Tod durch Kinderkost? Gekochte Milch, Säuglingsskorbut und unwissende Wissenschaftler im Deutschen Reich, 1880-1930

Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich das vorwissenschaftliche Verständnis von Essen und Ernährung grundlegend. [1] Gründend auf der im späten 18. Jahrhundert einsetzenden chemischen „Revolution“ wurden neu benannte und definierte Nahrungsstoffe – Eiweiß, Kohlenhydrate und Fette – die entscheidenden Elemente für das europäische Projekt der modernen Ernährungswissenschaften. In den 1840er Jahre verband der Gießener Chemiker Justus Liebig (1803-1873) zahlreiche Einzelbeobachtungen zu einem neuen Modell der „Natur“, nämlich eines für Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen geltenden Stoffwechsels. Leben war demnach nicht primär Gottes Schöpfungswerk, sondern gründete auf Materie, auf chemischen Prozessen und steten stofflichen Reaktionen.

Auf den ersten Blick schien eine derart agnostische und rational-reduktionistische Vorstellung kaum geeignet, allgemein akzeptiert zu werden. Die Chemie galt schließlich nicht von ungefähr als „eine völlig esoterische Wissenschaft“ [2]. Gemäß dem Stoffparadigma war Essen – im Gegensatz zur Alltagserfahrung – nicht mehr länger ein integraler Bestandteil von menschlichem Leben und Gesundheit, sondern die Kombination und Zufuhr nicht direkt sichtbarer Nahrungsstoffe. Dennoch: Das neue, durch Chemiker, Physiologen, Pharmazeuten und dann auch viele Mediziner propagierte Wissen etablierte binnen weniger Jahrzehnte eine neue Vorstellung von der Alltagskost, durch die es möglich wurde, Alltagshandeln und Ernährungsweisen zu rationalisieren und zu optimieren. Der menschliche Körper schien vergleichbar mit der Dampfmaschine, benötigte er zum Funktionieren doch gleichermaßen Treibstoff. Das Ziel der verschiedenen Wissenschaften war nicht allein die Erkenntnis der vom Menschen geschaffenen Welt, sondern zunehmend die Kontrolle der menschlichen Lebensumwelt, der Nahrung und des Menschen selbst.

Die Kinderernährung war der erste Versorgungssektor, der auf Grundlage des neuen Stoffparadigmas umgestaltet wurde. [3] An die Stelle der „natürlichen“ Muttermilch sollte etwas Besseres, etwas Künstliches gesetzt werden. „Künstlich“ wird heute vor allem mit Begriffen wie Intelligenz oder aber Befruchtung verbunden. Sein Bedeutungsgewinn begann in den 1870er Jahren jedoch vor allem als „künstliche Säuglingsernährung“. Diese schien erst einmal unnatürlich zu sein, schien Muttermilch doch als Garant guter und gesunder Kinderernährung. Auch deren damals gängige Substitute waren noch „natürlich“, handelte es sich doch um die Milch von Ammen oder aber von Tieren, vornehmlich Kühen und Ziegen. „Künstliche Säuglingsernährung“ umgriff dagegen neuartige gewerblich hergestellte Produkte, die chemisch analysiert und häufig von Medizinern verordnet wurden. Es war das Wissen der Nahrungsmittelchemie und der Ernährungsphysiologie das neue Märkte schuf und der neuen Profession der Pädiater den Weg bahnte.

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Alltagsverluste: Der Tod des Erstgeborenen (The Leisure Hour 14, 1855, 817)

„Künstliche Säuglingsernährung“ war eine Antwort auf die epidemisch verbreitete Kindersterblichkeit, neben den Infektionskrankheiten die wichtigste Todesursache im 19. Jahrhundert. Die Industrialisierung mochte vorangehen, doch die jüngsten Erdenbewohner erreichten immer seltener das zweite Lebensjahr. In Preußen, dem wichtigsten deutschen Teilstaat, stieg die Kindersterblichkeit seit den 1820er Jahren vergleichsweise kontinuierlich und erreichte zwischen 1860 und 1900 eine nie wieder erreichte Höhe von etwa zwanzig Prozent.

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Deutsche Rückständigkeit: Kindersterblichkeit in Europa im späten 19. Jahrhundert (Prausnitz, 1912, 295)

Über die Gründe für diese humanitäre Katastrophe wird bis heute beredt gestritten. Historische Demographen verwiesen etwa auf ein weiter bestehendes traditionelles „system of wastage“ [4], also einer angesichts hoher Geburtenraten üblichen relativen Vernachlässigung des einzelnen Kindes, das den kulturellen Wandel, sozio-ökonomische und wissenschaftliche Veränderungen lange Zeit bremste. Sozialhistoriker verwiesen dagegen eher auf die beträchtlichen Gesundheitsprobleme der frühen Industrialisierung und Urbanisierung, die man erst ab Ende des 19. Jahrhunderts durch politische und medizinische Interventionen erfolgreich verringern konnte. [5] Wichtige Elemente einer verbesserten Alltagshygiene waren demnach die verbesserte Milchversorgung, der steigende Konsum von Nährpräparaten und die neu entstehende Pädiatrie, die im frühen 20. Jahrhundert allesamt zu sinkender Kindersterblichkeit geführt hätten. Genauere Analysen haben jedoch ergeben, dass all diese Elemente vorrangig bürgerliche Kreise betrafen, nicht jedoch die Mehrzahl der Bevölkerung. [6]

Wissenschaft als Garant für eine Reduktion der Kindersterblichkeit

Analysiert man allerdings die wissenschaftlichen und auch wirtschaftlichen Debatten des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, so ging man das Problem der Kindersterblichkeit doch anders an: Die Ernährung wurde erstens Gegenstand einer chemischen Analyse. Kulturelle und sozioökonomische Unterschiede mochten ihre Bedeutung haben, doch Veränderungen glaubte man primär durch eine Analyse der materiellen Welt der Nahrungsstoffe und Körper bewirken zu können, der Markt würde die Ergebnisse dann allseits verbreiten.

Der Säugling war kein zartes, der Zuwendung bedürftiges Menschenjunges, sondern ein organisches Wesen mit zwei Besonderheiten: Seine Physiologie war noch unausgebildet, nicht an die neue Umwelt angepasst. Und seine Bedürfnisse orientierten sich vornehmlich auf Essen und Wachsen. Babys waren einfach und auskömmlich mit nur wenigen Lebensmitteln zu ernähren. Für ihr Gedeihen schien die Verdaulichkeit und die Resorption der Nahrungsstoffe entscheidend. Trotz ihrer offenkundigen Materialismus standen die frühen Kinderärzte noch unter dem Bann der Natur, mochten sie diese auch in die Sprache der Chemie und Physiologie übersetzen. Muttermilch war deren Sinnbild, harmonisch zusammengesetzt, alles enthaltend, was der Säugling benötigte. Tiermilch schien demgegenüber nur „ein trauriger Notbehelf“ [7]. Schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten chemische Analysen die vom Menschen abweichende chemische Zusammensetzung nachgewiesen – und zugleich die Fiktion einer relativ einheitlichen Zusammensetzung der Muttermilch genährt. Während man nun einerseits versuchte, die Tiermilch etwa durch Verdünnung der menschlichen Norm anzupassen, diente die Muttermilch als Ideal einer gewerblichen Rekonstruktion.

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Führende Vertreter der Bakteriologie: Louis Pasteur (1823-1895) und Robert Koch (1843-1910) (Der Welt-Spiegel 1928, Ausg. v. 14. Oktober, 3)

Der Blick der Wissenschaftler richtete sich aber nicht allein auf die Nahrungsstoffe, sondern auch auf die Vorgänge im Körper der Neugeborenen. Zentral hierfür wurde die 1857 von Louis Pasteur (1823-1895) beschriebene Milchsäuregärung. Erst schien es undenkbar, dann, in den 1860er Jahren, wurde es Gemeinplatz, dass diese Gärung von lebendigen Bakterien verursacht wurde. Im Inneren des kindlichen Körpers tobte eine andauernder Kampf zwischen Bakterium und Mensch um die Nutzung der Nahrungsstoffe. Dies konnte die Magen- und Darmkrankheiten erklären, die insbesondere im Sommer zu zahllosen Todesfällen führten. Tiermilch war nicht nur anders zusammengesetzt als die der Mutter, sondern enthielt auch Keime, die lebensgefährlich sein konnten. Eine verbesserte Milchhygiene war unabdingbar, wollte man Menschenleben retten.

Mochten die Konturen damit klar sein, so wusste man doch nur wenig über die Details der Verdauung der Kleinkinder. [8] Physiologie und Biochemie der körperinneren Vorgänge blieben unklar. Für eine gezielte Gesundheitsprävention reichte das bestehende Wissen nicht aus, zumal man weder genauere Vorstellungen über „Eiweiß“ oder „Kohlenhydrate“ besaß. Hinzu kam ein strukturelles Problem der Stoffwechselforschung: An Durchschnitten und Gesetzmäßigkeiten interessiert, zielte sie auf allgemeine Interventionen, nicht aber auf individuelle Therapien. Die beträchtlichen Abweichungen zwischen einzelnen Säuglingen und auch einer durch Konstitution und Herkunft heterogenen Milchkost machten vieles möglich, unterstrichen vor allem aber die Vielfalt der „Natur“. Künstliche, vom Menschen nach dem Ideal der Natur hergestellte Säuglingskost schien ein Ausweg aus diesem Dilemma zu sein.

Gewerbliche Verbesserungen? Der Bedeutungsgewinn der Kindernährmittel

Muttermilch blieb das Ideal gesunder Säuglingsernährung, Selbststillen schien erforderlich. Kinderärzte forderten dies von den Wöchnerinnen, sahen sich selbst als Sachwalter der Natur. Die beträchtlichen statistischen Unterschiede zwischen der Lebenserwartung gestillter und nicht gestillter Kinder unterstützten diesen Rigorismus am Kindbett. Doch ein gewisser Anteil der Frauen war von Natur aus nicht fähig zu stillen, hinzu kamen beträchtliche soziale, konfessionelle und regionale Unterschiede. Im späten 19. Jahrhundert wurden etwa drei Viertel bis zwei Drittel der Kleinkinder mit Muttermilch aufgezogen. [9] Der große Rest erhielt vornehmlich Tiermilch, in wachsendem Maße aber auch künstliche Kindernährmittel. Menschlicher Erfindergeist war also gefragt, Ziel war die Nachbildung der Natur. Die neuen Präparate waren getragen vom neuen Stoffparadigma der Chemie, wurden begrenzt durch die vermeintlichen Erfordernisse der Bakteriologie. Es galt zu gestalten, neu zu schaffen – zugleich aber die hygienisch heiklen Substitute der Muttermilch zu ersetzen. Künstliche Nährpräparate hatten theoretisch beträchtliche Vorteile: Sie waren gleichmäßig zusammengesetzt, wurden keimarm produziert, waren im Prinzip dauerhaft verfügbar. Die betriebliche Praxis mochte zahlreiche Probleme mit sich bringen, doch schien es möglich, Wissenschaft und Technik zum Wohl des Ganzen einzusetzen und die Kindersterblichkeit deutlich zu reduzieren.

Hier ist nicht der Ort für eine genaue Analyse der frühen Produktion künstlicher Säuglingsernährung. Grobe Konturen müssen genügen. Die Zahl der Präparate stieg seit den 1860er Jahren rasch an. Den Anfang machten Nährmittel, die auf wissenschaftlichen Theorien und Ratschlägen gründeten und sich noch an die häusliche Praxis anlehnten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die von Justus von Liebig entwickelte und propagierte Malzsuppe. Chemisch war sie ein Analogon der Muttermilch, das Rezept folgte der Logik des Laboratoriums: Die Mütter sollten einen Brei kochen, in diesen dann Kali und Malz einrühren. Kochen, sieben und verfüttern schlossen sich an. [10] Das Rezept wurde – zumal von Ärzten – sehr positiv aufgenommen, das Renommee Liebigs sorgte für allgemeine Aufmerksamkeit. Doch die Malzsuppe scheiterte rasch in der haushälterischen Praxis. Der Geschmack ließ zu wünschen übrig, die suppige Textur schien geringe Nährkraft zu suggerieren. Zudem musste die Suppe immer wieder frisch gekocht werden, war relativ teuer und nicht haltbar. Liebigs Malzsuppe scheiterte als Alltagsspeise. Ihr Grundprinzip wurde allerdings vom Stuttgarter Lizenznehmer, dem Apotheker Franz Eduard Loeflund (1835-1920), aufgegriffen, der seit 1865 Kindernährmittel produzierte und die Liebigsche Malzsuppe zu einem Nährpräparat umgestaltete. [11] Auch die Dresdener Firma J. Paul Liebe bot kurz danach einen löslichen Extrakt der Liebigschen Malzsuppe an.

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Transformation einer frischen zubereiteten Suppe in ein Fertigprodukt (Die Presse 1869, Nr. 180 v. 1. Juli, 8; Kladderadatsch 24, 1871, Nr. 1, Beibl., 2)

Der offenkundig geringe Erfolg haushaltsnaher Angebote unterstützte die Neigung vieler Ärzte und Pharmazeuten, die Alltagspraxis durch neue Produkte zu verändern. Wissenschaftliche Präparate sollten an die Stelle von risikoreicher Haushaltszubereitungen treten, sollten den Alltag nach rationalen Kriterien verändern. Nicht mehr Mutters Kochlöffel, sondern die Maschinenwelt sollte das Wohl der Kinder garantieren. Dabei lassen sich zwei Entwicklungsstränge unterscheiden. Auf der einen Seite orientierte man sich an der Milch, auf der anderen am Mehl als jeweils zentralem Bestandteil der neuen künstlichen Säuglingsnahrung. Aus Sicht der Experten lautete der Unterschied anders, ging man entweder vom Nahrungseiweiß oder aber von den Kohlenhydraten aus, um Muttermilch zu ersetzen.

Für die ersten Entwicklungsstrang stand paradigmatisch Biederts Rahmgemenge. Es war Ergebnis umfangreicher physiologischer Studien des Mediziners Philipp Biedert (1847-1916), in deren Mittelpunkt die Unterschiede zwischen menschlichen und tierischem Milcheiweiß standen. [12] An die Stelle der Tiermilchverdünnung im Haushalt mit ihren „Fäulnisschäden“ setzte er eine Rahmspeise, die – wie die Liebigsche Malzsuppe – anfangs im Haushalt hergestellt werden sollte, seit 1874 aber auch als Fertigprodukt in der Büchse gekauft werden konnte. Die neue Kindernahrung war jedoch zu teuer, konnte aufgrund der sirupartigen Textur schlecht dosiert werden und barg neue Risiken, konnte die Büchse doch nicht luftdicht verschlossen werden. Es folgten vielfältige Verbesserungen und zahlreiche Präparate mit anderer Textur und Zusammensetzung. Einen Durchbruchserfolg konnte jedoch keines erzielen, mochten sie in der ärztlichen Privatpraxis auch häufig verschrieben worden sein.

