Kasseler Haferkakao – Ein verlorenes Konsumgut

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Jean Berlit 1928 (Wikipedia)

Johannes „Jean“ Berlit (1848-1937) war ein Tausendsassa. Geboren im nordhessischen Kassel, machte er eine kaufmännische Lehre, um kurz vor dem Militärdienst 1866 in die USA auszuwandern. Dort verkehrte er in der deutschen Nischengesellschaft: 1867 erschien ein „John“ Berlit als Angestellter des Manufakturwarengeschäft John Roemer & Co. in Wheeling, West Virginia, 1868 arbeitete er in San Franciscos Zentrum, bei der Bäckerei B. Stumpf. 1872 hatte er die Branchen gewechselt, war Geschäftsführer des Omaha Beobachters geworden, einer kurzlebigen deutschamerikanischen Tageszeitung in Nebraska. Im gleichen Jahr kehrte Berlit nach Kassel zurück, investierte sein Kapital erst in eine Bank, dann in ein prosperierendes Kolonialwaren- und Feinkostgeschäft. Weitere Investitionen folgten. Reichsweit bekannt wurde er kurz vor der Jahrhundertwende als führender Bäderunternehmer im westlichen Hessen. Berlit war zudem politisch aktiv, sei es als Anhänger der Republikanischen Partei Abraham Lincolns, der linkliberalen Fortschrittspartei und als sozialdemokratischer Stadtrat in Kassel. Hier aber geht es um die Erfindung des Tausendsassas, ein verlorenes Konsumgut, den heute kaum mehr bekannten Haferkakao.

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Kakaoprodukte von Sprengel als Stoffcontainer (Illustrirte Zeitung 82, 1884, 341)

Als Einzelhändler kannte Berlit die Convenienceprodukte der 1870er und 1880er Jahre, etwa die Erbswurst, den Fleischextrakt oder Suppenmehle. Doch nicht der Suppenmarkt, sondern die Kreation einer neuen Ware reizte ihn. Kakao wurde damals zwar gern mit Begriffen wie „Reinheit“ bewerben, doch Mischungen mit Mineralstoffen und auch Kohlenhydraten belebten seit langem das Geschäft mit Kranken und Rekonvaleszenten. Berlit wählte ein preiswertes Getreide, Hafer, und koppelte dies mit dem deutlich teureren, zu dieser Zeit aber nicht mehr exklusiven Kakao. Dazu bedurfte es einer technischen Innovation: Hafer wurde gereinigt, geschrotet, dann leicht geröstet und mit Wasser im Vakuum eingekocht. Die trockene Masse wurde gemahlen, mit entöltem Kakao vermischt, dann gepresst und schließlich in kleine Rechtecke geschnitten. In Stanniol eingepackt erhielt der Kunde ein vorportioniertes Produkt, das mit Wasser oder aber heißer Milch gekocht ein rasch herzustellendes Heißgetränk ergab. Berlit meldete sein Verfahren im 21. August 1892 zum Patent an, das Deutsche Reichs-Patent Nr. 72449 wurde ihm schließlich am 27. November 1893 erteilt. Es bildete die Grundlage für ein neues erschwingliches Konsumgut, das bis in die frühen 1950er Jahre als Kasseler Hafer-Kakao breite Abnahme fand.

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Absatz vor der Patenterteilung (Hamburger Nachrichten 1892, Nr. 192 v. 13. August, 7)

Wie beim fast zeitgleich entwickelten Kathreinerschen Malzkaffee gab es zwar ein Produkt, doch noch kein Unternehmen und keine Produktionsstätte. Dies änderte sich 1892. Berlit kooperierte mit dem Kasseler Agenten Alexander Hausen (1850-1915), der einerseits eine Einzelfirma gründete, der anderseits „Kasseler Hafer-Kakao“ schon vor dem Antrag auf Patenterteilung vertrieb. Bis spätestens 1894 wurde die Firma zur „Kasseler Hafer-Kakao-Fabrik Hausen & Co.“ umfirmiert. Spätestens 1896 übernahmen die Kaufleute Sigismund Rahmer und Georg Krüger die Produktion, wenngleich der Name Hausen mit dem Produkt verbunden blieb. Seither wurde die Angebotspalette ausgeweitet, zuerst 1896 mit einem fettärmeren Haferkakao, dann mit Haferschokolade, verschiedenen Sorten Kakao und Standardschokolade. 1898 verlagerte man die Produktion aus relativ kleinen Privathäusern in ein großzügig gestaltetes Fabrikgebäude in Kassel-Bettenhausen. Hier gab es auch ein chemisches Laboratorium, zuständig für Qualitätssicherung und Produktentwicklung. Kurz darauf erfolgte die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Sieben Jahre nach Produktionsbeginn waren damit nachholend die betrieblichen und finanziellen Grundlagen für ein reichsweites Vertriebsnetz geschaffen worden. Eine Analyse der Absatzmärkte, natürlich begrenzt durch die Malaise der geringen Zahl der im digitalen Entwicklungsland Bundesrepublik Deutschland online zugänglichen Zeitungen, zeigt den Übergang von regionalen Märkten zur nationalen Präsenz. Der Export schloss sich an. Von 1892 bis etwa 1894 war Haferkakao in Mittel- und Norddeutschland erhältlich, spätestens 1894 dann auch in Bayern, seit 1895 in Berlin, im Folgejahr dann in Südwestdeutschland. Warenzeichen für das westliche Ausland wurden seit 1896 beantragt.

