kulturpflanzen, Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 1917, 80-102, hier 91).
Eichelbrot war während des 16. bis 18. Jahrhunderts primär eine Notspeise, Kennzeichen der regelmäßigen Hunger- und Teuerungskrisen Mitteleuropas. In der Ober-Lausitz hieß es einschlägig: „Anno 1570, nach der Erndte ließ es sich zu einer grossen Theurung an, und die währete 3. gantzer Jahr. Sie nahm von Jahr zu Jahre zu, und musten die armen Leute aus Staub-Mehl, Kleyen, Eicheln, Piltzen und Schwämmen ihr Brod backen, und doch haben noch manchen Tag 3. 4. und mehr Personen verhungern müssen“ (Johann Christian Sühnel, Fata Lusatica in Compendio, Oder Kurzgefaste Historie von dem Markgraffthum Ober-Lausitz, Bautzen 1725, 83). Im 18. Jahrhundert war dies Lexikonwissen (Allgemeines Oeconomisches Lexicon, Leipzig 1731, Sp. 382). Neben die etwa alle sieben Jahre auftretenden Hunger- und Teuerungskrisen traten Krieg und auch Klimakatastrophen, etwa der sogenannte Jahrhundertwinter 1708/09. Aus Frankreich wurde damals nicht allein vom Eichelbrotverzehr berichtet, sondern auch von zahlreichen daraus resultierenden Todesfällen. Ähnliches vermerkten Chronisten auch aus deutschen Landen während des Siebenjährigen Krieges, der 1762 die Gegend um das westfälische Warburg heimsuchte: „In diesem Winter war die Noth so groß, daß viele Bauersleute von Eicheln Brot backten. Daher starben viel an der Verstopfung“ (Georg Joseph Bessen, Geschichte des Bisthums Paderborn, Bd. 2, Paderborn 1820, 350, Anm. r). Dies aber waren wohl Ausnahmen, verursacht durch fehlerhafte Zubereitung. Generell galt für Eichelmehl und Eicheln, dass sie in der frühen Neuzeit „wol unter das Getreide gemahlen / und mit unter das Brot gebacken werde / und zwar ohn allen Schaden der Gesundheit“ (Johannes Hiskias Cardilucius, Evangelische Kunst- und Wissenschafft-Schule der Natur, Sultzbach 1685, 53). Entsprechend nutzte die breite Bevölkerung zumal in den kursächsischen und schlesischen Gebieten das Eichelbrot als letzte Option, um eben nicht verhungern zu müssen (Julius Bernhard von Rohr, Haushaltungs Bibliothek, Leipzig 1755, 213). Der Staatswissenschaftler Georg Gottfried Strelin fasste dies gottesfürchtig in die Aussage, „denn wo man nicht wählen kann, ist man mit dem gerne zufrieden, was man hat“ (Realwörterbuch für Kameralisten und Oekonomen, Bd. 2, Nördlingen 1785, 568).
Mit der Aufklärung aber veränderte sich diese Einschätzung des Eichelbrotes. Es handelte sich dabei um Elitendebatten, Ausflüsse wachsenden bürgerlichen Nationalbewusstseins: „Warum sollten wir uns endlich der Eicheln schämen, da unsere Vorfahren, die alten Deutschen, ehe sie sich auf den Ackerbau verlegten, viel von Eicheln gelebt, und Brot daraus gebacken haben“ (Der Bienenstock 2, 1769, 366). Es begann nun eine mehr als ein Jahrhundert dauernde Periode immer wieder neuer, immer wieder ähnlicher Rezepte für die Herstellung eines durchaus akzeptablen Alternativbrotes: „Man dörret die ausgelesene reife Früchte [die Eicheln, US], schälet, kochet sie mit Wasser, daß sie den herben Geschmack verlieren, verfertiget alsdenn nach vorhergegangener Abtrocknung ein Mehl, welches mit gewöhnlichem Fruchtmehl vermengt ein nahrhaftes Brot giebt“ (Deutsche Encyklopädie, Bd. 8, Frankfurt a.M. 1783, 6). Eine kleine Schar von Medizinern, Kameralisten, Botanikern und Praktikern nahm nicht mehr nur dokumentierend hin, dass Not kein Gebot kannte und auch den Verzehr tendenziell gesundheitsgefährdender Ersatzstoffe mit einschloss. Sie untersuchte stattdessen die bestehenden Mängel des Eichelbrotes und formulierte praktische Ratschläge, um ein „gutes Brod, wenigstens in der Vermischung mit anderen Getreidearten“ (Crantz, 1785, 204) zu backen.
Chemisches Wissen war noch nicht sonderlich ausgeprägt, bewegte sich vielfach im Spekulativen. Man vertraute allerdings schon der Sinneserfahrung, der Empirie. Eicheln schmeckten offenkundig „sehr herbe“ (Neues Hannöverisches Magazin 4, 1775 [1776], Sp. 1049). Dies resultierte aus der darin enthaltenen Gerbsäure, so genannt nach auch zur Ledergerbung genutzten Bestandteilen der Eichenrinde. Als Tannine, dem französischen Wort für die Gerbsäure, wurden diese Bitterstoffe dann im 19. und 20. Jahrhundert bezeichnet, während wir deren Fülle unter dem wenig präzisen Terminus „sekundäre Pflanzenstoffe“ bündeln. Münzt man dies dann in Polyphenole um, hebt deren Bedeutung beim Schutz vor freien Radikalen hervor, benennt ihre zumeist antikanzerogenen, entzündungshemmenden, antimikrobiellen, blutdrucksenkenden und blutzuckerregulierenden Wirkung, so kann man dies fast schon unter den aussageschwachen Begriff „gesund“ bündeln. Zu viel davon war und ist jedoch ungesund, entsprechend galt es ihren Anteil zu vermindert, um geschmacklich akzeptables Mehl resp. Brot zu erhalten.
Dazu bediente man sich vielerlei Verfahren, doch im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ging es erstens um die Auswahl guter Eicheln, nicht wurmstichig, faulend oder moderig. Diese galt es dann zweitens zu bearbeiten. Bei frisch gesammelten Eichen wurde Kochen empfohlen, teils mit Zusatz von Asche oder Kalk. Damit wurden die Bitterstoffe teilweise gelöst und gebunden. Anschließend galt es drittens, diese zu trocknen. Sollte die Schale nicht schon beim Kochen abgelöst worden sein, so war das nun erforderlich. Die weichen, fast bröseligen Eicheln wurden viertens gemahlen und dann fünftens mit anderem Getreide zu einem Brot verbacken. Das dergestalt entstandene Eichelbrot hatte zwar einen charakteristischen Geschmack, doch bestand es zumeist vorrangig aus anderen Getreidearten, vorrangig Roggen, ab und an Weizen, selten Hafer, kaum Gerste. Im Idealfall klappte all das ganz gut, so dass am Ende das Urteil stand: „Das Brodt soll geil seyn, und sehr sättigen“ (M. J[acob] Marx, Die Geschichte der Eicheln, Dessau 1784, 3).
Eichelbrot war Billigbrot für die Armen, denn der Grundstoff konnte teils unmittelbar gesammelt, teils für wenig Geld als Schweinefutter gekauft werden. Es ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich, dass diese Vorschläge große Resonanz im Alltag fanden. Es handelte sich um Erörterungen von und zwischen Experten, die in Notlagen gewiss hilfreich sein konnten, auf die aber füglich nicht zurückgegriffen wurde, so lange gängiges Brot und Kartoffeln verfügbar waren. Dessen ungeachtet wurde eine Art diätetisch-prozessuales Wissen abseits des Essalltages geschaffen. Der Kameralist und Naturforscher Bernhard Sebastian Nau (1766-1845) leistete hierfür Pionierarbeit, hatte er doch Backversuche unternommen und verschiedenartige Eichelbrote auch verkostet (Eichelbrod, in: Ders., Vermischte Aufsätze über Land- und Forstwirthschaft, Frankfurt a.M. 1804, 32-35; vgl. auch Kurpfalzbaierisches Wochen-Blatt von München 6, 1805, Sp. 649-650). Der Geschmack wurde durch intensiveres Auslaugen auch in kaltem Wasser und durch ansprechende Mischverhältnisse verbessert. Ob aber eine Mischung von einem Drittel Eichel- und zwei Dritteln Weizenmehl dann wirklich günstiger war als gängiges Roggenbrot, wurde nicht bedacht (Abhandlungen der Akademie nützlicher Wissenschaft zu Erfurt 3, 1804, 43). Generell galt den Experten ein Brot aus halb Eichel- und halb Roggenmehl als akzeptabel, selbst ein Brot mit einem Zwei-Drittel-Anteil Eichenmehl galt als „schön und angenehm im Genuß“ (Nau, 1804, 34). Forstwirtschaftler nannten gar ein reines Eichelmehlgebäck ein „sehr wohlschmeckendes und gesundes Brod“ (Joseph Fuchs, Vollständiges Lehrbuch die Eiche natürlich-künstlich und schnellwachsend zu erziehen, Wien 1824, 186). Das erscheint als eine gängige Weißwäscherei durch Experten, die der Mehrzahl Mäßigkeit und Haushaltsordnung predigten, sich in der generellen Armut aber gut eingerichtet hatten. Mediziner betonten demgegenüber, dass reines Eichelbrot „widerlich bitter“ schmecke (Gotthilf Wilhelm Schwartze, Pharmakologische Tabellen, Bd. 1, Leipzig 1819, 99). In zeitgenössischen Lexika wurde eine Mittelposition vertreten, wonach Eichelmischbrot „nicht nachtheilig“ sei (Universal-Lexikon, hg. v. H.A. Pierer, 2. völlig umgearb. Aufl., Bd. 9, Altenburg 1842, 257), auch wenn nach Beginn der Industrialisierung Eichelbrot eher distanziert bewertet wurde, nämlich „nicht als eigentlich genießbar und gesund“ (Stephan Behlen (Hg.), Real- und Verbal-Lexicon der Forst- und Jagdkunde mit ihren Hülfswissenschaften, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1840, 524).

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Die hungrigen 1840er Jahre oder Der Wert eines Menschen (Düsseldorfer Monatshefte 1, 1847/48, 57)

Das änderte sich während der hungrigen 1840er Jahre. Das Massenelend resultierte aus Missernten, daraus resultierenden Teuerungen und ersten industriellen Krisen, zumal in der Heimindustrie. Abermals sollte auch Eichelbrot einen Beitrag zur Hungerbekämpfung leisten, zumal mit dem Aufschwung der organischen Chemie die Wertigkeit des Eichelbrotes genauer eingeschätzt werden konnte. Es galt als preiswerter Kohlehydratlieferant, also als klassisches Nährmittel. Das Auslaugen der Eicheln wurde verbessert und gleichsam standardisiert. Parallel begrenzte man den empfohlenen Anteil des Eichelmehls auf höchstens ein Viertel (Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen 1846, Nr. 345 v. 19. Dezember, Sp. 4488; Centralblatt des landwirthschaftlichen Vereins in Bayern 1848, Nr. 1, 33). Die modifizierten Rezepte wurden nun im gesamten deutschen Gebiet verbreitet, auch wenn der Norden und Osten wenig bestrichen wurde (vgl. Wiener Zeitung 1847, Nr. 1 v. 1. Januar, 4; Oesterreichisches Morgenblatt 12, 1847, Nr. 25, 100; Ökonomische Neuigkeiten und Verhandlungen 1847, 216 bzw. Jurende’s Vaterländischer Pilger 35, 1848, 156). Ob das Eichelbrot dadurch „ziemlich volkstümlich“ (Prometheus 26, 1915, 817) wurde, wie später behauptet, sei jedoch dahingestellt. Belege konnte ich nicht finden.

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Eindringen in die Materie der Dinge: Stärke des Eichelmehls, 500fach vergrößert (T[homas] F[ranz] Hanausek, Die Nahrungs- und Genussmittel aus dem Pflanzenreiche, Kassel 1884, 483)

Auch nach der gescheiterten Revolution wurden diese Vorschläge in den 1850er und 1860er Jahren weiter verbreitet, waren Bestandteil hauswirtschaftlicher Literatur, aber auch von Tageszeitungen (A.R. Percy, Allgemeines chemisch-technisch-ökonomisches Recept-Lexicon, Nürnberg 1856, 74; Das goldene Buch oder der ökonomische Hausschatz 1, 1857, 34; Neuburger Wochenblatt 1868, Nr. 90 v. 23. Juli, 428; Wochenblatt für das christliche Volk 1868, 255). Neue Verfahren aber blieben aus, auch wenn einzelne Eichelbrotverbesserer ihre Verfahren mit neuem Enthusiasmus anpriesen (L. Tischmayer, Eichel- und Kastanienmehl als Zusatz zum Brodmehl, Zeitschrift für die Gesammten Naturwissenschaften 6, 1856, 466; Lochner’s Geschäfts-Zeitung 7, 1862, Nr. 46 v. 15. November, 3). Doch derartige Vorstöße stießen nun auch auf vermehrte öffentliche Kritik an veredeltem Schweinefutter. Neuerlich wurde der Geschmack als ekelhaft bitter kritisiert, zugleich aber eine einfache Kosten-Nutzen-Analyse vorgenommen: Will “man solche Stoffe wirklich genießbar machen, so erfordert es eine Arbeit, die mit dem, was endlich gewonnen wird, in gar keinem Verhältnisse steht“ (Voralberger Landes-Zeitung 1864, Nr. 54 v. 5. Mai, 3).
Anfang der 1890er Jahre folgte dann ein neuerlicher und für lange Zeit letzter Versuch, Eichelbrot einzubürgern. Zu einer Zeit, als eine Neugestaltung der Alltagskost durch neuartige Volksnahrungsmittel, Eiweiß- und Nährpräparate auf der Expertenagenda stand, versuchte Paul Soltsien, ein später wichtiger Fettchemiker, erstmals eine neue Backführung. Er vermengte das Mehl getrockneter schalenlosen Eicheln mit Roggen- resp. Weizenmehl, fügte dann Sauerteig und Salz hinzu. Die Sauerteiggärung veränderte die verbleibenden Gerbstoffe, so dass das Eichelbrot „genießbar“ wurde, ja deutlich bekömmlicher als seine Vorgänger (Zeitschrift für Nahrungsmittel-Untersuchung und Hygiene 9, 1891, 294). Für die Entbitterung hatte der Forscher anfangs Ammoniak genutzt, fand dann aber heraus, dass ein sechs- bis achtmaliger Wasseraufguss dies kostengünstiger erreichte (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 32, 1891, 571-574, hier 572). Doch neben gefälligen Beifall mischte sich Häme in die Debatte über das neue Verfahren. Der Chemiker und Samenhändler Theodor Waage vermerkte süffisant: Die Verwendung von Eicheln „ist aber keineswegs neu und die Verfahren, welche letzthin zur Entbitterung dieser Samen empfohlen wurden, waren im Wesentlichen bereits vor 100 Jahren – längst bekannt“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 32, 1891, 689). Er sah keinerlei Bedarf für ein derartiges Brot, bevorzugte im Falle eines Falles zudem die Einführung eines Maismischbrotes zur Armutsbekämpfung. Soltsien antwortete, dass sein Verfahren wissenschaftlich sei, entwickelt „an Hand von wissenschaftlichen Versuchen, auch von Analysen mit den Fabrikaten“. Außerdem führte er soziale und ökologische Gründe an: „Wenn ich das Sammeln von Eicheln empfohlen habe, so habe ich das im Interesse der ärmeren Bevölkerung gethan, und halt ich das Sammeln nach wie vor für richtiger, als dass man die Eicheln (wie es so häufig geschieht) verfaulen lässt“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 33, 1892, 21).
Das gleichsam letzte Wort in Sachen Eichelbrot wurde dann anlässlich umfangreicher physiologischer Untersuchungen von Hungerbroten nach der russischen Hungerkrise 1891/92 gesprochen. Ja, es war besser als andere Surrogate. Doch die Versuchspersonen (es handelte sich um zwei russische Soldaten) empfanden das Brot als unangenehm bitter und mussten sich zwingen, auch nur geringe Mengen zu essen. Der Schweizer Hygieniker Friedrich Erismann (1842-1915), der lange Zeit in Russland tätig war, ehe er als Sozialdemokrat entlassen wurde, bündelte pointiert, dass die Hungerbrote, auch das Eichelbrot, „als Nahrungsmittel einen äusserst geringen Werth besitzen, und dass viele derselben durch toxische oder mechanische Wirkung direkt die Gesundheit schädigen können. Derartige Surrogate des Brotes dürfen also auch bei grossem und äusserstem Mangel an Roggen- und Weizenmehl nicht benutzt werden, und es ist ein Gebot der öffentlichen Gesundheitspflege, dass dieselben aus der Liste der Nahrungsmittel auch bei Nothzuständen vollkommen gestrichen werden.“ (Die russischen Hungerbrote und ihre Ausnutzung durch den Menschen, Zeitschrift für diätetische und physikalische Therapie 5, 1902, 627-642, hier 641) Trotz dieses strikten Verdikts sollte die Debatte um das Eichelbrot in den Kriegszeiten des mörderischen 20. Jahrhunderts nicht verstummen.
Das Verschwinden des Eichelbrotes im langen 19. Jahrhundert bedeutete allerdings nicht ein Verschwinden von Eichelprodukten: Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde Eichelkaffee zu einem Ersatzprodukt für den teuren orientalischen Kaffee, vor allem aber zu einem wichtigen diätetischen Heilmittel. Seit dem späten 19. Jahrhundert trat der Eichelkakao hervor, ebenfalls als Heilmittel gegen Durchfälle bei Kleinkindern. Auf beide werde ich an anderer Stelle zurückkommen. Denn hier geht es um Eichelbrot, der mehligen Essenz des deutschesten aller Bäume. Das Verschwinden des Eichelbrotes war nämlich begleitet von einer immensen Aufwertung der Eiche, ihrer Blätter und Früchte im Symbolhaushalt der sich im 18. Jahrhundert entwickelnden deutschen Nation. Eichelbrot verschwand, Eichellaub dagegen wurde zum Nationalsymbol.

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Denkmal für einen Germanenrecken mit Eichelfresser (Illustrirte Zeitung 82, 1884, 220)

Dies begann als Dichterkonstrukt, als faktenwidrige Geschichtskonstruktion, die hier nur angerissen werden kann. Doch in intellektuellen Eliten etablierte sich schon in der frühen Neuzeit eine Vorstellung „deutscher“ Vergangenheit, voll Rohheit und Reinheit, im strikten Gegensatz zu Rom und zu Frankreich. „Die Kleidung der Teutschen war vorzeiten auß Thieres-Heuten / da unser Vorfahren noch Eichel-Brod assen“ schwadronierte etwa der evangelische Theologe Hermann Fabronius (1570-1634) über die dunkle Vorzeit (Geographica Historia, 4. Aufl., Schmalkalden 1625, 40). Was zählte schon Empirie für den in Eichenhainen streunenden Gottesmann. Der Dramatiker Christoph Otto von Schoenaich (1725-1807) fand in seiner dramatischen Eloge über Hermann den Cherusker dann richtungsweisende Verse: „Wie verschwunden, saget Hermann, wie verschwunden ist die Zeit; Da kein Sterblicher die Zunge noch mit fremder Kost entweiht! Da ein frisches Eichelbrot unserm Gaumen Lust ertheilte; Der verwöhnte Hals noch nicht, nach vermengten Speisen geilte“ (Hermann, oder das befreyte Deutschland, ein Heldengedicht, Leipzig 1751, 14). Sein Förderer, der Schriftsteller und Metaphysiker Johann Christoph Gottsched (1700-1766), sandte dem Autor daraufhin einen ehrenden Lorbeerkranz, doch an die Stelle dieser antiken Ehrung trat zunehmend das Eichenlaub, das immer häufiger auch das Haupt der Germania zierte. Mochten die Franzosen während der Revolution auch Eichen als Freiheitsbäume pflanzen, die Eiche war deutsch und blieb deutsch. Der erste der Klassiker, Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), umkränzte die „deutsche Eiche“ mit immer neuen Sprachgirlanden. Im Drama Herrmanns Schlacht hieß es 1769: „O Vaterland, o Vaterland! Mehr als Mutter und Weib und Braut‘, Mehr als ein blühender Sohn, Mit seinen ersten Waffen! Du gleichst der dicksten, schattigsten Eiche, Im innersten Hain, Der höchsten, ältesten, heiligsten Eiche, O Vaterland!“
Während die Bedeutung von Eichen und Eicheln in der Forst- und Landwirtschaft, insbesondere aber im Bereich der Alltagskost an Bedeutung verlor, begann seit dem frühen 19. Jahrhundert der Siegeszug allegorischer Zeichen, insbesondere des Eichenlaubs. Die napoleonische Herrschaft und die folgenden Befreiungskriege verankerten die Eiche als deutsches Nationalsymbol, als Ausdruck von Selbstbestimmung einer zersplitterten Sprachnation. Doch die martialische Kehrseite war schon vernehmbar, eine Ambivalenz, wie sie etwa die Dichtkunst Theodor Körners (1791-1813) prägte. Seine 1811 entstandenes Gedicht „Die Eichen“ reimte Treue auf Todesweihe, und im kurz vor seinem Soldatentod entstandenen „Bundeslied vor der Schlacht“ hieß es „Wachse, du Freiheit der deutschen Eichen, Wachse empor über unsere Leichen!“ (Sämmtliche Werke, 3. Gesamtausgabe, Berlin 1838, 23). Körners Grab zierte eine Eiche – und Eichenpflanzen stand symbolisch für eine aufbrechende Nation. Luthereichen wurden vorrangig 1817 (300 Jahre Reformation), 1833 (dem 350. Geburtstags des antisemitischen Hasspredigers) und 1883 gepflanzt. Bismarck- und Kaisereichen folgten, schließlich, ab 1933 auch Tausende von Hitler-Eichen.
Die deutschen Turner nahmen dies auf, noch liberal, nicht nur national, zierten ihre Siegermedaillen mit Eichenlaub. Auch das 1813 gestiftete preußische Eiserne Kreuz wurde in der Publizistik damit dekoriert. Offizieller Bestandteil dieses militärischen Ehrenzeichens wurde es allerdings erst 1895. Für die liberale Einigungsbewegung verkörperte die Eiche Zusammenhalt und Dauer, für große Teile des Bürgertums deutschen Sinn, deutsche Gesittung und deutsche Reinsprache – so der Untertitel der 1850 gegründeten Sprachpflegezeitschrift „Die deutsche Eiche“. Auch später, nach der Zerschlagung der deutschen Nation durch das kleindeutsche Reich, stand Rausch: „Die Eiche rauscht im Vaterlande, die Deutschen grüßen Schaar und Schaar, Germania im Festgewande, Es schmücken Kranz um Kranz ihr Haar“ – so 1883 in Friedrich Hofmanns (1813-1888) Festlied zur Sedanfeier (Gartenlaube 1883, 574). Eichenkränze zierten danach Konsumgüter, Ritterkreuze, auch das deutsche Geld. Auf den Euromünzen ist sind Eicheln und Eichenlaub bis heute präsent.

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Eichenlaub zur Produktwerbung 1924 (Uhu 1, 1924/25, Nr. 1)

Doch Linearität, gar nationale Sonderwege, sind daraus nicht zu konstruieren. Denn der Kult der Eiche und ihrer Produkte wurde seit dem späten 18. Jahrhundert immer wieder kritisiert und geistreich verspottet. Heinrich Heines Begriff vom Ureichelfraß belegt dies, ebenso seine Kritik an den deutschen Republikanern, die wie Vögel „in den Wipfeln deutscher Eichen“ (Französische Zustände, Hamburg 1833, 247) nisten würden, die auf den Wandel warteten, diesen aber nicht erstritten. Als 1844 in der Berliner Hasenheide ein neuer Turnplatz dank beträchtlicher königlicher Mittel eröffnet wurde, forderte die Kölnische Zeitung selbstbewussten Bürgersinn: „Wir wünschen jedoch, daß die deutsche Kraft und Tüchtigkeit sich eben so wenig in Empfindelei, wie in Rohheit verliere. Möge die Jugend auf dem Turnplatze eine edle Vaterlandsliebe empfinden, ihr für alles Rechte und Wahre früh die Keime eingeimpft werden; aber dazu gehört weder Eichelkaffee und Eichelbrod noch weniger eine geistige Eichelkost aus dem Mittelalter“ (Regensburger Zeitung 1844, Nr. 179 v. 1. Juli, 713). Diesen Spott nachzuverfolgen wäre eine eigene Aufgabe. Er endete vorerst in der Weimarer Republik, mit der NSDAP als Eichelsammelpartei.

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Eicheln als Symbol eines irrlichternden Nationalismus: Karikatur von einsammelnden Nationalsozialisten (Jugend 35, 1930, 688)

Eichelbrot war aber nicht allein Ausdruck innerdeutscher Sehnsüchte, Selbstbeschreibungen und Hegemonialkämpfe. Es war zugleich ein Symbol der Abgrenzung und Selbsterhöhung. Die Exotik der Armenspeise und Notnahrung erlaubte Grenzziehungen zu anderen Ländern, Nationen und Kulturen. Eichelbrot stand dabei nicht mehr für fiktive Vergangenheiten fiktiver Deutscher oder das Interesse an den Kuriositäten fremder Länder. Es stand nun für die Rückständigkeit, die Rohheit, mangelnde Kultur und Ineffizienz anderer. Sardinien, Kalifornien und Russland sind dafür gute Beispiele.
Wir hatten schon von der protestantischen Brandmarkung der Eichelbrotesser im Kirchenstaat gesprochen. Im 19. Jahrhundert wurde dieses Narrativ weiter gesponnen, konzentrierte sich auf Sardinien. Nicht Arkadien wurde besungen, sondern Rückständigkeit: „Die Einwohner, namentlich im Innern, sind sehr roh, zum Theil noch in Leder und Felle gekleidet, von Eichelbrot lebend, an Charakter den Corsen ähnlich, nicht selten Blutrache übend“ (Nachrichten von und für Hamburg 1835, Nr. 278 v. 23. November, 3). Während in Deutschland Weizenbrot langsam an Bedeutung gewann, war man verwundert über die Traditionsverhaftetheit der Sarden: „Die Eicheln werden nämlich gut gekocht und in Brei verwandelt. Man begießt denselben mit Wasser, das von einer fetten Thonerde geschwängert ist und das man in der Nähe schöpft. Hieraus werden kleine glatte Kuchen geformt, und dieselben mit ein wenig Asche bestreut, damit sie nicht am Tische festkleben. Um sie etwas genießbarer zu machen, befeuchtet man sie mit einem wenig geschmolzenen Speck“ (Münchener Konversationsblatt 1846, Nr. 55 v. 11. Juli, 234). Am Ende des 19. Jahrhunderts war Eichelbrot nicht mehr Alltagskost aller, sondern Ausdruck der Armut an der europäischen Peripherie (Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 15, 1896, 432). Als „ein wichtiges Nahrungsmittel des armen Mannes“ (Rudolf Kobert, Lehrbuch der Pharmakotherapie, Stuttgart 1897, 143) hatte es sich dort behauptet, auch als Folge der hohen Verbrauchssteuern auf Getreide (Allgemeine Zeitung [München] 1902, Nr. 49 v. 28. Februar, Beilage, 5). Reisende aus dem Norden begegneten der einheimischen bäuerlichen Gesellschaft mit einem wechselseitige Fremdheit unterstreichenden ethnologischen Blick. Die lokale Herstellung mit ihrer systematischen Nutzung des einheimischen Tons wurde präzise beschrieben, sich nicht mehr erinnert, dass es sich hierbei um Techniken handelte, die während der Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Mitteleuropa empfohlen worden waren. Einer gewissen Exotik konnten sich die Berichterstatter jedoch nicht entziehen. Das galt für das ungewöhnliche Räuchern der Brote und deren offenbar apartem Geschmack: „Das Eichelbrot ist von schwarzer Farbe, hat den Geruch von getrockneten Pflaumen, ist weich und von süßlichem Geschmack, ein Unterschied zwischen Kruste und Krume ist nicht vorhanden“ (Ostdeutsche Rundschau 1900, Nr. 172 v. 24. Juni, Unterhaltungsbeilage, 96).