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Wissenschaftliche Werbung für Biederts Kindernahrung 1880 (Berliner klinische Wochenschrift 17, 1880, vor 237)

Während der Markterfolg der Milchpräparate gering blieb, fanden Kindermehle seit den 1860er Jahren einen deutlich breiteren Widerhall. Nestlés Kindermehl war ein heute noch bekanntes Leitprodukt, doch 1881 konkurrierten mindestens 43 verschiedene Präparate um die Gunst der Käufer. [13] Sie bestanden zumeist aus erhitzter und eingedickter Kuhmilch und vorbehandelten Getreide- und Leguminosenmehlen. Die Hitzebehandlung wandelte die Stärke in Dextrin um, erleichterte dadurch die Verdauungsarbeit des Säuglings. Die Kindermehle wurden zumeist als Brei verfüttert.

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Säuglingsernährung im antiken Athen und im damaligen München: Karikatur 1886 (Fliegende Blätter 84, 1886, 130)

Die frühen Kindernährmittel wurden meist gewerblich, noch nicht industriell gefertigt. Das erfolgte erst seit den 1890er Jahren. Doch schon zuvor handelte es sich um Fertig- und Halbfertigprodukte, die auf Grundlage wissenschaftlicher Problemdefinitionen entwickelt wurden, die regelmäßig untersucht und in einem möglichst hygienischen Umfeld hergestellt wurden. Aufgrund ihrer relativ hohen Kosten waren sie jedoch Aushilfen, konnten die bestehende Alltagspraxis nicht wirklich durchbrechen und die Kindersterblichkeit reduzieren. Auch aus diesem Grunde wurde insbesondere seit den 1880er Jahren versucht, die Präparate durch neuartige Haushaltsgeräte zu ergänzen, um so die Haushaltspraxis nach hygienischen Prinzipien umzugestalten.

Sichere Kost: Milchkonservierungsapparate als Garanten häuslicher Hygiene

Die bakteriologische Gärungstheorie formulierte seit den 1860er Jahren klare Ratschläge gleichermaßen für Haushalte und Gewerbe. Milch sollte vor dem Verzehr ausreichend erhitzt werden, um gesundheitsgefährdende Keime zu töten. [14] Folgerichtig waren die frühen Kindernährmittel durchweg hitzebehandelt und damit „sicher“. Das galt jedoch nicht für die Ernährung mit Tiermilch. Fehlende Stallhygiene, häufige Streckung mit hygienisch heiklem Wasser, fragile Transportsysteme und unausgereifte Kühltechnik waren die wichtigsten Probleme einer hochwertigen Milch, einer Reduktion der Kindersterblichkeit. [15]

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Milchkuranstalten als Garanten hygienischer Milch (Allgemeine Zeitung 1882, Ausg. v. 24. Februar, 816)

Aus bakteriologischer Sicht schien es entscheidend, die unvermeidliche Zersetzung der Milch entweder möglichst lange zu unterbinden oder sie gar ganz zu stoppen. Seit den 1860er Jahren gab es daher vermehrte Bemühungen, alle Elemente der Milchkette zu optimieren. Dies reichte von der Hand- und Euterpflege über die Transportbehältnisse, die Marktstände und Milchläden bis hin in die Haushalte. Einfacher und rascher wirksam schien dagegen die „Pasteurisierung“ der Milch: Sie sollte erhitzt, die Bakterien dadurch nicht allein an der Vermehrung gehindert, sondern ganz beseitigt werden. Als in den 1870er Jahren die Zahl der genossenschaftlich organisierten Molkereien rasch zunahm, zeigten sich jedoch die Probleme derart einfacher Vorschläge. Milch verändert durch Erhitzung ihren Geschmack, entsprach dann nicht mehr den Vorstellungen des zahlenden Publikums. Die technisch schwer zu steuernde Pasteurisierung wurde daher das Kennzeichen sogenannter Milchkuranstalten, die sich ihre Dienste von einem urbanen Publikum jedoch gut bezahlen ließen und über das Bürgertum nicht hinausreichten. [16]

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Kampf den Keimen: Milchsterilisierer im Haushalt (Berliner Tageblatt 1886, Nr. 55 v. 31. Januar, 22)

Mit derart exklusiven Unternehmen und einer höchst heterogen organisierten Milchversorgung war es jedoch auch aus anderen Gründen kaum möglich, eine aseptische Milchproduktion sicherzustellen. Auch der Haushalt bildete eine kaum zu kontrollierenden und nur bedingt zu beeinflussende Schwachstelle. Hygienische gewonnene „Kindermilch“ und auch pasteurisierte Angebote konnten dort unangemessen behandelt und damit zu einer Gesundheitsgefahr für die Säuglinge werden. Dies führte zu einer konsequenten Antwort: Es galt, die bakterielle Keimtötung in den Haushalt zu verlegen, sie zu verhäuslichen. Neuartige Haushaltsgeräte sollten dies garantieren, also Milchkochapparate. Wenn die Mütter schon nicht fähig oder in der Lage waren, ihre Kinder zu stillen, so sollten sie zumindest lernen, wie sie diese Geräte zu bedienen hatten und Bakterien sicher töten konnten.

Entsprechende Geräte wurden seit den 1860er Jahren empfohlen, diskutiert und entwickelt. Eine punktgenaue Erhitzung war jedoch nicht einfach. Einfaches Kochen veränderte nämlich das Milcheiweiß und verursachte dadurch Magen-Darm-Probleme. Erste Apparate mit schonenderen und doch effektiven Verfahren wurden seit den frühen 1880er Jahren angeboten, ersetzten die zuvor gängigen Milchsieder unterschiedlicher Konstruktion. Der lang erwartete Durchbruch erfolgte jedoch erst 1886. Damals präsentierte der Münchener Agrarchemiker und Tierphysiologe Franz Soxhlet (1848-1926) [17] im dortigen Ärztlichen Verein „einen Sterilisirungs-Apparat, welcher ursprünglich ein Laboratoriums-Apparat war, in der Kinderstube meiner Familie aber die Wandlung zu einem relativ einfachen Hausgeräth durchgemacht und vor seiner Empfehlung die Probe der Gebrauchsfähigkeit bestanden hatte.“ [18]

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Einzelkomponenten des Soxhlet-Apparates 1886 (Münchener Medizinische Wochenschrift 33, 1886, 277)

Soxhlet bot nicht nur einen sinnreich konstruierten Milchkocher an, sondern ein komplettes Set. Der Kochtopf hatte Einsätze für die mit Messstrichen versehenen Glasflaschen. Ein Einfüllglas, zehn Kautschukstöpsel, zehn Saugvorrichtungen, ein Spritzkautschukball zum Reinigen, ein Gestell zur Aufbewahrung der Utensilien, ein Blechtopf zum Erwärmen der Milchflaschen vor der Verfütterung sowie Reinigungsbürsten zeugten von dem beträchtlichen Aufwand, um keimarme Milch herzustellen. Die Einzelkomponenten waren nicht nur präzise gearbeitet, sondern programmierten die Zubereitung, fixierten die Einzelschritte. Nach dem Kochen wurden die Glasflaschen mit den Kautschukstöpseln verschlossen, kurze Zeit stehen gelassen, dann in kaltem Wasser gekühlt werden. Dadurch zogen sich die Verschlüsse nach innen, schützten die Milch gegen Keime in der Luft. Das Kochen erfolgte einmal täglich. Die Milchflaschen wurden an einem kühlen Ort aufbewahrt, vor der Nutzung dann in warmem Wasser leicht erwärmt. Der Stöpsel wurde schließlich entfernt, durch einen Sauger ersetzt und die Flasche dann dem Baby gereicht. [19]

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Werbung für Soxhlet-Apparate 1888 (Schmidt, 1888, 31)

Der Soxhlet-Apparat war relativ teuer, kostete zwischen 13 und 20 Mark, also etwa 1,5% eines durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Arbeiters. Absatzdaten fehlen, doch während der späten 1880er Jahre wurden mehrere tausend Apparate an bürgerliche Haushaltungen, vor allem aber an Kinderärzte, Kliniken und Milchkuranstalten verkauft. Wichtiger noch als derartige Zahlen war die breite Akzeptanz des wirkenden Grundprinzips: Der Soxhlet-Apparat materialisierte die Erkenntnisse moderner Bakteriologie, machte Milch „rein“, beseitigte Keime und Bakterien. Zugleich reorganisierte er über Messungen und Portionierungen das häusliche Tun gemäß dem vermeintlich objektiven Wissen der Experten. Der Soxhlet-Apparat lenkte die Handlungen der Hausfrauen und Dienstboten, sicherte damit die Umsetzung wissenschaftlichen Wissens ab.

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Verbesserter Apparat, modernere Werbung 1902 (Fliegende Blätter 117, 1902, Nr. 2980, Beibl., 9)

Die meisten Mediziner reagierten positiv, teils begeistert – wenngleich ab und an begleitet von Kritik an dem geschäftstüchtigen Agrarchemiker. [20] Wie bei den meisten Innovationen gab es auch beim Soxhlet-Apparat eine Reihe praktischer Probleme, die Verbesserungen und immer neue Geräte nach sich zogen, die meist unter dem Namen der Konstrukteure vermarktet wurden. [21] Wichtiger aber war, dass sie alle das Grundprinzip einer häuslichen Milchsterilisation fortspannen, dass sie alle darauf zielten, ein keimfreies Substitut für die Muttermilch zu ermöglichen. Trotz wachsender Konkurrenz blieb der Soxhlet-Apparat im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn Marktführer – und wurde zugleich in alle führenden westlichen Staaten exportiert.

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Werbung für sterilisierte Milch vor Alpenidylle 1909 (Drogisten-Zeitung 24, 1909, Nr. 45, 1)

Allen Verbesserungen zum Trotz gelang den Milchsterilisatoren jedoch kein Durchbruch hin zum Massenmarkt. Sie blieben ein „Vorrecht der Reichen“ [22]. Das galt nicht nur für die reinen Anschaffungskosten, sondern ebenso für die Nutzung. Nur bürgerliche Haushalte verfügten über Dienstboten und Zeitreserven, um die Geräte kontinuierlich zu nutzen. Die soziale Schlagseite war offenkundig, bürgerliche Experten machten Angebote für ein vorrangig bürgerliches Klientel. Eine Breitenwirkung erforderte andere Angebote, andere Institutionen. Klinisch-institutionell entstanden nun zunehmend Milchküchen und Kindermilchstationen, die aber auf Groß- und Mittelstädte begrenzt blieben. Die Kindernährmittelindustrie reagierte mit neuen Produkten, weiterhin verbunden mit dem Versprechen, damit die ansteigenden Kindersterblichkeitsraten reduzieren zu können. [23]

Auch Soxhlet wusste um die soziale Begrenztheit seiner Angebote. Er empfahl eine Doppelstrategie: Einerseits sollten die Apparate im Haushalt weiter genutzt werden, anderseits aber forderte er bessere Milch, möglichst pasteurisiert, möglichst sauber, möglichst ohne Exkremente und Straßenstaub. [24] Entsprechend intensivierten Soxhlets Lizenznehmer die Werbung für den Apparat und intensivierten ihre Exportbemühungen, um durch höheren Absatz den Verkaufspreis senken zu können. Der „Soxhlet“ wurde dadurch ein Haushaltsname und baute seine Marktführerschaft aus, doch führende Pädiater kritisierten diese kommerzielle Offensive. [25] Die wachsende Verbreitung der Apparate führte zu keinem Rückgang der auf historischen Höchstständen liegenden Kindersterblichkeit. Dies lag gewiss an Defiziten in der Milchversorgung, lag aber auch an der mit den Konservierungsapparaten verbundenen einseitigen Fokussierung auf bakteriologische Probleme. Zugleich wurde aber immer deutlicher, dass die Keimbekämpfung neue Gesundheitsgefahren hervorrief.

Kosten des Fortschritts? Der Bedeutungsgewinn der Möller-Barlowschen Krankheit

Kindernährmittel and Milchkonservierungsapparate reduzierten die Gefahren bakteriell zersetzter Milch. Seit den 1880er Jahren wurde jedoch klar, dass die „reine“ Milch ihrerseits eine Gefahr für die Kinder sein konnte. Bereits 1859 hatte der Königsberger Mediziner Julius Otto Ludwig Möller (1819-1887) verschiedenen Krankheitsfälle nach der Verfütterung gekochter Milch beobachtet. Im Rahmen der damaligen Ätiologie interpretierte er diese als „acute Rachitis“ and veröffentlichte genaue Beschreibungen der Einzelfälle. [26] Ähnliche Beobachtungen folgten. 1871 koppelte dann der Kopenhagener Mediziner V. Intergslev die von ihm untersuchten Fälle erstmals mit Skorbut, das damals als Krankheit von Erwachsenen galt. [27] Er publizierte seine Forschungen in dänischer Sprache, doch diese wurden im Ausland nicht aufgegriffen. Anders dagegen mehrere zwischen 1878 und 1883 erschienene Aufsätze des Londoner Arztes Walter Butler Cheadle (1836-1910): Er glaubte es mit einer neuen Form von mit Rachitis verbundenem Skorbut zu tun zu haben und setzte therapeutisch auf eine Diät aus rohem Fleisch, frischer Milch und Kartoffelbrei. [28] 1883 präsentierte der britische Mediziner Thomas Barlow (1845-1945) schließlich 31 klinisch und pathologisch präzise beschriebene Fallstudien und bezeichnete das Krankheitsbild als skorbutisch. [29] Die Kinder litten unter allgemeinen Gliederschmerzen, die jede Bewegung zur Pein machten. Zugleich waren Weichteile und Extremitäten deutlich angeschwollen. Barlow führte dies auf eine falsche und einseitige Ernährung zurück, doch er wusste nicht, welche der Bestandteile der gekochten Milch die Krankheit verursachte. Die Kinder erholten sich jedenfalls rasch nach Gabe frischer Milch oder anderer Frischkost.

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Great Ormond Street Hospital, London, Wirkstätte von Thomas Barlow (r.) (Bokay, 1922, 74 (l.); http://hharp.org/%5B…%5D)

Barlows Studie lenkte die Aufmerksamkeit zahlreicher Mediziner auf die Auswirkungen gekochter Milch auf die Kindesentwicklung. Im folgenden Jahrzehnt folgten einschlägige Untersuchungen in den meisten europäischen Staaten und in den USA. In Deutschland gab 1892 der Kinderarzt Otto Heubner (1843-1926) einen ersten Überblick, konstatierte zugleich aber, dass diese „eigenthümliche Erkrankung“ [30] in Deutschland bisher kaum diskutiert worden sei. Im Gegensatz zu seinen US-amerikanischen und französischen Kollegen, die sie zumeist als Skorbut bezeichneten, sprach er wie viele europäische Mediziner von „Barlow’s Krankheit“. Er vermied dadurch vorschnelle Engführungen, denn nach seiner Meinung unterschieden sich die Symptome der neuen Kinderkrankheit deutlich von denen des Skorbutes der Erwachsenen. [31] Die meisten deutschen Ärzte teilten diese Einschätzung. Zugleich aber wollten Sie Möllers erste Beschreibung der neuen Kinderkrankheit angemessen ehren, so dass sich im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung „Möller-Barlowsche Krankheit“ durchsetzte. [32]

Deutsche Forscher trugen erst relativ spät zu den internationalen Forschungsdiskussionen bei, doch in den 1890er und 1900er Jahren nahm die Zahl einschlägiger Arbeiten rasch zu. Neue “und eigenartige Krankheiten” [33] wurden untersucht. Sie verwiesen fast durchweg auf eine enge Korrelation vom Verzehr hocherhitzter Milch und Nährpräparaten und dem Siechtum vieler Säuglinge. [34] Dennoch wurde die Milcherhitzung nicht in Frage gestellt, sondern weiterhin propagiert. Der Soxhlet-Apparat wurde verbessert, weitere Konservierungsgeräte entwickelt. [35] Das spätere Weck-System wurde 1892 patentiert. Mit ihm begann der Siegeszug der Hitzesterilisierung, des sog. Einmachens in deutschen Haushalten, während parallel Kochkisten die Zubereitungspraxis der Arbeiter preiswerter gestalten sollten. [36] Das bakteriologische Paradigma war zu dieser Zeit noch dominant. Die aus späterer Sicht recht zahlreichen Hinweise auf dessen nur begrenzten Aussagewert mündeten noch nicht in neue, breitere Denkstile. Es sollte noch fast zwei Jahrzehnte dauern, bis die Vitaminlehre eine erst wagende und dann befriedigende Antwort auf die Ursache der Möller-Barlowschen Krankheit gab.