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Haferkakao als diätetisches Heilmittel (Hamburger Nachrichten 1894, Nr. 231 v. 30. September, 17)

Zu diesem Zeitpunkt, also mehrere Jahre nach Einführung des Haferkakaos, hatte die Verantwortlichen auch entschieden, wie sie das neue Produkt positionieren wollten. Klar war anfangs nur, dass es sich um ein Getränk, nicht um ein Nährpräparat oder eine nährende Pastille handeln sollte. Doch unklar war, ob Haferkakao eher als ein Nähr- oder aber als ein Heilmittel vermarktet werden sollte. Obwohl die Vorportionierung die Zubereitung vereinfachte, war sie immer noch aufwändig und keineswegs strikt vorgegeben. Die kleinen Rechtecke mussten nämlich zerdrückt und dann mit Wasser klumpenfrei vermengt werden. Anschließend rührte man die zähflüssige Masse in Wasser oder Milch ein und ließ alles kochen. Der Kunde konnte Salz oder Zucker hinzufügen, aber auch Eier, aufgeschäumte Milch oder Gewürze. Diese Vielfalt entsprach der des Kakaos, denn auch dieser war noch nicht das heute gängige gesüßte Getränk, war kein Instantprodukt.

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Neuartige Warenpräsenz: Ein schmucker Karton mit 27 Würfeln (Karlsruher Tagblatt 1897, Nr. 136 v. 17. Mai, Beilage)

Die Kasseler Firmenleitung hob in der Werbung der ersten Jahre vor allem die heilende Wirkung des Haferkakaos hervor. Dieser nähre auf eine einfache Weise, beruhige den Magen-Darm-Trakt, reinige den Körper, sei blutbildend und kraftfördernd. Dem entsprachen frühe Kommerzmythen. Hafer wurde beispielsweise mit der Kraft und Gesundheit der Schotten verbunden. Ewald Paul, Mediziner und Herausgeber der populären „Zeitschrift für Gesundheitspflege“ schrieb: „Die Schotten sind ein Menschenschlag von Kraft und Schönheit, ausgezeichnet durch Muth und Energie, Ausdauer und Behendigkeit. […] Und das Geheimnis aller dieser Erscheinungen liegt – so paradox dies auch auf den ersten Augenblick erscheinen mag – zum guten Teil in der Vorliebe der Schotten an einer reichlichen und rationellen Hafer-Ernährung“ (Hamburger Anzeiger 1895, Ausg. v. 15. Dezember, 50). Nun, ja… Doch während die vielen Mythen unserer Tafeln weiterklingen, die Geschichten von Alpen und Sonne, von Natur und Urtümlichkeit, hat die Kasseler Firma die Schottengeschichte nicht wirklich forciert. Stattdessen setzte sie auf die Autorität der Wissenschaft, zumal der Medizin: Haferkakao wurde – analog etwa zum kurz zuvor eingeführten Kefir – in Sanatorien und der Privatpraxis getestet. Die Folge war eine Lawine von Empfehlungsschreiben, die sich für bis zu dreimonatigen Haferkakaokuren aussprachen, um das Leben des nervösen modernen Menschen gesünder zu machen. Parallel nutzte man die beginnende Mode der Eiweiß- und Nährpräparate aus, um Kasseler Haferkakao als allgemeines Stärkungsmittel zu vermarkten. Hafer wurde zum Schutzschild im Alltag, Kakao gab ihm Geschmack und ein wenig Exotik.