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Indianerin beim Zerstampfen von Eicheln (Fritz Krause, Die Kultur der kalifornischen Indianer, Leipzig 1921, Tafel 12)

Während es sich beim Eichelbrot Sardiniens um eine kulturellen Restpraktik armer Europäer handelte, die durch eine gerechtere Steuer- und Wirtschaftspolitik mittelfristig wohl überwunden werden dürfte, wurde die Eichelkost kalifornischer „Indianer“ als Ausdruck ihres Seins präsentiert. Auch wenn erste Berichte hierüber schon im 18. Jahrhundert in Europa eintrafen, so war es doch erst der Goldrausch der späten 1840er Jahre, der das Interesse der „zivilisierten“ Nationen hervorrief. Und wahrlich: „Die Hauptnahrung dieser Wilden besteht aus Eichelbrod, solchem Brei und aus dem Samen eines Grases – eine Art Hafer – der zu gleichem Zwecke gekocht und zu Brod bereitet wird“ (Der Eilbote 1851, Nr. 34 v. 30. April, 253). Doch die Reiseberichte boten auch Einblicke in die Breite der Alltagskost: „Das erste und wesentlichste Nahrungsmittel der Indianer besteht in Eicheln, welche sie in verschiedener Zubereitung genießen: bald nur grün und roh, und dann werden sie von den Bäumen genommen, ehe sie noch abfallen; bald blos am Feuer gebraten oder gekocht, wie man uns die zahmen Castanien auftischt; oder auch in Wasser zu Brühe zerkocht oder zu Brod gebacken. Die Weiber müssen für die Nahrung des ganzen Stammes sorgen“ (Die Indianer in Californien, Der Sammler 20, 1851, 125-126, hier 125). Was heute als „indigenous food“ sichtbar gemacht und vermarket wird, war damals allerdings Ausdruck der fast unbegreiflichen Armut dieser Ureinwohner, die neben Eichelbrot auch Würmer aus der Erde gruben und verspeisten (Neue Speyerer Zeitung 1852, Nr. 296 v. 10. Dezember, 1352). Ein halbes Jahrhundert später hatte sich der Blick deutlich verändert, näherte sich dem auf Schwarze in den Kolonien Afrikas oder der Südsee an. Ein von 1903 bis 1937 in zahlreichen deutschsprachigen Zeitungen erschienener unterhaltender Artikel ergötzte sich an den Mitgiften für Bräute der kalifornischen Karoks, stieg doch der in Muschelschalen zu bezahlende Wert der Frauen doch deutlich an, vermochten sie ein gutes Eichelbrot zu bereiten (Neues Wiener Journal 1903, Nr. 3334 v. 7. Februar, 7 bis hin zu Hamburger Nachrichten 1937, Ausgabe v. 1. Oktober, 8). Parallel aber setzte ein ethnologisches, wissenschaftliches Interesse ein. Die Techniken der Eichelbrotzubereitung wurden genauestens dokumentiert, die steinernen Gerätschaften ausgemessen und präzise gezeichnet, Photographien geschossen (vgl. Krause, 1921 mit weiterer Literatur). Die „Indianer“ verknüpften die Härte und Rohheit des „wilden“ Lebens, erinnerten nicht mehr daran, dass dies ehedem auch Hermann dem Cherusker und anderen germanischen Recken zugeschrieben worden war.

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Zwischen Urtümlichkeit und Verachtung: Abkühlung von Eichelbrot im Wasser zur Ablösung der Backform (Österreichische Illustrierte Zeitung 20, 1910/11, 423)

Während die indigenen Kalifornier aber noch in einem Umfeld von Natürlichkeit, Naivität und Unschuld präsentiert wurden, spiegelte die breite Diskussion über das russische Eichelbrot das zentraleuropäische Unverständnis über die Rückständigkeit des zaristischen Russlands. Eichelbrot war schon in der frühen Neuzeit mit Weißrussen und „armen Tartaren“ (B[ernhard] S[ebastian] von Nau, Vermischte Aufsätze über Land- und Forstwirthschaft, Frankfurt a.M. 1804, 33) verbunden gewesen. Doch anders als im industrialisierten Europa gab es im östlichen Kaiserreich auch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wiederholt Hungersnöte, ein Skandalon für Europa als Machtzentrum der Welt. Bereits die Versorgungskrise 1891/92 führte zu einem öffentlichen Aufschrei und zu Hilfslieferungen nicht zuletzt aus den USA. Hunger wurde nach den indischen Katastrophen von 1896/97 und vor allem von 1899 bis 1902 zunehmend als humanitäre Aufgabe angesehen. Nach der Revolution 1905 hoffte die bürgerliche Öffentlichkeit zugleich auf moderate Reformen des autokratischen Systems. Die Hungersnot 1906 zeigte die hässliche Realität, Eichelbrot diente als Marker zivilisatorischer Unterschiede. Der Bericht des späteren ersten Ministerpräsidenten der russischen Republik Fürst Georgi Jewgenjewitsch Lwows (1861-1925) unterstrich dies: „Im Kreise Menselinsk hat man von Dörfern, die ich unterwegs sah, nur in 7 [von 33, US] kein Eichelbrot gegessen, in allen übrigen ißt man reines oder gemischtes Eichelbrot. Es sieht aus wie Mist mit Erde gemischt. Man ißt es schon von September an und befolgt dabei die größte Sparsamkeit. Man ißt es nur einmal am Tage. Den Kindern gibt man Eichelmehl mit heißem Wasser. Von solchem Brote (dem ‚Hungerbrote‘, wie man es nennt) sehen die Menschen ganz schrecklich aus; blaß, abgemagert, zitternd, mit eingefallenen Augen; sie klagen, daß ihnen von diesem Brote ‚das Herz brennt‘“ (Neue Hamburger Zeitung 1906 v. 13. Dezember, 9). „Dieses elende ‚Brot‘ sieht so schmutzig und hart aus wie Erde und Dünger: aber es bildet seit September die Hauptnahrung für Millionen Menschen“ (Berliner Börsen-Zeitung 1906, Nr. 586 v. 15. Dezember, 9). Menschen wurden durch die Nahrung gleichsam zu Tieren. Und das galt auch für die Hungersnot 1911/12: „Nun müssen die Bauern die Hungerqualen mit Eicheln, Kleie, Wurzeln und Baumrinde stillen. Die gewöhnlichen Hungerkrankheiten, Skorbut und Typhus, folgten natürlich. Bis Schnee fiel, sammelten Frauen und Kinder die Eicheln, die mit den Schalen zu ‚Eichelbrot‘ verbacken wurden. Krankheit und Blutungen waren die Folge“ (Vorwärts 1911, Nr. 305 v. 31. Dezember, 7). Das Vorkriegsrussland war offenbar unfähig zur Reform, versank im Immergleichen, erreichte nicht einmal den deutschen Standard des späten 18. Jahrhunderts. Eichelbrot war in derartigen Berichten eine fremde Speise, mit der man nichts mehr gemein hatte. Doch im Ersten Weltkrieg kam die Frage des Umgangs mit der Nahrungsnot neuerlich auf den Tisch.
Brot und Kartoffeln bildeten damals das Rückgrat der täglichen Kost, machten etwa 70 % des Nährwertes an der „Heimatfront“ aus. Die durch die Rationierung vorgesehene Menge lag 1917/18 bei lediglich der Hälfte des Vorkriegskonsums. Zugleich verschlechterten sich Brot und Brotmehl. Die Ausmahlung wurde von 70 % über 72 und 75 auf 80, 82 und 1917/18 schließlich 94 % gesteigert. Zusatzstoffe halfen das Mehl zu strecken. Ab Oktober 1914 wurden dem „K-Brot“ 5 %, ab Januar 1915 10 % und dann gar bis zu 20 % Trockenkartoffeln zugesetzt. „Statt der Trockenkartoffeln durften auch Frischkartoffeln, ferner Bohnenmehl, Sojabohnenmehl, Erbsenmehl, Gerstenschrot, Gersten- und Hafermehl, fein vermahlene Kleie, Maismehl, Maniok- oder Tapiokamehl, Reismehl, Sagomehl, Sirup, Zucker, schließlich auch Rüben verwendet werden. […] Das fast restlos ausgemahlene und mit fremden Zusätzen vermischte Mehl bereitete beim Backen erhebliche Schwierigkeiten, so daß die Klagen über klitschiges, schlecht zu kauendes, schlecht schmeckendes, zu saures und schwer bekömmliches Brot während der ganzen Kriegszeit nicht aufhörten“ (H[ans] Bischoff, Ernährung und Nahrungsmittel, 2. verb. Aufl., Berlin/Leipzig 1921, 53). Entsprechend begann eine Diskussion auch über die Eichelfrucht, auch weil 1914 ein Jahr mit sehr hohem Aufkommen war.

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Kontrolle im Mangel: Backprobenausstellung in der Berliner Reichsgetreidestelle (Welt im Bild 1918, Nr. 153 v. 23. Januar, 6)

Große Mengen wurden von Kindern gesammelt, dienten als Futtermittel. Die Eicheln wurden auch für Eichelkaffee, Eichelkakao und (später) als Streckungsmittel für Marmelade genutzt (Die Gartenwelt 19, 1915, 30-31, 133). Doch eine umfassendere Nutzung scheiterte schlicht an den mangelnden Kapazitäten für das Sammeln und insbesondere an fehlenden Trocknungs- und Verarbeitungskapazitäten. Derartige materielle Engpässe bremsten die deutsche Zivilgesellschaft, die angesichts der rasch spürbar werdenden Mängel der Ernährungsversorgung bereit war, sich nach der Decke zu strecken und dazu auch ungewohnte Experimente einzugehen: „Der Krieg hat sich schon zu wiederholten Malen als praktischer Lehrmeister gezeigt und seitdem wir in so vielen Dingen, die das Küchenreich beherrschen, auf Neues gestoßen sind, ist es nicht zuletzt der Heimatboden, dem wir vieles abgewinnen – woran wir bisher achtlos – oder wenigstens nicht besonders achtvoll vorübergingen. Zu diesen Neuerungen dürften zweifellos die Eicheln gehören“ (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 8, 1915, 149). Doch dies galt vor allem für den Hausgebrauch, für das Sammeln und Verarbeiten von Eicheln zu „deutschem“ Kaffee und Kakao. Das Eichelbrot wurde nicht reaktiviert, im Gegenteil. Die nutritive Kriegspropaganda kokettierte 1915/16 zwar mit den Notbroten früherer Hungerszeiten, doch damit sollte vor allem dokumentiert werden, dass die Einschränkungen der Gegenwart im Vergleich zu denen der Vergangenheit relativ begrenzt waren (Neue Hamburger Zeitung 1915, Nr. 139 v. 17. März, 4).
Dies bedeutete nicht, dass nicht versucht wurde, aus Eicheln Nutzen für den Menschen zu ziehen. Forschungen gab es, Empfehlungen ebenfalls. Der Prager Agrarwissenschaftler Julius Stoklasa (1857-1936) empfahl die Streckung des Brotes: „Vom Eichelmehl kann man 10-15 % zum Roggen-, Gersten- und Maismehl zusetzen. Das aus diesem Gemisch bereitete Brot ist ganz gut genießbar“ (Das Brot der Zukunft, Jena 1917, 94). Max Paul Neumann (1874-1937), Direktor der Berliner Versuchsanstalt für Getreideverarbeitung, ließ Eichelbrote backen und testen. Doch was früher als wohlschmeckend galt, wurde nun als fremdartig beschrieben. 5 % Eichelmehl könne man anderem Brot zusetzen, mehr sei nicht zumutbar (R[ené] O[tto] Neumann, Die im Kriege 1914-1918 verwendeten und zur Verwendung empfohlenen Brote, Brotersatz- und Brotstreckmittel, Berlin 1920, 223). Trotz seiner langen Geschichte als Notnahrung stand Eichelmehl damals in einer Reihe mit Streckmitteln wie Kastanien, Moos, Brennnesseln, Lupinen, Kartoffelpülpe, Biertreber, Knochenmehl und Steckrübenmehl. Wilhelm Kerp, langjähriger Direktor am Reichsgesundheitsamt, kommentierte lapidar: „Ihre Unbrauchbarkeit für den vorgeschlagenen Zwecke ergab sich meist von selbst oder konnte unschwer nachgewiesen werden“ (Versorgung mit Ersatzlebensmitteln, in: F[ranz] Bumm (Hg.), Deutschlands Gesundheitsverhältnisse unter dem Einfluss des Weltkrieges, Halbbd. II, Stuttgart/Berlin/Leipzig 1928, 77-122, hier 104).

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Privates Sammeln und staatliche Verwertung 1916 (Altonaer Nachrichten 1916, Nr. 459 v. 30. September, 5)

Eicheln wurden dennoch gesammelt. Sie sollten, zusammen mit Kastanien, die Futtermisere der deutschen Landwirtschaft mildern, insbesondere Getreideschrot ersetzen, das für die Brotversorgung benötigt wurde. 1915 richtete die Zentraleinkaufs-Gesellschaft reichsweit Sammelstellen ein, Öl- und Futterpflanzen sollten dort professionell gelagert und effizient verteilt werden. Man zahlte ordentliche Preise für das Sammelgut, legte zudem gewisse Qualitätskriterien fest, wollte vor allem Kinder und Frauen zur Arbeit motivieren (Mitteilungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 30, 1915, 571). Schweine sollten ½ bis 1 kg pro Schnauze und Tag erhalten, Schafe und Ziegen ½ kg, Rindvieh und Pferde 1 kg, und von Gänsen, Enten, Hühner und Kaninchen wurde verlautbart, sie würden gedörrte Eicheln lieben. Doch die Preise lagen offenbar zu hoch (Ebd., 679), schließlich mussten die Eicheln noch getrocknet, verarbeitet und transportiert werden. Aufgrund der Verstopfungsgefahr durch einseitige Eichelfütterung galt es zudem das Komplementärfutter präzise zu kalkulieren – und das bei immensem Futter- und Arbeitskräftemangel. Dennoch nahm die Regulierung zu: 1916 wurden die deutschen Eicheln unter staatliche Kontrolle gestellt, Staatsbedarf ersetzte Eigenbedarf. Die Ergebnisse lagen unterhalb der Projektionen, doch waren sie nicht unbeträchtlich. Die für den Menschen direkt genutzten Eichelprodukte waren dagegen von relativ geringer Bedeutung. Gegen Kriegsende wurden jährlich „höchstens 5000 t“ Eicheln zu Ersatzkaffee verarbeitet (Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 35, 1918, 87 (Beitter)). Wie groß die Menge der unerlaubt genutzten „Gratis-Nahrung aus Wald und Feld“ war, lässt sich nicht quantifizieren.

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Kinder beim Sammeln von Eicheln im Berliner Tiergarten (Deutsch-Amerika 8, 1922, Nr. 44, 9)

Doch mit Kriegsende waren die Einschränkungen nicht vorbei, denn aufgrund der fortdauernden alliierten Blockade und der dann einsetzten Hyperinflation endete das Jahrzehnt der Ernährungskrise erst 1923. Eicheln wurden weiter gesammelt und als Tierfutter genutzt. Zu Eichelbrot wurde dieses vereinzelt weiterverarbeitet, doch es war dann Ausdruck ärgster Not. Aus Oberösterreich hieß es während der Hungerkrise 1920 selbstbewusst, hier sei „der Hunger sicher ärger als im Jahre 1531, aber unsere Bauern verzehren deshalb gewiß kein Eichelbrot; solche Nahrung überlassen sie den Städtern und dem Industrieproletariat“ (Linzer Tagblatt 1920, Nr. 79 v. 4. April, 2). In Russland blieb dagegen trotz (oder wegen) der neuen Herrscher alles beim Alten: Die Hungersnot 1921 führte zu massivem Eichelbrotkonsum. Der Vorwärts nannte es das „Brot der Verzweiflung“ (Vorwärts 1921, Nr. 613 v. 29. Dezember, 5).
In der Zwischenkriegszeit gab es kein Eichelbrot, auch die reiche Eichelernte 1932 setzte trotz Weltwirtschaftskrise keine Debatte über einschlägige menschliche Nahrungsmittel ein. Eicheln blieben eine „willkommene Futterbrigade“ (Alpenländische Rundschau 1932, Folge 466, 23), nicht mehr und nicht weniger. Das änderte sich erst mit der verstärkten Aufrüstung und Wehrhaftmachung des Deutschen Reiches durch den Vierjahresplan. Auf Grundlage detaillierter Analysen, verbesserter Verfahrenstechnik und auch tierphysiologischer Untersuchungen wurde seit 1937 die Eichelfuttergabe für das liebe Vieh erhöht, da man nun genauer wusste, wie man parallel abführenden Futterstoffe, etwa Rübenblättern, Möhren, Melasse und Rübenschnitzel einzusetzen hatte. Auch die Gewinnung von Eichelöl war eine der vielen Maßnahmen zur Schließung der Fettlücke, also dem Produktionsdefizit der deutschen Landwirtschaft (Fette und Seifen 44, 1937, 464-465).

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Wildfrucht für den Hausgebrauch: Eichelkaffee (Das kleine Blatt 1939, Folge 304 v. 4. November, 6)

Während des Krieges spielten Eichelprodukte keine irgendwie relevante direkte Rolle für die Kriegsernährung. Trotz Forschung gab es im öffentlichen Versorgungssystem keine eigens propagierten Ersatzmittel (oder Austauschstoffe, wie es sprachpflegerisch hieß) aus Eicheln – wenngleich die Exilpresse dieses sehr wohl behauptete (Der Neue Vorwärts 1940, Nr. 345 v. 28. Januar, 4). Eichelbrot mag auf Eigeninitiative hin in seltenen Fällen gebacken worden sein, doch eine staatliche Propagierung unterblieb. Anders beim Eichelkaffee, der unter die Wildfrüchte subsumiert wurde und durchaus Konsumenten fand. Eicheln wurden auch als Rohstoff für Nährmittel eingesetzt, etwa beim Hamburger Reiswunderwerk Hamester (Braunschweigische Konserven-Zeitung 1942, Nr. 5/6, 16). Und natürlich zogen seit spätestens 1936 Hitlerjungen und Bauernführer durch deutsche Haine, um für deutsche Schweine deutsche Eicheln und Kastanien zu sammeln (Mitteilungen für die Landwirtschaft 55, 1940, 711). Die Endniederlage hat dies alles nicht hinausgezögert.

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„Rohstoff Eichel“ als Teil der Wildfrüchte in der Sowjetischen Besatzungszone (Nahrung und Natur 3, 1949, H. 3/4, I)

Diese Distanz zum „Rohstoff Eichel“ wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit zumal in der sowjetischen Besatzungszone zeitweilig aufgegeben. Wilhelm Ziegelmayer (1898-1951), die zentrale Figur der deutschen Heeresverpflegung und nach Kriegsende Multifunktionär in der SBZ, forderte verstärkte Anstrengungen „alle heimischen Rohstoffe restlos zu nutzen,“ auch solche, „die früher infolge irgendwelcher Mängel oder Verarbeitungsschwierigkeiten unverwertet geblieben sind“ (Die Ernährung des deutschen Volkes, Dresden/Leipzig 1947, 561). Eicheln sollten zur „Streckung von Schokolade, Kaffee-Ersatz, Eichelmehl“ genutzt werden (Ebd., 216). Die in Deutschland erst nach Kriegsende einsetzte Unterversorgung führte in der Tat zu einer vermehrten Sammeltätigkeit und häuslichen Verarbeitung von Wildfrüchten (Rosemarie Köhler, Brennnessel und falsches Schmalz. Notjahre in Dahlem 1945 bis 1949, in: Vom Berliner Stadtgut zum Freilichtmuseum. Geschichte und Geschichten der Domäne Dahlem, Berlin 1997, 94-108, hier 103-104). Ein Eichelkochbuch half beim Umgang mit der neuen Materie und präsentierte Eichelmehl als Grundlage für „Leckereien“ wie Eichelsuppe, Eichelauflauf, Bratlinge, Plätzchen, Brotaufstrich und vieles mehr (Erika Lüders, 10 Pfund Eicheln sind 7 Pfund Eichelmehl. Ein Mehlkochbuch, Berlin 1946). Eichelbrot war nicht darunter. Ernährungsphysiologisch wurde vor dauerndem Gebrauch dieser Notschmankerl gewarnt, da die Gerbsäure die Gleitfähigkeit des Nahrungsbreies vermindere und daher Verstopfung begünstige. Eicheln wurden aber vorrangig gesammelt, um Schweine zu füttern, um also indirekt den Nahrungsmangel zu mindern. All das änderte sich in den 1950er Jahren. Wildschweine und Rotwild wurden noch viele Jahrzehnte mit Eicheln gefüttert, doch heutzutage ist auch dieses eher selten geworden. Während der heutigen milden Winter finden die Tiere genügend Nahrung.
Heutzutage findet man dennoch wieder ein gewisses Interesse an Eichelbrot, das teils kommerziell hervorgerufen, teils kommerziell bedient wird (vgl. etwa Sindy Simone Grambow, Herbstfrüchte aus Wald und Wiese. Kochen, Backen, Naschen mit Eicheln, Hagebutten und Co., Norderstedt 2015; Michael Maschatschek, Nahrhafte Landschaft 3, Köln 2015). Im stetig tönenden Internet ist gar von einer „Renaissance des Eichelbrotes“ die Rede. Doch Belege werden keine gegeben, das Gefühl der Propagandisten und Aktivisten dominiert. Weiterhin wird Eichelbrot als „Urbrot“ bezeichnet, als etwas „Urwüchsiges“. Ohne Rückbindung an auch nur elementare naturwissenschaftliche Grundkenntnisse wird dort von der „Umerziehung vom basischen Eichelbrot zum krankmachenden Getreide“ oder der „Heilkraft der Bäume“ schwadroniert. Ebenso schlimm, zumindest für mich, sind die locker flockigen Geschichten der ach so trendigen Journalist*innen, die einen stetig anblöken, fragend, ob nicht vielleicht auch meine Großeltern in den Herbstmonaten gerne Eichelbrot gegessen hätten. Nein, das haben sie nicht! Schreiberlinge von Geo, Stern und Bild berichten ohne rechte Kenntnisse über die freudig-urige Eichelküche, schollennah und schweinig-grunzend. Und Brigitte, das Fachmagazin für die moderne Frau, kaspert ein „Schließlich haben Oma und Opa schon Eichelbrot gegessen und Eichelkaffee getrunken!“ zu all diesen Zeugnissen profunder Unkenntnis hinzu. Selbstverständlich finden sich „im Netz“ auch – ohne den geringsten Quellenbezug – Eichel(brot)rezepte aus „Oma’s Zeit“ – ja, wirklich mit Apostroph! Nicht fehlen darf ein wenig Exotik, dafür dienen indianische Rezepte.

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„Mein“ Eichelbrot – aufgeschnitten (Photo Stefanie Waske)

Blickt man etwas abgeklärter auf die Geschichte des Eichelbrotes, so erscheint es als eine Notnahrung und Armenspeise, deren wir nicht bedürfen, die hierzulange schon im 19. Jahrhundert eine rare Ausnahme bildete, die im 20. Jahrhundert praktisch verschwand und heute einzig als verfeinerter Gaumenhappen wiederkehrt. Die Geschichte des Eichelbrotes ist ein gutes Beispiel für Lebensmittel als Projektionsfläche ganz anderer Themen und Konflikte. Eichelbrot stand lange für elementare Ängste von Menschen, die sie durch neue Fertigkeiten, Rezepte und Backtechniken überwinden wollten. Sie stand für das Ideal einer reinen klaren Vergangenheit, fern weg vom grau der Gegenwart. Von Helden wurde gesungen, nicht von der Realität des Kompromisswesens, des anpassungsschlauen Tieres. So konnte man sich, auch mit Hilfe von Eichen, Eicheln und Eichelbrot selbst erhöhen, seine eigene Identität hochhalten. Zugleich erlaubte dies den Blick auf andere, teils neugierig, teils voll Hoffart, teils selbsterhebend, teils verächtlich, ja rassistisch.  Es bedarf eines wachen Blickes, um im Walde der Geschichtslosigkeit und Beliebigkeit all dies im Blick zu behalten.
Es bedarf des Widerspruchs zu fast allen, was über diesen einen kleinen Gegenstand verbreitet wird und wurde. Das Eichelbrot ist voller kleiner Geschichten, nicht über ein Gebrauchsgut, sondern über den strebenden, duldenden und hoffenden Menschen. Darüber lässt sich mit einem vollen Magen gut räsonieren. Und ich kann dann wohlig ertragen, dass auch „mein“ Eichelbrot, das der Bäckerei Marquard in Garbsen, „nur“ eine gut ausgebackene Mischung von Sauerteig, Roggen-, Dinkel-, Weizen- und eben auch Eichelmehl ist. Von letzterem, von der Armenspeise und Notnahrung besteht lediglich die Erinnerung. Der Gaumenhappen aber bleibt. Er steht in einer Tradition, die selten geworden ist. Die des einfachen ungekünstelten Geschmacks eines sorgfältig bereiteten Handwerkgutes.

Uwe Spiekermann, 9. März 2019

Eine andere Moderne – Ein Besuch der früheren Konsummühle Magdeburg

Deutschland feiert das Bauhaus. Die heterogene, aus Demokratieverächtern und Gemeinschaftsaktivisten, Architekten und Gestaltern, Künstlern und Sinnsuchern bestehende Institution ist heute handzahm und gut bürgerlich. Sie ist propperes Konsumgut, „öffentliche“ Mittel fließen, das Establishment feiert sich selbst. Wer will schon noch etwas wissen über die Wirrnisse der Bauhäusler zwischen Republik und Stalinismus, über ihre Anpassung im Nationalsozialismus und im Exil, gar über die engführende Rezeption zwischen New York und Stuttgart. Das breite Licht der Wagenfeld-Lampe überdeckt die Schatten.

