Alles Essig? Das Saure zwischen natürlich und künstlich

Die Tochter des Oekonomen Haugg aus Wollbach bei Augsburg wurde nur sechs Jahre alt. Ihre Mutter hatte einen Salat mit Essigessenz angemacht und die Flasche offen stehen lassen. Das Kind nahm einen kräftigen Schluck und verstarb 1907 unter grässlichen Schmerzen. In Plauen reichte ein Gastwirt einem Kollegen 1905 statt des gewünschten Kognaks ein Glas Essigessenz. Die schweren Verätzungen führten nach mehr als fünf Wochen Ringen zum Tod. Der Richterspruch lautete auf zwei Monate Gefängnis durch fahrlässige Tötung. Auch die hochbetagte Besitzerin des Gasthofes zum Grünen Baum im bayerischen Schöllkrippen griff 1900 zur falschen Flasche, trank statt des üblichen Zwetschgenbranntweins ein Gläschen Essigessenz. Ihr Tod war qualvoll. Neben Verwechselungen trat auch Absicht. Essigessenz gewann das zweifelhafte Prädikat eines Schierlingtranks für Liebende. Derartige Selbstmorde waren doppelt grausig.

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Warnende Nachrichten (Sächsische Volkszeitung 1903, Nr. 196 v. 29. August, 3)

Kleine Nachrichten wie diese finden sich immer wieder in den Tageszeitungen der Jahrhundertwende. Die erzieherische Botschaft war klar: Hüte Deine Kinder wie Dich selbst – und übe Sorgfalt mit dem Sauren. Eingewoben war jedoch auch eine schlichte Information: Essigessenz war ein Alltagsprodukt geworden, war seit den 1890er Jahren Bestandteil der allgemeinen Küchenpraxis; und das trotz offenkundiger Gesundheitsgefährdungen.

Was aber war Essigessenz? Unsere heutige Warenwelt ist durch die Verordnung über Essig und Essigessenz von 1972 geregelt. Essig, dem Konsumenten vor allem als Würze und als saurer Zusatz zum Salat bekannt, ist demnach eine wässerige Lösung von Essigsäure. Unser „Essig“ hat einen Gehalt von mindestens 5% des Wirkstoffes, doch selbst „scharfer“ Essig darf einen Anteil von 15,5% nicht überschreiten. „Essigessenz“ ist saurer, hat einen Essigsäuregehalt von bis zu 25%. Man kann sie einfach mit Wasser verdünnen und erhält dann einen Essig von ansprechender Milde. Heutige Essigessenz ist scharf, wirkt schon leicht ätzend, doch ihr Genuss ist nicht tödlich. Die kleine Tochter der Oekonomen Haugg hätte aufgrund dieser Regulierung wohl überlebt.

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Starker Stoff (Pharmaceutische Centralhalle für Deutschland 39, 1898, Nr. 18, II)

Um 1900 gab es jedoch zwei gravierende Unterschiede zu heute. Zum einen war Essig ein wohl gängigeres Produkt im Alltag. Frische Salate gab es gewiss seltener, doch Eintöpfe, Sauerfleisch und Marinaden standen höher im Kurs. Essig wurde zudem beim Einmachen benötigt, zumal das Einwecken, also die Hitzesterilisierung, damals noch in den Anfängen steckte. Andere vergessene Nutzungen wären zu nennen, erinnert doch Christi Kreuzestod an die Sitte, aromatisierten Essig zu trinken. Zum andern aber war der Nahrungsmittelsektor deutlich geringer reguliert, es dominierten stattdessen informelle Praktiken. Die verschiedenen Arten des Essigs waren meist klar benannt, auch wenn die Bezeichnungen oft regional variierten. Und spätestens seit 1885 gab es auch erste reichsweit angewandte, wenngleich nicht rechtsverbindliche chemische Grenzwerte für deren Bewertung und Unterscheidung. Der Konsument war also grundsätzlich informiert, kannte „seinen“ Essig. Doch er konnte zugleich auch sehr scharfe und eventuell giftige Essigessenz kaufen. Konzentrationen von 80% und 60% waren handelsüblich. Sie war ein gutes Putzmittel, ergab mit Wasser verdünnt aber auch einen schön sauren Speiseessig.

Essig ist ein gutes Beispiel für die tiefgreifenden und bis heute prägenden Veränderungen der Nahrungsmittelproduktion im 19. Jahrhundert. Die Herstellung ist an sich einfach. Benötigt wird Luft, inklusive darin enthaltener Bakterien. Zudem eine alkoholische Grundlage, denn Essigsäure ist transformierter Alkohol. Wärme, ideal sind 25-30 °C, beschleunigt die Essiggärung. All das erfolgt in einem Essigbildner, also einem meist hölzernen, nicht metallischen Gefäß. Kommt alles zusammen, so benötigt man Zeit, denn die vollständige Transformation eines offen stehenden Weintroges in Essig benötigt Wochen. Doch die Essiggärung setzt rasch ein – ein Grund für den so anderen Geschmack eines Weinrestes am Morgen nach einem Fest.