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Verdaulichkeit als Kaufargument (Über Land und Meer 88, 1902, 518)

„Gesunde“ Produkte aber dienen immer dem Kampf gegen die „bösen“. So auch beim Haferkakao. Seine Kulturmission war es offenbar, das Frühstück zu verbessern. Gehetzte Kinder sollten nicht mehr mit Kaffee oder Tee aufgepeitscht werden, sondern ihnen wurde von sorgender Mutterhand ein nährendes Haferkakaoentree für den Tag gekocht. Schwächliche Frauen fanden in Kassel einen Verbündeten, der ihnen Kraft und Blut gab. Das galt später auch für die gehetzte berufstätige Frau. Männer wurden in den Anzeigen weniger angesprochen, es sei denn, sie waren alt und bedurften der nutritiven Stütze, oder aber sie wollten noch welche werden. Anfang des 20. Jahrhunderts war Kasseler Haferkakao ein nährendes Produkt für Gefährdete und Heranwachsende geworden, ein Heilprodukt für Geschwächte, Kranke und Rekonvaleszenten.

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Ansprache von Jung und Alt (Daheim 50, 1914, Nr. 46, 29)

Der Weg zum präzise definierten Markenprodukt war lang, begleitet von den üblichen Abwehrkämpfen gegenüber billigeren Nachahmern oder aber einer seriösen Konkurrenz größerer Anbieter, etwa der Hamburger Kakao-Compagnie Theodor Reichardt. Trotz Patentschutz endete Anfang des 20. Jahrhundert langsam die Phase einfacher Erträge des Marktpioniers. Es folgte eine immer stärkere Ästhetisierung des Produktes und seiner Werbung. Die kleinen Stanniolrechtecke wurden einheitlich bedruckt, die Papp-Verpackung standardisiert und durchweg blau gefärbt. Für die Läden entwickelte die Firma eine ebenfalls standardisierte Verkaufskiste, deren Deckel mit farbigen Werbeplakaten ausgestattet war. Schon seit 1897 begann die Kasseler Firma Zugaben zu verteilen, etwa Sammelbände zu Flora und Fauna. Dazu gründete man einen eigenen Verlag. Die Werbung passte sich dem Trend der damaligen Plakatkunst an. Zwar gab es weiterhin vielfältige rein textliche Anzeigen, doch daneben trat die „schöne“ und „niveauvolle“ Bildanzeige. Für Läden, Schaufenster und Außenreklame entwickelte die Werbeabteilung stetig wechselnde Angebote – und insbesondere die Emailleschilder werden bis heute zu Dekorationszwecken nachproduziert.

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Entzeitlichung als Marketingstrategie (Daheim 48, 1911/12, Nr. 3, 31)

Vergessen wir abschließend aber nicht den Titel dieser kleinen Geschichte. Haferkakao gibt es heute praktisch nicht mehr, Kleinserien aus handwerklicher Produktion bilden rare Ausnahmen. Von den 1890er Jahren bis ca. 1940 war Haferkakao, zumal der des Kasseler Marktführers, dagegen ein gängiges Alltagsprodukt. Es wurde nicht als Ersatzmittel, als Streckung des erschwinglichen, doch nicht wirklich billigen Kakaos angesehen, sondern als ein Konsumgut eigenen Rechts, nährend und mit unverwechselbarem Geschmack. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg – die Kasseler Firma war 1923 schon in ein Gemeinschaftsunternehmen mit den Suppenpräparatehersteller Hohenlohe und dem Nudelproduzenten Jakob Friedrich Schüle eingetreten – konnte an die wirtschaftlichen Erfolge der späten 1920er Jahre und dann vor allem der NS-Zeit nicht angeknüpft werden. Hafer- und Suppenpräparate waren seit Ende der 1940er Jahre zunehmend schwerer abzusetzen. Die im Bombenkrieg schwer beschädigte Firma wurde zwar wiederaufgebaut, musste aber 1954 liquidiert werden. Kasseler Haferkakao steht nicht nur für eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte. Er steht auch für die große Zahl gewerbliche Produkte, die einst alltagsprägend waren, die in einer vermeintlich vorwärtsschreitenden Konsumgesellschaft jedoch keinen Platz mehr hatten und haben. Das Kasseler Beispiel erinnert daran, dass Konsumsektor ein Kampfplatz ist. Viele Konsumgüter können nur noch durch Geschichte(n) vor Augen geführt werden.

Uwe Spiekermann, 9. Juni 2018

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