Das Bauhaus war Aufbruch, eingebettet in eine breite Neudefinition des Alltags, der Konsumkultur, aller materiellen Gegenstände. Das weit darüber hinausreichende bauliche und gestalterisches Erbe wird heute auch abseits von Weimar, Dessau oder Berlin gern präsentiert, ein Bauhausbezug oft behauptet, eigenständiger Entwicklungen zum Trotz. Das zeigt sich etwa in Magdeburg, einem zu Unrecht weniger beachteten Ort der Moderne, ehedem eine Experimentierstätte des Umdenkens und Neugestaltens. Dort gab es in den 1920er Jahren eine der seltenen sozialdemokratischen Stadtregierungen, dort agierten viele zwischen Werkbund und Bauhaus, zwischen großer Reform und praktischer Alltagsverbesserung. Die bunte Broschüre „Magdeburger Moderne. Neues Bauen in der Ottostadt“ lockt Touristen in die Hauptstadt Sachsen-Anhalts: Vier Wanderrouten stellen 32 Ziele näher vor, Siedlungen und Einzelgebäude, Denkmäler und Industriebetriebe. Das erlaubt eine Perspektivenweitung über die Enge des Bauhauses hinaus, führt hinweg über die immergleichen Namen der vermeintlichen und realen Visionäre.

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Selbstbestimmte Warenwirtschaft als Grundlage einer Welt freier, gleichberechtigter Bürger (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 22, 1929, 193)

Die heutige Bauhauserbauungskultur dient nämlich immer auch der Ausgrenzung anderer Narrative und gelebter, praktischer Geschichte. Das gilt nicht zuletzt für die in den 1920er und frühen 1930er Jahren auf einem historischen Höhepunkt stehende Konsumgenossenschaftsbewegung. Diese war zweigeteilt, erst im Nationalsozialismus erfolgte eine Zwangsvereinigung. Der eher bedächtige katholische Reichsverband der Konsumvereine (1924: 735.000 Mitglieder und 100 Mio. RM Umsatz) war deutlich schwächer als der tendenziell sozialdemokratische Zentralverband deutscher Konsumvereine (1924: 3,5 Mio. Mitglieder resp. 381 Mio. RM Umsatz), der die dritte und letztlich breiteste Säule der „Arbeiterkultur“ bildete. Diese wuchs während der 1920er Jahre voll Wucht. Wer nicht mitschritt, die nicht kaufenden „Papiersoldaten“, wurde ausgeschlossen, und der Umsatz der 1930 mehr als 2,9 Mio. Genossen (und ihrer Familienangehörigen) erreichte staatliche 1,24 Mrd. RM. Das waren mehr als zehn Millionen Deutsche, das waren fast fünf Prozent des deutschen Einzelhandelsumsatzes. Mehr als alle Warenhäuser – und dabei hatte man mit dem Vertrieb von Gebrauchsgütern doch gerade erst begonnen. Den wegbewussten Sozialdemokraten waren die katholischen Genossen recht suspekt, begnügten sie sich doch mit preiswerten und standardisierten Waren. Sie mochten gläubig auf das verheißene Paradies warten. Doch die Genossen des Zentralverbandes verkündeten Wirtschafts- und Gesellschaftswandel im Diesseits. Ihre Läden, ihre rasch wachsende Zahl von Produktionsbetrieben sollten Vorboten einer genossenschaftlichen Alternativwirtschaft sein. Es ging nicht um ein paar Farbkleckse auf Leinwand, sondern um die konkrete Verbesserung des Alltags, um gute Ware zu fairem Preis. Und mehr noch: Arbeit in einer gemeinschaftlichen Binnenwelt, Kapital durch eigene Sparvereine und Banken, Boden und Besitz durch Baugenossenschaften. Den Konsumgenossenschaftlern ging es um die Überwindung der dominierenden „Profitwirtschaft“ und zugleich Distanz zum Staat, dem verschwenderischen Moloch und großen Fronherrn. Doch anzusetzen war niedriger, vielgestaltiger: In der Warenwirtschaft schien die „Eigenproduktion“, also Gebrauchsgüterproduktion in eigener Verantwortung, der entscheidende Hebel für eine neue Welt. Die Überschüsse flossen dann nicht in die Taschen weniger, sondern als Rückvergütung zurück an die Mitglieder und als Investitionsmittel in das Wachstum der Organisation.

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Baustein einer Gegenwelt: Die Magdeburger Konsummühle 1927 (Konsumvereinsbote für Rheinland und Westfalen 20, 1927, 185)

Der verhaltene Siegeszug der Konsumgenossenschaften setzte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein, veränderte den Einkauf vor allem lokal. Liberales Freiheitsversprechen und sozialdemokratische Solidarität verbanden sich in dieser Bewegung. Die Konsumgenossenschaften etablierten immer dichtere Ladennetze, ihr steigender Umsatz schuf langsam Einkaufsmacht, Konkurrenz mit den etablierten Anbietern wurde so einfacher. Wichtiger aber war, dass viele Genossenschaften mit der Eigenproduktion begannen und zuerst Bäckereien, dann auch Fleischereien ins Leben riefen, Kaffee rösteten, Mineralwasser auf Flaschen zogen. 1914 produzierte mehr als ein Viertel eigene Lebensmittel, 238 Konsumbäckereien versorgen die Mitglieder mit frischem, meist maschinell produziertem Brot und Backwaren. 1926 sollten es schon 367 mit 4.000 Beschäftigen sein.

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Ein Blick in die Bäckerei der Verbrauchergenossenschaft Magdeburg (Die Rundschau 36, 1939, 265)

Damit nähern wir uns Magdeburg, dem Ort meines Besuches. Hier hatte sich der Konsumverein schon in den 1890er Jahren von der Brotbelieferung durch „kommerzielle“ Bäcker frei gemacht. Doch das Mehl bezog die neue Konsumbäckerei von Großanbietern der Branche, nämlich leistungsfähigen Handelsmühlen. Hierbei half vielfach die eigene Großhandelsorganisation, die 1894 in Hamburg gegründete Großeinkaufsgesellschaft deutscher Consumvereine (GEG). Gewinne verblieben dennoch beim „kapitalistischen“ Anbieter und Konkurrenten. Die GEG begann nach der Jahrhundertwende jedoch, eigene Produktionsstätten für die Produkte aufzubauen, die vor Ort nicht sinnvoll herzustellen waren und für die man die Vorteile der Massenfabrikation nutzen konnte. Die englische Co-operative Wholesale Society in Manchester wies dabei den Weg: Heinrich Kaufmann (1864-1928), spiritus rector der Konsumvereine, dachte sicher auch an die riesige Konsummühle in Manchester als er schrieb: „Wir dürfen daher mit Recht sagen, daß […] britische genossenschaftliche Gegenwart unsere deutsche Zukunft ist“ (Heinrich Kaufmann, Ein konsumgenossenschaftlicher Blick in die Zukunft, Hamburg 1921, 36).

Doch der Weg hin zur Eigenproduktion war steinig. Kapitalmangel, schlechte Erfahrungen mit den Produktivgenossenschaften im späten 19. Jahrhundert, Widerstände der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die feindliche Agitation der Mittelstandsbewegung und auch lähmende Kämpfe innerhalb der Konsumgenossenschaftsbewegung bremsten die Entwicklung. Und immer wieder gab es Widerstand vor Ort: Als 1904 die Eigenproduktion mit einer Seifenfabrik in Aken südlich von Magdeburg aufgenommen werden sollte, sahen besorgte Bürger darin eine „Gefährdung der Staats- und Gemeindeinteressen“, während der Magdeburger Chemiker Otto Pfeiffer vor möglichen Beeinträchtigungen der Wasserqualität warnte. Erst 1910 konnte die Seifenfabrikation im sächsischen Gröba beginnen. Bis zum ersten Weltkrieg folgten Tabak-, Senf-, Zündholz-, Verpackungs- und Teigwarenfabriken mit 1914 insgesamt 1420 Beschäftigten. Schon damals hatte die GEG über Großmühlen an verschiedenen frachtgünstigen Orten nachgedacht, um die Mitglieder, insbesondere aber die Konsumbäckereien und die Teigwarenfabrik mit Mehl und Mühlenartikeln zu beliefern. 1916 beschloss die GEG insgesamt mittelfristig drei Getreidemühlen zu errichten (Erwin Hasselmann, Geschichte der deutschen Konsumgenossenschaften, Frankfurt a.M. 1971, 371). In Magdeburg hatte die GEG bereits 1912 ein etwa 57.000 qm großes Gelände gepachtet, das anfangs als Standort eines Lagers für die mitteldeutschen Konsumvereine gedacht war (Rundschau des Reichsbundes der deutschen Konsumgenossenschaften 30, 1933, 736). Dort sollte die Großmühle gebaut später werden.

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Magdeburg als Stadt der Moderne: Leuchtturm und Pferdetor 1927 (Zeitbilder 1927, Ausg. v. 24. April, 4)

Warum aber in Magdeburg? Neben dem direkt nutzbaren Baugrund sprachen vor allem vier Gründe für die mitteldeutsche Industriestadt. Erstens lag Magdeburg verkehrsgünstig. Das galt für die Elbe und verschiedene Kanalprojekte, zumal den Elbe-Havel- und den Mittellandkanal. Von dort konnte nicht nur der so wichtige sächsische Raum kostengünstig versorgt werden, sondern ebenso die Hauptstadt Berlin. Wasserwege und Eisenbahnverbindungen erlaubten zugleich eine Zufuhr sowohl von Auslandsgetreide als auch von Roggen aus den ostelbischen Gebieten. Zweitens besaß Magdeburg einen traditionsreichen und aufstrebenden lokalen Konsumverein. Während die Genossenschaften in Buckau, Sudenburg und der Altstadt nicht erfolgreich waren, hatte sich der 1864 aus einem Arbeiterbildungsverein entstandene Konsumverein Magdeburg-Neustadt um die Jahrhundertwende als führender Lebensmittelanbieter mit einem Marktanteil von etwa einem Drittel etabliert. Seine breite, bis weit ins Bürgertum reichende Mitgliedschaft erwies sich jedoch als Bürde als sich die lokalen Kolonialwarenhändler zu schlagkräftigen Rabattspargesellschaften zusammenschlossen und sich dann mit dem 1907 gegründeten „Waren-Verein“ Magdeburg ein von Großhändlern organisierter Massenfilialist als Preisbrecher etablierte. Die Zahl der Mitglieder des Konsumvereins sank von 1907 15.002 Mitgliedern binnen zweier Jahre auf 10.345, ehe eine Konsolidierung begann (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, 332f.). Als Konsumverein für Magdeburg und Umgebung 1912 neu aufgestellt, war das Wachstum vor allen in den 1920er Jahren beeindruckend: 1929 hatte die Genossenschaft mehr als 800 Beschäftigte, 34.396 Mitglieder und einen Umsatz von über 14 Millionen RM (Die Rundschau 36, 1939, 295). Drittens hatte die GEG schon 1923 nahe des Magdeburger Bahnhofs eine Nährmittelfabrik und ein Vertriebslager in Betrieb genommen. In den 1920er Jahren produzierten teils mehr als 70 Beschäftigte vor allem Back- und Puddingpulver, zugleich wurden dort Einkaufstage und Genossenschaftstreffen abgehalten. Vor Ort gab es also Expertise und etablierte Geschäftsbeziehungen. Viertens schließlich stand die Stadt Magdeburg während der zwölfjährigen Oberbürgermeisterschaft von Hermann Beims (1863-1931) dem Projekt aufgeschlossen, ja fördernd gegenüber; auch wenn der Magistratsbaurat Johannes Göderitz (1888-1978), an sich ein Propagandist des Neuen Bauens, die Bauherren der Mühle zwang, den ersten Entwurf von 1925 unter „baukünstlerischen“ Aspekten zu überarbeiten, insbesondere aber die Silohöhe zu reduzieren (Sabine Ullrich, Industriearchitektur in Magdeburg, Magdeburg 2003, 164).

Der Spatenstich der Konsummühle erfolgte am 11. Januar 1926. Entwurf und Ausführung lagen in den Händen des Technischen Büros der GEG, unterstützt vom Münchener Ingenieurbüro Schulz & Kling und dem Hamburger Architekten Hanke. Die Gebäude waren bis Ende 1926 fertiggestellt, es folgten die Montagearbeiten. Im Mai 1927 nahm die Betriebsleitung ihre Arbeit auf, zeitgleich bereitete die von Hamburg nach Magdeburg verlegte Handelsabteilung den Warenvertrieb für den mitteldeutschen Raum vor. Am 29. August 1927 begann der Müllereibetrieb mit dem Einmahlen, also der Feinjustierung der Maschinerie. Die Roggenmühle machte den Anfang, bei Betriebsbeginn am 1. Oktober 1927 liefen auch die Weizen- und Hartgrießmühlen. 1928 nahm man dann auch die Produktion von Graupen und Haferflocken auf. Der Betriebsbeginn und insbesondere die Besichtigung der neuen Mühle durch die GEG-Führung und die lokalen Honoratioren am 10. November 1927 fanden beträchtlichen Widerhall in der lokalen und konsumgenossenschaftlichen Presse. Die Inbetriebnahme erschien der GEG als das „bedeutsamste Ereignis für die gesamte deutsche Konsumgenossenschaftsbewegung“ (GEG-Geschäftsbericht 1927, 7) des Jahres 1927. Mehl in Eigenregie hieß Brot in Eigenregie. Das war ein weiterer Schritt hin zur Etablierung einer menschengerechten Wirtschafts- und Lebensweise.

Die Architektur der Mühle unterstrich diesen Anspruch. Die Fassaden waren schnörkellos, funktional, die Klinker schimmerten rötlich. Sie verdeckten einen Betonbau, eine Stahlstruktur, gaben ihm zugleich aber eine einheitliche kubische Form. Dadurch konnten die vier verschiedenen Betriebssegmente zu einer Einheit verbunden werden – so wie die Vielzahl der Bedürfnisse der Mitglieder unter dem Dach des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine. Die Mühle lag im vor dem ersten Weltkrieg errichteten Industriehafen, Schiffstransport von Getreide und Mehl war also einfach möglich. An beiden Seiten des Komplexes lagen Bahngleise, teils für die Produkte, teils für Heizkohle. Lastwagen und Fuhrwerke fanden ebenfalls Platz. Die Mühle war also eine gewerbliche Drehscheibe, gedacht für die effiziente Bearbeitung und den raschen Vertrieb.

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Die heutige Getreidemühle Klosterkamp. Seitenansicht

Blickt man genauer hin, sind Silo, Mühle, Mehllager und Betriebsgebäude voneinander zu unterscheiden. Das Silo war 41 Meter hoch, auf seiner Spitze prangte das Zeichen der GEG. 18 Meter breit und 36 Meter lang fasste es in 66 Zellen bis zu 7500 Tonnen Getreide. Und mehr als das: Die Temperaturen in den Einzellagern konnten mit je drei Thermometern kontrolliert werden, Frischluftbelüftung und eine Heißlufttrockenanlage erlaubten die Pflege und Verbesserung des Mahlgutes. Das Silo wurde mit Sauggasanlagen befüllt, sein Inhalt lief über automatische Wagen und Reinigungsmaschinen. Aufzüge und Förderbänder erlaubten den Transport des Getreides, zumeist in das integrierte Arbeitssilo, in dem bis zu 1000 Tonnen gelagert und für die Müllerei vorbereitet wurden. Die einzelnen Getreidearten besaßen jeweils eigene Transport- und Schälsysteme, um eine standardisierte Qualität zu garantieren.

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Walzenboden der Müllerei der Konsummühle Magdeburg (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 22, 1929, 207)

Die eigentliche Mühle befand sich auf der rechten Seite des Gebäudes, war unterirdisch mit dem Silo verbunden, wurde von dort aus bestückt. Hören wir den sachlichen Bericht des Betriebsleiters Petzold, so schnörkellos wie das Gebäude: „Das Mühlengebäude ist 60,80 m lang, 17,20 m breit und 27,20 m hoch. Im Erdgeschoß befinden sich die Antriebsmaschinen (Elektromotoren) und Transmissionen zum Antrieb der Walzenstühle der Roggen-, Weizen- und Hartgrießmühle. Auf dem Walzenboden, dem sogenannten Schmuckkasten einer Mühle, sind 55 Walzenstühle eingebaut, davon entfallen auf die Roggenmühle 16, Weizenmühle 31 und Hartgrießmühle acht Walzenstühle. Der Rohrboden ist mit Schnecken und Zulaufrohen versehen, die Schrot und Mahlgut auf die Walzenstühle bringen“ (Konsumgenossenschaftliche Rundschau 24, 1927, 616). Der Ingenieur war begeistert ob dieser sonoren Maschinerie, in der die Menschen Diener der Maschine, Diener des Gesamtzwecks waren. Der Betrieb lief kontinuierlich, täglich in drei Acht-Stunden-Schichten. Weizen, Roggen, Hartweizen, Hafer und Gerste wurden parallel vermahlen, durchliefen das Gebäude von unten nach oben, getrieben von Elektromotoren und einer steten Krafttransmission.

Die fertigen Produkte wurden schließlich in den links gelegenen Mehlspeicher transportiert. Dieser war ebenso lang und hoch wie die Mühle, mit 15,60 Metern allerdings etwas schmaler. Dort wurde das Mahlgut gemischt und gelagert und wiederum, meist über Rutschen, auf Schiffe, Eisenbahnwaggons oder Lastwagen verladen. Zuvor erfolgte jedoch – wie schon beim Getreide – ein Stichprobenkontrolle im Laboratorium und in der Versuchsbäckerei (Die Konsum-Genossenschaft 7, 1927, 163).

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Blick auf die Südfassade und das Kesselhaus der Konsummühle Magdeburg (Rundschau des Reichsverbandes deutscher Verbrauchergenossenschaften 30, 1933, 749)

Umrahmt waren Silo, Mühle und Mehlspeicher durch verschiedene Betriebsgebäude. Zur Straße hin lagen die Verwaltungsgebäude, ein Pförtnerhaus, auch Wohnungen der Betriebsleiter. Seitlich erstreckte sich das Kesselhaus, die eigentliche Kraftzentrale. Mit 45 Metern Länge, 13 Metern Breite und 14 Metern Höhe trat es etwa in den Hintergrund, doch dafür überragte der 50 Meter hohe, heute nicht mehr vorhandene Schornstein die Anlage. Hier befanden sich auch Werkstätten, die Aufenthaltsräume und Waschgelegenheiten. Arbeitsschutz wurde großgeschrieben, ebenso die Eindämmung der Feuergefahr. Eine Sprinkleranlage, zahlreiche Feuerlöschgeräte und Hinweisschildern dienten der Sicherheit von Betrieb und Beschäftigten. All das war modern, Teil rationalisierter Betriebsabläufe. Doch es war nicht „amerikanisch“ im engen Sinne: Ein massiv gebauter Fahrradschuppen bot Platz für 90 Räder, denn die Arbeiter konnten von einem Auto nur träumen.

Diese Fakten wurden von der konsumgenossenschaftlichen Presse voll Stolz verbreitet (Konsumvereinsbote für Rheinland und Westfalen 20, 1927, 146). Abseits der Ziffern findet sich jedoch auch eine Metaphysik des Wollens: Die Anlage wurde zum Symbol einer nach vorn schreitenden Gemeinschaft. Franz Mitzkat, langjähriger Redakteur des Nachrichtenorgans „Konsumgenossenschaftliche Rundschau“ und später der Familienzeitschrift „Konsumgenossenschaftliches Volksblatt“, bot dafür ein gutes Beispiel: Wem „das Wesen unseres Eigenwollens noch fremd, auch dem muß angesichts dieser Mühle ein Fühlen und Verstehen kommen vom Geiste und der Kraft, die unaufhaltsam vorwärtsdrängten zur konsumgenossenschaftlichen Gemeinwirtschaft. Mit ehrlichem Bewundern verfolgt der Besucher das beim ersten Anblick fast rätselhafte, nach durchdachten, praktisch angewandten Gesetzen hochentwickelter Technik schlüssig ineinandergreifende maschinelle Walten, steht er vor dem Wunder nahezu vollständig menschenleerer Arbeitsräume, empfindet er den Zauber, die geradezu überwältigende Sinnigkeit und Schönheit eines lichten, blitzend sauberen Saales, eines Prunkgemachs voll etwa 60 blinkender, lebender, schaffender Walzenstühle. Ach, wie verblaßt vor diesem Rhythmus wundervoller Mechanik alle einstmalige Windmühlenpoesie, wie arm dünkt uns hier das Lied der Mühlensteine. […] Hier stehen Erfindergeist und seine praktischen Folgen im Dienste einer neuen Wirtschaftsform, der aufstrebenden, genossenschaftlichen Bedarfsversorgung, die sich das leisten kann, dank der erworbenen eigenen Stärke, und leisten muß um des höchstmöglichen Ertrags ihrer eigenen Produktion“ (Konsumgenossenschaftliche Rundschau 24, 1927, 758; ähnlich Konsumvereinsbote für Rheinland und Westfalen 20, 1927, 185). Das Bestaunen des Werdens wird hier deutlich. Die nüchterne Architektur der neuen Sachlichkeit war Ausdruck des Neuen, war Abkehr vom überholten Alten. Es galt, die Schönheit der industriellen Produktion und funktionaler Architektur zu besingen. In der sozialdemokratischen Volksstimme hieß es: „Im Stile der neuen Sachlichkeit ohne jeden äußern Schmuck wurde der Bau aus violetten Klinkersteinen errichtet. Ein Industriepalast in modernster Gestaltung wurde errichtet, der zu dem Schönsten gehört, was Magdeburg auf diesem Gebiete aufzuweisen hat. Trotz der Einfachheit in der Behandlung der Fronten ist nicht der Eindruck klobiger, unförmlicher Gebäudemassen entstanden. Durch die Anordnung der einzelnen Teile zueinander liegt Bewegung und Schwung in der Architektur“ (Magdeburger Volksstimme 1927, Nr. 257 v. 13. November, 7).

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Blick auf das frühere Mühlengebäude und den Verbindungsturm zum Mehllager

Treten wir nüchtern zurück, dann erscheinen die Konsumgenossenschaften und ihre modernen Industriebauten als Teil des Fordismus, als Ausprägung industrieller Rationalisierung, als Element des gewundenen Weges zum Jetzt. Doch die Genossenschafter sahen hierin einen Beitrag zur Überwindung der Klassengesellschaften des Kaiserreichs und auch der Weimarer Republik. Gebäude wie die Mühle gaben Kraft und Mut: „Die Großmühle Magdeburg war der Anfang auf einem der GEG noch neuen Produktionsgebiet, weitere Unternehmungen werden die genossenschaftliche Selbständigkeit auf diesem Erzeugergebiet vervollkommnen“ (Betriebsräte-Zeitschrift für Funktionäre der Metallindustrie 9, 1928, 517).

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Die Konsummühle Magdeburg als Teil der konsumgenossenschaftlichen Eigenproduktion (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 25, 1932, Nr. 11, 16)

Hat sich die Mühe gelohnt, haben sich die Investitionen amortisiert? Blicken wir auf die Zahlen. Demnach wurden die Erwartungen voll erfüllt. Fast 200 Menschen fanden in der Konsummühle bis zur Machtzulassung der Nationalsozialisten einen gut bezahlten Arbeitsplatz. Der Betrieb lief durchgehend in Volllast, erreichte seine volle Produktionskapazität und konnte sich auch unter enormem wirtschaftlichem und politischem Druck und massivem Preisverfall behaupten. Doch diese beträchtliche Stabilität hatte eine Schattenseite: Die GEG setzte auch aufgrund dieser Erfolge weiter auf Expansion. Seit 1930 traten zwei kleinere Mühlen in Bochum und Duisburg an die Seite Magdeburgs, 1931 kam eine neue, ebenfalls im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaute Großmühle in Mannheim hinzu. Und 1932, dem Höhepunkt der Krise, eröffnete die GEG einen weiteren Müllereibetrieb im oberbayerischen Reichertshofen. All dies entsprach einer langfristigen Expansionsstrategie, die 1931/32 aber nicht mehr zeitgemäß war, sondern zu massiven Finanzierungsproblemen führte.

Tabelle 01_Konsummühle Magdeburg 1927-1932

Die Konsummühle Magdeburg war ein erfolgreiches Vorzeigeprojekt. Dort wurde hygienisch produziert, dem Ideal des Blitzblank gefrönt. Die Weizenmarke Ährenstolz, auch die dann preiswertere Marke Feldkrone, gewannen rasch Stammkunden. Das galt auch für die in Paketen gelieferten Haferflocken und Graupen. Die Konsummühle erfüllte ihre Aufgabe als Lieferant der Teigwarenfabrik Gröba-Riesa, ebenso trug sie zur Futtermittelversorgung vieler Einzelgenossenschaften bei. Die Mühle bezog zunehmend Getreide von landwirtschaftlichen Genossenschaften – 15.442 Tonnen 1929 –, verarbeitete Getreide vom GEG-Landgut in Osterholz, nutzte also Verbundvorteile und förderte den Genossenschaftsgedanken als solchen.

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Backen mit GEG-Ährenstolz mit dem Konterfei der Konsummühle (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 26, 1933, Nr. 12, 12)

Doch all das reichte nicht. Die Politik der NS-Regierung beschleunigte den raschen Niedergang der Konsumgenossenschaftsbewegung, die bis 1935 nochmals 30% ihres Umsatzes verlieren sollte, ehe eine gewisse Konsolidierung gelang. Die hehren Ideale wurden 1933 von vielen verantwortlichen Funktionären nicht praktiziert. Die nicht zu erahnende Anbiederung an das NS-Regime war rational teils nachvollziehbar, brach der stolzen Bewegung jedoch das moralische Rückgrat. „Arbeit und Brot“ war zur NS-Parole geworden, der neue konsumgenossenschaftliche Reichsbund propagierte „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, und die Mühle diente nun Zielen wie der „Nahrungsfreiheit“ Deutschlands und der alimentären Kriegsvorbereitung. Viele Genossenschaftler zerbrachen daran, so der schon erwähnte Franz Mitzkat, der erst seine Stellung als verantwortlicher Redakteur, dann als Leiter der GEG-Bibliothek verlor. Er lebte bis zu seinem Tod 1944 unter Dauerdruck durch Gestapo und NS-Stellen, wurde drangsaliert und seines Lebens nicht mehr froh. Noch im Sommer 1933 hatte seine Zeitschrift mit Wehmut über das Ende der Windmühlen angesichts des Aufstieges auch der Magdeburger Konsummühle berichtet: „Es ist das Schicksal des Guten, das dem Besseren weichen muß, das sich hier vollzieht“ (Konsumgenossenschaftliches Volksblatt 25, 1932, Nr. 12, 11). Für den Zentralverband deutscher Konsumvereine traf dies nicht zu.

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Die alte Struktur trägt bis heute: Blick in das Silo

Die im Bombenkrieg nur geringfügig beschädigte Konsummühle Magdeburg wurde während der NS-Zeit, der Besatzungsherrschaft und der DDR weiter betrieben, Ergänzungen und Umbauten blieben moderat. 1950 eröffnete man ein Wohlfahrtsgebäude mit Werksküche und Konsumverkaufsstelle. Der VEB Konsummühle inklusive der benachbarten, Ende der 1970er Jahre aufgebauten Teigwarenfabrik wurde nach der Wende von der Braunschweiger Mühle Rüningen übernommen. Anfangs lief der Betrieb weiter, dann stellte man auf Biogetreide um. Das endete 2008. Drei Jahre Leerstand. 2011 übernahm die Bio-Getreide-Erzeugergemeinschaft Öko-Korn-Nord aus Betzendorf die denkmalgeschützte Konsummühle. Sie lagert heute im Silo vor allem Bioland-Getreide, verteilt es, nutzt damit die Kapazitäten der Anlage zumindest teilweise. Die frühere Mühle und das Mehllager stehen heute leer, sind entkernt, ebenso die Nebengebäude. Doch die Konsummühle steht noch und mit ihr ihr Anspruch.