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Erste akute Krankheitsphase: Schwellungen an Gliedmaßen und im Gesicht (Bendix, 1913, 129 (l.); n. 128)

Die frühe deutsche Debatte gründete auf insgesamt fast 800 Einzelfällen, zumeist beobachtet in anderen europäischen und später dann nordamerikanischen Staaten. [37] Die Zahl der klinischen Fälle blieb vergleichsweise niedrig, erreichte ihren Höhepunkt 1902 mit 34 Berliner Erkrankungen. Im Gegensatz zu den frühen britischen Beobachtungen trat die Möller-Barlowsche Krankheit im Deutschen Reich fast ausschließlich bei bürgerlichen Kinder auf – ein wichtiger Grund für ihre recht hohe Bedeutung in der Forschung. [38] Die meisten Kinder waren sechs bis achtzehn Monate alt, die Ärzte wurden aufgrund innerer Blutungen und Druckschmerz konsultiert. Die „Kinder schreien schon aus Angst vor und noch mehr bei jedem Versuch, sie aufzunehmen, sie umzukleiden, zu baden; sie vermeiden es, ihre Glieder activ in Bewegung zu bringen, liegen wie gelähmt da, halten bestimmte Stellungen stundenlang inne, ohne sich zu rühren“ [39]. Arme, Beine und das Gesicht waren angeschwollen, die entzündeten Knochen schmerzten beträchtlich. Fast keines der betroffenen Kinder wurde gestillt. Die herbeigerufenen Ärzte änderten zumeist ihre Ernährung – und die meisten der kleinen Patienten erholten sich rasch.

Die Möller-Barlowsche Krankheit wurde in Deutschland von Beginn an mit dem Konsum von Kindernährmitteln und gekochter Milch in Verbindung gebracht. [40] Einseitige Ernährung mit Kindermehlen hatte allerdings nur sehr selten derart schmerzhafte Konsequenzen. Die meisten Krankenfälle waren mit dem Konsum erhitzter Milch verbunden: „The loss of certain fresh properties in the milk, through heating it, is one of the most important causes of this affection, and other important factors are insufficient feeding and monotony in diet“ [41]. Es war offenkundig, dass die Milchbestandteile durch Erhitzung chemisch modifiziert wurden, doch trotz breiter Forschung konnte man diese nicht genau benennen. [42] Es war offenkundig, das die neue „wissenschaftliche“ Ernährung der Kinder Tücken hatte, gefährlich, gar tödlich sein konnte. Adolf Baginsky (1843-1918), führender Berliner Pädiater, warnte eindringlich: „Es tritt neuerdings das Bestreben hervor, den Kindern eine absolut steril gemachte Milch zu verabreichen. Dieses Vorgehen halte ich für die Ernährung der Kinder für gefährlich. Es darf in der That nicht auf diesem Wege weiter geschritten werden, sonst wird die Barlow’sche Krankheit viel mehr um sich greifen, als dies bisher gewesen ist.“ [43] Allerdings konnte auch er die einfache Gegenfrage nicht überzeugend beantworten: Wenn gekochte Milch potenziell gefährlich war, warum war dann die Zahl der Krankheitsfälle so gering? Aus heutiger Sicht ist die Antwort einfach: Kindernährmittel und auch sterilisierte Milch waren keineswegs so sicher und verlässlich wie dies die Werbung versprach. [44] Produktions- und Vertriebsmängel hatten den Nebeneffekt, dass nicht alle B- und C-Vitamine zerstört wurden. Zudem war unter den deutschen Ärzten Mitte der 1890er Jahre unbestritten, dass Hitzesterilisierung tausende von Kinderleben rettete – und das Glück der großen Zahl war ein Argument für den Soxhlet-Apparat, mochte dieser auch gefährliche Nebeneffekte haben. [45]

15_Der Bazar_50_1904_p370_Saeuglingsernaehrung_Stillen_Lactagol_Pearson

Selbststillen und dessen Kommerzialisierung: Werbung für Lactagol (Der Bazar 50, 1904, 370)

Entsprechend war das wichtigste Ergebnis der deutschen Forschungsdebatte über die Möller-Barlowsche Krankheit eine intensivere Stillpropaganda: „Nieder mit dem Soxhlet! Hoch die Brüste!“ [46] war ein damals populärer Slogan. Obwohl eugenische Dystopien die zunehmende Unfähigkeit der Frauen zum Stillen beschworen, betrug deren Anteil an den Gebärenden relativ stabil etwa fünf Prozent. [47] Die Stillpropaganda der Jahrhundertwende stand gegen die rasch wachsende Kindernährmittelindustrie. Ausländische Anbieter, etwa die britische Anglo-Swiss Condensed Milk Company oder die schweizer Nestlé galten als Negativsymbole für die allgemeine Kommerzialisierung des menschlichen Daseins. Die deutschen Hersteller blieben demgegenüber klein, waren mittelständisch geprägt. Es war jedoch abermals Franz von Soxhlet, der 1893 einen standardisierten Milchzucker entwickelte, den er als „Nährzucker“ breit vermarktete. Der Kampf zwischen Ärzten und Produzenten war denn auch kein grundsätzlicher Kampf um gesundheitliche Gefahren, sondern eher einer um die Dominanz auf dem Markt der Säuglingsernährung. Die „modernen“ Kindernährmittel – 1914 gab es im Deutschen Reich allein etwa einhundert Kindermehle [48] – boten den Käufern Alternativen zur tradierten Art häuslicher Säuglingspflege und der doch recht teuren Behandlung durch Ärzte und in Krankenhäusern. Kaum verwunderlich waren diese öffentlich geführten Debatten häufig antikapitalistisch aufgeladen. Auch sozialdarwinistische Positionen gewannen an Bedeutung. Für viele Eugeniker führten Kindernährmittel und hitzesterilisierte Milch zu wachsender Verweichlichung und dem Überleben geringwertiger Kinder. Verbesserte Hygiene war gewiss erforderlich, doch eine hohe Kindersterblichkeit erschien auch als ein Garant für eine starke und robuste deutsche Nation. [49]

16_Ueber Land und Meer_081_1898-99_Nr05_sp_Saeuglingsernaehrung_Kindernaehrmittel_Mellin_Amerikanisierung

Ausländische Angebote für deutsche Kleinkinder (Über Land und Meer 81, 1898/99, Nr. 5, s.p.)

All diese Kämpfe und Debatten konnten jedoch nicht die Tatsache überdecken, dass die moderne Medizin um die Jahrhundertwende nicht in der Lage war, eine kausale Erklärung für die Möller-Barlowsche Krankheit zu geben. Sie blieb ein „Rätsel“ [50]. In den USA wurde sie als eine Art von Skorbut verstanden und untersucht, während deutsche Forscher diese Annahme immer wieder kritisierten und sie stattdessen mit Rachitis in Verbindung brachten. [51] Andere Wissenschaftler waren dagegen – gemäß dem dominanten bakteriologischen Paradigma – überzeugt, dass die Möller-Barlowsche Krankheit durch ein Bakterium verursacht würde, das lediglich einzelne Kinder berühre. [52]

Erfolgreiche Therapie und rätselhafte Ursachen

Das Rätsel der Möller-Barlowschen Krankheit war auch deshalb besonders fordernd, weil die Therapie einfach und fast immer erfolgreich war. Einmal entdeckt und diagnostiziert, gab es kaum eine andere innere Krankheit, „wo die Therapie einen solch wunderbaren Erfolg hat wie hier.“ [53] Nötig war eine Umstellung der Ernährung: „Die Mehlpräparate und die künstlichen Milchpräparate sind vor Allem ganz aus der Kost zu entfernen.“ [54] Rohe oder nur kurz aufgekochte Milch, frisch gepresster Fleischsaft, Fruchtsaft, Gemüse, eine Hühnerbrühe oder aber Kartoffelmus wurden stattdessen gereicht. [55] All dies führte „to a complete revolution in the objective and subjective condition of the patient. Severe conditions and menacing appearances diminish in an almost magical manner.“ [56] Für die Babys und ihre Angehörigen war der rasche therapeutische Erfolg entscheidend, nicht jedoch für die Wissenschaftler. Sie versuchten mit Verve mehr über die mysteriöse Krankheit zu lernen. Kein Detail des Krankheitsverlaufs sollte vergessen werden, galt es doch die Ursache ausfindig zu machen. Die deutschen Forscher nutzten die modernste Medizinaltechnik ihrer Zeit, um Fortschritte zu erzielen. Mit Hilfe der ab 1896 verfügbaren Röntgenapparate wurden die entzündeten Knochen analysiert.

17_Salge_1910_p335_Vitaminmangelkrankheit_Moeller-Barlowsche-Krankheit_Roentgenbild

Ein Blick ins Innere des Körpers: Röntgenbild eines Oberschenkels nach viermonatiger unbehandelter Möller-Barlowscher Krankheit (Salge, 1910, 335)

Während die Zahl der Krankheitsfälle langsam zurückging, wurden die erkrankten Kinder immer genauer untersucht. [57] Anatomische Zeichnungen und zahlreiche Photographien ermöglichten genauere und frühere Diagnosen. [58]

18_Feer_1922_p075_Vitaminmangelkrankheit_Moeller-Barlowsche-Krankheit

Typische innere Blutungen eines erkrankten dreijährigen Kindes (Feer, 1922, 75)

Zudem wurde die Möller-Barlowsche Krankheit in zahlreichen Tierversuchen künstlich erzeugt – doch ohne das interpretative Wissen der noch nicht etablierten Vitaminforschung half derartiges empirisches Material nicht bei des Rätsels Lösung.

19_Hart-Lessing_1913_TafXIII_Vitaminmangelkrankheit_Moeller-Barlowsche-Krankheit_Tierversuche_Affe

Makakenaffe mit hämorrhagischem Ödem (Hart und Lessing, 1913, Tafel XIII)

Während die Wissenschaft weiter nach einer kausalen Ursache der Krankheit forschte, veränderten sich die Märkte für Kindernährmittel und auch die alltägliche Säuglingsernährung. Obwohl die Ärzte die Hitzesterilisierung der Milch fast durchweg als ein unaufgebbares Element einer gesunden und sicheren Kinderernährung empfahlen, warnten sie zunehmend vor einer alleinigen Ernährung mit gekochter Milch und Kindermehlen. Zunehmend hieß es, „daß alle Künsteleien in der Säuglingsernährung zu meiden sind, und daß die Sterilisation der Milch nicht zu weit getrieben und der Soxhletgebrauch im Hause nicht zu lange ausgedehnt werden soll.“ [59] Maß und Mitte schienen angemessen, solange die Wissenschaft die Krankheitsursache nicht gefunden hatte.

20_Fliegende Blaetter_135_1911_Nr3445_Beibl_p09_Saeuglingsernaehrung_Konservierungsgeraet_Demo-Sterilisator_Thermos_Bickel_Roeder

„Frische“ abgekochte Milch oder Neue Milchkonservierungsapparate (Fliegende Blätter 135, 1911, Nr. 3445, Beil., 9)

Sollte es nicht möglich sein, Kindernährmittel und gekochte Milch zu vermeiden, so sollte zugleich ab und an „frische“ Kost gereicht werden. Darunter verstand man rohe oder nur kurz erhitzte Milch, Obstzubereitungen und Gemüse. Zugleich wurde den Konsumenten empfohlen, die Kochdauer im Soxhlet von vierzig auf zehn Minuten zu reduzieren. [60] Festzuhalten ist, dass sich schon vor der „Vitaminrevolution“ das Alltagshandeln und auch die Empfehlungen wandelten – dazu bedurfte es nicht einer umstürzenden Veränderung in den wissenschaftlichen Modellen einer allein stofflich zu erfassenden Welt.

21_Friedel-Keller_Hg_1914_p116_Milchproduktion_Produktionsstaetten_Bolle_Pasteurisierung

Pionier der Produktion preiswerter pasteurisierter Milch: Die Berliner Meierei Bolle 1905 (Friedel und Keller (Hg.), 1914, 116)

Vielleicht noch wichtiger waren die schon deutlich früher einsetzenden Debatten über die Hitzesterilisierung der Milch. [61] Carl Bolle (1832-1910), der mit Abstand wichtigste Hersteller von Milch und Milchprodukten in Berlin, war schon früh davon überzeugt, dass die Möller-Barlowsche Krankheit durch eine zu lange Erhitzung der Milch hervorgerufen wurde. Kurz nach der Jahrhundertwende hatte er Fütterungsexperimente mit Meerschweinchen finanziert und wurde dadurch, seiner Ansicht nach, bestätigt. [62] Aus diesem Grunde begann er in seinem Unternehmen Milch lediglich zu pasteurisieren. [63] Dies war erst einmal kostenträchtig, denn die neue Technologie war anfangs nicht einfach zu handhaben. Es galt, kurzfristig eine Temperatur von über 70 Grad sicher einzuhalten, die Milch aber eben nicht zu kochen. Bakterien konnten so abgetötet, die unbekannten Kochschäden der Milch vermieden werden. Da jedoch eine wachsende Zahl von Kunden und auch Wissenschaftlern von gekochter Milch als „Gift“ sprachen, schien ein technologischer Wandel angeraten zu sein. [64] Eine Zwangspasteurisierung der Milch wurde im Deutschen Reich jedoch erst durch das Milchgesetz von 1930 eingeführt.