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Natürlicher Gärungsessig (Leipziger Zeitung 1859, Nr. 182 v. 3. August, 2. Beilage, 1)

Handreichungen und Rezepte zur Essigbereitung findet man in den Haushaltsökonomien und den Kochbüchern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wein oder leicht vergorenes Obst bildeten die Nährbasis der Essigzubereitungen. Neben der Haushaltsproduktion bestanden teils altehrwürdige Gewerbe, etwa die Essigsieder oder aber Essigbrauer. Sie kauften vielfach saure Weine oder aber unansehnliche Äpfel auf, produzierten für einen lokalen, selten regionalen Bedarf und entwickelten die dafür erforderlichen Absatzstrukturen. Weinbaugebiete waren daher vielfach Essigproduktionsgebiete. Der so gewonnene Essig war aromatisch, doch die Umwandlung dauerte lang. Entsprechend hoch waren die Preise.

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Beschleunigung durch Holzspäne (Kosmos 15, 1918, 12)

Die handwerkliche Produktion von „natürlichem“ Essig wurde jedoch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch „künstliche“ Schnellessigverfahren ergänzt. Als Marker wird gemeinhin das Schützenbachsche Schnellessigverfahren genannt, 1817 entwickelt und seit 1823 gewerblich genutzt. Der Freiburger Chemiker (1793-1863) nutzte dazu seine praktischen Kenntnisse: Die Produktionsdauer hing von Sauerstoff, Wärme und der Größe der Oberfläche ab, an der sich Bakterien ansiedeln konnten. Schützenbach vergrößerte die Oberfläche innerhalb der Essigfässer durch Buchholzspäne. Der Alkohol wurde über diese mit Bakterien besetzten Späne geleitet, unterstützt von einem warmen Luftstrahl im unteren Teil des Essigtroges. So konnte die Produktionszeit deutlich auf etwa zwei Tage verkürzt werden. Der Geschmack dieses Schnellessigs ließ anfangs zu wünschen übrig, so dass vor allem technische Anwendungen in der Textil- und dann auch der Farbindustrie von den niedrigeren Preisen profitierten. Langsam aber wurde der Geschmack verbessert, teils durch verbesserte Verfahren, teils durch eine gezielte Aromatisierung.

Die wichtigsten biologisch-chemischen Abläufe der Essigbildung wurden in den 1860er Jahren von Louis Pasteur (1822-1895) geklärt. Davon profitierte vor allem die chemische Industrie, die Verfahren der Holzdestillation nutzte, um hoch konzentrierte Essigsäure herzustellen. Seit Mitte der 1830er Jahre gab es erste effiziente Verfahren, die bei der Holzkohlegewinnung entstehenden flüchtigen Produkte einzufangen und zu nutzen. Die so gewonnene Essigsäure war deutlich preiswerter als das Resultat „natürlicher“ Gärung. Allerdings dauerte es bis Mitte der 1870er Jahre, ehe der teerige Geschmack des „Holzessigs“ durch verbesserte Filtrierung abgemildert und dann abgestellt werden konnte. Essigsäure wurde so zu einer „reinen“ hoch konzentrierten Essigessenz, die seither nicht nur für technische, sondern auch für Haushaltszwecke genutzt werden konnte.

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Ein neues Produkt (Katalog zur IV. Deutschen Verbands-Kochkunst-Ausstellung zu Leipzig. 1883, Leipzig 1883, Annoncen, 25)

Derweil hatte sich allerdings auch die Herstellung des Gärungsessigs deutlich verändert. An die Stelle teurer Ausgangsprodukte, zumal des Weins, trat immer stärker ein Abfallprodukt der Alkoholproduktion, die sogenannte Branntweinmaische, später auch reines Ethanol. Dieser „Spritessig“ war günstiger als tradierter Gärungsessig, wenngleich immer noch teurer als Essigessenz. Dies ließ das Angebot weiter anschwellen, mischte man doch vielfach den „Spritessig“ mit „Naturessigen“. Weinessig bestand im späten 19. Jahrhundert vielfach zu 80% aus Schnellessig und nur zu 20% aus traditionellem Gärungsessig aus einem Weingrundstoff. Doch Handelsbräuche erlaubten, diese Mischung als „Weinessig“ zu vermarkten. Ferner entstand ein rasch wachsendes Angebot von Kräuteressigen. Dabei handeltes es sich zumeist um aromatisierten Spritessig, der eine Vielfalt von Geschmacksvorliegen abdecken und auch konservierten Lebensmitteln eine spezifische Würze verliehen konnte. Das nutzen seit den 1890er Jahren auch viele Essigessenzanbieter, so dass der Essig- und Würzenmarkt nochmals breiter wurde.