Uwe Spiekermann, 23. Februar 2019

Wegbereiter des Massenkonsums. Die Anfänge des modernen Lebensmitteleinzelhandels

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist ein Basisproblem jeder Gesellschaft. Sie zu sichern, war bis in die frühe Neuzeit hinein Aufgabe zum einen einer direkt verkaufenden und tauschenden Landwirtschaft, zum anderen einer städtischen Ernährungspolitik, die das Marktwesen und die Stadt-Land-Beziehungen autorativ regelte. Der Handelsstand sicherte in diesem System vornehmlich die Versorgung mit Waren, die nicht im direkten Umfeld produziert werden konnten.

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Versorgung aus dem Umland: Werdersche Marktverkäuferinnen (Berliner Leben 5, 1902, 225)

Diese Struktur geriet unter wachsenden Druck, als seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Bevölkerung in Deutschland stetig zunahm, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine langsame Verstädterung begann und als schließlich zwischen 1830 und 1850 die „Industrialisierung“ erste Regionen prägte. Die derartig bewirkte Mobilisierung und stärkere Zentralisierung der Menschen zerschnitt immer stärker die Bande zur Selbstversorgung und erforderte neue Versorgungsinstanzen. Waren Märkte, Hausierer, Höker, Krämer und Handwerkshandel die Garanten für die Existenz und begrenzte Freiheit der Stadt des 12. bis 18./19. Jahrhunderts, so schuf erst der nun entstehende moderne Lebensmittelhandel die Basis für einen neuen Aggregatzustand der Gesellschaft, der Konsumgesellschaft. Dass dies mit intensivierter Landwirtschaft und einem leistungsfähigeren Transportsystem einherging, ist offenkundig.

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Gemischtwarenladen um 1850 (Düsseldorfer Monatshefte 5, 1852, 46)

Symbol der Veränderungen wurde der Laden, der den (Wochen-)Markt als dominante Form des Lebensmittelabsatzes ablöste. An die Stelle des verkaufenden Produzenten trat zunehmend ein professioneller Händler, der in kleingewerblichem Rahmen das Angebot der Produzenten bzw. des sich immer stärker etablierenden Großhandels kundennah aufbereitete und absetzte. Der Laden brachte die Ware nah an den Kunden, die heute  nostalgisch verklärten zentralen Markthallen konnten hiergegen trotz hygienischer Vorteile nicht bestehen. Als neue Konkurrenz entstand jedoch der städtische Straßenhandel von ambulanten Verkaufsstellen, der vor allem den Absatz von frischem Obst und Gemüse prägte. Die Entwicklung der Betriebs- und Beschäftigtenziffern verdeutlicht die Dynamik des Wandels im gesamten Lebensmittelhandel.03_Tabelle Lebensmitteleinzelhandel 1875-1914Dieses quantitative Wachstum ist allein mit dem Bevölkerungswachstum, der Urbanisierung und langsam steigenden Realeinkommen nicht hinreichend zu erklären. Innere Veränderungen innerhalb des Handels waren ebenso bedeutsam: Zum einen erweiterte sich das Warensortiment. Erstens wuchs der Absatz der ehedem den Krämern vorbehaltenen Kolonialwaren: Kaffee, Kakao, Tee und Zucker wurden zu bedeutenden Massengütern mit attraktiven Gewinnspannen. Zweitens integrierte der ladengebundene Einzelhandel große Teile des Handels mit Landesprodukten, also mit Kartoffeln, Gemüse, Milch und Molkereiprodukten sowie Mehl und Müllereiwaren. Drittens schließlich nahmen Zahl und Bedeutung gewerblich be- und verarbeiteter Lebensmittel stetig zu: Anfangs waren dies Halbfabrikate, etwa Teigwaren, Präserven und Konserven. Es folgten Suppenpräparate, Backutensilien, Puddingpulver oder Malzkaffee. Diese neue Warenfülle war von einem Geschäftstyp allein nicht mehr zu bewältigen.

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Werbung eines führenden Zigarrenhändlers 1905 (Berliner Leben 8, 1905, Nr. 12)

Auch wenn Kolonial- und vor allem Gemischtwarenhändler ihr Sortiment relativ breit anlegten, war die betriebliche Spezialisierung auf einzelne Warengruppen die zweite Hauptveränderung und Ursache für das beträchtliche Wachstum des Lebensmittelhandels zumal seit den 1880er Jahren. Milch-, Brot-, Molkereiwaren-, Grünwaren-, Obst-, Delikatessen- und Spirituosengeschäfte entstanden in größerer Zahl erst im Kaiserreich und prägten damals den Alltagskonsum. Kleine und mittlere Nachbarschaftsläden waren zumeist Familienbetriebe in denen der Mann für die Beschaffung der Waren, die Frau dagegen für den Verkauf zuständig war. Die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung nahm zu, war jedoch noch nicht dominant. Ein romantischer Rückblick auf diese dezentralen und kundennahen Strukturen wäre jedoch verfehlt. Arbeitszeiten von täglich 14 bis 16 Stunden waren keine Seltenheit, und auch am Samstag und Sonntag wurde nicht geschlossen. Erst 1892 begann eine zögerliche staatliche Schutzbewegung, die erst die Sonntagsarbeit einschränkte, dann vor Ort den Neun- beziehungsweise Acht-Uhr-Ladenschluss festlegte, ehe nach der Revolution 1919 schließlich Sonntagsruhe (mit Ausnahmen), Samstags-Frühschluss und Sieben-Uhr-Ladenschluss vorgeschrieben wurden.

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Erinnerungsbildende Ausnahme. Fleischwarenfachgeschäft Robert Koschwitz (Berliner Leben 17, 1914, Nr. 12)

Die kleinen Geschäfte besaßen zudem kaum finanzielle Rücklagen. Das zumeist übliche Anschreiben erhöhte die Krisenanfälligkeit. Krankheit, Alter oder Mieterhöhungen bedeuteten für viele Händler den Bankrott, die durchschnittliche Bestandsdauer eines Geschäfts lag unter fünf Jahren. Auch wenn die kleinen Nachbarschaftsläden bis in die 1950er Jahre hinein dominant blieben, wurden sie schon während des Kaiserreichs immer stärker von großbetrieblichen Handelsformen bedrängt. Großen Eindruck machten die Lebensmittelabteilungen der Warenhäuser, die seit Mitte der 1890er Jahre neue Maßstäbe setzten.

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Lebensmittelhalle des neugebauten Warenhauses Leonhard Tietz in Köln (Zeitschrift für Waren- und Kaufhäuser 13, 1914, Nr. 16, 18c)

Lebensmittel waren dort billig, dienten als Lockmittel für die Kundschaft. Neuartige Produkte, etwa Tomaten oder Gemüsekonserven, fanden derart ihren Weg in den Massenmarkt. Doch die Warenhäuser hatten einen nur verschwindend geringen Marktanteil von 0,25 Prozent 1913 bzw. ca. 1,5 Prozent 1930. Wesentlich größere Bedeutung hatten die Massenfilialbetriebe, deren Anfänge in den 1870er Jahren lagen (1871 L. Gottlieb im Saargebiet, 1878 Schade & Füllgrabe im Frankfurter Raum). Zentrale Kalkulation und Lagerhaltung, Einkauf in großen Partien, eine einheitliche, offensiv gestaltete Werbung und dezentralen Verkauf ließen Firmen wie Kaisers-Kaffee-Geschäft (Juni 1914: 1369 Filialen; Juni 1927: 1147), Tengelmann (1913: ca. 400; 1935: 420) oder Heinrich Hill (1915: 98; Ende 1926: 153) große Bedeutung gewinnen. Ihr Sortiment blieb jedoch auf haltbare Stapelware (Kaffee, Schokolade, nikotinhaltige Suchtmittel) begrenzt, und nur Kaisers gelang die Ausbreitung im gesamten Deutschen Reich. 1913 wurden ca. 3 bis 4 Prozent aller Lebensmittel von Massenfilialbetrieben verkauft, 1933 lag dieser Wert schon bei 11 bis 12 Prozent.

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Schrecken des lokalen „Mittelstandes“: Werbung des Filialbetriebes Wareneinkaufsvereins Görlitz (Der Bazar 39, 1893, 403)

Bedeutender noch waren die Konsumgenossenschaften, deren Anfänge in den späten 1840er Jahren lagen. Sie waren Selbsthilfeorganisationen zur billigen Beschaffung von Lebensmitteln, die ähnlich wie die Filialbetriebe aufgebaut waren, denen jedoch das Gewinnmotiv ihrer privatwirtschaftlichen Konkurrenz fehlte. Ihre Mitglieder stammten vornehmlich aus der städtischen Arbeiterschaft und der unteren Mittelschicht, Leitungsfunktionen lagen vielfach in den Händen bürgerlicher Reformer. Die unteren Schichten blieben außen vor, da die Konsumgenossenschaften, wie auch Warenhäuser und Massenfilialisten, Barzahlung forderten. Der „Mittelstand“ sah in ihnen dagegen seit den 1870er Jahren primär eine Institution der bekämpften und unterdrückten Sozialdemokratie – und dies trotz zahlreicher Vereine mit liberalem und katholischem Hintergrund. Der Einkauf von Lebensmitteln entwickelte sich dadurch auch zum Wahlhandeln für eine politische und gesellschaftliche Ordnung, quasi zur moralischen Option. Die Herausforderung der Konsumgenossenschaften steigerte sich noch, als sie nach der Jahrhundertwende die selbstbestimmte Produktion von Lebensmitteln intensivierten und so zum bedeutendsten Nahrungsmittelproduzenten des Deutschen Reiches aufstiegen. Auch wenn ihr Marktanteil 1913 bei nur ca. 5 Prozent, 1930 dann bei 10 Prozent lag, waren die Konsumgenossenschaften sicherlich die konzeptionell zukunftsweisendste Betriebsform des Lebensmittelhandels. Das galt vor allem für den Anspruch, den Mitgliedern ein Vollsortiment anzubieten. Doch gerade sie wurden seit 1933 systematisch bekämpft und letztlich entscheidend zurückgeworfen. Nutznießer war der selbständige Facheinzelhandel.

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Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft Nürnberg-Fürth 1911 (Geschäftsbericht 1911 bis 1912 der Konsumgenossenschaft Nürnberg-Fürth, Nürnberg 1912, 33)

Dieser bekämpfte die großbetriebliche Konkurrenz jedoch nicht nur politisch, sondern übernahm Teile von deren Geschäftsprinzipien zum eigenen Nutzen. Da die Konsumgenossenschaften viele Mitglieder durch die jährliche Verteilung der Überschüsse (Rückvergütung) gewannen, schloss sich ein großer Teil der selbständigen Ladenhändler seit Ende der 1890er Jahre zu Rabattsparvereinen zusammen. Sie gaben an ihre Kunden Rabattmarken über meist fünf Prozent des Einkaufswertes aus, die bei einem bestimmten Betrag dann ausgezahlt wurden. Außerdem entstand mit der späteren Edeka 1907 eine erste auch langfristig erfolgreiche Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, die ihren selbständigen Mitgliedern half, die Vorteile des Großeinkaufs und gemeinsamer Werbung zu nutzen.

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Einkaufsgenossenschaft Edeka wirbt für ihre Handelsmarken (Berliner Volks-Zeitung 1912, Nr. 131 v. 17. März, 20)

Während der Weimarer Republik ging der Marktanteil selbständiger Fachgeschäfte insgesamt zurück, doch die wachsende Bedeutung der Einkaufsgenossenschaften (ab 1927 auch Rewe) verwies schon auf Entwicklungen auch in der Bundesrepublik Deutschland.

Die tiefgreifenden Veränderungen schon vor dem Ersten Weltkrieg waren Folge eines intensivierten Wettbewerbs und des Funktionswandels des Lebensmitteleinzelhandels vom ergänzenden Versorgungsgeschäft zum zentralen Anbieter der Warenfülle einer sich Bahn brechenden Massenkonsumgesellschaft. Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung aufgrund zu geringerer Einkommen dieses Angebot nicht vollständig nutzen konnte, so belegen Haushaltsrechnungen doch zur Genüge, dass den Verlockungen ab und an gerne nachgegeben wurde. Wesentlicher Wegbereiter des modernen Massenkonsums aber waren die Konsumgenossenschaften, die mit ihrem immer breiteren Angebot der Arbeiterschaft paradoxerweise eine Brücke zu den materiellen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts bauten.

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Kontinuität des „Alten“: Der Breslauer Neumarkt 1913 (Der Welt-Spiegel 1913, Nr. 39 v. 5. Mai, 2)

Zeichnete sich hier im Umbruch schon die Zukunft ab, so bot der Lebensmitteleinzelhandel der Jahrhundertwende insgesamt ein so buntscheckiges Bild wie niemals zuvor, wie niemals danach. Herrschte auf dem Lande teilweise nach wie vor Ergänzungswirtschaft, bildeten Wochenmärkte auch in den 1920er Jahren noch wichtige Konsumzentren, erlebte der Straßenhandel mit Obst und Gemüse gar eine Blütezeit und konkurrierten in der Stadt Kellerladen und Großbetrieb, so zeigte sich gerade im Handel die Ungleichzeitigkeit der Zeit, das Unsystematische der Jahrhundertwende wie in einem Brennglas. Dass unsere heutige Massenkonsumgesellschaft am Ende dieser Entwicklung stehen würde, schien den Zeitgenossen allerdings eher unwahrscheinlich zu sein.

Uwe Spiekermann, 24. Oktober 2018

Die Qualität des Elementaren. Lebensmittelkontrolle zwischen Haushalt und Laboratorium im späten 19. Jahrhundert

Ernährung ist klagenstark. Klagen über die Qualität der Nahrung, über Verunreinigung und Verfälschung, über die umfassende Entwertung der Lebensmittel sind stets präsent, steht Ernährung auf der Tagesordnung. Sicher ist, dass nichts sicher ist. Anspruch und Wirklichkeit treffen konfliktreich aufeinander: Leib und Leben sollen geschützt, die elementaren Bedürfnisse befriedigt werden. Treu und Glauben, Leistung und Gegenleistung gilt es in Einklang zu bringen – und dies nicht nur im bürgerlich-rechtlichen Sinne. Derartige Anspruchshaltungen sind offenkundig widersprüchlich. Ernährung ist demnach nicht nur auf einen objektiven Nenner zu bringen, auf klar definierbare Qualität, auf eindeutige Verfälschungen und offenkundige Täuschungen. Die Rede über Ernährung hängt vielmehr von den jeweiligen Bewertungsmaßstäben ab. Güte, Wert und Qualität der Lebensmittel und Speisen sind abhängig vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontrollrahmen, er erst entscheidet über die richtige und rechte Ernährung, er erst macht Klagen über Ernährung verständlich.

Die vielfaltigen Veränderungen, die gemeinhin (und verfälschend) unter dem produktionslastigen Begriff der Industrialisierung subsumiert werden, höhlten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die seit dem Hochmittelalter ausgebildeten Kontrollmechanismen im Lebensmittelsektor aus. Die Sprache des alten Rechts, der Zunftordnungen und obrigkeitlicher Reglements entsprach immer weniger den Gegebenheiten des Warenaustausches und des sozialen Wandels. Lebensmittel und Ernährung waren von Ort zu Ort verschieden, rechtliche Vorgaben griffen auf dem Lande kaum, in den Städten immer weniger. Eine einheitliche Lebensmittelqualität war eine Fiktion, schien unmöglich. Man behalf sich mit einem Flickenteppich rechtlicher und wirtschaftlicher Maßregeln. Preistaxen, Gewichtsbestimmungen und die strikte Regelung der Konkurrenzverhältnisse sollten Konsumenten und Verkäufer vor Überteuerung schützen, Lebensmittelvisitation der „Policey“ verdorbene und verfälschte Nahrungsmittel im Markt verhüten.

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Direkter Einkauf – direkte Begutachtung auf dem Münchener Viktualienmarkt 1873 (Über Land und Meer 29, 1873, 224)

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten diese Kontrollinstitutionen unter Druck. Intensivierte Konkurrenzwirtschaft bis hin zur Gewerbefreiheit ließen die obrigkeitliche Schutzmacht deutlich schwinden. Die wenigen Versuche, strafrechtliche Bestimmungen gegen gesundheitsschädliche Produkte überregional zu kodifizieren – so etwa im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 – blieben jedenfalls ohne durchschlagende Kraft. Zeitgleich aber wuchs der Bedarf an Rechtsnormen rasch, führten doch Verbesserungen im Transportwesen (Chausseebau, Eisenbahnen) wie auch das Ende langbestehender Zollschranken zu einem vermehrten Warenaustausch. Der während der frühen Neuzeit zumeist noch enge Kontakt zwischen lokaler Agrarproduktion und städtischer Versorgung wurde nach und nach durchbrochen, immer mehr Produkte entstanden unter kaum näher bekannten Bedingungen. Versorgung wurde im 19. Jahrhundert zu einem fremden Element, von dem zuerst die Haushalte, dann die urbanen Zentren entlastet wurden. Die wachsende Bedeutung künstlicher Kost ließ Fremdversorgung zunehmend üblich werden.

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Geben und nehmen – Alltagskorruption bei der Biervisitation durch die Obrigkeit (Fliegende Blätter 83, 1885, Nr. 2104, Beiblatt, 1)

Parallel veränderte sich das Wissen über Nahrung und Ernährung – ohne jedoch bereits in den Alltag vorzudringen. Die biochemische „Natur“ organischer Stoffe wurde schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkundet, später dann systematisch erforscht. Auch der Mensch wurde naturalisiert, stand als Naturwesen im Stoffwechsel mit Materie, Pflanzen- und Tierreich. Folgerichtig bewegten sich die Bewertungsmaßstäbe von Wissenschaft und Alltag stark auseinander. Während sich die frühe Lebensmittelpolizei – analog zu den Haushalten – noch vornehmlich auf Kontrolle mit Hilfe menschlicher Sinnesorgane beschränkte, wurden nun mechanische und optische Hilfsmittel immer wichtiger. Vergrößerungsgläser und Mikroskope halfen, Trichinen zu erkennen. Der Rahmgehalt oder aber das spezifische Gewicht der Milch konnte durch Instrumente wie das Cremometer oder das Laktodensimeter ermittelt werden.

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Häusliche Kontrolle mit dem Milchprüfer (Kladderadatsch 31, 1878, Nr. 4, 2. Beiblatt, 3)

Mit derart beschränkten Mitteln führten vor allem Mediziner und Apotheker die Lebensmittelkontrolle vor Ort aus und gaben der örtlichen Kontrolltätigkeit exekutive Kraft. Doch landwirtschaftliche Produkte waren nicht über eine Leiste zu schlagen, waren höchst heterogen. Der natürliche Fettgehalt der Milch variierte Mitte des 19. Jahrhunderts je nach Fütterung, Rasse und Gesundheitszustand der Kuh um bis zu 1,5 Prozentpunkte. Die frühe Lebensmittelkontrolle konnte daher nur grobe Verfälschungen nachweisen, fehlte es doch an klar definierten und akzeptierten Normen für die einzelnen Lebensmittel, an die sich Produzenten orientieren konnten und wollten. Entsprechend beschränkte sich die Qualitätskontrolle vor allem auf den Schutz der öffentlichen Gesundheit. Bemerkenswert aber ist, dass sich hierbei nicht Mediziner, sondern Chemiker beruflich etablieren konnten (und, bei Trichinen, natürlich Tierärzte). Dies war ein Reflex auf die für das 19. Jahrhundert typischen neuartigen Fälschungsmöglichkeiten. Seit der Mitte des Jahrhunderts gewannen „künstliche“ Färbe- und Konservierungsmittel an Bedeutung. Sie ermöglichten die Produktion neuer Lebensmittel, dienten aber auch der Vortäuschung nicht vorhandener Produktqualität. Altbewährte Arten der Lebensmittelbeurteilung wurden dadurch vielfach obsolet. Gegen diese moderne chemische Schönung half jedoch chemische Kompetenz. Sie wurde zum Garanten für reine, unverfälschte Ware. Chemiker lieferten zudem gerichtsverwertbare „objektive“ Dokumentationen von Abweichungen und Verfälschungen.

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Nahrungsmittelchemiker Adolf Juckenack im Laboratorium (Der Welt-Spiegel 1912, Ausgabe v. 25. August, 3)

Die Mythen von Zahl und exakter Analyse lieferten ebenfalls Schrittmacherdienste für eine nicht nur privatwirtschaftliche, sondern auch öffentliche Etablierung der Handels- und Nahrungsmittelchemiker. Diese einseitige Professionalisierung führte zu zunehmend ausgefeilteren Analysemethoden und einer immer spezifischeren Fachsprache. Lebensmittelkontrolle entschwand so dem Alltagswissen – doch wer wollte die höhere Effizienz der chemischen Kontrolle wirklich bestreiten?
Grundlagen dieser Entwicklung legten umfassende Gesetzeswerke, die zuerst in den Einzelstaaten und Provinzen, seit 1879 auch für das gesamte Deutsche Reich erlassen wurden. Ihre Bedeutung gerade vor der Jahrhundertwende war jedoch noch begrenzt. Die Fleischbeschau zeigt dies deutlich: Trichinen – zuvor unbenannt und unbekannt – waren seit den 1860er Jahren zu einer allgemeinen Gefahr geworden, Massenerkrankungen forderten Hunderte von Toten.

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Mikrowelt der Gefahr. Trichinen in einer Aufklärungsbroschüre 1884 (Belehrung über die Entstehung und Verhütung der Trichinenkrankheit bei den Menschen, Dresden 1884, 23)

Nach der Entdeckung der Übertragungswege reagierten die beiden besonders betroffenen Staaten Sachsen und Preußen jedoch sehr unterschiedlich. Während Sachsen 1861 die Fleischbeschau landesweit regelte, erließ die preußische Obrigkeit nur in einzelnen Provinzen Maßregeln. Auch das dortige Fleischbeschaugesetz von 1868 bewirkte nicht die öffentlich vielfach erhoffte Zentralisierung der Schlachtung in Schlachthöfen und regelte ebenfalls gerade die Fleischbeschau nur oberflächlich. Daran änderte auch die Novelle von 1881 nichts. Erst das reichsweite Fleischbeschaugesetz von 1900 schuf langsam Abhilfe. Die Säumigkeit des Staates bedeutete zugleich, dass häusliche Fleischkontrolle weiterhin üblich blieb. Das galt auch für die Mehrzahl anderer Lebensmittel, denn das international gewiss vorbildliche deutsche Nahrungsmittelgesetz von 1879 blieb weitgehend folgenlos, auch wenn es einige Formen der Verfälschung und Täuschung reichsweit unter Strafe stellte. Es fehlte vielfach schlicht das qualifizierte Kontrollpersonal (unweigerlich denkt man an die heutigen gut gemeinten Luftnummern in der Bauwirtschaft, der Altenpflege oder der Kinderbetreuung). Besonders Preußen war institutionell nicht in der Lage, dem geltenden Recht auch Geltung zu verschaffen. Während die südlichen Bundesstaaten schon seit langem über medizinische und chemische Kontrollinstanzen verfügten, mussten diese oberhalb des Mains erst nach und nach aufgebaut werden. Nur langsam schliff sich dieses Nord-Süd-Gefälle ab, erst eine wesentlich verbesserte und durch die Promotion aufgewertete Ausbildung der Nahrungsmittelchemiker sowie die Gründung zahlreicher städtischer Untersuchungsämter führten seit den 1890er Jahren zu deutlichen Verbesserungen. Wegbereiter waren auch mehrere Spezialgesetze im Lebensmittelsektor, obgleich diese vorrangig agrarischen Wirtschaftsinteressen dienten (so etwa für die Zucker- und Fettproduktion). Trotz dieses dichter werdenden öffentlichen Rechts- und Kontrollrahmens erhöhten sich zugleich die Anforderungen an die Haushalte. Das immer vielfältigere Warenangebot erforderte genauere Kenntnisse, um den Wert der nicht mehr selbst produzierten Güter abschätzen zu können.

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Werbung für ein koscheres Kochbuch 1873 (Über Land und Meer 29, 1873, 36)

Schon in der ersten Hälfte des bürgerlichen 19. Jahrhunderts halfen Kochbücher, später auch speziellen Haushaltsratgeber bzw. hauswirtschaftliche Rubriken in Familien- und Frauenzeitschriften. Sie informierten nicht nur über bewährte Zubereitungstechniken, sondern dienten der Orientierung über Lebensmittel und ihre Be- und Verwertungsmöglichkeiten. Während dies bei der Mehrzahl der Dienstboten und Köchinnen noch im Haushalt erlernt wurde, begann mit dem seit Ende der 1880er Jahre zunehmend institutionalisierten Hauswirtschaftsunterricht die quasi öffentliche Vermittlung grundlegender Kenntnisse über Lebensmitteln und Haushaltsgerätschaften.

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Hauswirtschaftsunterricht in einer Berliner Volksschule 1905 (Das interessante Blatt 24, 1905, Nr. 26, 6)

Die immer stärkere, teils selbstbewusst gewählte Fremdversorgung der Haushalte gebar so einen Wissensbereich, der das tradierte Lernen von der Hausmutter oder Köchin durchbrach. Teils privatwirtschaftlich, teils staatlich organisiert, vermittelte die Hauswirtschaftslehre grundlegende Kenntnisse zum erfolgreichen Umgang mit einer neuen Warenwelt. Auf lange Sicht wichtiger war jedoch die Verlagerung der älteren Kontrollfunktionen des Haushalts auf die rückwärtigen Versorgungsstrukturen in Industrie und Handel. Markenartikel bezeichneten nicht mehr allein Herkunft, sondern wurden tendenziell Garanten einheitlicher Produktqualität. Ein Qualitätsimage war seit den 1870er Jahren verkaufsfördernd und gewinnbringend, so dass sich zumindest größere Firmen bemühten, unverfälschte und stets gleichartige Ware zu liefern.

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Werbung für reinen, unverfälschten Tee 1893 (Illustrirte Zeitung 101, 1893, 717)

Dies galt auch für die Mehrzahl der sich vor allem am Ende des 19. Jahrhunderts bildenden Branchenverbände. Gegenüber Staat und Chemikern waren sie Lobbyisten, doch nach innen wirkten sie qualitätssichernd. Doch neben und später vor „die Industrie“ trat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend Massenfilialbetriebe und die gemeinwirtschaftlichen Konsumgenossenschaften. Letztere führten schon seit der Jahrhundertwende regelmäßige chemische Kontrollen durch, garantierten ihren Käufern somit kontrollierte (und verpackte) Produkte transparenter Güte.