Keine Selbstkritik: Neue Wege der Säuglingsernährung unter dem Vitamin-Paradigma

Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis im Deutschen Reich die Existenz der „Vitamine“ allgemein akzeptiert wurde, also einer neuen Stoffklasse, die 1911 durch den russischen Biochemiker Casimir Funk (1884-1967) erstmals benannt wurde. [65] Entsprechend dauerte es eine ganze Weile, bis die Möller-Barlowsche Krankheit als Vitamin-C-Mangelkrankheit und eine infantile Form des Skorbuts, als Säuglingsskorbut, klassifiziert wurde. Die lange Zeit weltweit führenden und in der Ideenwelt der Kalorienlehre und der Bakteriologie sozialisierten deutschen Forscher benötigten etwa ein Jahrzehnt um zu realisieren, dass ihr Modell der materiellen Welt viel zu einfach und als solches vielfach irreführend gewesen war. Für die Therapie der Möller-Barlowschen Krankheit, die während des Weltkrieges und der weiter bestehenden völkerrechtswidrigen Blockade des Deutschen Reiches wieder häufiger auftrat, hatte dieses keine unmittelbaren Konsequenzen. [66] Seit den frühen 1920er Jahren nahmen die medizinischen Lehrbücher die neue Vitaminlehre langsam auf, nach der einige Vitamine durch Hitze beschädigt und zerstört werden konnten – und das Kinder durch einseitige Ernährung mit einschlägig produzierten Kindermehlen und vor allem gekochter Milch Schaden nehmen, krank werden und sogar sterben konnten. [67] Seit den frühen 1930er Jahren wurde die Möller-Barlowsche Krankheit dann Teil der Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte der Medizin und der Biochemie: Nun hieß es, dass die krankhaften Veränderungen der Knochen, der Einsatz von Röntgentechnologie und eine detaillierte Kasuistik dazu geführt hätten, die ehedem rätselhafte Krankheit als eine Vitaminmangelkrankheit auszumachen. [68] Die neue Vitaminlehre wurde in den 1920er Jahren insbesondere von den urbanen Mittelschichten allgemein akzeptiert, leitete zunehmend die öffentliche Ernährungsberatung. Die Möller-Barlowsche Krankheit wurde selten, fand sich lediglich noch bei den Ärmsten, bei denen, die auf Fürsorgezahlungen angewiesen waren und sich „frische“ Milch, Obst und Gemüse kaum leisten konnten. [69]

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Pasteurisierte Milch für propere Babies. Werbung für Wecks Gramma-Sterilisator 1927 (Weck (Hg.), 1927, 1)

Neue Säuglingskost und Milchkonservierungsapparate gewannen weiter an Bedeutung und waren ein wichtiger Faktor für die Verringerung der Kindersterblichkeit im 20. Jahrhundert. Auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse wurde der Produktionsprozess verändert und die Erhitzungszeiten weiter reduziert. Die neuen Produkte waren, so die allgemein akzeptierte Meinung, mit vitaminreicher “Frischkost” zu verbinden. Die gemäß eines einseitigen medizinischen Wissens und entsprechender unternehmerischer Praxis genährten, dann erkrankten und teils verstorbenen Kleinkinder waren aus dieser Sicht eine Art Preis, der für diese Verbesserungen zu zahlen war.

Aus meiner Sicht stellt die hier kurz vorgestellte Geschichte der Möller-Barlow-Krankheit Narrative des Fortschritts jedoch strukturell in Frage. Sie präsentiert Wissenschaft und Gesellschaft in Aktion. Sie erzählt etwas über die Grenzen von Expertensystemen, die immanenten Gefahren jeglicher Arbeitsteilung, über strukturelle Gewalt, die in das Gefüge moderner Wissensgesellschaften eingewoben ist. Sie erinnert uns an den hohen Preis auch des Fortschritts, mag diesen Fortschritt auch niemand missen wollen: “Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.” [70]

Uwe Spiekermann, 20. Juli 2020

Quellen und Literatur

[1] Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 31-37.
[2] Kurt Hoesch, Emil Fischer. Sein Leben und sein Werk, Berlin 1921, 140.
[3] Spiekermann, 2018, 86-103.
[4] Arthur E. Imhof, Unterschiedliche Säuglingssterblichkeit in Deutschland, 18. bis 20. Jahrhundert – Warum?, Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 7, 1981, 343-382.
[5] Jörg Vögele, Sozialgeschichte städtischer Gesundheitsverhältnisse während der Urbanisierung, Berlin 2001.
[6] Samuel J. Fomon, Infant Feeding in the 20th Century: Formula and Beikost, Journal of Nutrition 131, 2001, 409S-420S.
[7] I[sidor] Rosenthal, Vorlesungen über die öffentliche und private Gesundheitspflege, Erlangen 1887, 11.
[8] Paul Zweifel, Untersuchungen über den Verdauungsapparat der Neugeborenen, Berlin 1874.
[9] Vgl. A[gnes] Bluhm, Stillfähigkeit, in: A[lfred] Grotjahn und I[gnaz] Kaup (Hg.), Handwörterbuch der Sozialen Hygiene, Bd. II, Leipzig 1912, 555-570, die auch die eugenischen Bedeutung dieser Statistiken diskutiert.
[10] Justus v. Liebig, Suppe für Säuglinge, 3. erw. Aufl., Braunschweig 1877.
[11] Armin Wankmüller, Die Firma Eduard Löflund & Co., Stuttgart, in: ders. (Hg.), Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte, Bd. VIII, Tübingen 1968-70, 13-15.
[12] Vgl. Emil Görgen, Philipp Biedert und seine Bedeutung in der deutschen Pädiatrie, Düsseldorf 1939; Dorothee Vaupel, Philipp Biedert (1847-1916). Leben, Werk, Wir¬kung, Med. Diss. Hanover 1993 (Ms.).
[13] [Albert] Villaret, Von der Hygiene-Ausstellung, Berliner klinische Wochenschrift 20, 1883, passim, hier 735.
[14] Vgl. etwa Verhaltensmassregeln zur Verhinderung der Sterblichkeit neugeborner Kinder, Wiener Medizinische Wochenschrift 19, 1869, Sp. 977-980, 993-995.
[15] Th[eodor] Escherich, Ueber die Keimfreiheit der Milch nebst Demonstration von Milchsterilisirungs-Apparaten nach Soxhlet’schem Princip, Münchener Medizinische Wochenschrift 36, 1889, 783-785, 801-805, 824-827. Einen Überblick bietet Uwe Spiekermann, Zur Geschichte des Milchkleinhandels in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Helmut Ottenjahn und Karl-Heinz Ziessow (Hg.), Die Milch. […], Cloppenburg 1996, 91-109, insb. 95-98.
[16] Fr[iedrich] Dornblüth, Die Milchversorgung der Städte und ihre Reform, Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 12, 1880, 413-424.
[17] Anton Mößmer, Beitrag zur Säuglingsernährung vor 100 Jahren. Erinnerungen an Franz von Soxhlet, Der Kinderarzt 15, 1984, 1203-1210.
[18] F[ranz] Soxhlet, Ein verbessertes Verfahren der Milch-Sterilisirung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 335-339, 353-356, hier 335. Vgl. auch Ders., Ueber Kindermilch und Säuglings-Ernährung, Münchener Medizinische Wochenschrift 33, 1886, 253-256, 276-278.
[19] J.S. Fowler, Infant Feeding. Practical Guide to the Artificial Feeding of Infants, London 1909, 40-41.
[20] Discussion über den Vortrag des Prof. Dr. Soxhlet: Ueber ein verbessertes Verfahren der Milchsterilisirung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 431 (Ranke); Ferdinand Frühwald und Hochsinger, „Ueber den Soxhlet’schen Milchkochapparat.“, Hebammen-Zeitung 3, 1889, 25-28.
[21] Vgl. etwa W. Hesse, Dampf-Sterilisierungsapparat für Laboratorium und Küche, […], Deutsche Medizinische Wochenschrift 14, 1888, 431-432; Oskar Israel, Zu Soxhlet’s Milchkochapparat, Berliner klinische Wochenschrift 26, 1889, 640-641; A[lexander] Hippius, Ein Apparat zum Sterilisiren der Milch im Hause, Berliner klinische Wochenschrift 27, 1890, 1048-1051.
[22] [Walter] Birk, Die Bedeutung der Milch als Nahrungsmittel, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 36, 1925/26, 321-328, hier 323.
[23] Vgl. [Alexander] Backhaus, Die Herstellung von Kindermilch. […], Wochenblatt des Landwirthschaftlichen Vereins im Großherzogthum Baden 1895, 632-636.
[24] F[ranz] Soxhlet, Ueber Milchverfälschung und Milchverunreinigung, Münchener Medizinische Wochenschrift 38, 1891, 537-538, hier 538.
[25] Vgl. etwa Adalbert Czerny, Die Pädiatrie meiner Zeit, Berlin 1939, 40-41.
[26] J[ulius] O[tto] L[udwig] Möller, Acute Rhachitis, Königsberger Medizinische Jahrbücher 1, 1859, 377-379; Ders., Zwei Fälle von acuter Rachitis, Königsberger Medizinische Jahrbücher 3, 1862, 136-149.
[27] Philip R. Evans, Infantile scurvy: the centenary of Barlow’s disease, British Medical Journal 287, 1983, 1862-1863. Vgl. auch Elizabeth Lomax, Difficulties in Diagnosing Infantile Scurvy before 1878, Medical History 30, 1986, 70-80.
[28] Kumaravel Rajakumar, Infantile Scurvy: A Historical Perspective, Pediatrics 108, 2001, E76. Detaillierter, manchmal allerdings anekdotenhaft ist Kenneth J. Carpenter, The History of Scurvy and Vitamin C, Cambridge et al. 1986, 158-172; Annemarie de Knecht-Van Eekelen, Naar een rationele Zuigelingenvoeding. Voedingsleer en Kindergeneeskunde in Nederland (1840-1914), Nijmegen 1984, 158-165.
[29] Thomas Barlow, On cases described as ‘acute rickets’ which are possibly a combination of rickets and scurvy, the scurvy being essential and the rickets variable, Medico-Chirurgical Transactions 66, 1883, 159-220.
[30] O[tto] Heubner, Ueber die scorbutartige Erkrankung rachitischer Säuglinge (Barlow’sche Krankheit), Jahrbuch für Kinderheilkunde 34, 1892, 361-368, hier 361.
[31] W[ilhelm] v. Starck, Infantile Scurvy, in: M[einhard] Pfaundler und A[rthur] Schlossmann (Hg.), The Diseases of Children, Bd. 2, Philadelphia und London 1912, 192-201, hier 192.
[32] H[arald] Hirschsprung, Die Möller’sche Krankheit. (Synon.: ‘Acute Rachitis’. Scorbut bei Kindern. Barlow’sche Krankheit. Cheadle-Barlow’sche Krankheit etc.), Jahrbuch für Kinderheilkunde 41, 1896, 1-43.
[33] N[athan] Zuntz, Über neuere Nährpräparate in physiologischer Hinsicht, Berichte der Deutschen Pharmaceutischen Gesellschaft 12, 1902, 363-381, hier 377.
[34] Ed. Meyer, Ueber Barlow’sche Krankheit, Berliner klinische Wochenschrift 33, 1896, 85-86; Hamburg, Ueber die Zusammensetzung der Dr. Riethschen Albumosemilch und deren Anwendung bei Kindern und Erwachsenen, Berliner klinische Wochenschrift 33, 1896, 785-790, hier 787-788.
[35] O[tto] Heubner, Lehrbuch der Kinderheilkunde, Bd. I, Leipzig 1903, insb. 67.
[36] Vgl. Uwe Spiekermann, Zeitensprünge. Lebensmittelkonservierung zwischen Industrie und Haushalt 1880-1940, in: Katalyse und Buntstift (Hg.), Ernährungskultur im Wandel der Zeit, Köln 1997, 30-42.
[37] Arthur Dräer, Die Barlow’sche Krankheit. Kurze Zusammenstellung der bisher über diese Krankheit gesammelten Erfahrungen, Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege 14, 1895, 378-387, hier 378.
[38] [Wilhelm] v. Starck, Zur Casuistik der Barlow’schen Krankheit, Jahrbuch für Kinderheilkunde 37, 1894, 68-71; Carl Seitz, Kurzgefasstes Lehrbuch der Kinderheilkunde, 2. erw. u. überarb. Aufl., Berlin 1901, 278.
[39] Otto Hauser, Grundriss der Kinderheilkunde mit besonderer Berücksichtigung der Diätetik, Berlin 1894, 316.
[40] Unger, Rez. v. Cassel, Ein Fall von Scorbut bei einem 1¾ Jahre alten Kinde, AfK 15, 1893, Jahrbuch für Kinderheilkunde 36, 1893, 499-500, hier 500.
[41] Starck, 1912, 197. Ähnlich Hauser, 1894, 317.
[42] [Wilhelm] v. Strack, Barlow’sche Krankheit und sterilisirte Milch, Münchener Medizinische Wochenschrift 42, 1895, 976-978, hier 976.
[43] Meyer, 1896, 86 (Baginsky).
[44] Johannes G. Altendorf, Sterilisirung der Milch in Einzelportionen mittels des neuen Soxhlet’schen und des Olldendorff’schen Verschlusses, Bonn 1892, insb. 10-13; Andr. Carstens, Ueber Fehlerquellen bei der Ernährung der Säuglinge mit sterilirter Milch, Jahrbuch für Kinderheilkunde 36, 1893, 144-160, hier 144.
[45] Milch-Sterilisir-Apparat, Bregenzer Tagblatt 1895, Nr. 2816 v. 7. Juni, 3.
[46] Ferdinand Hueppe, Frauenmilch und Kuhmilch in der Säuglingsernährung, Deutsche Medizinische Wochenschrift 33, 1907, 1597-1603, hier 1597.
[47] Diese Angabe n. Koiti Shibata, Ueber die Häufigkeit des Stillungsvermögens und die Säugungserfolge bei den Wöchnerinnen der kgl. Universitäts-Frauenklinik zu München in den Jahren 1884 bis Ende 1887, Med. Diss. Munich 1891, während G[ustav] v. Bunge, Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen ihre Kinder zu stillen. Ein Vortrag, Nachdruck der 5. Aufl., Munich 1907 ein Bestseller wurde.
[48] Max Klotz, Die Bedeutung der Getreidemehle für die Ernährung, Ergebnisse der inneren Medizin und Kinderheilkunde 8, 1912, 593-696, hier 682.
[49] Graßl, Ueber die Kindersterblichkeit in Bayern, Allgemeine Zeitung 1907, Nr. 66, Beil., 521-524, hier 521-522.
[50] B[ernhard] Bendix, Die Barlow’sche Krankheit und ihre Behandlung, Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 4, 1907, 33-40, hier 38.
[51] Alfred F. Hess, Scurvy. Past and Present, Philadelphia und London 1920, 14.
[52] Vgl. L[ivius] Fürst, Infantiler Scorbut oder hämorrhagische Rhachitis? Berliner klinische Wochenschrift 32, 1895, 389-393, hier 392; Klautsch, Ref. v. Baron: Zur Frage der Möller(Barlow)’schen Krankheit, MMW 1898, Nr 18/19, Der Kinder-Arzt 9, 1898, 204-205.
[53] E[mil] Feer, Diagnostik der Kinderkrankheiten mit besonderer Berücksichtigung des Säuglings, 2. erw. und verb. Aufl., Berlin und Heidelberg, 1922, 75.
[54] Heubner, 1892, 368.
[55] Hauser, 1894, 317; Seitz, 1901, 279.
[56] Starck, 1912, 200.
[57] Rudolf Manz, Beiträge zur Kenntnis der Möller (Barlow’schen) Krankheit, Med. Diss. Heidelberg 1899; J[ohannes] Schoedel und C[ölestin] Nauwerck, Untersuchungen über die Möller-Barlow’sche Krankheit, Jena 1900; Eugen Schlesinger, Zur Symptomalogie der Barlowschen Krankheit, Münchener Medizinische Wochenschrift 52, 1905, 2073-2075
[58] R[udolf] Hecker und J[osef] Trumpp, Atlas und Grundriss der Kinderheilkunde, München 1905, 126, 130-131.
[59] Bendix, 1907, 40.
[60] H[einrich] Finkelstein, Sammelreferate über neuere Erfahrungen in der Säuglingsernährung, Die Therapie der Gegenwart 45, 1904, 73-80, hier 75.
[61] Th. Homburger, Die jüngsten Fortschritte und der heutige Stand der Kinderheilkunde, Therapeutische Monatshefte 15, 1901, 27-31.
[62] C[arl] Bolle, Zur Therapie der Barlow’schen Krankheit, Zeitschrift für diätetische und physikalische Therapie 6, 1903, 354-356, hier 355-356.
[63] Dies war eine Debatte mit langer Vorgeschichte, vgl. Rowland Godfrey Freeman, Should all Milk used for Infant Feeding be heated for the Purpose of Killing Germs? If so, at what Temperature and how long continued? Archives of Pediatrics 15, 1898, 509-514.
[64] [Robert] Ostertag, Wie hat sich die Gesundheitspolizei gegenüber dem Verkauf pasteurisierter Milch zu stellen?, Zeitschrift für Fleisch- und Milchhygiene 15, 1905, 293-295.
[65] Alex[ander] Lipschütz, Die Vitamine, Allgemeine Zeitung 1917, Ausg. v. 20. Mai, 210-211. Zur Geschichte s. Uwe Spiekermann, Bruch mit der alten Ernährungslehre. Die Entdeckung der Vitamine und ihre Folgen, Internationaler Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens. Mitteilungen H. 4, 1999, 16-20.
[66] F[riedrich] Göppert und L[eo] Langstein, Prophylaxe und Therapie der Kinderkrankheiten, Berlin 1920, 192.
[67] H[einrich] Finkelstein, Lehrbuch der Säuglingskrankheiten, Bd. 1, 2. vollst. überarb. Aufl., Berlin und Heidelberg 1921, 357; P[aul] György, Der Skorbut im Säuglings- und Kinderalter, in: W[ilhelm] Stepp und ders. (Hg.), Avitaminosen und verwandte Krankheitszustände, Berlin und Heidelberg 1927, 403-459, hier 437-438; C. Seyfarth, Lehrbuch der speziellen Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten, Bd. 2, 31. und 32. vollst. überarb. Aufl., Berlin 1934, 354.
[68] Walter Freund, Skorbut im Säuglingsalter (Möller-Barlowsche Krankheit) und im Kindesalter, in: M[einhard] Pfaundler und A[rthur] Schlossmann (Hg.), Handbuch der Kinderheilkunde, 4. Aufl., Bd. 1, Berlin 1931, 812.
[69] Julius Zapfert, Soziologie der Säugingskrankheiten, in: A[dolf] Gottstein, A[rthur] Schlossmann und L[udwig] Teleky (Hg.), Handbuch der Sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge, Bd. 5, Berlin 1927, 556-614, hier 593; Freund, 1931, 820.
[70] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: Theodor W. Adorno und ders., Integration und Desintegration, Hannover 1976, 33-46, hier 38.