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Im Inneren einer Gärungsessigfabrik (Das neue Buch der Erfindungen […], Bd. V, Leipzig 1867, 197)

Dieser Exkurs unterstreicht nicht nur die enge Verbindung von industrieller Entwicklung und einer sich bemerkbar verändernden Nahrungsmittelpalette. Er zeigt auch, dass die „gute alte Zeit“ eine oft sentimentale, meist aber kommerziell angetriebene Chimäre ist. Mangels genauerer Kennzeichnung war es für die Konsumenten des späten 19. Jahrhunderts schwierig, die Herkunft und Zusammensetzung ihres Essigs genau zu benennen. Es wurde probiert, dem Händler oder der eigenen Hauswirtschaft vertraut. Zugleich aber wurden die neuen Angebote genutzt, zumal die Essigessenz. Ihre Vorteile waren klar: Sie war billiger. Sie konnte einfacher gelagert werden. Sie war länger haltbar und hatte einen standardisierten, rein sauren Geschmack. Ihre Bedeutung nahm vor allem seit den frühen 1890er Jahre zu, auch wenn die verschiedenen Varianten des Gärungsessigs den Speisebereich noch dominierten. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert hatte Essigessenz dort einen Marktanteil von etwa einem Zehntel bis zu einem Achtel. Die Vergiftungsfälle waren auch Folge einer Ausdifferenzierung und Verbilligung des Essigmarktes, der sehr wohl als Fortschritt, als Teil eines höheren Lebensstandards gedeutet wurde.

Entsprechend schlugen, anders als im ähnlichen Fall des synthetischen Saccharins, frühe Versuche der seit 1894 im Verband deutscher Essigfabrikaten organisierten Gärungsessigproduzenten fehl, ihre Konkurrenz aufgrund offenkundiger Gesundheitsgefahren zu verbieten. Im Reichstag hieß es im Mai 1895, dass das Beispiel der frei verkäuflichen Salzsäure zeige, dass die Konsumenten mit gefährlichen Chemikalien durchaus verantwortungsvoll umgehen könnten. Essigessenz sei zudem ein wichtiges Korrektiv gegen die zunehmend organisierten Interessen der Gärungsessigindustrie, denn sie halte die Preise des gesamten Marktes niedrig. Entsprechend wurden auch höhere Zölle abgelehnt (das Deutsche Reich war ein Holzimportland). Dies kann als eine spezifische Form von Verbraucherschutz verstanden werden. Wahrscheinlicher aber ist eine erfolgreiche Lobbyarbeit der Vertreter der chemischen Industrie, vornehmlich des 1877 gegründeten Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands. Dieser verhinderte auch eine 1898 in Preußen ausformulierte Verordnung zur Beschränkung des Verkehrs mit Essigessenz. Unglückfälle wurden so natürlich nicht verhindert.

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Produkt ohne Nachteile (Illustrirte Zeitung 113, 1899, 788)

1902 wurde im Reichstag dann schwereres Geschütz aufgefahren. Der nationalliberale Abgeordnete Walther Münch-Ferber (1850-1931), Hofer Textilfabrikant und Kunsthistorikern gewiss gut bekannt, legte eine Liste mit 35 Todesfällen und 34 schweren Körperverletzungen vor, allesamt verursacht durch den Konsum von Essigessenz. Zugleich reicherte er seine Rede anschaulich an, denn er präsentierte dem Hohen Haus gleich sieben ansprechende Essigessenzflaschen, denen allesamt eines fehlte: Der Hinweis auf die potenziell tödliche Gefahr in der Flasche: „Auf den Etiketten befinden sich zum Theil goldene Weinbeeren, goldenes Weinlaub, andere bestechen durch ihre elegante Aufmachung.” Gewiss, es fehlte auch auf den kleinen Viertel-Liter-Fläschchen nicht der Hinweis auf 80%ige Essigessenz, doch Münch-Ferber fragte pointiert, ”wie viele Frauen und Mädchen wissen in ihren Küchen oder in ihren Haushalten was von 80 Prozent?” Widerspruch kam auf, doch der Reichstag verabschiedete eine Resolution, um Essigsäure als Gift einordnen zu können – mit beträchtlichen Folgen für den freien Verkauf.