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Produktpalette der GEG, Großhandelsorganisation des Zentralverbandes Deutscher Konsumvereine 1911 (Konsumgenossenschaftliche Rundschau 8, 1911, Nr. 35, I)

Dies ermöglichte hochwertige und erschwingliche Güter auch und gerade in der Arbeiterschaft. Die Selbstkontrolle bei Produzenten und Händler sowie die erfolgreiche Professionalisierung der Chemiker bot schließlich unmittelbar nach der Jahrhundertwende Chancen für umfassende Begriffsbestimmungen und Kennzeichnungsvorschriften im Lebensmittelmarkt. Nicht der Staat, sondern Produzenten, Händler und Wissenschaftler legten noch vor dem Ersten Weltkrieg einvernehmliche Standards für immer mehr Lebensmittel fest. Hatten die diese Akteure um die Jahrhundertwende noch in teils intensiven Konflikten um die Ordnung im Lebensmittelmarkt gerungen, so ermöglichte ihr Bedeutungsgewinn zugleich wegweisende Kompromisse. Die Kartellierung der deutschen Wirtschaft fand ihr Pendant in der Kooperation der „interessierten Kreise“ auch im Lebensmittelsektor. Wissenschaftliche Experten und wirtschaftliche Repräsentanten nahmen für sich in Anspruch, Sachwalter der Konsumenten zu sein. Abseits einiger weniger Käuferligen, von Hausfrauenvereinigungen und dann Konsumentenkammern waren die Verbraucher an den Festschreibungen von Lebensmittelqualität und Kontrollverfahren jedoch nicht beteiligt. Das änderte sich auch nicht während der Mangel- und Hungerjahre 1914-1923, in denen die Qualität des Elementaren in den Städten kaum mehr gewährleistet werden konnte. Während der Weimarer Republik etablierten die Experten mit dem Lebensmittelgesetz von 1927 und seinen zahlreichen Folgeverordnungen dann einen verbesserten Ordnungs- und Kontrollrahmen, der auch noch für die Bundesrepublik Deutschland und die DDR Bestand haben sollte.

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Kontinuität häuslicher Lebensmittelkontrolle 1925 (Illustrierte Technik für Jedermann 3, 1925, 77)

Normierung und Standardisierung nahmen weiter zu, ebenso die Chemisierung der Kontrolltätigkeit. Die von Experten und Anbietern definierte und vom Staat institutionalisierte Kontrolle war durchaus erfolgreich – doch von einem direkten Einfluss der Konsumenten auf die Laboratorien konnte durchweg nicht mehr die Rede sein. Der veränderte Schutzrahmen und die neuen Kontrolleliten verweisen vielmehr auf die wachsende Entwertung des praktischen Wissens der bisherigen Garanten für die Qualität der Versorgung – nämlich der Hausfrauen. Männlich konnotiertes wissenschaftliches und wirtschaftliches Wissen ersetzte tendenziell die Alltagskompetenz der (bürgerlichen) Frauen. Dies war wichtig für deren fortschreitende Emanzipation in Wirtschaft und Öffentlichkeit. Doch es ist gewiss auch ein wichtiger Faktor für die heutigen Klagen im Ernährungssektor, die von geringer hauswirtschaftlicher Kompetenz und der Abhängigkeit von Expertensystemen gekennzeichnet sind.

Uwe Spiekermann, 23. Oktober 2018

Ein Franzose in Berlin – Oswald Nier, der „Ungegypste“, Weingroßhändler

Am Ende nahm er eine Überdosis Morphium. Oswald Nier (1844-1902), prominenter Berliner Weingroßhändler, in mehr als tausend Handlungen im Deutschen Reich vertreten, bekannt für die preiswerten Menüs in seinen zahlreichen Weinstuben, hatte 1902 einen Großteil seines Vermögens verloren, war in seinem Geschäft nur noch einer von mehreren Partnern. Von seiner Frau hatte er sich schon früher getrennt. Er war herzkrank. All das reichte. Die Öffentlichkeit reagierte bestürzt auf den Tod des „Ungeypsten“, zumal als der Todesnachricht die über den Selbstmord folgte. Doch das Leben ging weiter. Oswald Nier wurde vergessen, zumal die ubiquitäre Werbung seines Geschäftes deutlich reduziert wurde. Historiker haben sich mit ihm nicht beschäftigt, selbst ein Wikipediaartikel fehlt. Was zählt schon historische Bedeutung. Die Lohnschreiber der Unternehmensgeschichte haben andere Schwerpunkte.

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Oswald Nier (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 416)

Der Berliner Geschäftsmann war ein waschechter Franzose. Er entstammte einem kleinen Ort bei Nimes, einer Mitte des 19. Jahrhunderts aufstrebenden südfranzösischen Textil- und Weinstadt, mit reichem römischen Erbe und strikten Kämpfen zwischen den dominanten Katholiken und der protestantischen Minderheit, zu der auch Nier gehörte. Seine Familie war im Weinhandel tätig, besaß selbst ein kleines Weingut. Doch bis Berlin war es weit. Anders als seine Werbebiographie suggerierte, agierte er in jungen Jahren in den Fußstapfen seiner Vorfahren. Ein 1877 in Bern angestrengtes Verfahren berichtet über die üblichen Probleme im Weinhandel der frühen 1870er Jahre, über Zölle, Transportkosten, Weinqualität und Mindergewicht. Man einigte sich, schloss Vergleiche.

1876, fünf Jahre nach dem Frankfurter Frieden, begann jedoch die deutsche Karriere des Oswald Nier. Er gründete in Dresden eine Weinhandlung mit angeschlossener Weinstube. Als Einwandererunternehmer nutzte er seine Kenntnisse des französischen Marktes, um in Sachsen preiswerte Alkoholika anzubieten und auch auszuschenken. Nier positionierte sich als Qualitätsanbieter, wollte reinen Naturwein vertreiben. Und das zu niedrigen Preisen. Nier hatte rasch Erfolg. Um dies zu erklären, muss man sich den damaligen Weinmarkt vor Augen führen.

Wein war noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem ein regionales Produkt. In den frühen 1840er Jahren lag der Konsum in Württemberg bei 30 Liter pro Kopf und Jahr, in Preußen dagegen nur bei zwei (heutzutage liegen die Deutschen bei ca. 21 Liter). Der Großhandel konzentrierte sich vor allem auf bürgerliche Käufer. Es dominierten Weine des Rheinlandes und der Mainregion. Frankreich, Italien und Ungarn waren die wichtigsten Importländer, deckten einen gehobeneren Bedarf ab. Generell präferierte man eher süße Weine, entsprechend hoch schätzte man Port- und Dessertweine aus Spanien und Portugal.

Doch ehe wir heutige Konsummuster und Weinarten in die Vergangenheit projizieren, müssen wir uns die Andersartigkeit des Weinbaus in der Mitte des 19. Jahrhunderts vor Augen führen. Weinanbau war eine Profession für Hunderttausende, die von den Erträgen ihrer Arbeit unmittelbar abhängig waren. Kühle Sommer und Schädlingsbefall hatten entsprechend widrige Auswirkungen, nicht umsonst waren die Weinanbaugebiete Zentren der deutschen Auswanderung. Praktiker und dann auch Chemiker tüftelten an vielfältigen, oft landes- und regionsspezifischen Verfahren, um saure Weine süß und gefällig zu machen, um ihre Farbe zu verändern, ihnen mehr Gehalt zu geben. In Deutschland, zumal der Moselregion, dominierte seit den frühen 1850er Jahren das sog. Gallisieren. Die vom Frühsozialisten und praktischen Reformer Ludwig Gall (1791-1863) entwickelte Technik sah den Zusatz von Zuckerwasser zu sauren Mosten vor. Ähnliche Verfahren setzten in Frankreich deutlich früher ein, etwa das vor allem in Burgund praktizierte Petiotisieren (eine Nachgärung des Tresters unter Zusatz von Wein und Wasser) sowie das 1801 eingeführte Chaptalisieren (Zuckerzusatz). Doch nicht nur sozialpolitische Aspekte sprachen für derartige auch heute noch vielfach angewandte „Veredelungsverfahren“. Praktiker und insbesondere Chemiker argumentierten, dass Wein sich durch sein Aroma, sein Bouquet auszeichne, also durch die festen, teils mineralischen Bestandteile der Beeren. Der Zuckergehalt sei nur ein unspezifischer Nebeneffekt. Die Weinschönung galt daher nicht als Verfälschung, sondern als eine Art Normalisierung, um dem jeweils spezifischen Aroma eines Weines das angemessene Umfeld zu bieten. Ähnlich war die Argumentation auch beim sog. Gipsen der Weine, das seit Mitte des Jahrhunderts im gesamten Mittelmeerbereich, vor allem aber in Südfrankreich weit verbreitet war. Der Zusatz von Gips, also Kalziumsulfat, zur Maische führte zu einem höheren Säuregehalt, der nicht nur den Geschmack verbesserte, sondern vor allem Rotweinen eine feurige Farbe verlieh. Derartig behandelte Weine suggerierten Kraft und Gehalt. Es war dieses Verfahren in seiner südfranzösischen Heimat, dem Oswald Nier den Kampf ansagte.

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Kunstweinproduktion in der Karikatur (Fliegende Blätter 60, 1874, 92)

Mit der „Veredelung“ aber war das Ziel, „die Forschungen der Wissenschaft in klingendes Gold umzuprägen“ (Bersch, 1868), nur ansatzweise umrissen. Die chemische Analyse der Weine reduzierte diese Mitte des 19. Jahrhunderts auf Stoffkonglomerate – unabhängig davon, dass die meisten Aromastoffe unbekannt waren. Dies schuf neue Gestaltungsmärkte. Kunstweine wurden produziert, „selbst besser als der Naturwein und von diesem nicht unterscheidbar, unschädlich für die Gesundheit, haltbar, ohne besondere Geräthschaften in jeder Wirthschaft und Haushaltung ausführbar“ – so der Tenor einer üblichen Ratgeberanpreisung (Leipziger Tageblatt und Anzeiger 1855, Nr. 120 v. 30. April, 4). Produzenten schufen eine neue, künstliche Natur, wandelten Stoffe in vermeintlich höherwertige Kunstprodukte um. Ähnlich klang die Rechtfertigung für die noch größere Zahl von Façon- und Verschnittweinen.

Diese tiefgreifenden Veränderungen der Weinproduktion waren möglich, weil die moderne Chemie zwar neue Marktchancen eröffnete, zugleich aber analytisch nicht in der Lage war, ein umfassendes Kontrollsystem aufzubauen, um bestimmte Standards zu sichern und Fälschungen nachzuweisen. Die Definitionen klangen eindeutig: „Naturwein ist das aus unverändertem Moste festgestellte, ohne jeden weiteren Zusatz anderer Stoffe erzielte abgegohrene Gährungsprodukt des Ersteren von bestimmter Rebenlage“ (Zehnter und Elfter Jahresbericht der Chemischen Zentralstelle für öffentliche Gesundheitspflege in Dresden, Dresden 1882, 78). Doch dies war eine willkürliche Setzung, da die Abhängigkeiten von Lage, Klima, Düngung und Bodenbeschaffenheit nicht auf einen verbindlichen chemischen Nenner gebracht werden konnten. Das erste deutsche Weingesetz von 1892 machte daher aus der Not eine Tugend und erlaubte die „anerkannte Kellerbehandlung“ wie Verschnitt, Zuckerung, Entsäuerung und Haltbarmachung. Der nationalliberale Politiker und Bankier Ludwig Bamberger (1823-1899) kritisierte im Reichstag denn auch den „Ehrlichkeitsfanatismus“ vieler Experten: Lassen „Sie uns in Ruhe und warten Sie, bis wir uns beschweren. […] Im ganzen Leben gehört zum Genuß auch ein gewisser schöner Schein, und den wollen wir uns nicht nehmen lassen“ (Allgemeine Zeitung [München] 1887, Nr. 6 v. 6. Januar, 1-3, hier 3).

Oswald Nier, Naturweinpropagandist, sah das natürlich anders. Er stand nicht für eine klar definierte Zusammensetzung seiner Weine, sondern für einen ehrlichen Umgang mit dem Produkt: „Naturwein ist nicht ein nach Willkür stets gleichmässig zusammengestelltes Fabrikat, sondern Produkt der selbst schaffenden Natur, deshalb nicht immer gleich in Farbe oder Geschmack, stets aber gesunder und besser in seinem primitiven u. natürlichen Zustand, als verbesserter, gegypster, entgypster, mundgerecht oder wer weiss womit krystallschön gemachter Wein“ (Fliegende Blätter 84, 1886, Nr. 2120, Beiblatt, 8). Daraus entwickelte er ein unternehmerisches Leitbild und eine gesellschaftspolitische Zielsetzung: „Ohne Zwischenhändler zwischen Frankreich und Deutschland meine gesunden ächten, garantiert reinen ungegypsten Weine dem deutschen Publikum zu offeriren, durch fortwährendes Annoncieren und Bekanntmachen die Aufmerksamkeit der oberen Behörden des Staates auf die Fälscher zu lenken und somit uns selbe Weinbergbesitzern vor den Manipulationen der Weinfabriken zu schützen und die gesundheitsschädliche Weinfabrikation zu vernichten, ist das Ziel meiner Bestrebungen“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 24, 1883, 3. S. n 376). Die Latte war hoch gelegt: Der Unternehmer setzte auf den Markt als Klärungsinstanz einer abstrakten Debatte von Experten und Interessenvertretern.

Nier eröffnete im Oktober 1876 eine kombinierte Weinhandlung und Weinstube in der sächsischen Hauptstadt Dresden. Damit begann er in einer relativ wohlhabenden Region mit nur geringem Weinkonsum. Doch es ging nicht um ein Einzelgeschäft. Die späten 1870er Jahren waren in Deutschland durch den immer deutlicheren Durchbruchserfolg von (Massen-)Filialbetrieben gekennzeichnet (Uwe Spiekermann, Basis der Konsumgesellschaft, München 1999, Kap. 4.35). Nier etablierte 1877 ein zweites Hauptgeschäft in Berlin, es folgten Breslau und Stettin (1878), dann Leipzig (1879).

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Neben die Zentralgeschäfte, in denen Groß- und Einzelhandel sowie ein Weinstuben- bzw. Restaurantbetrieb gekoppelt wurden, traten zweitens sog. Filialen. Das waren faktisch Verkaufsgeschäfte und Gaststätten, in denen man die Nierschen Weine kaufen und auch trinken konnte. Zeitgenössisch nannte man dies auch Niederlagen. Drittens erfolgte eine Verdichtung vor Ort. Diese begann in Berlin, setzte sich 1882 dann in Dresden fort. Die Reichshauptstadt stand dabei klar an der Spitze. 1894 lagen dort 28 der 46 Zentralgeschäfte und 300 der mehr als eintausend Filialen. Um diese rasche Expansion zu ermöglichen, entwickelte Nier ein Franchisesystem: Die Berliner Zentrale gab Standards vor, lieferte Weine, gab Hilfestellungen für die Speisenauswahl, Küchen- und Lagertechnik sowie die Werbung. Nier blieb so überall präsent, auch wenn viele Hauptgeschäfte formal Eigentümerbetriebe waren. Die Gewinne blieben größtenteils vor Ort, doch Nier partizipierte über den Weinverkauf, eventuell auch über Franchisegebühren.

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Karte der Hauptgeschäfte (unterstrichen) und Filialen von Oswald Nier 1882 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 416)

1882 beschäftigte Nier 350 Personen, darunter auch viele Franzosen. 20 Zentralgeschäfte und 320 Filialen zeugten vom Anspruch des Weinhändlers, südfranzösischen Naturwein in Nord-, Mittel- und Ostdeutschland abzusetzen, also in Regionen mit relativ niedrigem Weinkonsum. Zugleich baute Nier ein Versandgeschäft auf, welches vorrangig von Berlin aus geführt wurde. Sein Aufstieg war zugleich verbunden mit dem Bruch damals gängiger betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien. An die Stelle des üblichen langfristigen Kreditierens der Ware setzte er auf Kauf und Verkauf gegen Cassa, also auf Barzahlung. Dieses war in einem weitverzweigten Filialsystem mit immanenter Konkurrenz der verschiedenen Filialen gewiss einfacher durchzusetzen als im Geschäftsverkehr von mittleren Handelshäusern.

Nier spielte bewusst mit gängigen Vorurteilen über französisches „savoir vivre“, ohne dabei beckmesserisch zu sein. Er bot seine südfranzösischen Naturweine in Weinstuben „nach Pariser Zuschnitt“ an. Flaschenweine dominierten (noch gegen Pfand), doch Nier ließ Wein auch vom Faß zapfen. Seine Restaurationen waren geschmückt mit Szenen französischen Landlebens, doch ebenso fanden sich dort Schweizer Alpenpanoramen. Einwandererunternehmer wissen ihre Heimat auf konsumerabele Versatzstücke zu reduzieren, wissen, dass dies nötig ist, um im Lande gar eines „Erbfeindes“ Erfolg zu haben. In den Anfangsjahren schmückte sich Oswald Nier entsprechend auch mit Ehrenbezeichnungen seiner französischen Heimat und präsentierte sich als Besitzer eines kleinen Schlosses, des Chateaux des deux Tours, das Anfang der 1880er Jahre auch zu einem Erkennungs- und Markenzeichen wurde.

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Stolze Präsentation des Nierschen Netzwerkes des Weinabsatzes 1885 (Fliegende Blätter 82, 1885, Nr. 2064, Beiblatt, 2)

Kommen wir zum Sortiment: Dessen Kern bildeten leichte südfranzösische Landweine, weiß und rot, die in Fässern von 600-700 Litern direkt aus der Herkunftregion Niers importiert, in den Kelleranlagen der Hauptgeschäfte gelagert und vielfach auf Flaschen gezogen wurden. 1877 nannte der Preiscourant einen Garrigues, also einen leichten Tischwein, den auch heute noch angebotenen Clairette sowie Handelsmarken mit den Bezeichnungen Plaines du Rhone, Chateaux Bagatelle und Chateaux des deux Tours. Nier handelte aber nicht nur mit französischen Weinen. Schwerere Handelsweine, wie etwa Baisse (Ungarnwein), Gres (Portwein), Malaga und Madeira, waren ebenfalls verfügbar, selbstverständlich auch Kognak oder Champagner. In der redaktionellen Werbung lobte man die südfranzösischen Naturweine ob ihres „sehr angenehmen, charakteristischen Geschmack[s], der von dem der Bordeaux-Rothweine erheblich abweicht.“ Die meisten Besucher hoben jedoch nicht den guten Geschmack, sondern das vorzügliche Preis-Leistungsverhältnis hervor. Niers Weine mochten zwar manchmal sauer sein, doch die Preise waren konkurrenzlos. Er bot sie zudem konsumnah an, neben die Liter- und Halbliterflasche trat schon bald eine Viertelliterflasche. Das Nebensortiment wurde immer wieder neu variiert, nicht jedoch der Kernbereich der Naturweine.

Ab 1892 begann der Absatz auch von Medizinalweinen, erst ein Duflot, ein Antigicht- und Antirheumatismuswein, dann 1894 auch ein „Kraftwein“, der den geschwächten Magen stärken sollte. Für Nier war dieser Wein nicht Genuss-, sondern Heilmittel: „Die Aerzte verordnen Weine als Medicinen, und die Weinhändler werden zu Apothekern, das geht Hand in Hand“ (Volks-Zeitung 1894, Nr. 575 v. 25. Dezember, 3). Weintrinker, so sein Credo, lebten gesund und froh. Gleichwohl war die Anpreisung dieser „Wunderweine“ medizinisch nicht gedeckt.

Die öffentliche Resonanz auf den Franzosen in Berlin war jedoch nicht nur produktbezogen. In der Erinnerungskultur finden sich eher Reminiszenzen an die jeweiligen Hauptsitze mit ihren abgestuften Gaststätten und Restaurants. Oswald Nier begann 1877 in der Jerusalemer Str. 48, dem drei Jahre zuvor gebauten Mosseschen Haus, mit Weinverkauf und kalter Küche. Seit Oktober 1877 lockten dann auch warme Speisen in das sich ausbildende Presseviertel in Berlin-Mitte. Platz war für etwa 500 Personen vorhanden, doch die Räumlichkeiten erwiesen sich rasch als zu klein.

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Wein und mehr: Angebote der Weinstube 1877 (Deutsche Montags-Blatt 1877, 26. November, 6)

Nier verlagerte seinen Hauptfirmensitz wohl 1881 ostwärts, mietete in der Wallstraße 25 ein großes Anwesen mit beeindruckenden Lagerkellern an. Hier zelebrierte er französische Gastfreundschaft bzw. bot seine Naturweine zusammen mit sehr preiswerten und reichlich bemessenen Speisen an. Damit erreichte er ein Mittelstandspublikum sowie die preisbewusste Kulturboheme der Reichshauptstadt. Ein Stammfrühstück kostete warm oder kalt je 30 Pfg., ein Mittagstisch mit 5 Gängen 95 Pfg., all dies auch als halbe Portionen zu haben. Nier zielte auf Kundenbindung, entsprechend reduzierte sich der Preis für Abonnenten, zehn Essen kosteten 6 M. Die Anmietung einzelner Säle war möglich, integrierte so Familien und Vereine. Niers Restaurants wurden im Baedecker empfohlen, die Kellerräume waren zeitweise eine Touristenattraktion der aufstrebenden Millionenstadt. Hier gewann der Name des Unternehmens – Aux Caves de France – reale Gestalt.

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Weinlagerräume in der Geschäftszentrale in Berlin (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 415)

Höhe- und Wendepunkt des Nierschen Unternehmens war gewiss die Verlagerung des Hauptgeschäftes in Berlins teuerste Gegend. Der Weinkomplex Leipzigerstraße 119-120, bewusst überschrieben mit „Zum Ungeypsten“, wurde 1890 übernommen und „glänzend“ ausgestattet. Doch das Stammpublikum folgte diesem Westschwenk nicht. Das zahlungskräftigere Publikum verlangte mehr als günstiges Essen und Trinken. Dabei hatte Nier das Angebot verbreitert und auch verbessert. Die soziale Differenzierung war ausgeprägt, im Restaurant gab es einen großen Mittagstisch für 10, 15, 25 oder 35 Pfg. pro Portion. Speisen an der Table d’hôte kostete 2,50 M, im Abonnement 2,20 M. Dafür bekam man einen halben Liter Clairette und „5 Gänge nach Wahl unter 10 Gerichten deutscher u. französischer Küche“ (Kladderadatsch 45, 1892, Nr. 27, 8). Speisen a la carte war ebenfalls möglich. Nier steuerte gegen, eröffnete beispielweise 1894 eine exquisite Weinbar, ließ die Speisebetriebe rund um die Uhr öffnen. Englische Küche am offenen Grillofen wurde integriert, französische Küche ergänzte die deutschen „Happenpappen“. Moderne Technik wurde zelebriert, etwa mit rollenden Thermophoren, mit automatischen Frontbratern oder belegten Brötchen in fliegensicherem Glasambiente. Trotzig verlautbarte die Werbung: „Das heutige Nier’sche Geschäft ist ein Weltgeschäft“ (Volks-Zeitung 1894, Nr. 575 v. 25. Dezember, 3). 1895 gab es zweimal täglich vierstündige Freikonzerte, Weinkneipfässchen wurden zum Spottpreis angeboten, um Gruppen anzulocken. Doch es half nichts, die schönen, teils mit deutschen und französischen Flaggen dekorierten Räume mussten 1896 aufgegeben werden. Das Niersche Geschäft zerbröselte von seinem Zentrum her. Der Franzose verlagerte sein Hauptgeschäft in die Linienstraße 130, am oberen Ende der Friedrichstraße, in ein – so die Werbung – noch „imposanteres“ Haus. Hier lagen auch seine Privaträume, hier sollte er die Überdosis Morphium zu sich nehmen.

Dieses Ende war in den späten 1870er Jahren nicht absehbar. Oswald Nier war ein Meister der Öffentlichkeitsarbeit, der Maßstäbe im modernen Marketing setzte – und dies lange bevor nach gängigen Stufentheorien entsprechende Entwicklungen einsetzten. Im Mittelpunkt seiner kommerziellen Kommunikation stand die Differenzqualität seiner „Naturweine“. Er verband den expliziten Vorwurf an die große Mehrzahl der Weinbauern, unreine und mit Gips versetzte Weine zu verkaufen, mit der lichten Gegenwelt seiner eigenen reinen Produkte ohne Zusätze. Er mobilisierte damit Alltagswünsche nach genussvollen und gleichsam natürlichen Waren, auch wenn „Veredelung“ nicht gegen geltendes Recht verstieß. Nier nutzte den Begriff „Naturwein“ offensiv, forderte rückfragende Konkurrenten explizit auf, „das Strafgesetz gegen ihn aufzurufen“ (Namslauer Kreisblatt 1884 Nr. 41 v. 9. Oktober, 430), wohlwissend, dass dieses faktisch nicht greifen konnte. Parallel ließ er sein Kernsortiment chemisch analysieren und nutzte die Analysen in vielen Anzeigen. Konkurrenzangebote französischer Weine ließ er in Dresden 1878 ebenfalls untersuchen, um so seinen Vorwurf zu untermauern, dass er allein ungeschönte Artikel verkaufe. Zum „Ungegypsten“ wurde Oswald Nier gleichwohl erst seit 1880. Anfangs propagierte er vorrangig „die Einführung chemisch untersuchter, französischer, als rein garantirter Weine“ (Berliner Tageblatt 1878, Nr. 238 v. 8. Oktober, 7), und die ersten Anzeigen gaben lediglich eine „Garantie für Echtheit und Reinheit“ (Deutsches Montags-Blatt 1877, Ausg. v. 5. November, 7). Als aber in Frankreich 1880 die Grenze von höchstens zwei Prozent Gipszusatz durch den aus Nimes stammenden Justizminister Jules Cazot (1821-1912) auf Druck der Winzerlobby aufgehoben wurde, begann Niers Kreuzzug gegen das Gipsen – und dies blieb sein Kernanliegen.

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Reiner ungegypster Naturwein zum Trinken, Einkaufen oder per Versand (Illustrirte Frauen-Zeitung 13, 1886, 144)

Um dieses zu unterstützen, forcierte er nicht allein den Verkauf von Flaschen, sondern versah diese mit Garantiemarken: „Dringend bitte ich, beim Bezug meiner Weine diejenigen Flaschen als unecht zurückzuweisen, welche entweder gar kein Siegel haben, oder eine Verletzung meines Namenssiegels zeigen“ (Kladderadatsch 30, 1877, Nr. 52 v. 11. November, 2. Beiblatt, 4). Das Verschlußsystem gab den Käufern die Chance, Nier oder seine Repräsentanten gerichtlich zu belangen, sollte der Inhalt nicht der Reinheitsgarantie entsprechen. Zugleich denunzierte er andere, sehr wohl bestehende Garantiesysteme als unzureichend, als Sand in den Augen des Publikums.

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Qualitätsmarke der Nierschen Naturweine (Der Bazar 33, 1887, 392)

All diese Maßnahmen zielten auf Popularität und Akzeptanz des Franzosen in Berlin. Doch Nier wählte auch andere gängige Maßnahmen. Slogans und Leitsprüche prägten viele Anzeigen. Da hieß es etwa „Wer Oswald Nier’s Wein nicht trinkt, sich selbst den grössten Schaden bringt.“ Besondere Bedeutung hatte die Wertschätzung des Reichskanzlers Otto von Bismarck, passionierter Trinker und Kunde von Nier. Sein Dankesschreiben enthielt den Wunsch: „Wein muss das National-Getränk der deutschen Nation werden“ – und der Einwandererunternehmer propagierte diese Sentenz daraufhin stetig. Bismarcks Geburtstag wurde mehrfach gewürdigt. 1897 verschenkte der Franzose am 1. April nicht weniger als 50.000 1,5 m² große Porträts des früheren Reichskanzlers als Zugabe.