Mittel gegen den Massentod? Zur Geschichte des Eichelkakaos

Eichelkakao? Geht es nicht noch kleiner? Sollten sich Historiker nicht mit großen, zumindest aber größeren Themen beschäftigen? Absolut richtig! Und deshalb, gerade deshalb ist ein Blick auf die vermeintlich kleinen Dinge wichtig, die den Alltag von Millionen von Menschen mitbestimmt, die gar das Leben von Zehntausenden erst ermöglicht haben. Eichelkakao war kein modisches Hipstergetränk, keine kommunikativ zu schlürfende Süßware. Es handelte sich um ein Heilmittel, das stopfend wirkte und so Durchfälle mindern, Magen- und Darmbeschwerden lindern konnte. Eichelkakao war ein Präparat mit Wirkung, dessen Geschichte den Weg hin zu unserem heutigen pharmazeutisch-therapeutischen Dasein nachvollziehbar macht. Während Eichelbrot nur in Kriegs- und Notzeiten konsumiert wurde und Eichelkaffee ein überschätztes Heilgetränk blieb, war Eichelkakao ein effektives Pharmakon, verpackt in der Süße eines angenehm mundenden Tranks.

Der Wirkstoff aber war bitter, entstammte der Eiche, genauer dessen Früchten, den Eicheln. Sie dienten in der vorindustriellen Zeit der Mast von Wild und Schweinen, wurden von Menschen nur dann gegessen, wenn anderes nicht zur Verfügung stand. Eicheln haben einen hohen Gerbstoffgehalt, zumal die in Deutschland gängigen Stiel- und Zerreichen. Sie müssen verarbeitet werden, können erst nach dem Auslaugen, Rösten und Mahlen als Nahrung dienen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden sie als Grundlage für „teutschen“ Kaffee propagiert, doch derartiger Eichelkaffee wurde kaum konsumiert. Seit den 1770er Jahren jedoch gerieten Eicheln in das Blickfeld mehrerer auf Entdeckertum und Sinneserfahrung setzenden Mediziner. Unisono empfahlen der Marburger Friedrich Joseph Wilhelm Schröder (1733-1778), der Hannoveraner Jacob Marx (1743-1789) und der von Hof zu Hof wandernde Melchior Adam Weikard (1742-1803) die therapeutische Nutzung von Kaffee aus Eicheln. Die Eichelkraft öffne die Drüsen, ließe die Säfte fließen. Im Denken der damaligen herrschenden Meinung, der sog. Vier-Säfte-Lehre, war dies ein entscheidender Hebel für den Einsatz von Eicheln und des „medicinischen“ Eichelkaffees gegen eine Großzahl der damals gängigen Krankheiten. Mögen auch nach unserem heutigen Verständnis fast alle diese Anwendungen verfehlt und wenig hilfreich gewesen sein, so destillierten sich im späten 18. Jahrhundert doch zwei Anwendungsgebiete heraus: Allgemeine Kräftigung und Magen-Darm-Krankheiten. Kleinkinder und Ältere standen im Mittelpunkt des Interesses; wobei zu beachten ist, dass der Gang zum Medikus zu dieser Zeit ein Privileg zahlungskräftiger Gruppen war. Da Eicheln im Herbst aber breit verfügbar waren und Kochen und Rösten gängige Hausarbeiten, gewann der Eichelkaffee eine gewisse Alltagsbedeutung als stärkender Trank für die Kinder und als Labetrunk für die Greise.

Allen Bemühungen zum Trotz blieb der bittere Geschmack ein Kernhindernis für die weitere Verbreitung des Heilmittels. Entsprechend bemühten sich dessen Propagandisten von Beginn an, es mit zusagenden Zusätzen anzureichern. Marx empfahl den Zusatz von einem Viertel Kaffee oder einem Achtel Kakao (Magazin vor Aerzte 1, 1778, 141) und der österreichische Botaniker und Kinderarzt Heinrich Johann Nepomuk Crantz (1722-1797) folgte ihm, um den Eichelkaffee so „wohlschmeckender zu machen“ (Medizinische und Chirurgische Arzneymittellehre, Bd. I, Th. I, Wien 1785, 204). Auch der Altonaer Arzt Johann August Unzer (1727-1799) schloss sich in seinem Medicinisches Handbuch an (Neue verb. Aufl., Agram 1787, 226). Einmal etabliert, wurden derartige Ratschläge als Handbuchwissen weitergetragen, wobei Kaffee- oder Kakaozusätze auch durch Zimt oder Milch ergänzt werden konnten, so der Leipziger Mediziner Gotthilf Wilhelm Schwartze (1787-1855) in seinen weit verbreiteten Pharmakologische Tabellen, ehedem eine Handreichung für den praktischen Arzt (Bd. 1, Leipzig 1819, 99). Die Eichel enthielt den Wirkstoff, doch Kakao konnte als Mantelstoff, als Wirkmittelträger dienen. Eichelkaffee mit Kakao dürfte in der ärztlichen Praxis des frühen 19. Jahrhunderts entsprechend Anwendung gefunden haben – wobei der relativ hohe Preis die Patientenschar übersichtlich hielt.

Dieser Zusatz aber etablierte noch keinen Eichelkakao. Eichelkaffee hatte eine moderate Wirkung auf die Verdauung, eher stopfend als lösend. Doch diese hing von der Art der Eicheln ab, von deren Zubereitung und Aufbewahrung. Zielgerichtete Medikamente sind etwas anderes. Das galt auch für die Eichel-Schokoladen, die seit den späten 1820er Jahren neben den Eichelkaffee mit Kakao traten. „Schokolade“ war damals ein schillernder Begriff, ließ sich nicht auf die uns geläufige Tafelschokolade reduzieren. „Schokolade“ bedeutete damals häufig Koch- und Trinkschokolade; die selten gewordene Bezeichnung „heiße Schokolade“ erinnert noch hieran. Eichel-Schokoladen waren gewerblich hergestellte Produkte, die auf der Gesundheitsreputation der Eicheln aufbauten, die den Kunden zugleich aber auch mundeten.

Dank der umfassenden (aber leider nur bis in die 1870er Jahre reichenden) Digitalisierung eines Großteils der bayerischen Zeitschriftenliteratur durch die Bayerische Staatsbibliothek lässt sich die Kommerzialisierung eines zuvor im häuslichen Rahmen zubereiteten Heilmittels genauer nachzeichnen. Spätestens 1827 wurde in München von der im Mai gegründeten „Chocoladen-Fabrik“ des Gregor Martin Mayrhofer selbst hergestellte „Eichel-Chokolade“ produziert und verkauft – und das nach einer zuvor erfolgten ärztlichen Untersuchung des für Kinder und Nervenschwache gedachten Präparates (vgl. auch Hermann Schelenz, Geschichte der Pharmazie, Berlin 1904, 761, mit einer allerdings fehlerhaften Datierung).

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Erstanzeige des Verkaufs von Eichelschokolade durch [Gregor] Martin Mayrhofer 1827 (Der Bayerische Volksfreund 1827, Nr. 159 v. 13. Dezember, 744)

Mayerhofers Schokoladefabrik bestand aus einem Handelsgeschäft, einem Schokoladenausschank sowie dem Verkauf von verschiedenen Schokoladen (Der Bayer’sche Landbote 1827, Nr. 61 v. 22. Mai, 335). Eichel-Schokolade wurde in größeren Quantitäten hergestellt und dann über einen längeren Zeitraum abverkauft (Ebd. 1828, Nr. 20 v. 14. Februar, 167). Anzeigen für die „nunmehr so beliebte Eichel-Chocolade“ richteten sich an den „hohen Adel“ und das Stadtbürgertum; sie sollte getrunken werden, entweder zuhause oder aber im Ausschank (Ebd. 1828, Nr. 54 v. 3. Mai, 449). Und der Pionier hatte Erfolg: Im Juni 1828 erhielt Mayrhofer ein fünfjähriges Privilegium für sein Produkt, das „nach den öffentlich bekannt gemachten Resultaten einer medicinisch-polizeylichen Untersuchung von ganz besonderm und heilbringendem Nutzen für Nervenschwache jeden Alters ist, und bey hektischen, atrophischen, scrophulösen, rachitischen Subjekten, besonders bey Kindern, nach vielen hitzigen und den meisten chronischen Krankheiten, nach großem Säfteverlust etc., mit dem größten Vortheil in Anwendung gebracht werden kann“ (Ebd. 1828, Nr. 75 v. 21. Juni, 614). Das Zitat verdeutlicht, dass Mayrhofer keine präzise Vorstellung von den Wirkungen seines Heilmittels hatte und letztlich nur die breiten Verheißungen der Eichelpropagandisten kommerziell nutzte. Er schuf aber eine neue, stetig (re)produzierte Gesundheitsware, überführte den heimischen Eichelkaffee damit in eine neue Sphäre. Mayrhofer blieb der führende Produzent in München. 1835 besuchte König Ludwig I. sein Etablissement und schmückte ihn später mit dem Titel des Hof-Chocolade-Fabrikanten und sein Geschäft mit dem der Hof-Materialwarenhandlung (Bayer’sche Landbötin 1835, Nr. 23 v. 21. Februar, 197; Regierung-Blatt für das Königreich Bayern 1848, Nr. 3 v. 25. Januar, Sp. 48).

Das Münchner Beispiel fand rasch Nachahmer, sicherlich auch begünstigt durch die 1828 patentierte Entfettung des Kakaos durch die Amsterdamer Schokoladenfabrikanten Casparus (1770-1858) und Coenraed Johannes Van Houten (1801-1887), durch die Kakao leichter zu Pulver und letztlich zu Trinkschokolade verarbeitet werden konnte. Weihnachten 1829 empfahl Wilhelmine Bauer in Regensburg ihre Cacao-Chocoladen, darunter die „reinen ungekünstelten Gesundheits-Eichel-Choccolade das Pfund 45 kr.“ (Regensburger Wochenblatt 1829, Nr. 5 v. 16. Dezember, 714). Spätestens 1830 bot auch der Kaufmann und Konditor Georg Heinrich Drexel seine „Chocolade-Fabrike“ in der Donaustadt an, darunter „auch Ißländisch Moos mit und ohne Salep, Reis- und Eichel-Chocolade, frei von allen fremdartigen Zuthaten“ (Regensburger Wochenblatt 1830, Nr. 7 v. 17. Februar, 95). Der Wettbewerb führte zu langsam sinkenden Preisen, deutlich unter den 54 Kreuzern, die Mayrhofer anfangs forderte. Und es blieb nicht bei Bayern. Die gewiss fragmentarischen Belege dokumentieren eine seit 1830 in Frankfurt a.M. vertriebene „Königl. Preuß. Privilegirte Eichel-Chocolade“, von der Berliner Sanitäts-Chocoladen-Fabrik Wilhelm Pollack hergestellt und empfohlen von Berliner Ärzten (Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung 1835, Nr. 108 v. 18. April, 7). In Wien las man im gleichen Jahr von einer von Ferer und Comp. angebotenen „Gesundheits- und Eichel-Chocolate“ (Wiener Zeitung 1830, Nr. 67 v. 23. März, 390). Und in Prag bot Joseph Wanig 1833 u. a. eine „Feine Wiener Eichel-Choccolade“ an (Prager Zeitung 1833, Nr. 44 v. 17. März, 23).