Doch was sind schon Dutzende von Toten, wenn sie denn nicht Teil der Eliten sind oder politisch nützlich sein können? Das Innenministerium bzw. das Kaiserliche Gesundheitsamt brauchten jedenfalls Zeit, um zu prüfen, um aus ihrer wilhelminischen Starre zu erwachen. Wie in einem föderalen Staat üblich, wurde die handlungsunwillige Reichsregierung von den Einzelstaaten, teils gar von lokalen Initiativen getrieben. 1906, die Zahl der Unglücksfälle war seit 1890 auf etwa 150 gestiegen, hatte die württembergische Regierung beschlossen, dass Essigessenz nicht mehr in Flaschen unter fünf Litern an Letztverbraucher verkauft werden durfte. Die Händler sollten sie verdünnen, die Konsumenten so vor Schaden bewahren. Doch erst 1908 schrieb eine neuerliche Reichstagsresolution eine Neuregelung des Absatzes von Essig und Essigsäure fest. Vorangetrieben vom Agrarpolitiker und späteren Vorsitzenden des Bundes der Landwirte Gustav Roesicke (1856-1924), bündelte sie die bisherigen fachwissenschaftlichen Erkenntnisse und versuchte, die widerstreitenden wirtschaftlichen Interessen mit denen der Konsumenten zu verbinden.

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Abstraktion und Ästhetisierung durch Markenartikel (Karlsruher Tagblatt 1905, Nr. 242 v. 1. September, Beilage)

Die Kaiserliche Verordnung vom 14. Juli 1908 ordnete den Essig- und Essigessenzmarkt neu – fast eine Generation nachdem dieser Konturen angenommen hatte. Einerseits wurde die Suprematie stofflicher Expertise festgeschrieben, wurde doch nicht der Geschmack, sondern der Gehalt von Essigsäure zum entscheidenden Bewertungsmaßstab (vgl. „Künstliche Kost“, Kap. 3.3.3). Anderseits wurden zahlreiche in den Debatten von Chemikern, Interessenverbänden und Öffentlichkeit wabernde Definitionen aufgegriffen und rechtsverbindlich festgeschrieben. Essig mutierte zu Gärungsessig, musste mindestens 3,5% Essigsäure enthalten, nicht aber mehr als 15%. Das „Leben“ der Bakterien wurde Garant für das Lebendige des Konsumgutes; und die obere Grenze wurde durch das Unvermögen der Essigbakterien definiert, mehr als einen 15%igen Essig zu produzieren. Daneben schuf der Gesetzgeber, zauberergleich, neue Angebote. „Kunstessig“, sprachlich schon fast ausgrenzend, war eine verdünnte Essigessenz, durchaus mit Kräutern aromatisiert, mit dem Essigsäuregehalt des Essigs. „Essenzessig“ wurde neu geschaffen, eine einfache verdünnte Essigessenz mit dem abermals gleichen Gehalt an Essigsäure. All dies war ein Sieg der Gärungsessigindustrie, doch bleibt es zweifelhaft, ob die Konsumenten derartige Sprachspiele wirklich nachvollzogen. Essigessenz, auch höherer Konzentration, blieb jedenfalls weiter allgemein verfügbar, auch wenn sie als chemisches Kunstprodukt sprachlich vom „Essig“ getrennt wurde. Die Verordnung war eine Präferenzentscheidung für das „natürliche“ Produkt, ermöglichte dem Konsumenten aber auch für ein „Kunstprodukt“ zu optieren. Ein Scheinkompromiss, unbefriedigend, gewiss; doch vielleicht auch eine kluge Setzung angesichts eines gleichsam postmodern anmutenden Marktangebotes.

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Kampf der politischen Parteien (Berliner Börsenzeitung 1909, Nr. 196 v. 28. April, 6)

Dies wurde 1909 während einer Versammlung des Bundes Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikaten und -Händler deutlich, der Lobby der „Nahrungsmittelindustrie“. Sie schien nötig, da in den Kommissionsberatungen des novellierten Branntweinsteuergesetzes 1909 ein §107 eingefügt wurde, der Essigessenz durch eine Verbrauchsabgabe und veränderte Zolltarife verteuern wollte. Das hätte die bisherige prinzipielle Gleichrangigkeit der Essigprodukte in Frage gestellt. Das 1904 veröffentliche „Nahrungsmittelbuch“ des Bundes hatte die intensiven Vorarbeiten berücksichtigt, die erst die bayerischen und dann die deutschen Nahrungsmittelchemiker seit 1885 geleistet hatten. Eine 1899 verabschiedete Novelle ihrer „Vereinbarungen“ entsprach dem mittelständischen Prinzip von Leben und leben lassen: „Unter Essig versteht man das durch die sogenannte Essiggärung aus alkoholischen Flüssigkeiten oder durch Verdünnung von Essigsprit mit Wasser gewonnene, bekannte saure Genuss- und Konservierungsmittel.“ Essigessenz stand nicht im Fokus, wurde aber als Erzeugnis der trockenen Destillation des Holzes erwähnt.