Die mit solchen Aktionen verbundene direkte Kundenansprache hatte Tradition bei Nier. Preisausschreiben prägten schon in den 1880er Jahren seine Werbung am Jahresende. Ein Preisrebus war zu lösen, unter den richtigen Einsendern wurden dann Weinkisten verlost. Alle Teilnehmenden erhielten zudem kleine Werbegeschenke, etwa Taschenkalender oder Humoristisches. Zugleich konnte er so seine Adresskarteien aktualisieren.

Das Andocken an zeitgenössische Trends zeigte sich auch an seiner relativen Nähe zur Temperenzbewegung, die moderate Alkoholika wie Wein und Bier anstelle des Giftes der Spirituosen propagierte. Der vermeintlich gesundheitsfördernde Konsum von Wein wurde vor allem in den 1890er Jahren propagiert – im Einklang mit eugenischen Argumentationen. Wein stärke den Körper und schütze ihn jederzeit gegen epidemische, rheumatische oder sonstige Krankheiten, während Bier „das Fleisch des Körpers weich und lasch macht“ (Berliner Tageblatt 1894, Nr. 478 v. 10. Dezember, 12). Zugleich wurde immer wieder hervorgehoben, dass die preiswerten Weine Niers nicht teurer seien als Bier. Wichtiger aber war das Positive, wenn etwa im Sinne heutigen Performance Food behauptet wurde, dass Wein der „Erhaltung und Stärkung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit“ (Berliner Börsenzeitung 1898, Nr. 591 v. 18. Dezember, 12) diene. Wichtiger aber noch sei, dass Wein Frohsinn und Lebensseligkeit garantiere.

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Wein als gesundes Getränk (Volks-Zeitung 1901, Nr. 239 v. 5. Januar, 2)

Derartige Vorstellungen einer glücklichen Gesellschaft lassen sich auch mit Oswald Niers strategischer Nutzung von Wohltätigkeit koppeln. Der Weinhändler investierte hohe Summen in kontinuierliche Anzeigenwerbung, doch zugleich sah er die Chancen redaktioneller Werbung von Beginn an. Wiederum nutzte er nationale Feiertage, etwa Kaisers Geburtstag, um dann einen Teil der Tageseinnahmen für Bedürftige zu spenden. Zugleich diente das der Gewinnung neuer Kundengruppen, wenn er 1880 etwa nicht nur an die Armendirektion spendete, sondern auch an die Berliner Schutzmannschaft oder das Invalidenkorps. Ähnliches galt gegenüber seiner Belegschaft, die mit werbeträchtigen Weinfesten bei Laune gehalten wurde, die gemeinsam mit den interessierten Konsumenten zelebriert wurden. Wie kann die Welt doch schön sein, nach Tanz, Bühnenspaß, dem Festspiel „Ein Stündchen bei Oswald Nier“ und einer abschließenden Champagnerverlosung – so geschehen 1900.

Nier nutzte ferner lange vor den in den 1890er Jahren intensivierten Verbotsforderungen der Mittelstandsbewegung Wertzugaben zur Kundenbindung. Proben waren möglich, neu eingeführte Produkte wurden mit gut ausgestatteten Broschüren erklärt. Stammkunden konnten schon einmal gratis Austern essen – verbunden mit einem „Noblesse oblige!“ und einer tiefen Verbeugung vor der werten Kundschaft und dem geehrten Publikum. Am Jahresende gab es Kleinigkeiten, doch Kunden konnten auch begehrte Zugaben erhalten, etwa ein Bonbuch mit Eintrittskarten der wichtigsten Attraktionen der Pariser Weltausstellung 1900.

Schließlich nutzte Oswald auch die Preisoptionen im Marketingmix. Reklamekisten, etwa ein „Göttertrank“ mit 12 Flaschen und 30 Proben anderer Weinsorten plus Überraschung wurden für 15 Mark von Berlin aus versendet. Bezeichnender aber waren gezielte Preisreduktionen zur Ankurbelung des Geschäftes. Anfangs hatte es dies nicht gegeben, die Preise stiegen in den 1880er Jahren moderat. 1892 wurden die Preise für Wein jedoch deutlich reduziert, etwa der einfachste Minerve (Médoc-Wein) von 1,40 auf 1 M pro Liter oder der Garrigues von 1,80 auf 1,20 M. Dies war die andere Seite des Abenteuers Leipziger Straße, versuchte man doch eine Klientel des unteren Mittelstandes mit derartigen Kampfpreisen an sich zu binden. Anders war dies bei den nach der Jahrhundertwende einsetzenden Rabatten, die bis zu 15% betragen konnten. Sie ersetzten die tradierten Weihnachtszugaben, waren jedoch auch Ausdruck wachsender Probleme des Nierschen Weinimperiums.

Zum einen nutzte sich der Lockreiz der jungen französischen „Naturweine“ langsam ab, zumal es durch die in den frühen 1880er Jahren kulminierende Reblauskatastrophe zu einer Reduktion des Weinanbaus und einem langsamen Übergang zu höheren Qualitäten kam. Gravierender aber waren die immer wieder thematisierten Qualitätsprobleme bei Nier selbst. Der hohe Anspruch des Anfangs erwies sich peu a peu als Bumerang: 1883 bezeichnete etwa der Nürnberger Nahrungsmittelchemiker Robert Kayser (1853-1910) den Nierschen „Garrigues“ als Kunstwein und kritisierte die Ergebnisse seiner Berliner Kollegen als Reklamegutachten (Jahresbericht über die Leistungen der chemischen Technologie 1884, 871). Für Oswald Nier war dies Störfeuer der Konkurrenz, und er legte sich eine Art Schweigegelübde auf: „Dem sehr g. Publikum erlaube ich mir wieder in Erinnerung zu bringen, dass ich auf jedwede, gegen mich oder meine Weine gerichtete Angriffe, Verläumdungen, sowie auf Extrablätter, enth. s. g. chemische Analysen, Denunciationen (stets ohne Folge) u.s.w. (deren Zweck, u.a. mich durch kostspielige Erwiderung zu ermüden, Jedem klar ist) durchaus und prinzipiell keine Antwort mehr gebe, […] “ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 24, 1883, 5. S. n. 580). Ein Weinfälschungsprozess in Danzig endete 1886 mit einem Freispruch für die dortigen Nierschen Repräsentanten, doch Zweifel blieben (Dresdner Nachrichten 1886, Nr. 150 v. 30. Mai, 2). Untersuchungen der Hauptsorten hoben 1891 hervor: „Nach den Ergebnissen der Analyse zu schliessen, liegen hier mit Wasser und Sprit reichlich versetzte Rothweine vor. […] Nr. 2, 3, 4 schmeckten dünn und wässerig, Nr. 1 ekelerregend, eigenthümlich bitter“ (Zeitschrift für Nahrungsmittel-Untersuchung und Hygiene 5, 1891, 142). 1892 ergab schließlich die Analyse eines Nierschen Rotweines in Breslau, dass dieser ein „gallisierter, alkoholisierter Wein“ war (Chemisches Zentralblatt 65, 1894, 297). Die Folge war ein weit rezipierter Prozess in dem Nier „wegen Rothweinfälschung zu der höchst zulässigen Strafe von 150 Mark verurtheilt“ wurde (Scranton Wochenblatt 1893, 10. November, 7). Weitere rückfragende Analysen folgten, auch wenn diese die einzige Verurteilung wegen Nahrungsmittelfälschung blieb. Die sich langsam verbessernde Weinanalytik stellte Annoncen des reinen Naturweines jedenfalls in Frage.

Hinzu kamen wachsende Liquiditätsprobleme. Belastbare Angaben fehlen, doch in der Presse kursierten Gerüchte. Oswald Nier war Mitte der 1880er Jahre Millionär, wohl mehrfach, doch verlor er beträchtliche Summen im Panamaskandal 1888. In der Berliner Börsenzeitung hieß es pointiert: „Von dieser Zeit an regulirte N. nur mit Wechseln.“ Nier gab wohl viel Geld „für allerhand noble Passionen“ aus, “namentlich für das ‚Ewig-Weibliche‘“ (Hamburger Anzeiger 1902, Nr. 86 v. 13. April, 13). Gerüchte über jährliche Besuche im Spielkasino in Monaco wurden dementiert, doch von seiner seit den 1890er Jahren in Marseille ansässigen Frau Jenny, geborene Imaryjeon, lebte er getrennt. Hinzu kamen die nach Hundertausenden zählenden Verluste des Abenteuers Leipziger Straße von 1890 bis 1896. Das öffentliche Fazit entsprach der einseitigen Einschätzung eines Franzosen im damaligen Berlin: „Er selbst aber hat keine Schätze Deutschlands gesammelt, leicht verausgabt, was ihm – früher mehr, später weniger – die Konjunktur brachte“ (Neue Hamburger Zeitung 1902, Ausg. v. 13. April, 2). In Berlin war er als „vollendeter Cavalier“ geschätzt (Berliner Börsenzeitung 1902, Nr. 159 v. 6. April, 5).

Doch der vermeintlich leichtlebige Franzose zog aus alledem schließlich die richtigen unternehmerischen Konsequenzen. Er sicherte den Bestand des Unternehmens durch eine am 1. April 1902 erfolgte Umwandlung von einer Personalgesellschaft in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Er band zwei langjährige Mitarbeiter, Ernst Koch und Adolf Gontarski, als Geschäftsführer mit Prokura in die Unternehmensführung ein, und zahlte mit dem Kaufpreis seine Schulden. Und doch konnte er sich mit dieser partiellen Übergabe des Geschäftes offenbar nicht anfreunden. Schon beim Vertragsabschluss erlitt der seit langem herzkranke Nier einen Schwächeanfall. Am 4. April 1902 übergab er offiziell die Geschäfte an die Gesellschafter. Bis Mitternacht saß er mit Freunden zusammen. Dann zog er sich in seine Räume zurück, wo er Abschiedsbriefe an ehemalige Angestellte und die neue Gesellschaft schrieb, um dann zum Morphium zu greifen, das er seit längerem gegen seine Schlaflosigkeit nahm. Kurz vor 3 Uhr vernahm Niers Haushälterin ein tiefes Röcheln. Man brach die Tür zu seinen Privatgemächern auf. Oswald Nier wurde per Krankenwagen in die Charité gebracht, wo die Ärzte Tod durch Herzversagen feststellten. Dieses Urteil wurde nach Durchsuchung seiner Wohnung revidiert.

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Formale Trauer – Todesanzeigen der getrennt lebenden Gattin und der Partner Niers (Berliner Tageblatt 1902, Nr. 172 v. 6. April, 11)

Es folgten rasche, recht formal gehaltene Todesanzeigen. Oswald Nier, der „Ungegypste“, der Franzose in Berlin, wurde als „ein Berliner Original in des Wortes bester Bedeutung“ (Berliner Börsenzeitung 1902, Nr. 159 v. 6. April, 5) gewürdigt, der seinen Kunden immer wieder „harmlos-frohe Stunden“ bereitet hatte. Doch über einen Selbstmörder sprach man nicht gerne. Und auch Historiker haben sich seiner Biographie und seinem Unternehmen bis dato nicht gewidmet. Die Firma „Oswald Nier, Aux Caves de France“ wurde am 10. Februar 1903 aus dem Berliner Firmen-Register gelöscht (Volks-Zeitung 1903, Nr. 74 v. 13. Februar, 3). Die GmbH wurde fortgeführt, konzentrierte sich auf den Weingroßhandel, während die Einzelgeschäfte zumeist in Privatbesitz überführt wurden. Die Anzeigen für „Oswald Nier“ ebbten rasch ab, lediglich die Medizinalweine wurden ab und an annonciert. Es blieb nicht viel von diesem Pionier des Filialhandels, diesem Virtuosen des Marketing, diesem Spieler im weiten Felde künstlicher Natur.

Uwe Spiekermann, 12. Juli 2018

Mate oder Die verschwiegene Vergangenheit eines Modegetränks

Historisches Wissen konkurriert mit kommerziellen Narrativen. Während im politischen Raum beredt über „Fake News“ debattiert wird, bleibt der große und wachsende Bereich wirtschafts- und absatzbezogener Geschichtsnarrative gemeinhin unbeachtet. Geschichtsdidaktiker verwenden ihre Energie vorrangig dazu, Studenten und Öffentlichkeit die Vorzüge von Demokratie und Marktwirtschaft, von politischer Korrektheit und interkultureller Toleranz nahezubringen. Um den Kern modernen kapitalistischer Gesellschaften – Wirtschaft, Absatz, Konsum und die damit verbundenen Narrative – machen diese „Profis“ und die Mehrzahl der Journalisten dagegen einen meist weiten Bogen.

Damit wird Unternehmen ein breites Feld belassen, das sie dankbar für ihre Geschichten nutzen, sei es, indem sie Marken mit „Identitäten“ versehen, sei es, dass sie Produkte, Rohwaren und Grundstoffe in historische Narrative einbetten. Die fragile öffentliche Stellung historischen Wissens zeigt sich weniger im Politischen, sondern insbesondere im weiten Feld der Konsumgeschichte.

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Club-Mate im Verkaufsregal, Göttingen, Juni 2018

Seit einigen Jahren gewinnt etwa Club-Mate an Bedeutung, ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk. In Göttingen wird es zumal von Studierenden gerne getrunken, als Alternative zu Wasser, Eistee, Limonade oder Red Bull. Sie akzeptieren die Werbebotschaft der Brauerei Loscher, eines 1881 im fränkischen Münchsteinach gegründeten Familienunternehmens: „Club-Mate erfrischt und regt an, ohne aufzuregen. Club-Mate wird nämlich aus Mate gemacht – eine jahrhundertealte Urwaldpflanze aus Südamerika. Mit ihrer in der Natur einmaligen Kombination von Wirkstoffen wirkt sie auch hier und jetzt und heute immer noch Wunder!“ Urwald, Südamerika, Natur, einmalige Kombination, Wirkstoffe – ja derartig inhaltsleere Begriffe klingen wunderlich, locken erschöpfte Kommilitonen an das gekühlte Verkaufsregal. Loscher hat die Markenrechte 1994 erworben. Der beträchtliche Marktdruck im Biersegment führte damals allgemein zur Produktdiversifizierung, also einer Vielzahl von Biermischgetränken bzw. von Spezialbieren. Das alkoholfreie Club-Mate steht zugleich in der Tradition zahlreicher Limonaden und Mineralwässer, die seit dem späten 19. Jahrhundert von Brauereien angeboten wurden. Club-Mate ist ein eigenständiges Kernprodukt und zugleich eine Dachmarke, gibt es doch auch Granat-, Eis-Tee- und Cola-Varianten, steht eine Winteredition mit Zimt und anderen Saisonmarkern vor der Markteinführung.

Die Brauerei arbeitet im Sinne gängiger Marketingempfehlungen für ein Nischenprodukt. So kann man in an sich gesättigten Märkten Absatz und Wachstum generieren. Der Internetauftritt ist professionell, schafft Markenidentität, unterfüttert so die markenrechtliche Stellung. Bio, Umwelt und Familie sind wichtige Komponenten, doch ebenso die Exotik von Urwald, Südafrika und Indios. Zugleich präsentiert die Firma „ihre“ Geschichte. Sie ist die Geschichte eines Pioniers, des temporären Scheiterns und des beeindruckenden Wiederaufstieges: „Seit dem Jahr 1898 betrieb Herr Georg Latteier in Dietenhofen eine kleine Getränkefirma. Auf einer Ausstellung im Jahr 1924 entdeckte er das damals sogenannte “Sekt-Bronte”. Er erwarb die Lizenz zur Herstellung und zum Vertrieb dieses Getränkes in unserem Raum.“ Es folgt die Geschichte eines kleinen Anbieters, natürlich wird die NS-Zeit ausgegrenzt. Doch nach dem Krieg ging es weiter – und dann kam die Firma Loscher. Derartige Narrative verbreiten sich direkt und indirekt über journalistische Kommerzkommunikationsreproduzenten oder über Wikipedia, der wohl größten Plattform für Kommerzlegenden (aus Bequemlichkeit und mangelnder Kompetenz vieler Autoren). Eine solche „Geschichte“ ist jedoch eine typische Röhrenhistorie. Ihr Kern ist das Weglassen der Geschichte der Rohstoffe, der lebensmitteltechnologischen Details und aller konkurrierenden Produkte. Ernährungskultur wird ausgegrenzt, Kommerzkultur tritt an deren Stelle. „Invented traditions“ werden gemeinhin im politisch-gesellschaftlichen Felde erörtert. Damit aber ist nur die Spitze eines Eisberges sichtbar, dessen Zentrum kommerzielle Umdeutungen von historischem Wissen sind.

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Yerba-Sträucher, Plantagenernte und Transport (Yerba Mate, 1916, 3)

Halten wir nun ein wenig Abstand zu Club-Mate und widmen uns, natürlich in groben Strichen, der Geschichte von Mate in Südamerika und in deutschen Landen. Yerba Mate war während der präkolumbianischen Zeit ein gängiges Alltagsgetränk im Gebiet der Flüsse Paraná und Paraguay. Yerba, das „Kraut“, stammte von einer Wildpflanze. Als Stechpalme auch in Deutschland als botanischer Zierrat heimisch, wuchsen die Sträucher im südamerikanischen Urwald, erreichten dort vielfach auch Baumhöhe. Die Blätter des Yerbastrauches wurden abgeschnitten, auf einem Röstgestell gedörrt und dann im lokalen Umfeld verbraucht. Erste Plantagen wurden in den 1650er bis 1670er Jahren von den Jesuiten in ihrem Missionsgebiet angelegt. Das größere Angebot ermöglichte eine Verbreitung des Mate-Teetrinkens in der gesamten Region zwischen den Anden und dem Rio del Plato. Yerba Mate eroberte die kolonialen Märkte im spanisch beherrschten Südamerika, nicht aber in Europa. Die Kolonialwaren Tee, Kaffee und Kakao waren um 1700 schon etabliert, die Marktnischen entsprechend gering. Unter dem „Jesuitentee“ verstand man im 18. Jahrhundert hierzulande weniger ein Getränk als vielmehr ein Heilmittel mit stimulierender und diuretischer Wirkung. Das vorläufige Verbot des Jesuitenordens in Spanien im Jahre 1767 führte dann zu einem langsamen Niedergang der Matéplantagen. Systematischer Yerba Maté-Anbau begann erst wieder im späten 19. Jahrhundert.

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Yerba Mate-Röstung in Paraguay 1839 (Yerba Mate, 1916, 10)

Mate-Tee konnte seine Stellung als wichtigstes Alltagsgetränk auch nach der Unabhängigkeit der meisten südamerikanischen Staaten behaupten. Indischer und chinesischer Tee gewannen im Bürgertum an Bedeutung, drang aber schon aufgrund der hohen Preise nicht in die Mitte der meist bäuerlichen Gesellschaft vor. Der im 18. Jahrhundert zunehmend angebaute Kaffee wurde vornehmlich exportiert. Mate war integraler Bestandteil des Alltags und als solcher nicht einfach zu verdrängen. Reisende berichteten darüber gern und detailreich: „In jedem guten Hause Südamerika’s bereitet man diesen Trank in runden silbernen, auf eben solchem Untersatze stehenden Kanne. Man schüttet einen Theelöffel voll von dieser ‚Yerba‘, mit einem Stückchen gerösteten Zucker in die Tasse, fügt einige Tropfen Citronensaft, ein Stückchen Zimmt und Gewürznelken hiezu, und gießt heißes Wasser darauf, wo dann der Trank ‚mate‘ genannt, fertig ist. Die Tasse mit ‚mate‘ auf eine silberne, schön gearbeitete Untersatzschale gestellt, geht dann in der Gesellschaft von Hand zu Hand, und Jeder saugt durch ein kleines, sechs Zoll langes silbernes Rohr einen Schluck des Getränkes ein. Es würde für beleidigend gehalten werden, wollte man sich von dieser Saugerei ausschließen“ (Das Ausland 1837, 1346). Während die Friedenspfeife zum kulturellen Marker der indigenen Völker Nordamerikas wurde, standen der zirkulierende Mate-Kürbis und das Saugrohr („Bombilla“) für die Indio-Kulturen Südamerikas. Die europäischen Immigranten griffen diese Utensilien auf, verfeinerten sie, nutzen aber zugleich ihre vergemeinschaftende Kraft.

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Jesuitentee in einer US-Werbeschrift (William Mill Butler, Yerba Maté Tea, Philadelphia 1900, 9)

Deutschsprachige Zeitschriften berichteten im 19. Jahrhundert immer wieder über den „Paraguay-Tee“, auch als mögliches Importgut. Handel aber fand kaum statt: Paraguay hatte sich nach der Unabhängigkeit 1811 bis in die 1840er Jahre gegenüber seinen Nachbarn abgeschottet und die Handelskontakte eng begrenzt. Das änderte sich nach einer längeren Übergangsfrist. Doch im Preussischen Handelsarchiv hieß es 1859 strikt, dass Mate „für Europa ohne Interesse“ sei. Das weiter bestehende staatliche Monopol wurde zwar 1869 aufgehoben, doch derweil war Brasilien zum Hauptanbaugebiet von Yerba Mate geworden. Der Exportwert der Teepflanze wurde dort nur von Kaffee und Gummi übertroffen. Dennoch dauerte es noch Jahrzehnte, bevor Plantagen neu gegründet wurden. Die Kultivierung von Yerba Mate war kapitalintensiv, da regelmäßige Ernten erst nach vier Jahren möglich waren. Raubbau im Urwald an wild wachsenden Pflanzen war kostengünstiger. Yerba-Pflanzungen waren nicht allein kapital-, sondern auch arbeitsintensiv. Ohne Hacken, ohne Scheren war eine profitable Produktion nicht möglich. Anbau und Produktion waren noch nicht mechanisiert.

Der langsame Übergang zur Plantagenwirtschaft wurde vorrangig von amerikanischem Kapital getragen. Doch auch Einwandererunternehmer hatten einen wichtigen Anteil. 1887 wurde in Paraguay beispielsweise die Kolonie Neu-Germania (resp. Nueva Germania) gegründet. Unter der Federführung des Antisemiten Bernhard Förster (1843-1889) und seiner Gattin, der Nietzsche-Schwester Elisabeth Förster (1846-1935), geriet sie jedoch rasch in ökonomische Schwierigkeiten. Es gelang dem Kolonisten Fritz Neumann allerdings Yerbasamen zum Keimen zu bringen und so die Grundlage für deren gewerbliche Kultivierung zu legen. Andere deutsche Migrationskolonien folgten, etwa die 1900 gegründete Kolonie Hohenhau. Diese Plantagen arbeiteten exportorientiert – und waren auch an neuen Märkten im deutschen Vaterland interessiert. Dazu nutzten sie neue, arbeitssparende Rösttechnologien, mit denen eine Geschmacksvariation möglich schien. Außerdem gelang es Ihnen recht gut, die bei Feuchtigkeit immer drohende Fermentation der Yerba-Blätter deutlich einzugrenzen. Die US-amerikanischen Consular Reports stellten die Plantage Nueva Germania 1900 als profitablen Musterbetrieb vor. In Deutschland wurden Investoren mit hohen Renditeversprechen gelockt. Kolonialbefürworter diskutierten gar neue Yerba Mate-Plantagen in Deutsch-Afrika, am Kilimandscharo, in Usambara und Kamerun, jedoch ohne größere Folgen.

Der Mateanbau profitierte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zudem von staatlicher Förderung und einer langsam verbesserten Transportinfrastruktur. Während bis in die 1860er Jahre Yerba Mate mit traditionellen Verfahren nahe an den Ernteorten vorverarbeitet wurden, entwickelte sich seither eine Verarbeitungsindustrie vor Ort. Dies bedeutete eine gewisse Professionalisierung, höhere Standardisierung der Produkte, verstärkten Maschineneinsatz und eine effizientere Nutzung der Produktionsabfälle. In der Parana-Region gab es 1885 etwa 40 „Matéfabriken“ (Export 10, 1888, 588), von denen nur noch fünf in den südlichen Exportplätzen lagen. Die anderen Fabriken waren von der Rohstoffzufuhr ihrer unmittelbaren Gegend abhängig. Sie förderten daher Plantagenwirtschaft bzw. die großflächige Pflege eingehegter Urwaldbereiche.

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Werbewünsche: Südamerika schenkt dem Deutschen Reich ein Getränk (Dresdner Neueste Nachrichten 1912, Nr. 124 v. 9. Mai, 11)

Ende des 19. Jahrhundert gab es also verbesserte Exportmöglichkeiten, und Besucher der deutschen Kolonien schwärmten in entsprechend nationalistischem Jargon vom Mate-Tee: „Wie thöricht seit Ihr drüben, von den bezopften Söhnen des himmlischen Reiches schon einmal ausgekochten, gefärbten und mit allerhand zweifelhaftem Blätterzeug vermengten chinesischen Thee zu trinken, anstatt unseres herrlichen und billigen matés (Paraguay-Thee) von doppeltem Theingehalt“ (Export 12, 1890, 356). Doch im Deutschen Reich blieb man zurückhaltend. Als 1888 eine „Deutsch-Brasilianische Plantagen- und Handelsgesellschaft“ gegründet worden war, bemerkten Fachleute kühl, dass für die meisten Exportwaren Deutschland „kein geeigneter Markt“ sei; das gelte auch für den „Paraguaythee, welchen man trotz jahrelanger energischer Agitation nicht einzubürgern vermocht hat, und dessen Konsum sich auch wohl für die Zukunft auf die südamerikanischen Länder beschränken wird“ (Export 10, 1888, 453). Erste Angebote von Mate-Tee, etwa Anfang der 1890er Jahre durch die Wiener Großhandlung Wilhelm & Co., scheiterten denn auch.

Das Kernproblem blieb der Platz des neuen Getränkes im deutschen Nahrungssystem. „Mathee“ wurde als Getränk der arbeitenden Mehrzahl wahrgenommen, nicht als Produkt des Bürgers. Es galt als Morgengetränk des südamerikanischen Grubenarbeiters, war auch Teil des Militärproviants. Stofflich schien es die Nahrungsmittelpalette jedoch ergänzen zu könne. Der Wirkstoff „Matein“ sei anregend, doch Schlaflosigkeit, Herzklopfen und Nervenerregung seien nicht zu spüren. Mate sei „ungemein billig“ (Hygieia 4, 1891, 310), ein Getränk für Arbeiter und Volksküchen, dem Hausbier ähnlich. Es verwundert daher nicht, dass Landarbeiter zur ersten Zielgruppe werden sollten. Der Nationalökonom und Agrarwissenschaftler Karl Kaerger (1858-1903), der über gute Kontakte nach Südamerika verfügte und später auch für die Deutsche Gesandschaft in Buenos Aires tätig war, hatte schon 1893 ein größeres Kontingent Mate gekauft, um den Tee als ländliches Standardgetränk einzuführen. Es beuge Erschöpfung vor, sei ein vorzügliches diätetisches Mittel und könne auch abends verabreicht werden. Die meisten Erfahrungen waren jedoch negativ, „weil sich die Leute an den ihnen fremdartigen Geschmack des Thees nicht sogleich gewöhnen wollten.“ Für Kaerger war dies der übliche „Widerstand gerade beim niederen Volke“ (Das Land 3, 1894/95, 313) gegen Neuerung – und er empfahl, diesen insbesondere bei Wanderarbeitern zu brechen. Sie wären nicht nur abhängig von Fremdverpflegung, sondern könnten auch als Botschafter des Neuen fungieren. Dieser Vorschlag zielte auf eine Billiglösung für die vornehmlich polnischen Saisonarbeiter. Doch nicht nur der Eigensinn der Betroffenen, sondern auch dumpfer Kulturnationalismus verhinderte die Einführung von Mate-Tee. Philo vom Walde (1858-1906), schlesischer Dichter und ekstatischer Bewunderer des Naturheilkundlers und „Wasserdoktors“ Vincenz Prießnitz (1799-1851), betonte apodiktisch: „Zum Löschen des Durstes sind Flüssigkeiten genügend vorhanden.“ Neuerungen würden die „Urkraft“ jeder Menschenrasse gefährden: „Es stünde um das deutsche Volk viel besser, wenn die exotischen Gewächse: Kaffee, Thee, Tabak, Ingwer, Pfeffer, Muskatnuß, Zimmt etc. nie zu uns herübergekommen wären“ (Das Land 3, 1894/95, 314). Statt Mate empfahl er schollennah heimische Teesorten und verdünnten Fruchtwein.