Eichel-Schokoladen wurden also seit etwa 1830 an verschiedenen Orten produziert und angeboten, doch ihr Vertrieb blieb lokal, bestenfalls regional begrenzt. Das lag auch an den Zollschranken zwischen den deutschen Territorien. Doch am Beispiel der Eichelschokolade zeigt sich, dass der 1829 zwischen Preußen und den süddeutschen Staaten geschlossene Zollverbund und dann der 1834 gegründete Deutsche Zollverein zu neuen, überregionalen Märkten und zum Entstehen leistungsfähigerer Schokoladeproduzenten führten. Seit spätestens 1830 offerierte die Potsdamer Dampf-Chocoladen-Fabrik von J.F. Miethe ihr breites Sortiment von aromatisierten Schokoladen, Kakao und Sanitäts-Chocolade, darunter auch „Süße Eichel-Chocolade“, im Süden Deutschlands (Augsburger Tagblatt 1837, Nr. 366 v. 7. Dezember, 1377). Die politischen Auseinandersetzungen vor Gründung des Deutschen Zollvereins umging Johann Friedrich Miethe (1791-1832) kurz vor seinem Tode durch Gründung einer zweiten Fabrik in Nürnberg mit Heinrich Lorenz Birkner (1792-1864) als Kompagnon (Der Friedens und Kriegs Kurier 1832, Nr. 49 v. 18. Februar, 3-4). Die in den meisten Städten Bayerns und Württembergs präsenten Herren warben, “daß wegen ihrer äusserst sorgsamen, nach den beßten ärztlichen Vorschriften und gründlichen technischen Erfahrungen geschehenen zweckmäßigen Bereitungsart und Beschaffenheit“ ihre Angebote „nach genauer Prüfung den strengsten Anforderungen genügen werden“ (Die Bayer’sche Landbötin 1832, Nr. 103 v. 28. August, 838). In den Anzeigen wurde immer wieder hervorgehoben, dass die Gesundheitsschokoladen „nach den Wünschen der Herren Aerzte“ zusammengestellt seien (Intelligenzblatt der Königlich Bayerischen Stadt Nördlingen 1833, Nr. 24 v. 11. Juni, 4). Stolz verwiesen wurde auf die kraftvolle und stetig arbeitende „Dampf-Chocoladen-Maschine“, die allein es ermögliche, derartige Kunstprodukte herzustellen (Allgemeiner Anzeiger 1832, Nr. 5 v. 18. Februar, insb. Sp. 23). Dabei handelte es sich wohl um eine Fortentwicklung des 1826 von Philippe Suchard (1797-1884) eingeführten Mélangeurs, mit dem Zucker und Kakaopulver enger verschmolzen werden konnten (zum damaligen Stand der Technik s. Die Chokoladefabrikation nach den neuesten Verbesserungen, Nürnberg 1841). Hervorgehoben wurde außerdem die hygienische Verpackung aus „feinem englischen Zinn“, versehen mit der „Etikette der Fabrik“ (Augsburger Tagblatt 1836, Nr. 13 v. 13. Januar, 3). Markenartikel waren diese Produkte aber noch nicht, denn noch dominierten Gattungsbegriffe, also eine sachliche Produktbezeichnung Werbung und Vertrieb (Die Bayerische Landbötin 1840, Nr. 94 v. 6. August, 794). Doch Eichelschokolade wurde von derartigen überregional ausgerichteten Firmen schon in vorportionierten Tafeln angeboten, die dann lediglich mit Wasser aufzukochen und eventuell mit Milch und Zucker zu ergänzen waren. Deutlich wird hier der langsame Übergang von der salzigen, mit Wasser zubereiteten Trinkschokolade hin zum süßen Kakaogetränk.

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Schokolade zwischen Nahrung und Pharmakon. Produktpalette von Jordan & Timaeus 1863 (Leipziger Zeitung 1863, Nr. 136 v. 10. Juni, 2914)

Ein weiterer überregionaler Anbieter von „Chocoladen (nach ärztlicher Vorschrift bereitet)“ war die 1823 gegründete Dresdener Schokoladenfabrik Jordan & Timaeus. Neben Eicheln verarbeiteten die Sachsen auch Isländisches Moos, Gerste, Fleischextrakt, Reis, Mandelmilch, Arrowroot und anderes zu Kochschokolade, die dann im Haushalt lediglich aufgekocht und eventuell mit Milch und Zucker geschmacklich verbessert werden musste (Leipziger Zeitung 1861, Nr. 206 v. 30. August, 4552; ebd. 1863, Nr. 136 v. 10. Juni, 2914). Derartige Waren wurden auch abseits von Sachsen verkauft, so etwa in der Magdeburger Kolonialwarenhandlung von Louis Sintenis (Magdeburger Zeitung 1850, Nr. 25 v. 30. Januar, 8). Für brustschwache und geschwächte Personen empfahlen Jordan & Timaeus in Bayern „Brust-Osmazon-Chocolade mit feinstem Bouillon-Extrakt, Eichel-, Mandelmilch-, Gersten- und Reis-Chocoladen“ (Fürther Tagblatt 1858, Nr. 237 v. 3. Oktober, 6).

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Werbung für Eichelschokolade vor der Gewerbefreiheit (Der Bayerische Volksfreund 1843, Nr. 97 v. 18. Juni, 388)

Eichelschokolade war seit den 1830er Jahren gewiss „hie u. da käuflich“, so der Gießener Pharmakologe Philipp Phoebus (1804-1880) in seinem Handbuch der Arzneiverordnungslehre (Th. 2, Berlin 1836, 218). Sie war Teil des recht stetig steigenden Kakaoimports sowie der Produktion und des Konsums von „Schokolade“. Dabei handelte es sich aber nicht um simple Süßwaren, um Genussartikel zum Pläsier der Kinder und Damen. „Schokolade“ stand damals vielmehr zwischen Nahrungs- und Heilmittel. Eichel-Schokolade war ein Gesundheitsprodukt, verkauft in „Fabrikniederlagen“, in Drogeriewarenhandlungen und Apotheken – und erst seit der Jahrhundertmitte auch in Kolonialwarenhandlungen. Die Wachstumschancen wurden anfangs vor allem von kleineren, lokal ausgerichteten Firmen genutzt. Innovationen halfen die Grenzen der gebundenen Zunft- und Privilegienwirtschaft zu durchbrechen. Die Handelsliberalisierung innerhalb des deutschen Territoriums erlaubte die Etablierung größerer und überregional agierender Firmen. Eichel-Schokoladen wurden, wie schon seit längerem die Kaffeesurrogate, verpackt und gekennzeichnet verkauft. Im damaligen Warenabsatz war das eine Ausnahme, die die Entstehung früher Markenprodukte einfacher machen sollte.

Eichelschokolade war nie ein Massenprodukt. Doch nicht nur die fehlende Quantität begrenzte ihre Wirksamkeit als Heilmittel. Es handelte sich vielmehr um ein Produkt, welches die in es gesetzten Hoffnungen schlicht nicht erreichen konnte. Mochten einzelne Produkte auch Magen-Darm-Probleme eindämmen können, so gab es doch keine klaren Wirkmechanismen, keine präzisen Vorstellungen von den Wirksubstanzen, von ihrer physiologischen Funktion. Der Eichelschokoladenkonsum glich dem Schießen mit einer Schrotflinte. Irgendwie würde das Wild schon verenden. Doch begrenzten Wirkungen zum Trotz, verendeten seit den 1820er Jahren immer mehr Säuglinge. Mitte des Jahrhunderts starben in Preußen mehr als ein Fünftel der Neugeborenen im ersten Lebensjahr, in Bayern gar mehr als jedes dritte Kind. Die Ursachen lagen neben konstitutionellen Mängeln vor allem in Magen-Darm-Erkrankungen, hervorgerufen durch geringe Stillquoten, vergorene Milch, keimbelastete Nahrung, prekäre Wasserversorgung, Armut und eine fahrlässige Einstellung gegenüber dem Leben. Seit den 1860er Jahren wurde dem eine stetig wachsende Zahl von Kindernährmitteln entgegengestellt, viele, aber nicht alle davon waren hilfreich (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, Kap. 3.1). Eine wirksame Arznei hätte das Leben immens vieler retten können. Eichelkakao war ein solches Präparat – nicht aber Eichelkaffee und Eichelschokolade.

Doch bevor wir auf dem scheinbar linearen Weg vom Eichelkaffee mit Kakaozusatz über die Eichelschokolade hin zum Eichelkakao mir nichts, dir nichts weiterschreiten, ist noch zu klären, was sich hinter der Bezeichnung eigentlich verbarg. Der Pharmakologe Hermann Hager (1816-1897) beschrieb Eichelschokolade als „ein Gemisch aus gerösteten Eicheln, Cacao und Zucker“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 512), ähnlich dem 1885 neu auf den Markt gebrachten Eichelkakao. Diese Gleichsetzung erzürnte den eigentlichen Macher dieses Produktes, den Berliner Chemiker Hugo Michaelis (1852-1933): „Eichelschokolade war eine wenig rationell zusammengesetzte Mischung; sie enthielt die gesammte Cellulose der Eicheln, und war daher von vornherein als ein diätetische Präparat, welches event. Kindern mit geschwächten Verdauungsorganen gegeben werden sollte, im Prinzip verfehlt.“ Da die Heilwirkung, ähnlich wie beim Eichelkaffee, gering war, und die Faserstoffe den Magen-Darmtrakt belasteten, fand Eichelschokolade auch keine allgemeine Verwendung in der sich damals langsam institutionalisierenden Kinderheilkunde. „Es war eben widersinnig, Schokolade, welche als Emulsionsgetränk, d. h. in Substanz mit Wasser oder Milch zusammengekocht genossen wird, und geröstete Eicheln, deren wässriger Aufguss doch nur zum Trinken verwendbar ist, zu einem Präparat zusammenzumischen“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 568).

Eichelkakao war Ergebnis einer Abstraktionsleistung. Die Mystik um die Wirkung der Eichel wurde auf ihren Kern reduziert, nämlich die Wirkung ihrer Gerbsäure auf den Verdauungstrakt. Wenn man diese isolieren und mit einem die Obstipation ebenfalls anregenden und schmackhaften Trägerstoff kombinieren könnte, so bedürfte es lediglich noch technischer Hilfsstoffe um ein wirksames Eichelpräparat zu schaffen. Dies gelang einer kleinen Forschergruppe um die beiden erfahrenen Kliniker Oscar Liebreich (1839-1908) und Hermann Senator (1834-1911) sowie zweier jüngerer Forscher, Carl Hasenclever (1855-1934) und den schon genannten Hugo Michaelis. Liebreich regte das Präparat an, Senator erlaubte in seiner Berliner Klinik Tests an Patienten, Hasenclever führte diese durch und Michaelis kümmerte sich um die chemischen und technologischen Probleme bei der Überführung einer an sich simplen Idee in ein in großer Menge zu (re)produzierendes und wirksames Präparat. Es war Michaelis, seit 1878 Inhaber einer Berliner Handelsgesellschaft, der 1883 an die Kölner Schokoladenfirma Stollwerck herantrat, um den Eichelkakao zu produzieren. Stollwerck war mit der Herstellung von Brustbonbons groß geworden, besaß ein breites Angebot an Sanitäts- und Gesundheitsschokoladen, baute zudem das Angebot von Konsumschokolade und Zuckerwaren aus. Mit mehr als 500 Beschäftigten war sie ein Großbetrieb, auch wenn ein chemisches Laboratorium erst 1884 im Zusammenhang mit der Entwicklung des Eichelkakaos gegründet wurde ([Bruno] Kuske, Ausführliche Firmengeschichte mit Archiv-Ergänzungen von Direktor G. Laute 1941-1944, 192). Der Wirtschaftshistoriker Bruno Kuske (1876-1964) versuchte in seiner während des Nationalsozialismus entstandenen Firmengeschichte die Bedeutung der externen Experten klein zu halten. Schließlich hatte die Kölner Firma 1868, also sehr spät, die Produktion von mit Eichelkaffee vermischter Schokolade aufgenommen. Kuskes Aussage, dass „die pharmazeutischen Zusammenhänge der Eichel längst bekannt“ (Kuske, 65) waren, als Michaelis mit seinem Präparat auf den Plan trat, sind aber wohl eher dem Umstand geschuldet, dass der vom Sozialdemokraten zum nationalsozialistischen Propagandisten und Germanenforscher mutierte Schreiber die Verdienste der jüdischen Initiatoren für das weitere Wachstum des späteren Kölner NS-Musterbetriebes gering halten wollte. Es war dagegen Michaelis, der Stollwerck veranlasste, „mein Präparat genau nach den von mir publicirten Angaben im Grossen darzustellen“ und der dafür Sorge trug, „dass die Gleichmässigkeit des Präparates ein für alle Mal gesichert blieb“ (Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 328).

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Hilfe gegen den Massentod: Werbung für Dr. Michaelis’ Eichel-Cacao 1885 (Pharmaceutische Centralhalle 26, 1885, 5. S. n. 536)

Das neue Präparat, dass ab 1885 unter dem Markennamen „Dr. Michaelis’ Eichelkakao“ von Stollwerck vertrieben wurde, bestand „im Wesentlichen aus einem Cacaopulver von relativ geringem Fettgehalt, den wasserlöslichen Bestandtheilen gerösteter Eicheln, und einem geringen Zusatz von Zucker und geröstetem Mehl“ (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 26, 1885, 484). Der Eichelextrakt enthielt die für die Wirkung entscheidende Gerbsäure, der entölte Puderkakao wirkte leicht stopfend, sorgte für eine angenehme Textur und milderte, zusammen mit dem Staubzucker, den bitteren Geschmack des Präparates. Für die Konsistenz entscheidend war allerdings der Zusatz des dextrinierten Weizenmehles. Es war nicht nur leicht zu resorbieren, sondern diente der Stabilität der Emulsion. Das „Nähr- und Heilmittel bei der Behandlung chronischer Durchfälle, insbesondere bei Kindern“ wies knapp 2% Gerbstoff, 25% Zucker, über 23% Stärke, mehr als 14% Fett und lediglich 1,9% Cellulose auf (Pharmaceutische Rundschau 3, 1885, 281). Der beträchtliche technische Aufwand für die Produktion von Dr. Michaelis’ Eichelkakao zeigt sich deutlich an den erforderlichen Maschinen und Geräten. 1903 listete sie der damalige Laboratoriumsleiter Peter Welmans minutiös auf: „1. ein Eichelröster besonderer Konstruktion; 2. ein Mehlröster; 3. eine Eichelmühle; 4. eine Mehlsiebvorrichtung für geröstetes Mehl; 5. ein Eichelkochkessel von 1800 l Inhalt; 6. eine Filterpresse mit Dampfheizung und Luftdruckvorrichtung, 20 Kammern enthaltend; 7. ein Vakuum zum Eindampfen der Extraktbrühen, ca. 1000 l Inhalt; 8. eine Mischmaschine mit heizbaren Läufern; 9. eine Kakaosiebmaschine, um das fertige Produkt in staubfeinem Zustande zu erhalten“ (Pharmaceutische Zeitung 48, 1903, 278). So klang Spitzentechnologie anno 1885.

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Produkteinführung mit Kakao- und Eichenlaub (Breslauer Aerztliche Zeitschrift 7, 1885, 276)

Das Präparat wurde vor der Markteinführung von Februar bis Juni 1884 an 97 Kindern und fünf Erwachsenen in der Poliklinik des Berliner Augusta-Hospitals getestet. Die mit akuten Brechdurchfällen eingelieferten Patienten erhielten anfangs dreimal täglich Eichelkakao, nach Besserung wurde die Dosis dann verringert (C[arl] Hasenclever und  H[ugo] Michaelis, Ueber die Behandlung chronischer Durchfälle mit Eichelcacao, besonders im Kindesalter, Deutsche Medizinische Wochenschrift 11, 1885, 686-687). Sechs Erkrankte verstarben; lediglich aus Sicht der damaligen Zeit, immer noch überraschend viele aus heutiger Sicht, abgesichert durch hygienisch-pharmazeutische Puffersysteme.