Die Versammlung des Bundes bündelte 1909 nochmals die zentralen Argumente im Kampf zwischen Gärungsessig und Essigessenzproduzenten. Zeitgenossen sahen darin simple Interessenkämpfe: „Jede Partei sucht ihre Produkte als das Einzigwahre hinzustellen, den gegnerischen Produkten aber möglichst schlimme Dinge nachzuweisen und hierfür wissenschaftliche Autoritäten ins Feld zu führen“ (Zeitschrift für öffentliche Chemie 15, 1909, 181). Doch das war zu kurz gegriffen. Die Debatte zeigt vielmehr die Widersprüche und Paradoxien moderner Lebensmittelproduktion und ihrer Regulierung. „Natur“ und „Chemie“, „Künstlichkeit“ und „Tradition“ wurden verhandelt – und dienten als Marker aller Produkte. Gärungsessig war schließlich auch ein Kunstprodukt, der denunziatorisch verwandte Begriff „Spritessig“ deutete daraufhin. „Natürlicher“ Essig war Ergebnis elaborierter Technologie und entstammte vielfach nicht dem edlen Weine und dem duftendem Obst. Gärungsessig war nicht gesundheitsgefährdend, doch es war gewiss auch ein „Kunstprodukt“, ein „Kunsterzeugnis“. Auf der anderen Seite konnte auch die Essigsäuredestillation als ein „natürlicher“ Prozess verstanden werden – die Werbung für Spirituosen spielte schon damals mit verweisenden Begriffen von „Uralt“, „Geist“ und „Tradition“. Technologie war ein Kunstgriff, um der Natur etwas abzugewinnen, was vorhanden war, doch nicht einfach genutzt werden konnte. Essigessenz stand demnach für die Erfindergabe des Menschen, für seine Beherztheit, seine Selbstbehauptung in einer ja immer auch feindlichen Natur. Wissenschaftler und Nahrungsmittelproduzenten übertrugen diese begrifflichen Projektionen in der Debatte auch auf die Inhaltsstoffe der Essigarten. Nicht Essigsäure, sondern ergänzende Stoffe, insbesondere Enzyme und Aromastoffe, machten ein chemisches Produkt zu einem Nahrungs- und auch Genussmittel. Angesichts der Vielfalt möglicher Ausgangsstoffe der Essiggärung und der Aromatisierung von Essigessenz war damit begriffliche Klarheit aber nicht zu gewinnen.

Die Debatte unterstrich, dass kulturell aufgeladene Kampfbegriffe wie Natur, Künstlichkeit oder Chemie keine Klarheit im Alltag schaffen konnten, dass sie tendenziell beliebig zu füllen waren. Einzig der kleinste gemeinsame Nenner verblieb, die einfach messbare Essigsäure. Alltagserfahrungen und wirtschaftliche Interessen wurden so außen vor gehalten, auch wenn es allen Beteiligten klar war, dass damit die Breite des Essigmarktes auch nicht annähernd abgedeckt wurde. Die Schwierigkeiten der Regulierung werden so deutlich, wirklich befriedigende Ansatzpunkte gab es kaum. Postmoderne Beliebigkeiten rangen seit den 1890er Jahren um Einfluss – und derweil starben, unbeabsichtigt und doch real, Menschen. Unfälle, Zufälle, Verzweiflungstaten waren die Begleitmusik einer in Sprachspiele gefangenen Gesellschaft. Als 1912 das Kaiserliche Gesundheitsamt erstmals verbindliche „Festsetzungen über Lebensmittel“ formulierte, wurden die Begriffsbestimmungen der Verordnung von 1908 bestätigt. Essig war nominell Gärungsessig, Essenzessig und Kunstessig besaßen den gleichen Essigsäuregehalt, bestanden aber aus anderen Grund- und Zusatzstoffen. Essigessenz wurde durch einen 60-80%igen Essigsäuregehalt definiert. Viele Konservierungs- und Zusatzstoffe wurden verboten, die gestaltende Phantasie der Produzenten in engere Bahnen gelenkt. Die auch öffentlich geführte Debatte nährte eine bürgerliche Skepsis gegenüber dem billigeren künstlichen „Holzessig“, wovon der „natürliche“ Gärungsessig profitierte. Und es waren widerstreitende Experten und Produzenten, die Distanz zur „Chemie“ und ihren „Kunstprodukten“ nährten.

Im Markt waren damit klarere Kennzeichnungen und Begrifflichkeiten verbindlich geworden. Doch es war hochgradig fraglich, ob die Mehrzahl der Konsumenten diese Veränderungen wirklich realisierte. Hochkonzentrierte Essigessenz konnte weiterhin einfach gekauft werden, auch wenn Kritiker monierten, dass ein derart gefährliches Produkt frei verkäuflich blieb. Mittelfristig reduzierte sich die Zahl der Unfälle und Opfer. Zu verhindern waren sie so jedoch nicht. Der 43-jährige Webermeister Franz Lasik, der sich nach seiner Entlassung arbeitslos dem „Säuferwahnsinn“ ergab, trank in seiner Verzweiflung jedenfalls Essigessenz bevor er sich 1914 erst die linke Hand ganz und dann auch den linken Fuß fast gänzlich abhackte. Und als 1924, lang nach der Regulierung, eine sechszehnjährige bei Osnabrück lebende Schülerin von ihrem Vater, einem Gutsherrn, aufgefordert wurde ihre Beziehung zu einem Melker zu beenden, so wusste sie, dass sie Essigessenz zu trinken hatte, nachdem sie ihrem Liebsten einvernehmlich den Schädel eingeschlagen hatte. „Das ist die wahre Liebe nicht“ lautete die Schlagzeile. Doch immerhin überlebten beide, schwer verletzt.