Auch das deutsche Heer prüfte neue Nahrungsmittel (vgl. Künstliche Kost, Kapitel 3.2.4), darunter auch Maté-Tee. Während der Herbstmanöver des XVI. Armeekorps wurde auf Anregung des Kriegsministeriums Menschenversuche an Freiwilligen durchgeführt. Dazu teilte man eine Kompanie in vier Gruppen á 30 Soldaten auf. Eine Kontrollgruppe erhielt die Standardverpflegung, die anderen dagegen zusätzliche Portionen von Zucker, Tropon (ein Eiweißnährmittel, vgl. Die gescheiterte Neugestaltung der Alltagskost) und gesüßtem Mate-Tee. Letzterer bewährte sich vor allem als Marschverpflegung: „Die Leute rühmten ausnahmslos den guten Geschmack; die erfrischende und belebende Wirkung“ (Deutsche Militärärztliche Zeitschrift 28, 1899, 133). Der leitende Oberstabsarzt empfahl ihn als Marschgetränk, als Ersatz des teureren schwarzen Tees. Dies unterblieb jedoch.

In den 1890er Jahren scheiterte demnach eine hierarchische Markteinführung, eine Zwangsbeglückung qua Vorgabe und Befehl. Doch derartige Debatten sind in modernen Wissensgesellschaften begleitet von wissenschaftlichen und technologischen Untersuchungen. Yerba Mate, dessen stoffliche Zusammensetzung schon in den 1860er Jahren erstmals genauer erkundet worden war, wurde nun präzise analysiert: Der recht niedrige Koffeingehalt zwischen 1 und 1,5‰ (Club-Mate hat heute einen standardisierten Anteil von 2‰, Cola kommt auf die Hälfte, Kaffee auf das Vierfache) und die relativ hohen Anteile von Mineralstoffen, insbesondere von Mangan und Magnesium, boten Werbeargumente. Zugleich etablierten sich so Normvorstellungen, die insbesondere bei der Qualitätskontrolle und der Bekämpfung verfälschter Ware hilfreich sein konnten. Der durch das Dörren bei offenem Feuer übliche Rauchgeschmack konnte zudem durch schonendere Rösttechnologie abgemildert werden. Das neue Wissen machte die Rohware handhabbar – und legte damit die Grundlagen für neue Produkte auf Yerba Mate-Grundlage.

Matehaltige Limonaden wurden im Deutschen Reich, darauf hat Achim Zubke vor knapp einem Jahr schon hingewiesen, lange vor dem von der von der Brauerei Loscher genannten Jahr 1924 produziert. Dies unterstreicht die Kraft tradierter Ernährungskulturen und Geschmacksvorstellungen, denn das südamerikanische Kraut musste in die Produktwelt des Deutschen Reiches transformiert werden, um in der Fremde begrenzten Erfolg zu haben. Limonaden boten sich an, da sie als gesunde Alternative zum Alkohol galten – obwohl es sich damals vor allem um künstliche Mineralwässer mit Frucht-, Aromen und Zuckerzusätzen handelte. Doch diese Zusätze konnten helfen, den Geschmack des Neuen neu zu justieren, es so marktgängig zu machen. Mate-Limonaden sind daher ein gutes Beispiel für „künstliche Kost“: Eine südamerikanische Pflanze wird auf ihre vermeintliche „Essenz“, also ihre chemische Zusammensetzung und ihre physiologischen Wirkungen reduziert. Elaborierter Technik hilft bei der Komposition eines absatzfähigen Kunstprodukts, dessen Absatz von der Exotik der fremdartigen kulturellen Herkunft unterstützt wird. Enträumlichung, Entzeitlichung, stoffliche Abstraktion und kulturelle Ästhetisierung finden sich so einträchtig beieinander.

Der kleine Nischenmarkt hatte wohl in Rio-Matte und Ete frühe Markenpioniere. Werblich nachweisbar war zuerst Hactormin, ein schwach schäumendes Getränk der Mineralwasserfabrik Rech in Dresden (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 42, 1901, 746). Ähnlich wie die 1902 entwickelte Bilz-Brause (seit 1905 Sinalco) wurde es als Alkoholsubstitut vermarktet. In der Münchener Allgemeinen Zeitung hieß es 1904: „Bereits wird auch aus den Yerba-Blättern ein bierähnliches, alkoholfreies Getränk hergestellt, das als in hohem Grade erfrischend und durststillend gerühmt wird und vielleicht als das gerade in den Tropen so erwünschte Ersatzmittel für die Alkoholika an dem es noch immer fehlt, dienen kann.“ Das Hin und Her zwischen Zentren und Peripherien wird in diesem Zitat schön deutlich.

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Ein neuer Typ von Getränk (Berliner Börsenzeitung 1905, Nr. 229 v. 17. Mai, 20)

Einen ganz anderen Anspruch hatte Yermeth. Das „Gesundheits- und Volksgetränk“ wurde wohl seit 1903 verkauft, doch erst eine umfassende Anzeigenkampagne in Berliner Zeitungen machte das Produkt im Mai und Juni 1905 einem breiteren Publikum bekannt. Analog zu gängigen Kräftigungsmitteln, aber auch zu den damaligen Nahrungsinnovationen Haferkakao und Joghurt wurde behauptet: „Yermeth beseitigt Kopfschmerz, Sodbrennen, Alkoholbeschwerden u. ist vorzüglich gegen Gicht. Yermeth wirkt appetitanregend sowie unbedingt günstig auf Nieren und Blase“ (Vorwärts 1905, Nr. 116 v. 19. Mai, 8). Das Mate-Getränk wurde 1905 bereits in verschiedenen Varianten angeboten. Die Schöneberger Yerbeth-Compagnie hatte ärztliche Gutachten eingeholt, die in einer Werbebroschüre gebündelt waren. Das kohlensäurehaltige Getränk wurde in Flaschen verkauft und ins Haus geliefert. Der Preis lag mit 10 Pfg. für die zuckerfreie Variante allerdings höher als der gängiger Getränke, insbesondere von Bier.

Mit Sekt-Bronte kommen wir nun nah an die unmittelbare Vorgeschichte von Club-Mate. Die schäumende, mit Kohlensäure versetzte Mate-Limonade wurde seit spätestens 1910 von der Deutschen Matte-Industrie im sächsischen Köstritz produziert und vermarktet. Die Unternehmensgeschichte wurde, wenngleich nicht ohne Fehler, vom Heimat- und Ortsverein Bad Köstritz genauer erforscht.

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Anpreisung von Bronte und Paraná-Tee (Dresdner Neueste Nachrichten 1910, Nr. 103 v. 17. April, 13)

Bronte – der Name verweist auf eine Stadt unterhalb des Ätnas – wurde vom Apotheker und Firmenleiter Hugo Obst (1859-1913) als „Labetrunk in der Westentasche“ vermarktet, als „Bierähnlich, würzig, schäumend, unschädlich!“ Präsentiert als „Paranátee“, hatte er den Anspruch eines Allzwecklebens- und Heilmittels: „Wer sich auf angenehme, anregende Weise anregend erquicken und erholen, wer sich in Stimmung bringen will, wer ein Beruhigungsmittel braucht, wer Müdigkeit, Abspannung möchte, wer Kopfschmerz, Uebelkeit, Magenstörung zu beseitigen hat, wer an Stelle des Bieres einen unschädlichen, aber vollgültigen Ersatz haben möchte, wem ärztlicherseits der Biergenuss untersagt ist, werde die Folgen einer fröhlichen Kneipe auf angenehmste und schnellste Weise beseitigen möchte, wer zuckerkrank, Rheumatiker, nieren- und blasenleidend ist, der sollte sich schnell die braune Bronte bauen.“ Dies waren typische unbelegte Anpreisungen in einem nur schwach regulierten Nahrungsmittelmarkt. Die Werbung verdeckte zugleich die beträchtlichen technologischen Probleme bei der Produktion des Getränks. Die Mate-Blätter waren nur unter großen Schwierigkeiten aufzuschließen, entsprechend variabel war der Grundstoff des Getränks. Die Inhaltsstoffe konnten zuerst nur teilweise gelöst werden. Zudem waren die Filtertechniken anfangs unzureichend, konnten Pektine nicht sicher entfernt werden (Prometheus 23, 1912, 683). Dies ging zu Lasten der Haltbarkeit. Doch praktische Arbeit minderte die Probleme, erlaubte auch die stabile, von überschäumender Kohlensäure nicht gefährdete Lagerung der Bronte-Flaschen.

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Standardwerbung (Sächsische Volkszeitung 1912, Nr. 120 v. 26. Mai, 8)

Vor dem Ersten Weltkrieg galt Sekt-Bronte als „Genußmittel eigener Art“, das in Sachsen, im benachbarten Bayern und einzelnen Großstädten vertrieben wurde. Anders als das südamerikanische Yerba Mate war es ein gekühltes Erfrischungsgetränk, das vor allem im Sommer Absatz fand. Die Deutsche Matte-Industrie zielte auf die Mitte der Gesellschaft, inklusive der Facharbeiterschaft. Anzeigen hoben vor dem Ersten Weltkrieg den „vornehmen Geschmack“ von Sekt-Bronte hervor (Sächsische Volkszeitung 1913, Nr. 176 v. 1. August, 4).

Mate-Limonaden besetzten eine Nische im Getränkemarkt des Kaiserreichs; doch diese Nische war klein. Die Köstritzer Firma ging 1915 bankrott, obwohl Beobachter 1914 noch von großen Mate-Vorräten berichtet hatten. Nach Auskunft von Achim Zubke zog sich die Abwicklung bis 1922 hin, ehe im März 1926 eine Neugründung die Produktion von Bronte wieder aufnahm. Erst im 2. Weltkrieg stellte man den Betrieb endgültig ein. Wie diese Angaben zu der Information der Brauerei Loscher passen, nach der Georg Latteier in Dietenhofen die Lizenz für Sekt-Bronte 1924 erworben hat, ist mir allerdings nicht klar. Auch in der Zwischenkriegszeit war der Absatz von Mate-Limonaden gering. Yerba Mate war nur wenigen Deutschen bekannt, auch wenn seine Stellung als „Lebenselixier“ vieler Südamerikaner Ende der 1920er Jahre mehrfach hervorgehoben wurde. Dem begrenzten Erfolg der Mate-Limonaden zum Trotz waren sich Statistiker schon 1913 sicher: In Europa hatte sich Mate nicht einbürgern können.

Das änderte sich auch nicht im Ersten Weltkrieg, obwohl einige Yerba Mate-Propagandisten versuchten, den Tee in die Militärverpflegung zu integrieren. Die Tests der späten 1890er Jahre hatten nicht dazu geführt, den südamerikanischen Tee als Militärkost zu adeln. Doch nun schien er eine neue und zu Kriegsbeginn auch in großen Mengen verfügbare Allzweckwaffe für Märsche, den Schützengraben und das Feldlazarett werden zu können. „Das Getränk kann in jeder Form genossen werden: rein oder mit Zusatz (Zucker, Wein, Zitrone usw.); heiss, warm, lauwarm, kalt“ (Münchener Medizinische Wochenschrift 62, 1915, 965). Auch Milch, Zitrone oder aber Rotwein konnten zugemischt werden (Die Umschau 19, 1915, 713). Dabei verwies man auch auf die Erfahrungen aus den verschiedenen Kriegen in Südamerika. Zugleich wurden Mate-Tee und Maltyl-Mate als Liebesgabe für die Fronttruppen empfohlen. Doch wie viele andere beherzte Plädoyers für neue „Volksnahrungsmittel“ blieben auch diese folgenlos.

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Matein als Hilfsmittel gegen Nervosität (Der Welt-Spiegel 1914, Nr. v. 18. Juni, 8)

Dennoch konnte Mate während der Vorkriegszeit weitere Nischen erobern. Matepräparate wurden nicht als Nahrungs- sondern als Heilmittel vermarktet. Ein Beispiel hierfür war das Schweizer Produkt Matein, dass gegen die zeittypischen Modekrankheiten, insbesondere gegen die Nervosität, helfen sollte. Nachweisbar ist auch ein Matekraftmalz, angereichert mit Lecithin, einem der „blutbildenden“ Modestoffe Anfang des 20. Jahrhunderts. Matebonbons konnte man ebenfalls kaufen – Heilsversprechen inklusive. Und es ging noch kleiner: Die Dresdener Gehe AG verkaufte auch eine Mischung von Matyl-Mate-Tabletten (Malzextrakt mit Mate-Tee-Extrakt) zu fünf Gramm mit Schokolade.

Nach der Jahrhundertwende war auch Mate-Tee im Deutschen Reich verfügbar. Die Internationale Mateimportgesellschaft in Bremen lieferte ihn sowohl als ein relativ grobes Pulver als auch in Form größerer Blätter. Ca. zehn Gramm sollten pro Liter ausreichen, der Aufguss konnte aber durchaus ein zweites und drittes Mal genutzt werden. Damit lag der Preis weit unter dem von schwarzen und grünen Tee aus Asien. Doch der Geschmack blieb ungewohnt: „Das Ganze besitzt eine bald hellere, bald dunklere grüne Farbe und einen eigentümlichen, aromatischen, teeartigen, zugleich loheartigen Geruch. Der Geschmack der Droge ist herb und etwas bitter“ (Mayerhofer, 1926, 673). Der Teemarkt blieb auch in der Zwischenkriegszeit gespalten. Auf der einen Seite fand man Mate-Tee in Reformhäusern, Drogerien und Apotheken. Die Werbung versprach vieles und beliebiges. Wie schon bei Sekt-Bronte, dessen Werbung auf Südamerika und die Indios verwies, wurde auch der Mate-Tee mit historischen Narrativen geschmückt: „Die Jesuiten kannten vor Jahrhunderten den Wert des Yerba Mate Tees. Darum trinken auch Sie Yerba Mate Tee. Achten Sie auf die Marke“ (Badische Presse 1930, Nr. 557 v. 30. November, 7).

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Yerba Mate als Gesundheitstee (Badische Presse 1930, Nr. 422 v. 12. September, 12)

Daneben aber war Mate-Tee auch in Lebensmittelfilialbetrieben erhältlich, etwa in Halb-Pfund-Packungen bei Thams & Garfs. Absatzzahlen fehlen, doch ein Beobachter sprach davon, dass der Tee „als Markenartikel in den Feinkost- und Kolonialwarengeschäften mit zunehmender Beliebtheit Eingang gefunden“ (Die Volksernährung 4, 1929, 85) habe. Entsprechend konnte Mate-Tee auch über Versandgeschäfte geordert werden, etwa durch die Firma A. Bocksch, Mate-Import in Schlettau/Schlesien. Viel aber war das nicht. Der Schweizer Agrarexperte Andreas Sprecher von Bernegg resümierte 1936 zu Recht, dass „Mate […] anstatt des geweissagten Siegeszuges über die Welt Mühe haben wird, seinen Platz zu behaupten.“ Mate blieb ein im Wesentliche auf Südamerika begrenztes Produkt.

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Exotisch und gesund (Gesund leben 1953, H. 10, 10)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik an die Tradition von Mate als Gesundheitstee angeknüpft, während er in der DDR eine seltene Ausnahme blieb. Obwohl in den USA Maté seit den späten 1950er Jahren auch als lösliches Instantprodukt beworben wurden, blieb in der Bundesrepublik Mate-Gold ein höherpreisiger Markenartikel, der während der gesamten 1950er Jahre – und wohl auch darüber hinaus – in Apotheken, Drogerien und Reformhäusern erhältlich war. Mengenmäßig war der Konsum überschaubar. Die bundesdeutsche Importstatistik weist für 1955 390 t und für 1956 286 t Mate aus – nicht viel bei einer Produktion von 80.000-100.000 t allein im Hauptproduktionsland Brasilien.

Wir sind damit an das Ende unseres Exkurses gekommen. Die Vorgeschichte von Club- Mate hat deutlich mehr Facetten ergeben als im gängigen Marketing des „neuen“ Produktes angesprochen. Dieses lebt vom bedingten Mythos als Party- und Hacker-Getränk, auch vom herb-süßem Geschmack und dem recht kleinen Koffeinkick. Andere Narrative docken sich an, etwa die wirre Geschichte eines „deutschen“ oder aber „sächsischen“ Getränks, beliebt im Kreise von Rechten und Rechteren. Der kurze Ausflug macht vor allem deutlich, dass genaueres Hinschauen im Konsumalltag Geschichte nicht auf etwas Fernes verweist, sondern als etwas, das Leben umgibt und Leben prägt. Man traue also keinem Kommerznarrativ – auch wenn es schön hipp ist und die eigenen Seinsträume unterstützen mag.

Uwe Spiekermann, 20. Juni 2018

Alles Essig? Das Saure zwischen natürlich und künstlich

Die Tochter des Oekonomen Haugg aus Wollbach bei Augsburg wurde nur sechs Jahre alt. Ihre Mutter hatte einen Salat mit Essigessenz angemacht und die Flasche offen stehen lassen. Das Kind nahm einen kräftigen Schluck und verstarb 1907 unter grässlichen Schmerzen. In Plauen reichte ein Gastwirt einem Kollegen 1905 statt des gewünschten Kognaks ein Glas Essigessenz. Die schweren Verätzungen führten nach mehr als fünf Wochen Ringen zum Tod. Der Richterspruch lautete auf zwei Monate Gefängnis durch fahrlässige Tötung. Auch die hochbetagte Besitzerin des Gasthofes zum Grünen Baum im bayerischen Schöllkrippen griff 1900 zur falschen Flasche, trank statt des üblichen Zwetschgenbranntweins ein Gläschen Essigessenz. Ihr Tod war qualvoll. Neben Verwechselungen trat auch Absicht. Essigessenz gewann das zweifelhafte Prädikat eines Schierlingtranks für Liebende. Derartige Selbstmorde waren doppelt grausig.

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Warnende Nachrichten (Sächsische Volkszeitung 1903, Nr. 196 v. 29. August, 3)

Kleine Nachrichten wie diese finden sich immer wieder in den Tageszeitungen der Jahrhundertwende. Die erzieherische Botschaft war klar: Hüte Deine Kinder wie Dich selbst – und übe Sorgfalt mit dem Sauren. Eingewoben war jedoch auch eine schlichte Information: Essigessenz war ein Alltagsprodukt geworden, war seit den 1890er Jahren Bestandteil der allgemeinen Küchenpraxis; und das trotz offenkundiger Gesundheitsgefährdungen.

Was aber war Essigessenz? Unsere heutige Warenwelt ist durch die Verordnung über Essig und Essigessenz von 1972 geregelt. Essig, dem Konsumenten vor allem als Würze und als saurer Zusatz zum Salat bekannt, ist demnach eine wässerige Lösung von Essigsäure. Unser „Essig“ hat einen Gehalt von mindestens 5% des Wirkstoffes, doch selbst „scharfer“ Essig darf einen Anteil von 15,5% nicht überschreiten. „Essigessenz“ ist saurer, hat einen Essigsäuregehalt von bis zu 25%. Man kann sie einfach mit Wasser verdünnen und erhält dann einen Essig von ansprechender Milde. Heutige Essigessenz ist scharf, wirkt schon leicht ätzend, doch ihr Genuss ist nicht tödlich. Die kleine Tochter der Oekonomen Haugg hätte aufgrund dieser Regulierung wohl überlebt.

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Starker Stoff (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, Nr. 18, II)

Um 1900 gab es jedoch zwei gravierende Unterschiede zu heute. Zum einen war Essig ein wohl gängigeres Produkt im Alltag. Frische Salate gab es gewiss seltener, doch Eintöpfe, Sauerfleisch und Marinaden standen höher im Kurs. Essig wurde zudem beim Einmachen benötigt, zumal das Einwecken, also die Hitzesterilisierung, damals noch in den Anfängen steckte. Andere vergessene Nutzungen wären zu nennen, erinnert doch Christi Kreuzestod an die Sitte, aromatisierten Essig zu trinken. Zum andern aber war der Nahrungsmittelsektor deutlich geringer reguliert, es dominierten stattdessen informelle Praktiken. Die verschiedenen Arten des Essigs waren meist klar benannt, auch wenn die Bezeichnungen oft regional variierten. Und spätestens seit 1885 gab es auch erste reichsweit angewandte, wenngleich nicht rechtsverbindliche chemische Grenzwerte für deren Bewertung und Unterscheidung. Der Konsument war also grundsätzlich informiert, kannte „seinen“ Essig. Doch er konnte zugleich auch sehr scharfe und eventuell giftige Essigessenz kaufen. Konzentrationen von 80% und 60% waren handelsüblich. Sie war ein gutes Putzmittel, ergab mit Wasser verdünnt aber auch einen schön sauren Speiseessig.

Essig ist ein gutes Beispiel für die tiefgreifenden und bis heute prägenden Veränderungen der Nahrungsmittelproduktion im 19. Jahrhundert. Die Herstellung ist an sich einfach. Benötigt wird Luft, inklusive darin enthaltener Bakterien. Zudem eine alkoholische Grundlage, denn Essigsäure ist transformierter Alkohol. Wärme, ideal sind 25-30 °C, beschleunigt die Essiggärung. All das erfolgt in einem Essigbildner, also einem meist hölzernen, nicht metallischen Gefäß. Kommt alles zusammen, so benötigt man Zeit, denn die vollständige Transformation eines offen stehenden Weintroges in Essig benötigt Wochen. Doch die Essiggärung setzt rasch ein – ein Grund für den so anderen Geschmack eines Weinrestes am Morgen nach einem Fest.

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Natürlicher Gärungsessig (Leipziger Zeitung 1859, Nr. 182 v. 3. August, 2. Beilage, 1)

Handreichungen und Rezepte zur Essigbereitung findet man in den Haushaltsökonomien und den Kochbüchern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wein oder leicht vergorenes Obst bildeten die Nährbasis der Essigzubereitungen. Neben der Haushaltsproduktion bestanden teils altehrwürdige Gewerbe, etwa die Essigsieder oder aber Essigbrauer. Sie kauften vielfach saure Weine oder aber unansehnliche Äpfel auf, produzierten für einen lokalen, selten regionalen Bedarf und entwickelten die dafür erforderlichen Absatzstrukturen. Weinbaugebiete waren daher vielfach Essigproduktionsgebiete. Der so gewonnene Essig war aromatisch, doch die Umwandlung dauerte lang. Entsprechend hoch waren die Preise.

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Beschleunigung durch Holzspäne (Kosmos 15, 1918, 12)

Die handwerkliche Produktion von „natürlichem“ Essig wurde jedoch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch „künstliche“ Schnellessigverfahren ergänzt. Als Marker wird gemeinhin das Schützenbachsche Schnellessigverfahren genannt, 1817 entwickelt und seit 1823 gewerblich genutzt. Der Freiburger Chemiker (1793-1863) nutzte dazu seine praktischen Kenntnisse: Die Produktionsdauer hing von Sauerstoff, Wärme und der Größe der Oberfläche ab, an der sich Bakterien ansiedeln konnten. Schützenbach vergrößerte die Oberfläche innerhalb der Essigfässer durch Buchholzspäne. Der Alkohol wurde über diese mit Bakterien besetzten Späne geleitet, unterstützt von einem warmen Luftstrahl im unteren Teil des Essigtroges. So konnte die Produktionszeit deutlich auf etwa zwei Tage verkürzt werden. Der Geschmack dieses Schnellessigs ließ anfangs zu wünschen übrig, so dass vor allem technische Anwendungen in der Textil- und dann auch der Farbindustrie von den niedrigeren Preisen profitierten. Langsam aber wurde der Geschmack verbessert, teils durch verbesserte Verfahren, teils durch eine gezielte Aromatisierung.

Die wichtigsten biologisch-chemischen Abläufe der Essigbildung wurden in den 1860er Jahren von Louis Pasteur (1822-1895) geklärt. Davon profitierte vor allem die chemische Industrie, die Verfahren der Holzdestillation nutzte, um hoch konzentrierte Essigsäure herzustellen. Seit Mitte der 1830er Jahre gab es erste effiziente Verfahren, die bei der Holzkohlegewinnung entstehenden flüchtigen Produkte einzufangen und zu nutzen. Die so gewonnene Essigsäure war deutlich preiswerter als das Resultat „natürlicher“ Gärung. Allerdings dauerte es bis Mitte der 1870er Jahre, ehe der teerige Geschmack des „Holzessigs“ durch verbesserte Filtrierung abgemildert und dann abgestellt werden konnte. Essigsäure wurde so zu einer „reinen“ hoch konzentrierten Essigessenz, die seither nicht nur für technische, sondern auch für Haushaltszwecke genutzt werden konnte.

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Ein neues Produkt (Katalog zur IV. Deutschen Verbands-Kochkunst-Ausstellung zu Leipzig. 1883, Leipzig 1883, Annoncen, 25)

Derweil hatte sich allerdings auch die Herstellung des Gärungsessigs deutlich verändert. An die Stelle teurer Ausgangsprodukte, zumal des Weins, trat immer stärker ein Abfallprodukt der Alkoholproduktion, die sogenannte Branntweinmaische, später auch reines Ethanol. Dieser „Spritessig“ war günstiger als tradierter Gärungsessig, wenngleich immer noch teurer als Essigessenz. Dies ließ das Angebot weiter anschwellen, mischte man doch vielfach den „Spritessig“ mit „Naturessigen“. Weinessig bestand im späten 19. Jahrhundert vielfach zu 80% aus Schnellessig und nur zu 20% aus traditionellem Gärungsessig aus einem Weingrundstoff. Doch Handelsbräuche erlaubten, diese Mischung als „Weinessig“ zu vermarkten. Ferner entstand ein rasch wachsendes Angebot von Kräuteressigen. Dabei handeltes es sich zumeist um aromatisierten Spritessig, der eine Vielfalt von Geschmacksvorliegen abdecken und auch konservierten Lebensmitteln eine spezifische Würze verliehen konnte. Das nutzen seit den 1890er Jahren auch viele Essigessenzanbieter, so dass der Essig- und Würzenmarkt nochmals breiter wurde.