Blickweitung ist daher erforderlich: Insgesamt starben im Deutschen Reich von 1877 bis 1882 120.650 Personen an Darmkatarrh und Brechdurchfall, die meisten davon Kleinkinder (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 1, 1886, 62-63). Dieser „Würgeengel der Kleinen“ wurde vielfach als Schicksal verstanden, als „Kindercholera“ den Infektionskrankheiten zugerechnet, als „Sommerdiarrhoe“ naturalisiert (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 1, 1886, 27). Die Kinder starben meist im Haushalt, noch nach der Jahrhundertwende wurde nicht einmal ein Drittel der im ersten Monat gestorbenen Säuglinge von einem Arzt behandelt (HdStw, 4. Aufl., Bd. 7, Jena 1926, 159). Die damalige Medizin hatte jedoch ohnehin keine präzise Erklärung derartiger intestinaler Krankheiten. Erbrechen bzw. dünner Stuhl waren augenscheinlich, nicht aber, ob es sich im Einzelfall um Reaktionen auf die Nahrung, Erkrankungen des Darms oder aber des Gesamtorganismus handelte. Die meist häusliche Therapie bestand im Stopp der Nahrungszufuhr, also einer Art Entgiftung, dann aber in primär diätetischen Maßnahmen, also dem Auffüttern mit einer speziellen Krankenkost. Eichelkakao stand zwischen beiden Schritten: Es unterband den Abfluss weiterer Nahrung, diente zugleich aber der Grundversorgung des Patienten. Diese Brückenfunktion hatte ihre Schwächen. Ohne eine umfassende Untersuchung, ohne angemessene Behandlung und ohne eine andere Ernährung konnten Brechdurchfälle rasch wieder auftreten, konnte vor allem die Ursache der Durchfälle nicht wirklich bestimmt werden. Eichelkakao erlaubte Zeitgewinn, war zugleich aber nur ein Teil des umfassenderen Therapie- und Heilungsprozesses. Die nur sehr langsam sinkende Kindersterblichkeit unterstreicht, dass die durchaus breit gefächerten Maßnahmen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht ausreichend waren. Bis kurz nach der Jahrhundertwende stieg die Mortalität aufgrund von Darmkatarrhen und Brechdurchfällen sogar noch an (Darmkrankheiten und Brechdurchfall als unmittelbare Ursachen der Säuglingssterblichkeit, in: Katalog der Ausstellung für Säuglingspflege, Berlin 1906, 99-104). Entsprechend schwierig ist es, die unmittelbaren Wirkungen des Eichelkakaos zu quantifizieren. Aus meiner Sicht dürfte das neue, rasch wirkende Präparat in den nächsten Dekaden wohl Zehntausenden das Überleben ermöglicht haben; doch mangels detaillierter Daten und einer klaren Ätiologie ist dies nur eine allgemeine Schätzung. In der klinischen und ärztlichen Praxis war Eichelkakao jedenfalls ein sofortiger Erfolg. Es verdrängte dort peu a peu bisher angewandte Hausmitteln, etwa Heidelbeeren oder aber gewöhnliche Schokolade. Die breite, nicht auf Fachzeitschriften beschränkte Werbung plädierte für eine präventive Anwendung auch im Haushalt, suggerierte also eine einfache Behandlung ohne Arzt. Angesichts fehlender Absatzdaten ist die Reichweite jedoch nur indirekt abzuschätzen, nicht aber präzise zu fassen.

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Werbung für ein Plagiat des Stollwerckschen Eichelkakaos 1887 (Berliner Tageblatt 1887, Nr. 464 v. 14. September, 7)

Ein wichtiges Argument für die Breitenwirkung des neuen Präparates ist die beträchtliche Resonanz bei den Wettbewerbern um den neu entstandenen Nischenmarkt. Die erfolgreiche Einführung des Eichelkakaos weckte natürlich Begehrlichkeiten. Dem bestehenden Patentschutz zum Trotz zeigten sich rasch die Probleme einer Wettbewerbsgesellschaft ohne Wettbewerbsordnung. Das 1874 erlassene Gesetz über Markenschutz stellte nur Bildmarken unter Schutz, nicht aber Wortmarken und die nähere Ausstattung eines Produktes. Unlauterer Wettbewerb stand ebenfalls noch nicht unter Strafe. Wer aber geglaubt hatte, dass die viel beschworene Kaufmannsehre unfaire Handlungen im Zaum halten würde, wurde auch im Falle des Eichelkakaos rasch enttäuscht. 1887 bot etwa die Berliner Kronen-Apotheke von Siegfried Radlauer (1850-1912) einen Eichelkakao an, nur echt mit dem Namenszug des Dr. Michaelis. Hugo Michaelis war darüber erstaunt, denn von ihm stammte dieses Produkt nicht. Des Rätsels Lösung war einfach. Der geschäftstüchtige Pharmazeut hatte Herrn Dr. Michaelis aus Waldenburg gewonnen, den von ihm hergestellten Eichelkakao mit seinem Namen zu zieren. Hugo Michaelis war entrüstet: „Die Absicht, die hier vorliegt, kann wohl kaum zweifelhaft sein; die Käufer, die Dr. Michaelis’ Eichelcacao verlangen, sollen durch diesen Namenszug in den Glauben versetzt werden, es handelte sich um das Stollwerck’sche Präparat. […] Kritik über eine solche Handlungsweise hier zu üben erscheint mir überflüssig; sie ergiebt sich für Jeden von selbst (Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 328). Radlauer ließ sich von derartig moralischer Kritik anfangs nicht beirren, doch ging er nach einigen Monaten zumindest dazu über, sein nicht näher analysiertes Präparat lediglich unter eigenem Namen zu vertreiben (Berliner Tageblatt 1887, Nr. 540 v. 25. Oktober, 8). Auch der durch den „Anker-Pain-Expeller“ (Fliegende Blätter 88, 1888, Nr. 2226, 7) und noch mehr durch seine Anker-Baukästen bekannt gewordene Friedrich Adolf Richter (1846-1910) aus dem thüringischen Rudolstadt koppelte den Namen seines rasch auf den Markt geworfenen Eichelkakaos wahrheitswidrig mit dem des Ideengebers Oscar Liebreich (Leipziger Tageblatt 1885, Nr. 358 v. 24. Dezember, 7233). Der verneinte in einem Protestschreiben jeglichen Kontakt mit dem Anbieter. Entsprechende Behauptungen seien irreführend, könnten das Renommee des Stollwerckschen Präparates unterminieren, würden minderwertiger Ware den Weg bahnen. Gerade bei einem Heilmittel müsse Verlass auf eine standardisierte Herstellung und hochwertige Rohwaren sein (Deutsche Medizinische Wochenschrift 11, 1885, 855).

Eichelkakao war schon kurz nach der Markteinführung des Stollwerkschen Präparates weit verbreitet, so das Ergebnis einer ersten umfassenden Untersuchung durch den Berner Pharmakologen Alexander Tschirch (1856-1939) aus dem Jahre 1887. Das Richtersche Präparat erschien ihm ungeeignet für den klinischen Einsatz, andere enthielten Kakaoschalen, Kartoffelstärke oder kaum dextriniertes Weizenmehl. Wichtiger als die so bewirkte Marktbereinigung war, dass damals ein Standard für Eichelkakao etabliert wurde, der sich eng an das Pionierprodukt von Hugo Michaelis anlehnte (Jahresbericht über die Fortschritte der Pharmakognosie, Pharmacie und Toxikologie 21, 1886, 381-382). Damit wurden Bewertungsmaßstäbe für die Arbeit der noch wenigen Nahrungsmitteluntersuchungsämter, insbesondere aber pharmazeutischer Institute geschaffen, mit deren Hilfe in den Folgejahren geringwertige Ware erfolgreich vom Markt verdrängt werden konnte (Technisches-Chemisches Jahrbuch 10, 1889, 413). Eichelkakao blieb eine Ware im Grenzgebiet zwischen Nahrungs- und Arzneimittel. Sie wurde vornehmlich von Apotheken und Drogerien verkauft, konnte jedoch auch im Kolonialwarenhandel erworben werden. Sie war im freien Verkehr erhältlich, ihr Verkauf war rechtlich nicht beschränkt (H[ugo] Böttger, Die reichsgesetzlichen Bestimmungen über den Verkehr mit Arzneimitteln, 3. verm. Aufl., Berlin 1895, 29). Auch wenn die hier genutzten Quellen eine klare medizinisch-pharmazeutische Schlagseite aufweisen, so war das Haupteinsatzgebiet von Eichelkakao doch das Haus.

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Wettbewerb der Eichelkakaomarken: Anzeige von Hartwig & Vogel 1887 (Der Bazar 33, 1887, 251)

Entsprechend begannen die führenden Schokoladenproduzenten nach 1885 rasch mit der Produktion eigener Eichelkakaoangebote. Die 1870 gegründete Dresdener Kakao- und Süßwarenfabrik Hartwig & Vogel, seinerzeit der zweitgrößte Schokoladenproduzent im Deutschen Reich, warb einprägsam mit einer Eichel für ihr neues Produkt. Mit dem Dresdener Pharmazeuten Otto Schweißinger (1856-1920), später Mitglied im Reichsgesundheitsrat, hatte man einen prominenten Wissenschaftler als werbeträchtigen Qualitätsgaranten für das neue Heilsprodukt gewonnen. In der Folgezeit wurde die Reklame zwar verändert, das Produkt aber weiterhin, und offenbar mit Erfolg, angeboten (Über Berg und Tal 16, 1893, 415; Führer durch die sächsisch-thüringische Export-Industrie, Dresden 1897, 288-289). Auch die Schokoladen- und Kakaofabrik Ferdinand Lobeck produzierte in Dresden-Löbtau Eichelkakao (Kursbuch für Sachsen, das übrige Mitteldeutschland, Böhmen, hg. v. Robert Fritzsche, s.l. 1896, IV). Erwähnenswert ist zudem der von der Züricher Firma Sprüngli entwickelte C.B. Bernhard’s entölter Eichel-Cacao, der auch als Exportgut erfolgreich war (Schweizerische Blätter für Gesundheitspflege NF 5, 1890, 14).

Eichelkakao blieb dabei nicht auf die Schokoladenindustrie begrenzt. Auch die Kindernährmittelindustrie entdeckte das Präparat: Die seit 1848 bestehende Fabrik diätetischer Präparate Theodor Timpe aus Magdeburg hatte mit „Timpe’s Kraftgries“ schon in den frühen 1860er Jahren ein leicht stopfend wirkendes und gut resorbierbares Nährmittel auf den Markt gebracht. 1888 präsentierte der innovationsstarke Unternehmer einen Eichelkakao, der von Hermann Hager untersucht und mit Lob bedacht wurde: Guter Geschmack, hochwertige Rohware, keine Probleme bei der Verdauung und effektive Wirkung. “Es wäre ein Fortschritt in der Ernährung der kleinen Kinder und diesen zum Vortheil, wenn der Eichelcacao den arabischen Kaffee verdrängte“ (Pharmaceutische Zeitung 33, 1888, 512). Derartige Verdrängungsphantasien waren natürlich gegenstandslos, doch der Magdeburger Tüftler bewarb sein Präparat offensiv mit Anzeigen und einer Broschüre (Die Ersatz-Mittel des Cacao. Eichel-Cacao als Nahrung bei Durchfall, schlaffer Function der Verdauungs-Organe etc., Magdeburg 1889). Als Kindernährmittel wurde es als reines, also milchfreies Produkt beworben. In der Kinderheilkunde führte dies dazu, die physiologischen Wirkungen der Säuglingsnahrung stärker in den Blick zu nehmen. Kufekes Kindermehl und dann Soxhlets Nährzucker wurden auch deshalb zu starken Marken ([Georg] Fendler, Kindermehle, in: Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 7, Berlin/Wien 1906, 440-446, hier 442).

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Anzeige für Timpes Eichelkakao 1897 (Wochenblatt für Zschopau und Umgegend 1897, Nr. 84 v. 21. Juli, 584)

Doch nicht allein Spezialanbieter bedienten das neue Marktsegment. Auch die zunehmend wichtiger werdende Zuliefererindustrie bot veränderte Einzelkomponenten für die Produktion und auch Komplettpräparate an. Die 1869 gegründete Chemische Fabrik Helfenberg, später mit dem Präparat Regulin einer der Marktführer im Felde der Abführmittel, erweiterte beispielsweise 1888 ihre breite Palette pharmazeutischer Angebote um einen Malzeichelextrakt. Den Chemikern war es zuvor gelungen, durch Zusatz von Malz das Stärkemehl der Eichel in Malzzucker umzuwandeln (Pharmaceutische Rundschau 6, 1888, 117). Dieses konnte dem Gerbsäureextrakt zugefügt werden, so dass die Zumengung von Zucker bei der Produktion von Eichelkakao begrenzt werden konnte. Derartige Zwischenprodukte erleichterten auch den Markteintritt zumal kleinerer Anbieter, bis hin zu lokalen Apotheken.

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Lokale Angebote von Eichel-Kakao, Hamburg 1892 (Hamburger Nachrichten 1892, Nr. 214 v. 8. September, 10)

Trotz der großen Zahl potenter Konkurrenten dürfte es dem Stollwerckschen „Dr. Michaelis’ Eichelcacao“ gelungen sein, seine Marktführerschaft zu behaupten und Pioniererträge zu erzielen. Den frühen chemischen Analysen diente er als Referenzprodukt, größere klinische Tests anderer Präparate hat es wohl nicht gegeben (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 27, 1886, 497; Therapeutische Monatshefte 1, 1887, 117). Der Eichelkakao verdrängte Eichelkaffee vollständig aus der ärztlichen Praxis (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreich Sachen 62, 1897, 184). Auch in der häuslichen Gesundheitspflege dürfte letzterer kaum mehr verwandt worden sein, nicht zuletzt aufgrund der für den zarten kindlichen Organismus potenziell schädlichen Ballaststoffe (Der praktische Arzt 30, 1889, 71). Eichelkakao half deutschen Kolonialbeamten und Soldaten in den Tropen (B[otho] Scheube, Die Krankheiten der warmen Länder, Jena 1896, 352) und fand sich rasch als Standardgabe in den Lehrbüchern der Kinderheilkunde und der allgemeinen Medizin wieder (Ph[ilipp] Biedert, Die Kinderernährung im Säuglingsalter und die Pflege von Mutter und Kind, 3. ganz neu bearb. Aufl. Stuttgart 1897, 234; Franz Penzoldt, Handbuch der Speciellen Therapie der Erkrankungen der Verdauungsorgane, Jena 1896, 257; Carl Wegele, Die diätetische Küche für Magen- und Darmkranke, Jena 1900, 14). Um die Jahrhundertwende befand er sich unter den „altbekannten Hausmitteln“ (Korrespondenzblatt der ärztlichen Kreis- und Bezirksvereine im Königreiche Sachen 1900, 181) und wurde in Tageszeitungen und Zeitschriften als wichtiges Hilfsmittel der Hausapotheke propagiert. Obwohl Heilmittel, war Eichelkakao nicht apothekenpflichtig, war vielmehr explizit aus den im Arzneimittelgesetz von 1901 aufgeführten Präparaten ausgeschlossen. Stollwerck produzierte ihn nicht mehr nur in Köln, sondern auch in Preßburg und in New York. „Michaelis’ acorn cocoa“ konnte sich auch international etablieren.