Uwe Spiekermann, 14. Juni 2018

Kasseler Haferkakao – Ein verlorenes Konsumgut

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Jean Berlit 1928 (Wikipedia)

Johannes „Jean“ Berlit (1848-1937) war ein Tausendsassa. Geboren im nordhessischen Kassel, machte er eine kaufmännische Lehre, um kurz vor dem Militärdienst 1866 in die USA auszuwandern. Dort verkehrte er in der deutschen Nischengesellschaft: 1867 erschien ein „John“ Berlit als Angestellter des Manufakturwarengeschäft John Roemer & Co. in Wheeling, West Virginia, 1868 arbeitete er in San Franciscos Zentrum, bei der Bäckerei B. Stumpf. 1872 hatte er die Branchen gewechselt, war Geschäftsführer des Omaha Beobachters geworden, einer kurzlebigen deutschamerikanischen Tageszeitung in Nebraska. Im gleichen Jahr kehrte Berlit nach Kassel zurück, investierte sein Kapital erst in eine Bank, dann in ein prosperierendes Kolonialwaren- und Feinkostgeschäft. Weitere Investitionen folgten. Reichsweit bekannt wurde er kurz vor der Jahrhundertwende als führender Bäderunternehmer im westlichen Hessen. Berlit war zudem politisch aktiv, sei es als Anhänger der Republikanischen Partei Abraham Lincolns, der linkliberalen Fortschrittspartei und als sozialdemokratischer Stadtrat in Kassel. Hier aber geht es um die Erfindung des Tausendsassas, ein verlorenes Konsumgut, den heute kaum mehr bekannten Haferkakao.

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Kakaoprodukte von Sprengel als Stoffcontainer (Illustrirte Zeitung 82, 1884, 341)

Als Einzelhändler kannte Berlit die Convenienceprodukte der 1870er und 1880er Jahre, etwa die Erbswurst, den Fleischextrakt oder Suppenmehle. Doch nicht der Suppenmarkt, sondern die Kreation einer neuen Ware reizte ihn. Kakao wurde damals zwar gern mit Begriffen wie „Reinheit“ bewerben, doch Mischungen mit Mineralstoffen und auch Kohlenhydraten belebten seit langem das Geschäft mit Kranken und Rekonvaleszenten. Berlit wählte ein preiswertes Getreide, Hafer, und koppelte dies mit dem deutlich teureren, zu dieser Zeit aber nicht mehr exklusiven Kakao. Dazu bedurfte es einer technischen Innovation: Hafer wurde gereinigt, geschrotet, dann leicht geröstet und mit Wasser im Vakuum eingekocht. Die trockene Masse wurde gemahlen, mit entöltem Kakao vermischt, dann gepresst und schließlich in kleine Rechtecke geschnitten. In Stanniol eingepackt erhielt der Kunde ein vorportioniertes Produkt, das mit Wasser oder aber heißer Milch gekocht ein rasch herzustellendes Heißgetränk ergab. Berlit meldete sein Verfahren im 21. August 1892 zum Patent an, das Deutsche Reichs-Patent Nr. 72449 wurde ihm schließlich am 27. November 1893 erteilt. Es bildete die Grundlage für ein neues erschwingliches Konsumgut, das bis in die frühen 1950er Jahre als Kasseler Hafer-Kakao breite Abnahme fand.

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Absatz vor der Patenterteilung (Hamburger Nachrichten 1892, Nr. 192 v. 13. August, 7)