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Im Inneren einer Gärungsessigfabrik (Das neue Buch der Erfindungen […], Bd. V, Leipzig 1867, 197)

Dieser Exkurs unterstreicht nicht nur die enge Verbindung von industrieller Entwicklung und einer sich bemerkbar verändernden Nahrungsmittelpalette. Er zeigt auch, dass die „gute alte Zeit“ eine oft sentimentale, meist aber kommerziell angetriebene Chimäre ist. Mangels genauerer Kennzeichnung war es für die Konsumenten des späten 19. Jahrhunderts schwierig, die Herkunft und Zusammensetzung ihres Essigs genau zu benennen. Es wurde probiert, dem Händler oder der eigenen Hauswirtschaft vertraut. Zugleich aber wurden die neuen Angebote genutzt, zumal die Essigessenz. Ihre Vorteile waren klar: Sie war billiger. Sie konnte einfacher gelagert werden. Sie war länger haltbar und hatte einen standardisierten, rein sauren Geschmack. Ihre Bedeutung nahm vor allem seit den frühen 1890er Jahre zu, auch wenn die verschiedenen Varianten des Gärungsessigs den Speisebereich noch dominierten. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert hatte Essigessenz dort einen Marktanteil von etwa einem Zehntel bis zu einem Achtel. Die Vergiftungsfälle waren auch Folge einer Ausdifferenzierung und Verbilligung des Essigmarktes, der sehr wohl als Fortschritt, als Teil eines höheren Lebensstandards gedeutet wurde.

Entsprechend schlugen, anders als im ähnlichen Fall des synthetischen Saccharins, frühe Versuche der seit 1894 im Verband deutscher Essigfabrikaten organisierten Gärungsessigproduzenten fehl, ihre Konkurrenz aufgrund offenkundiger Gesundheitsgefahren zu verbieten. Im Reichstag hieß es im Mai 1895, dass das Beispiel der frei verkäuflichen Salzsäure zeige, dass die Konsumenten mit gefährlichen Chemikalien durchaus verantwortungsvoll umgehen könnten. Essigessenz sei zudem ein wichtiges Korrektiv gegen die zunehmend organisierten Interessen der Gärungsessigindustrie, denn sie halte die Preise des gesamten Marktes niedrig. Entsprechend wurden auch höhere Zölle abgelehnt (das Deutsche Reich war ein Holzimportland). Dies kann als eine spezifische Form von Verbraucherschutz verstanden werden. Wahrscheinlicher aber ist eine erfolgreiche Lobbyarbeit der Vertreter der chemischen Industrie, vornehmlich des 1877 gegründeten Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands. Dieser verhinderte auch eine 1898 in Preußen ausformulierte Verordnung zur Beschränkung des Verkehrs mit Essigessenz. Unglückfälle wurden so natürlich nicht verhindert.

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Produkt ohne Nachteile (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 788)

1902 wurde im Reichstag dann schwereres Geschütz aufgefahren. Der nationalliberale Abgeordnete Walther Münch-Ferber (1850-1931), Hofer Textilfabrikant und Kunsthistorikern gewiss gut bekannt, legte eine Liste mit 35 Todesfällen und 34 schweren Körperverletzungen vor, allesamt verursacht durch den Konsum von Essigessenz. Zugleich reicherte er seine Rede anschaulich an, denn er präsentierte dem Hohen Haus gleich sieben ansprechende Essigessenzflaschen, denen allesamt eines fehlte: Der Hinweis auf die potenziell tödliche Gefahr in der Flasche: „Auf den Etiketten befinden sich zum Theil goldene Weinbeeren, goldenes Weinlaub, andere bestechen durch ihre elegante Aufmachung.” Gewiss, es fehlte auch auf den kleinen Viertel-Liter-Fläschchen nicht der Hinweis auf 80%ige Essigessenz, doch Münch-Ferber fragte pointiert, ”wie viele Frauen und Mädchen wissen in ihren Küchen oder in ihren Haushalten was von 80 Prozent?” Widerspruch kam auf, doch der Reichstag verabschiedete eine Resolution, um Essigsäure als Gift einordnen zu können – mit beträchtlichen Folgen für den freien Verkauf.

Doch was sind schon Dutzende von Toten, wenn sie denn nicht Teil der Eliten sind oder politisch nützlich sein können? Das Innenministerium bzw. das Kaiserliche Gesundheitsamt brauchten jedenfalls Zeit, um zu prüfen, um aus ihrer wilhelminischen Starre zu erwachen. Wie in einem föderalen Staat üblich, wurde die handlungsunwillige Reichsregierung von den Einzelstaaten, teils gar von lokalen Initiativen getrieben. 1906, die Zahl der Unglücksfälle war seit 1890 auf etwa 150 gestiegen, hatte die württembergische Regierung beschlossen, dass Essigessenz nicht mehr in Flaschen unter fünf Litern an Letztverbraucher verkauft werden durfte. Die Händler sollten sie verdünnen, die Konsumenten so vor Schaden bewahren. Doch erst 1908 schrieb eine neuerliche Reichstagsresolution eine Neuregelung des Absatzes von Essig und Essigsäure fest. Vorangetrieben vom Agrarpolitiker und späteren Vorsitzenden des Bundes der Landwirte Gustav Roesicke (1856-1924), bündelte sie die bisherigen fachwissenschaftlichen Erkenntnisse und versuchte, die widerstreitenden wirtschaftlichen Interessen mit denen der Konsumenten zu verbinden.

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Abstraktion und Ästhetisierung durch Markenartikel (Karlsruher Tagblatt 1905, Nr. 242 v. 1. September, Beilage)

Die Kaiserliche Verordnung vom 14. Juli 1908 ordnete den Essig- und Essigessenzmarkt neu – fast eine Generation nachdem dieser Konturen angenommen hatte. Einerseits wurde die Suprematie stofflicher Expertise festgeschrieben, wurde doch nicht der Geschmack, sondern der Gehalt von Essigsäure zum entscheidenden Bewertungsmaßstab (vgl. „Künstliche Kost“, Kap. 3.3.3). Anderseits wurden zahlreiche in den Debatten von Chemikern, Interessenverbänden und Öffentlichkeit wabernde Definitionen aufgegriffen und rechtsverbindlich festgeschrieben. Essig mutierte zu Gärungsessig, musste mindestens 3,5% Essigsäure enthalten, nicht aber mehr als 15%. Das „Leben“ der Bakterien wurde Garant für das Lebendige des Konsumgutes; und die obere Grenze wurde durch das Unvermögen der Essigbakterien definiert, mehr als einen 15%igen Essig zu produzieren. Daneben schuf der Gesetzgeber, zauberergleich, neue Angebote. „Kunstessig“, sprachlich schon fast ausgrenzend, war eine verdünnte Essigessenz, durchaus mit Kräutern aromatisiert, mit dem Essigsäuregehalt des Essigs. „Essenzessig“ wurde neu geschaffen, eine einfache verdünnte Essigessenz mit dem abermals gleichen Gehalt an Essigsäure. All dies war ein Sieg der Gärungsessigindustrie, doch bleibt es zweifelhaft, ob die Konsumenten derartige Sprachspiele wirklich nachvollzogen. Essigessenz, auch höherer Konzentration, blieb jedenfalls weiter allgemein verfügbar, auch wenn sie als chemisches Kunstprodukt sprachlich vom „Essig“ getrennt wurde. Die Verordnung war eine Präferenzentscheidung für das „natürliche“ Produkt, ermöglichte dem Konsumenten aber auch für ein „Kunstprodukt“ zu optieren. Ein Scheinkompromiss, unbefriedigend, gewiss; doch vielleicht auch eine kluge Setzung angesichts eines gleichsam postmodern anmutenden Marktangebotes.

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Kampf der politischen Parteien (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 196 v. 28. April, 6)

Dies wurde 1909 während einer Versammlung des Bundes Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikaten und -Händler deutlich, der Lobby der „Nahrungsmittelindustrie“. Sie schien nötig, da in den Kommissionsberatungen des novellierten Branntweinsteuergesetzes 1909 ein §107 eingefügt wurde, der Essigessenz durch eine Verbrauchsabgabe und veränderte Zolltarife verteuern wollte. Das hätte die bisherige prinzipielle Gleichrangigkeit der Essigprodukte in Frage gestellt. Das 1904 veröffentliche „Nahrungsmittelbuch“ des Bundes hatte die intensiven Vorarbeiten berücksichtigt, die erst die bayerischen und dann die deutschen Nahrungsmittelchemiker seit 1885 geleistet hatten. Eine 1899 verabschiedete Novelle ihrer „Vereinbarungen“ entsprach dem mittelständischen Prinzip von Leben und leben lassen: „Unter Essig versteht man das durch die sogenannte Essiggärung aus alkoholischen Flüssigkeiten oder durch Verdünnung von Essigsprit mit Wasser gewonnene, bekannte saure Genuss- und Konservierungsmittel.“ Essigessenz stand nicht im Fokus, wurde aber als Erzeugnis der trockenen Destillation des Holzes erwähnt.

Die Versammlung des Bundes bündelte 1909 nochmals die zentralen Argumente im Kampf zwischen Gärungsessig und Essigessenzproduzenten. Zeitgenossen sahen darin simple Interessenkämpfe: „Jede Partei sucht ihre Produkte als das Einzigwahre hinzustellen, den gegnerischen Produkten aber möglichst schlimme Dinge nachzuweisen und hierfür wissenschaftliche Autoritäten ins Feld zu führen“ (Zeitschrift für öffentliche Chemie 15, 1909, 181). Doch das war zu kurz gegriffen. Die Debatte zeigt vielmehr die Widersprüche und Paradoxien moderner Lebensmittelproduktion und ihrer Regulierung. „Natur“ und „Chemie“, „Künstlichkeit“ und „Tradition“ wurden verhandelt – und dienten als Marker aller Produkte. Gärungsessig war schließlich auch ein Kunstprodukt, der denunziatorisch verwandte Begriff „Spritessig“ deutete daraufhin. „Natürlicher“ Essig war Ergebnis elaborierter Technologie und entstammte vielfach nicht dem edlen Weine und dem duftendem Obst. Gärungsessig war nicht gesundheitsgefährdend, doch es war gewiss auch ein „Kunstprodukt“, ein „Kunsterzeugnis“. Auf der anderen Seite konnte auch die Essigsäuredestillation als ein „natürlicher“ Prozess verstanden werden – die Werbung für Spirituosen spielte schon damals mit verweisenden Begriffen von „Uralt“, „Geist“ und „Tradition“. Technologie war ein Kunstgriff, um der Natur etwas abzugewinnen, was vorhanden war, doch nicht einfach genutzt werden konnte. Essigessenz stand demnach für die Erfindergabe des Menschen, für seine Beherztheit, seine Selbstbehauptung in einer ja immer auch feindlichen Natur. Wissenschaftler und Nahrungsmittelproduzenten übertrugen diese begrifflichen Projektionen in der Debatte auch auf die Inhaltsstoffe der Essigarten. Nicht Essigsäure, sondern ergänzende Stoffe, insbesondere Enzyme und Aromastoffe, machten ein chemisches Produkt zu einem Nahrungs- und auch Genussmittel. Angesichts der Vielfalt möglicher Ausgangsstoffe der Essiggärung und der Aromatisierung von Essigessenz war damit begriffliche Klarheit aber nicht zu gewinnen.

Die Debatte unterstrich, dass kulturell aufgeladene Kampfbegriffe wie Natur, Künstlichkeit oder Chemie keine Klarheit im Alltag schaffen konnten, dass sie tendenziell beliebig zu füllen waren. Einzig der kleinste gemeinsame Nenner verblieb, die einfach messbare Essigsäure. Alltagserfahrungen und wirtschaftliche Interessen wurden so außen vor gehalten, auch wenn es allen Beteiligten klar war, dass damit die Breite des Essigmarktes auch nicht annähernd abgedeckt wurde. Die Schwierigkeiten der Regulierung werden so deutlich, wirklich befriedigende Ansatzpunkte gab es kaum. Postmoderne Beliebigkeiten rangen seit den 1890er Jahren um Einfluss – und derweil starben, unbeabsichtigt und doch real, Menschen. Unfälle, Zufälle, Verzweiflungstaten waren die Begleitmusik einer in Sprachspiele gefangenen Gesellschaft. Als 1912 das Kaiserliche Gesundheitsamt erstmals verbindliche „Festsetzungen über Lebensmittel“ formulierte, wurden die Begriffsbestimmungen der Verordnung von 1908 bestätigt. Essig war nominell Gärungsessig, Essenzessig und Kunstessig besaßen den gleichen Essigsäuregehalt, bestanden aber aus anderen Grund- und Zusatzstoffen. Essigessenz wurde durch einen 60-80%igen Essigsäuregehalt definiert. Viele Konservierungs- und Zusatzstoffe wurden verboten, die gestaltende Phantasie der Produzenten in engere Bahnen gelenkt. Die auch öffentlich geführte Debatte nährte eine bürgerliche Skepsis gegenüber dem billigeren künstlichen „Holzessig“, wovon der „natürliche“ Gärungsessig profitierte. Und es waren widerstreitende Experten und Produzenten, die Distanz zur „Chemie“ und ihren „Kunstprodukten“ nährten.

Im Markt waren damit klarere Kennzeichnungen und Begrifflichkeiten verbindlich geworden. Doch es war hochgradig fraglich, ob die Mehrzahl der Konsumenten diese Veränderungen wirklich realisierte. Hochkonzentrierte Essigessenz konnte weiterhin einfach gekauft werden, auch wenn Kritiker monierten, dass ein derart gefährliches Produkt frei verkäuflich blieb. Mittelfristig reduzierte sich die Zahl der Unfälle und Opfer. Zu verhindern waren sie so jedoch nicht. Der 43-jährige Webermeister Franz Lasik, der sich nach seiner Entlassung arbeitslos dem „Säuferwahnsinn“ ergab, trank in seiner Verzweiflung jedenfalls Essigessenz bevor er sich 1914 erst die linke Hand ganz und dann auch den linken Fuß fast gänzlich abhackte. Und als 1924, lang nach der Regulierung, eine sechszehnjährige bei Osnabrück lebende Schülerin von ihrem Vater, einem Gutsherrn, aufgefordert wurde ihre Beziehung zu einem Melker zu beenden, so wusste sie, dass sie Essigessenz zu trinken hatte, nachdem sie ihrem Liebsten einvernehmlich den Schädel eingeschlagen hatte. „Das ist die wahre Liebe nicht“ lautete die Schlagzeile. Doch immerhin überlebten beide, schwer verletzt.

Uwe Spiekermann, 14. Juni 2018

Kasseler Haferkakao – Ein verlorenes Konsumgut

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Jean Berlit 1928 (Wikipedia)

Johannes „Jean“ Berlit (1848-1937) war ein Tausendsassa. Geboren im nordhessischen Kassel, machte er eine kaufmännische Lehre, um kurz vor dem Militärdienst 1866 in die USA auszuwandern. Dort verkehrte er in der deutschen Nischengesellschaft: 1867 erschien ein „John“ Berlit als Angestellter des Manufakturwarengeschäft John Roemer & Co. in Wheeling, West Virginia, 1868 arbeitete er in San Franciscos Zentrum, bei der Bäckerei B. Stumpf. 1872 hatte er die Branchen gewechselt, war Geschäftsführer des Omaha Beobachters geworden, einer kurzlebigen deutschamerikanischen Tageszeitung in Nebraska. Im gleichen Jahr kehrte Berlit nach Kassel zurück, investierte sein Kapital erst in eine Bank, dann in ein prosperierendes Kolonialwaren- und Feinkostgeschäft. Weitere Investitionen folgten. Reichsweit bekannt wurde er kurz vor der Jahrhundertwende als führender Bäderunternehmer im westlichen Hessen. Berlit war zudem politisch aktiv, sei es als Anhänger der Republikanischen Partei Abraham Lincolns, der linkliberalen Fortschrittspartei und als sozialdemokratischer Stadtrat in Kassel. Hier aber geht es um die Erfindung des Tausendsassas, ein verlorenes Konsumgut, den heute kaum mehr bekannten Haferkakao.

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Kakaoprodukte von Sprengel als Stoffcontainer (Illustrirte Zeitung 82, 1884, 341)

Als Einzelhändler kannte Berlit die Convenienceprodukte der 1870er und 1880er Jahre, etwa die Erbswurst, den Fleischextrakt oder Suppenmehle. Doch nicht der Suppenmarkt, sondern die Kreation einer neuen Ware reizte ihn. Kakao wurde damals zwar gern mit Begriffen wie „Reinheit“ bewerben, doch Mischungen mit Mineralstoffen und auch Kohlenhydraten belebten seit langem das Geschäft mit Kranken und Rekonvaleszenten. Berlit wählte ein preiswertes Getreide, Hafer, und koppelte dies mit dem deutlich teureren, zu dieser Zeit aber nicht mehr exklusiven Kakao. Dazu bedurfte es einer technischen Innovation: Hafer wurde gereinigt, geschrotet, dann leicht geröstet und mit Wasser im Vakuum eingekocht. Die trockene Masse wurde gemahlen, mit entöltem Kakao vermischt, dann gepresst und schließlich in kleine Rechtecke geschnitten. In Stanniol eingepackt erhielt der Kunde ein vorportioniertes Produkt, das mit Wasser oder aber heißer Milch gekocht ein rasch herzustellendes Heißgetränk ergab. Berlit meldete sein Verfahren im 21. August 1892 zum Patent an, das Deutsche Reichs-Patent Nr. 72449 wurde ihm schließlich am 27. November 1893 erteilt. Es bildete die Grundlage für ein neues erschwingliches Konsumgut, das bis in die frühen 1950er Jahre als Kasseler Hafer-Kakao breite Abnahme fand.

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Absatz vor der Patenterteilung (Hamburger Nachrichten 1892, Nr. 192 v. 13. August, 7)

Wie beim fast zeitgleich entwickelten Kathreinerschen Malzkaffee gab es zwar ein Produkt, doch noch kein Unternehmen und keine Produktionsstätte. Dies änderte sich 1892. Berlit kooperierte mit dem Kasseler Agenten Alexander Hausen (1850-1915), der einerseits eine Einzelfirma gründete, der anderseits „Kasseler Hafer-Kakao“ schon vor dem Antrag auf Patenterteilung vertrieb. Bis spätestens 1894 wurde die Firma zur „Kasseler Hafer-Kakao-Fabrik Hausen & Co.“ umfirmiert. Spätestens 1896 übernahmen die Kaufleute Sigismund Rahmer und Georg Krüger die Produktion, wenngleich der Name Hausen mit dem Produkt verbunden blieb. Seither wurde die Angebotspalette ausgeweitet, zuerst 1896 mit einem fettärmeren Haferkakao, dann mit Haferschokolade, verschiedenen Sorten Kakao und Standardschokolade. 1898 verlagerte man die Produktion aus relativ kleinen Privathäusern in ein großzügig gestaltetes Fabrikgebäude in Kassel-Bettenhausen. Hier gab es auch ein chemisches Laboratorium, zuständig für Qualitätssicherung und Produktentwicklung. Kurz darauf erfolgte die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Sieben Jahre nach Produktionsbeginn waren damit nachholend die betrieblichen und finanziellen Grundlagen für ein reichsweites Vertriebsnetz geschaffen worden. Eine Analyse der Absatzmärkte, natürlich begrenzt durch die Malaise der geringen Zahl der im digitalen Entwicklungsland Bundesrepublik Deutschland online zugänglichen Zeitungen, zeigt den Übergang von regionalen Märkten zur nationalen Präsenz. Der Export schloss sich an. Von 1892 bis etwa 1894 war Haferkakao in Mittel- und Norddeutschland erhältlich, spätestens 1894 dann auch in Bayern, seit 1895 in Berlin, im Folgejahr dann in Südwestdeutschland. Warenzeichen für das westliche Ausland wurden seit 1896 beantragt.

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Haferkakao als diätetisches Heilmittel (Hamburger Nachrichten 1894, Nr. 231 v. 30. September, 17)

Zu diesem Zeitpunkt, also mehrere Jahre nach Einführung des Haferkakaos, hatte die Verantwortlichen auch entschieden, wie sie das neue Produkt positionieren wollten. Klar war anfangs nur, dass es sich um ein Getränk, nicht um ein Nährpräparat oder eine nährende Pastille handeln sollte. Doch unklar war, ob Haferkakao eher als ein Nähr- oder aber als ein Heilmittel vermarktet werden sollte. Obwohl die Vorportionierung die Zubereitung vereinfachte, war sie immer noch aufwändig und keineswegs strikt vorgegeben. Die kleinen Rechtecke mussten nämlich zerdrückt und dann mit Wasser klumpenfrei vermengt werden. Anschließend rührte man die zähflüssige Masse in Wasser oder Milch ein und ließ alles kochen. Der Kunde konnte Salz oder Zucker hinzufügen, aber auch Eier, aufgeschäumte Milch oder Gewürze. Diese Vielfalt entsprach der des Kakaos, denn auch dieser war noch nicht das heute gängige gesüßte Getränk, war kein Instantprodukt.

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Neuartige Warenpräsenz: Ein schmucker Karton mit 27 Würfeln (Karlsruher Tagblatt 1897, Nr. 136 v. 17. Mai, Beilage)

Die Kasseler Firmenleitung hob in der Werbung der ersten Jahre vor allem die heilende Wirkung des Haferkakaos hervor. Dieser nähre auf eine einfache Weise, beruhige den Magen-Darm-Trakt, reinige den Körper, sei blutbildend und kraftfördernd. Dem entsprachen frühe Kommerzmythen. Hafer wurde beispielsweise mit der Kraft und Gesundheit der Schotten verbunden. Ewald Paul, Mediziner und Herausgeber der populären „Zeitschrift für Gesundheitspflege“ schrieb: „Die Schotten sind ein Menschenschlag von Kraft und Schönheit, ausgezeichnet durch Muth und Energie, Ausdauer und Behendigkeit. […] Und das Geheimnis aller dieser Erscheinungen liegt – so paradox dies auch auf den ersten Augenblick erscheinen mag – zum guten Teil in der Vorliebe der Schotten an einer reichlichen und rationellen Hafer-Ernährung“ (Hamburger Anzeiger 1895, Ausg. v. 15. Dezember, 50). Nun, ja… Doch während die vielen Mythen unserer Tafeln weiterklingen, die Geschichten von Alpen und Sonne, von Natur und Urtümlichkeit, hat die Kasseler Firma die Schottengeschichte nicht wirklich forciert. Stattdessen setzte sie auf die Autorität der Wissenschaft, zumal der Medizin: Haferkakao wurde – analog etwa zum kurz zuvor eingeführten Kefir – in Sanatorien und der Privatpraxis getestet. Die Folge war eine Lawine von Empfehlungsschreiben, die sich für bis zu dreimonatigen Haferkakaokuren aussprachen, um das Leben des nervösen modernen Menschen gesünder zu machen. Parallel nutzte man die beginnende Mode der Eiweiß- und Nährpräparate aus, um Kasseler Haferkakao als allgemeines Stärkungsmittel zu vermarkten. Hafer wurde zum Schutzschild im Alltag, Kakao gab ihm Geschmack und ein wenig Exotik.

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Verdaulichkeit als Kaufargument (Über Land und Meer 88, 1902, 518)

„Gesunde“ Produkte aber dienen immer dem Kampf gegen die „bösen“. So auch beim Haferkakao. Seine Kulturmission war es offenbar, das Frühstück zu verbessern. Gehetzte Kinder sollten nicht mehr mit Kaffee oder Tee aufgepeitscht werden, sondern ihnen wurde von sorgender Mutterhand ein nährendes Haferkakaoentree für den Tag gekocht. Schwächliche Frauen fanden in Kassel einen Verbündeten, der ihnen Kraft und Blut gab. Das galt später auch für die gehetzte berufstätige Frau. Männer wurden in den Anzeigen weniger angesprochen, es sei denn, sie waren alt und bedurften der nutritiven Stütze, oder aber sie wollten noch welche werden. Anfang des 20. Jahrhunderts war Kasseler Haferkakao ein nährendes Produkt für Gefährdete und Heranwachsende geworden, ein Heilprodukt für Geschwächte, Kranke und Rekonvaleszenten.

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Ansprache von Jung und Alt (Daheim 50, 1914, Nr. 46, 29)

Der Weg zum präzise definierten Markenprodukt war lang, begleitet von den üblichen Abwehrkämpfen gegenüber billigeren Nachahmern oder aber einer seriösen Konkurrenz größerer Anbieter, etwa der Hamburger Kakao-Compagnie Theodor Reichardt. Trotz Patentschutz endete Anfang des 20. Jahrhundert langsam die Phase einfacher Erträge des Marktpioniers. Es folgte eine immer stärkere Ästhetisierung des Produktes und seiner Werbung. Die kleinen Stanniolrechtecke wurden einheitlich bedruckt, die Papp-Verpackung standardisiert und durchweg blau gefärbt. Für die Läden entwickelte die Firma eine ebenfalls standardisierte Verkaufskiste, deren Deckel mit farbigen Werbeplakaten ausgestattet war. Schon seit 1897 begann die Kasseler Firma Zugaben zu verteilen, etwa Sammelbände zu Flora und Fauna. Dazu gründete man einen eigenen Verlag. Die Werbung passte sich dem Trend der damaligen Plakatkunst an. Zwar gab es weiterhin vielfältige rein textliche Anzeigen, doch daneben trat die „schöne“ und „niveauvolle“ Bildanzeige. Für Läden, Schaufenster und Außenreklame entwickelte die Werbeabteilung stetig wechselnde Angebote – und insbesondere die Emailleschilder werden bis heute zu Dekorationszwecken nachproduziert.

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Entzeitlichung als Marketingstrategie (Daheim 48, 1911/12, Nr. 3, 31)

Vergessen wir abschließend aber nicht den Titel dieser kleinen Geschichte. Haferkakao gibt es heute praktisch nicht mehr, Kleinserien aus handwerklicher Produktion bilden rare Ausnahmen. Von den 1890er Jahren bis ca. 1940 war Haferkakao, zumal der des Kasseler Marktführers, dagegen ein gängiges Alltagsprodukt. Es wurde nicht als Ersatzmittel, als Streckung des erschwinglichen, doch nicht wirklich billigen Kakaos angesehen, sondern als ein Konsumgut eigenen Rechts, nährend und mit unverwechselbarem Geschmack. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg – die Kasseler Firma war 1923 schon in ein Gemeinschaftsunternehmen mit den Suppenpräparatehersteller Hohenlohe und dem Nudelproduzenten Jakob Friedrich Schüle eingetreten – konnte an die wirtschaftlichen Erfolge der späten 1920er Jahre und dann vor allem der NS-Zeit nicht angeknüpft werden. Hafer- und Suppenpräparate waren seit Ende der 1940er Jahre zunehmend schwerer abzusetzen. Die im Bombenkrieg schwer beschädigte Firma wurde zwar wiederaufgebaut, musste aber 1954 liquidiert werden. Kasseler Haferkakao steht nicht nur für eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte. Er steht auch für die große Zahl gewerbliche Produkte, die einst alltagsprägend waren, die in einer vermeintlich vorwärtsschreitenden Konsumgesellschaft jedoch keinen Platz mehr hatten und haben. Das Kasseler Beispiel erinnert daran, dass der Konsumsektor ein Kampfplatz ist. Viele Konsumgüter können nur noch durch Geschichte(n) vor Augen geführt werden.

Uwe Spiekermann, 9. Juni 2018