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Rationale Werbung für Eichelkakao 1900 (Berliner Tageblatt 1900, Nr. 465 v. 13. September, 7)

All dies war auch auf die stete Werbung von Stollwerck zurückzuführen. Sie war sachlich gehalten, verwies auf die bestehenden gesundheitlichen Risiken, offerierte Eichelkakao als käuflichen Ausdruck der Sorge für Kinder und Kranke. Das schmucke Äußere – Eichelkakao wurde in einer Blechbüchse angeboten, das darin befindliche Pulver befand sich in einem schützenden Pergamentbeutel (Archiv für Hygiene 30, 1897, 137) – unterstützte die Attraktivität der Ware. Stollwerck bediente aber auch virtuos den kleineren Werbemarkt für Multiplikatoren, also Ärzte, Apotheker und Drogisten. Die Werbebroschüre „Dr. Michaelis’ Eichelkakao, seine Anwendung als Antidiarrhoikum, Tonikum und als tägliches Getränk“ wurde kostenlos an alle Interessierten versandt (Pharmaceutische Zeitung 48, 1903, 278). Probepackungen banden und gewannen Kunden. Stollwerck hielt zudem an der ursprünglichen Zusammensetzung des Präparates fest, präsentierte es daher glaubhaft als bewährtes Heilmittel. Dass hierbei immer wieder auf die umfassende Kontrolle verwiesen wurde, versteht sich bei dem wissenschaftsgläubigen Publikum der Jahrhundertwende fast von selbst.

Im Hintergrund aber veränderte sich der Heilmittelmarkt rasch. Die pharmazeutische Industrie wies seit dem späten 19. Jahrhundert hohe Wachstumsraten auf, und eine wachsende Zahl neuer Arzneimittel veränderte nicht nur Märkte, sondern auch den Alltag. Schmerzmittel, Hormonpräparate, Anregungs- und Beruhigungsmittel entstanden in großer Zahl. Ihr praktischer Wert wurde vielfach im Alltag ausgetestet, sei es bei gesundheitsgefährdenden Diäten, Überdosierungen oder der rasch abhängig machenden Nutzung von anfangs frei verkäuflichen Pharmazeutika wie Heroin, Morphium oder Veronal. Auch Eichelkakao wurde von diesen Entwicklungen berührt. Die aus Rohwaren extrahierten Wirkstoffe wurden zwar nicht durch synthetisierte Zumengungen ersetzt, doch in pharmazeutischen Fachzeitschriften tauschte man optimierte, also gewiss billigere und eventuell wirksamere Fabrikationsrezepte aus. Einzelkomponenten wurden substituiert, etwa Weizenmehl durch das preiswertere Arrowroot. Eichelkakao konnte demnach aber auch aus der Verarbeitung von Eichelkaffee mit Wasser, Spiritus, Zucker und entöltem Kaffee resultieren (Pharmazeutische Zeitung 48, 1903, 249). Süßes wurde Trumpf seitdem die Brüsseler Zuckerkonvention 1902 niedrige Preise sicherstellt hatte: „Jeder kann natürlich so viel Zucker dem fertigen Getränk zufügen, als er Lust hat“ (Pharmazeutische Zeitung 48, 1903, 212). Die bestehenden, rechtlich nicht verbindlichen Produktionsstandards erlaubten immerhin Variationen ([Albert] Stutzer, Eichelkakao, in: Real-Enzyklopädie der gesamten Pharmazie, Bd. 4, 2. gänzl. umgearb. Aufl., Berlin/Wien 1905, 509; Technische Rundschau 13, 1907, 121). Wer sich über derartige Praktiken jedoch wundert, hat weder die moderne Lebensmittel-, noch die Arzneimittelproduktion verstanden. Sprache dient in Konsumgütermärkten nicht nur der eindeutigen Bezeichnung von Angeboten, sondern immer auch der Schaffung semantischer Illusionen. Sie wissen doch, dass Begriffe wie Natur, Gesundheit oder Qualität inhaltsleer sind. Oder etwa nicht?

Während das Produkt variabler gedacht wurde, führten die zahlreichen Fehlreichungen von Pharmazeutika aber auch zu Gegenbewegungen. Die Nebenwirkungen des Eichelkakaos gerieten genauer in den Blick, zumal, nachdem um die Jahrhundertwende die Kindersterblichkeit aufgrund besserer Daseinsfürsorge, reichhaltigerer Nahrung, erhöhter Stillraten, umfassender Milchkontrolle und auch des Eichelkakaos langsam zu sinken begann. Der führende Berliner Pädiater Otto Heubner (1843-1926) verwies darauf, dass eine Eichelkakaokur kalorisch als Unterernährung anzusehen sei, sie also ergänzende Beikost erfordere (Lehrbuch der Kinderheilkunde, Bd. I, 3. umgearb. Aufl., Leipzig 1911, 210). Kliniker thematisierten die gesundheitlichen Probleme der an sich erwünschten Verstopfung. Eichelkakao sei zwar weiterhin hilfreich, aber „nicht so harmlos wie man von gewissen Seiten glaubt“ (Berliner klinische Wochenschrift 43, 1906, 420).

Stollwerck reagierte darauf einerseits mit kontinuierlicher Werbung in führenden Tageszeitungen. Bereits 1905/06 hatte das Qualitätsprodukt Eichelkakao auch der werblichen Bekämpfung des raschen Aufstiegs der Wandsbecker Kakao-Kompagnie Theodor Reichardt zum deutschen Marktführer gedient. Entöltem „Volkskakao“ wurden qualitativ höherwertige und teurere Qualitätsprodukte entgegengestellt. Zwischen 1912 und 1914 waren Anzeigen für Dr. Michaelis’ Eichelkakao Dauergast in den Berliner Zeitungen. Parallel intensivierte man die seinerzeit übliche redaktionelle Werbung, die auch in medizinischen Fachzeitschriften breiten Raum einnahm (Wiener Medizinischen Wochenschrift 58, 1908, Sp. 1951).

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Vorbeugen mit Eichelkakao – Werbemotiv 1912 (Vorwärts 1912, Nr. 161 v. 13. Juli, 6)

Anderseits aber begann man mit der Entwicklung neuartiger Heilmittel – abermals in Kooperation mit Hugo Michaelis. Er war in der Zwischenzeit vielfach aktiv gewesen. In den späten 1890er Jahren gelang ihm beispielsweise die bei der Margarineproduktion lange Zeit übliche Milch durch ein billigeres Ersatzprodukt, nämlich Mandelmilch, zu ersetzen (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 40, 1899, 171). Dies reduzierte die Produktionskosten erheblich, rein rechnerisch um ca. 10 %. Stollwerck vermarktete unter seinem Namen eine Kindernahrung (Katalog der Ausstellung für Säuglingspflege, Berlin 1906, 283). 1906 gründete Michaelis gemeinsam mit dem Chemiker Isidor Traube (1860-1943) ein Unternehmen zur Verwertung eines von beiden entwickelten Kunstleders. Glaubt man Bruno Kuske, so hat Michaelis zudem schon vor dem Ersten Weltkrieg „Nurso“ entwickelt, ein Eichelkakaosubstitut aus Kakao, Milch- und Malzextrakt (Kuske, Firmengeschichte, 69). Hierfür, und auch für Dr. Michaelis Kindernahrung, habe ich jedoch keine weiteren Belege finden können.

Gut belegt ist demgegenüber das 1911 eingeführte „Chocolin“, ein abführendes Kakaopräparat, dessen Komposition an die des Eichelkakaos erinnert. Kakao wurde mit Manna vermengt, dem leicht abführenden süßen Saft der Mannaesche. Als eigentlichen Wirkstoff nutzte Michaelis aber das seit 1871 bekannte Phenolphtalein. Dieses bewirkte binnen zehn bis zwölf Stunden das Ende der Verstopfung und Stuhlgang ohne größere Schmerzen (Therapeutische Monatshefte 26, 1912, 194). Trotz der damals schon großen Zahl offensiv beworbener Abführmittel wurde das neue Präparat von Klinikern allgemein begrüßt. Erstens war die Zubereitung einfach, denn das Pulver konnte einfach in heiße Milch oder heißes Wasser eingerührt werden (Therapie der Gegenwart 52, 1911, 576). Zweitens schmeckte das Getränk der Hauptzielgruppe, also Kindern und Frauen. Drittens aber erlaubte es Konsum „in der diskreten Form einer Tasse Schokolade“ (Deutsche Medizinische Wochenschrift 37, 1911, 2428), ohne die strenge Aura der medizinischen Laxantien. Der Internist Carl Anton Ewald (1845-1915) begrüßte Stollwercks Chocolin, weil es „seine Eigenschaft als Medikament nicht an der Stirn trägt“ (Zentralblatt für die gesamte Therapie 30, 1912, 2). Die Regelung der Abfuhr ging also harmonisch mit der Hebung der Ernährung einher. Positiv hervorgehoben wurde auch, dass der regelmäßige Konsum nicht zu körperlicher Abhängigkeit führen würde (Wiener Medizinische Wochenschrift 62, 1912, Sp. 3398). Die potenziell kanzerogenen Wirkungen des Wirkstoffs Phenolphtalein kannte man damals noch nicht.

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Chocolin, ein Abführmittel von Dr. Michaelis (Therapeutische Monatshefte 31, 1917, H. 2, IX)

Chocolin deutete schon den Übergang des Eichelkakaos zum Medikament an. Der Erste Weltkrieg aber beschleunigte ihn. Mit etwa 0,8 Kilogramm Prokopfkonsum (errechnet aus den Importdaten) gehörte Deutschland 1913/14 zu den führenden Verbrauchern weltweit. Doch die alliierte Blockade unterbrach die Zufuhren. 1916 waren die Reserven aufgebraucht, 1917 gab es nur noch letzte Reste (Konsumgenossenschaftliche Praxis 12, 1923, 240). Während sich Hugo Michaelis darum bemühte, die Linde als Fettlieferant nutzbar zu machen (Berichte der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft 26, 1916, 185-192), wurde die Produktion von Chocolin und auch seines Eichelkakaos reduziert und 1917 eingestellt. Explizit hieß es: „Kakao und Präparate, auch Eichelkakao, sollten nur noch, wo als Heilmittel unbedingt erforderlich, und nur in kleinsten Mengen (100 g) verordnet werden“ (Deutsche Medizinische Wochenschrift 43, 1917, 209). Dies war um so einschneidender, da die Umstellung auf eine vornehmlich pflanzliche und weniger kompakte Nahrung massive Verdauungsprobleme hervorrief und auch Infektionskrankheiten häufiger Durchfälle hervorriefen. Morbiditäts- und Mortalitätsraten stiegen teils dramatisch an, die Rekonvaleszenzzeiten ebenso. Der Mediziner Alfred Lewandowski (1864-1931), ein guter Bekannter von Hugo Michaelis, fasste es pointiert: „Man darf ohne Uebertreibung sagen, dass von dem Krankenpublikum kaum ein Präparat so schmerzlich vermisst wurde wie Dr. Michaelis’ Eichelkakao“ (Berliner klinische Wochenschrift 55, 1918, 1003).

All das mündete in die Schaffung eines neuen Medikaments. Michaelis substituierte 1918 den fehlenden Kakao durch präparierte Kohlehydrate, fügte zudem synthetisches Vanillin als Aromastoff hinzu (Pharmaceutische Post 52, 1919, Nr. 37 v. 7. Mai, 289): Stopfend wirkender Ersatzeichelkakao aus rein deutscher Produktion. „Nurso“ war ein Medikament ohne größeren Nährwert, nicht bitter, aber auch nicht wirklich angenehm schmeckend. Doch das Medikament wirkte dank des aus Eicheln gewonnenen Gerbsäureextraktes. Die 1918 durchgeführten Versuche an Patienten ergaben „die gleichen günstigen Wirkungen auf den Verlauf der verschiedenartigen Darmerkrankungen, auf die Regelung der Darmtätigkeit, und damit auf die gesamte Vitalität und Arbeitsfähigkeit“ (Berliner klinische Wochenschrift 55, 1918, 1004). Nurso war ein in Wasser aufzukochendes Pulver, das durch Zucker- und Milchzusatz geschmacklich noch verbessert werden konnte. Es wurde mindestens bis zum Ende des Jahrzehnts der Ernährungskrise von Stollwerck vertrieben, bald wieder ergänzt durch „Dr. Michaelis’ Eichelkakao“, dessen Produktion nach Import ausreichender Kakaomengen wieder aufgenommen wurde.

Trotzdem nahm die Zahl der Nennungen von Eichelkakao in den 1920er Jahren deutlich ab. Er wurde zunehmend von Medikamenten auf anderer Wirkstoffbasis abgelöst, seien es Wismut- oder Pektinpräparate, seien es Pepsin-Salzsäure- oder Tanninapplikationen, letztere nicht mehr aus Eicheln extrahiert (vgl. Deutsche Medizinische Wochenschrift 60, 1934, 434-437; ebd., 65, 1939, 97-99). Eichelkakao wurde aber weiterhin angeboten, verschrieben und verkauft. Die Beurteilungsgrundlagen der Nahrungsmitteluntersuchungsämter der Nachkriegsjahre hatten sich nur moderat verändert (J[oseph] König, Chemie der Nahrungs- und Genußmittel sowie der Gebrauchsgegenstände, Bd. 2, 5. umgearb. Aufl., Berlin 1920, 566-567; Lexikon der Ernährungskunde, Wien 1926, 194), knüpften an die Vorkriegszeit an. Die pharmazeutischen Fachzeitschriften machten jedoch deutlich, dass die Produktionstechnik der frühen 1880er Jahre nicht mehr zeitgemäß war. Demnach wurde dem „Eichelkakao“ nicht nur Gerbsäureextrakt hinzugefügt, sondern auch gepulverter Eichelkaffee, Eichelmalzextrakt und zunehmend Eichelkaffeeextrakt (Pharmazeutische Post 57, 1924, 371). Stollwerck hielt dennoch an seinem Präparat fest, ergänzte es 1932 gar um eine diätetische Variante mit Zusatz von Saccharin.

Man könnte diese kurzen Ausführungen schließen mit Hinweisen auf den Zweiten Weltkrieg, als die neuerlichen Versorgungsprobleme dazu führten, gegen Durchfälle der Kinder neuerlich Eichelkaffee zu empfehlen – so, wie ehedem die Eichelenthusiasten der Aufklärungszeit. Doch ein anderer Hinweis unterstreicht die Brüche und Paradoxien deutscher Geschichte vielleicht deutlicher. Hugo Michaelis, dessen Präparat Zehntausenden das Überleben ermöglicht hatte, starb am 8. November 1933 in Berlin. Gefunden habe ich darüber nur einen Zweizeiler im Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt: „82jährig verstarb Dr. Hugo Michaelis, der sich große Verdienste um die Nahrungsmittelchemie, Bakteriologie und Hygiene erworben hat“ (12, 1933/34, 149). Die vielbeschworene Treue der Deutschen war demgegenüber bröselig wie wurmstichige Eicheln.

Uwe Spiekermann, 25. März 2019

PS Die wenigen Informationen zum Leben von Hugo Michaelis haben mich veranlasst, ergänzende Recherchen in Berlin durchzuführen. Dank der kompetenten Hilfe der Verwaltung des Jüdischen Friedhofs Weissensee konnte ich sein Grab ausfindig machen.

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Jüdischer Friedhof Weissensee, Feld U1, 3. Reihe

Es liegt in dem schmucklosen Urnenfeld U1 unter der Nummer 88441. Während nach der orthodoxen Interpretation der Halacha Feuerbestattung verboten war, wurden im liberalen Berliner Judentum Ausnahmen geduldet. Hugo Michaelis teilt die Grabfläche mit seiner sieben Jahre zuvor verstorbenen Gattin Harriet Michaelis (1862-1926).

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Die Grabplatte von Hugo Michaelis und seiner Gattin Harriet Michaelis

Uwe Spiekermann, 17. April 2019