Wie beim fast zeitgleich entwickelten Kathreinerschen Malzkaffee gab es zwar ein Produkt, doch noch kein Unternehmen und keine Produktionsstätte. Dies änderte sich 1892. Berlit kooperierte mit dem Kasseler Agenten Alexander Hausen (1850-1915), der einerseits eine Einzelfirma gründete, der anderseits „Kasseler Hafer-Kakao“ schon vor dem Antrag auf Patenterteilung vertrieb. Bis spätestens 1894 wurde die Firma zur „Kasseler Hafer-Kakao-Fabrik Hausen & Co.“ umfirmiert. Spätestens 1896 übernahmen die Kaufleute Sigismund Rahmer und Georg Krüger die Produktion, wenngleich der Name Hausen mit dem Produkt verbunden blieb. Seither wurde die Angebotspalette ausgeweitet, zuerst 1896 mit einem fettärmeren Haferkakao, dann mit Haferschokolade, verschiedenen Sorten Kakao und Standardschokolade. 1898 verlagerte man die Produktion aus relativ kleinen Privathäusern in ein großzügig gestaltetes Fabrikgebäude in Kassel-Bettenhausen. Hier gab es auch ein chemisches Laboratorium, zuständig für Qualitätssicherung und Produktentwicklung. Kurz darauf erfolgte die Umwandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Sieben Jahre nach Produktionsbeginn waren damit nachholend die betrieblichen und finanziellen Grundlagen für ein reichsweites Vertriebsnetz geschaffen worden. Eine Analyse der Absatzmärkte, natürlich begrenzt durch die Malaise der geringen Zahl der im digitalen Entwicklungsland Bundesrepublik Deutschland online zugänglichen Zeitungen, zeigt den Übergang von regionalen Märkten zur nationalen Präsenz. Der Export schloss sich an. Von 1892 bis etwa 1894 war Haferkakao in Mittel- und Norddeutschland erhältlich, spätestens 1894 dann auch in Bayern, seit 1895 in Berlin, im Folgejahr dann in Südwestdeutschland. Warenzeichen für das westliche Ausland wurden seit 1896 beantragt.

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Haferkakao als diätetisches Heilmittel (Hamburger Nachrichten 1894, Nr. 231 v. 30. September, 17)

Zu diesem Zeitpunkt, also mehrere Jahre nach Einführung des Haferkakaos, hatte die Verantwortlichen auch entschieden, wie sie das neue Produkt positionieren wollten. Klar war anfangs nur, dass es sich um ein Getränk, nicht um ein Nährpräparat oder eine nährende Pastille handeln sollte. Doch unklar war, ob Haferkakao eher als ein Nähr- oder aber als ein Heilmittel vermarktet werden sollte. Obwohl die Vorportionierung die Zubereitung vereinfachte, war sie immer noch aufwändig und keineswegs strikt vorgegeben. Die kleinen Rechtecke mussten nämlich zerdrückt und dann mit Wasser klumpenfrei vermengt werden. Anschließend rührte man die zähflüssige Masse in Wasser oder Milch ein und ließ alles kochen. Der Kunde konnte Salz oder Zucker hinzufügen, aber auch Eier, aufgeschäumte Milch oder Gewürze. Diese Vielfalt entsprach der des Kakaos, denn auch dieser war noch nicht das heute gängige gesüßte Getränk, war kein Instantprodukt.

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Neuartige Warenpräsenz: Ein schmucker Karton mit 27 Würfeln (Karlsruher Tagblatt 1897, Nr. 136 v. 17. Mai, Beilage)

Die Kasseler Firmenleitung hob in der Werbung der ersten Jahre vor allem die heilende Wirkung des Haferkakaos hervor. Dieser nähre auf eine einfache Weise, beruhige den Magen-Darm-Trakt, reinige den Körper, sei blutbildend und kraftfördernd. Dem entsprachen frühe Kommerzmythen. Hafer wurde beispielsweise mit der Kraft und Gesundheit der Schotten verbunden. Ewald Paul, Mediziner und Herausgeber der populären „Zeitschrift für Gesundheitspflege“ schrieb: „Die Schotten sind ein Menschenschlag von Kraft und Schönheit, ausgezeichnet durch Muth und Energie, Ausdauer und Behendigkeit. […] Und das Geheimnis aller dieser Erscheinungen liegt – so paradox dies auch auf den ersten Augenblick erscheinen mag – zum guten Teil in der Vorliebe der Schotten an einer reichlichen und rationellen Hafer-Ernährung“ (Hamburger Anzeiger 1895, Ausg. v. 15. Dezember, 50). Nun, ja… Doch während die vielen Mythen unserer Tafeln weiterklingen, die Geschichten von Alpen und Sonne, von Natur und Urtümlichkeit, hat die Kasseler Firma die Schottengeschichte nicht wirklich forciert. Stattdessen setzte sie auf die Autorität der Wissenschaft, zumal der Medizin: Haferkakao wurde – analog etwa zum kurz zuvor eingeführten Kefir – in Sanatorien und der Privatpraxis getestet. Die Folge war eine Lawine von Empfehlungsschreiben, die sich für bis zu dreimonatigen Haferkakaokuren aussprachen, um das Leben des nervösen modernen Menschen gesünder zu machen. Parallel nutzte man die beginnende Mode der Eiweiß- und Nährpräparate aus, um Kasseler Haferkakao als allgemeines Stärkungsmittel zu vermarkten. Hafer wurde zum Schutzschild im Alltag, Kakao gab ihm Geschmack und ein wenig Exotik.

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Verdaulichkeit als Kaufargument (Über Land und Meer 88, 1902, 518)

„Gesunde“ Produkte aber dienen immer dem Kampf gegen die „bösen“. So auch beim Haferkakao. Seine Kulturmission war es offenbar, das Frühstück zu verbessern. Gehetzte Kinder sollten nicht mehr mit Kaffee oder Tee aufgepeitscht werden, sondern ihnen wurde von sorgender Mutterhand ein nährendes Haferkakaoentree für den Tag gekocht. Schwächliche Frauen fanden in Kassel einen Verbündeten, der ihnen Kraft und Blut gab. Das galt später auch für die gehetzte berufstätige Frau. Männer wurden in den Anzeigen weniger angesprochen, es sei denn, sie waren alt und bedurften der nutritiven Stütze, oder aber sie wollten noch welche werden. Anfang des 20. Jahrhunderts war Kasseler Haferkakao ein nährendes Produkt für Gefährdete und Heranwachsende geworden, ein Heilprodukt für Geschwächte, Kranke und Rekonvaleszenten.

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Ansprache von Jung und Alt (Daheim 50, 1914, Nr. 46, 29)

Der Weg zum präzise definierten Markenprodukt war lang, begleitet von den üblichen Abwehrkämpfen gegenüber billigeren Nachahmern oder aber einer seriösen Konkurrenz größerer Anbieter, etwa der Hamburger Kakao-Compagnie Theodor Reichardt. Trotz Patentschutz endete Anfang des 20. Jahrhundert langsam die Phase einfacher Erträge des Marktpioniers. Es folgte eine immer stärkere Ästhetisierung des Produktes und seiner Werbung. Die kleinen Stanniolrechtecke wurden einheitlich bedruckt, die Papp-Verpackung standardisiert und durchweg blau gefärbt. Für die Läden entwickelte die Firma eine ebenfalls standardisierte Verkaufskiste, deren Deckel mit farbigen Werbeplakaten ausgestattet war. Schon seit 1897 begann die Kasseler Firma Zugaben zu verteilen, etwa Sammelbände zu Flora und Fauna. Dazu gründete man einen eigenen Verlag. Die Werbung passte sich dem Trend der damaligen Plakatkunst an. Zwar gab es weiterhin vielfältige rein textliche Anzeigen, doch daneben trat die „schöne“ und „niveauvolle“ Bildanzeige. Für Läden, Schaufenster und Außenreklame entwickelte die Werbeabteilung stetig wechselnde Angebote – und insbesondere die Emailleschilder werden bis heute zu Dekorationszwecken nachproduziert.

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Entzeitlichung als Marketingstrategie (Daheim 48, 1911/12, Nr. 3, 31)

Vergessen wir abschließend aber nicht den Titel dieser kleinen Geschichte. Haferkakao gibt es heute praktisch nicht mehr, Kleinserien aus handwerklicher Produktion bilden rare Ausnahmen. Von den 1890er Jahren bis ca. 1940 war Haferkakao, zumal der des Kasseler Marktführers, dagegen ein gängiges Alltagsprodukt. Es wurde nicht als Ersatzmittel, als Streckung des erschwinglichen, doch nicht wirklich billigen Kakaos angesehen, sondern als ein Konsumgut eigenen Rechts, nährend und mit unverwechselbarem Geschmack. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg – die Kasseler Firma war 1923 schon in ein Gemeinschaftsunternehmen mit den Suppenpräparatehersteller Hohenlohe und dem Nudelproduzenten Jakob Friedrich Schüle eingetreten – konnte an die wirtschaftlichen Erfolge der späten 1920er Jahre und dann vor allem der NS-Zeit nicht angeknüpft werden. Hafer- und Suppenpräparate waren seit Ende der 1940er Jahre zunehmend schwerer abzusetzen. Die im Bombenkrieg schwer beschädigte Firma wurde zwar wiederaufgebaut, musste aber 1954 liquidiert werden. Kasseler Haferkakao steht nicht nur für eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte. Er steht auch für die große Zahl gewerbliche Produkte, die einst alltagsprägend waren, die in einer vermeintlich vorwärtsschreitenden Konsumgesellschaft jedoch keinen Platz mehr hatten und haben. Das Kasseler Beispiel erinnert daran, dass der Konsumsektor ein Kampfplatz ist. Viele Konsumgüter können nur noch durch Geschichte(n) vor Augen geführt werden.

Uwe Spiekermann, 9. Juni 2018

Wider die Warenhausfixiertheit – Die Anfänge des Kaufhauses Rudolph Hertzog

Eine der zahlreichen Legenden der deutschen Konsumgeschichte ist die Mär von der „Warenhausgesellschaft“. Ihre Vertreter blicken voll Bewunderung auf die in der Tat beeindruckende Entwicklung einer kleinen Gruppe von Großbetrieben, die in den 1890er Jahre die bisherigen Sortimentsgrenzen durchbrachen und zumal in Berlin neue Maßstäbe im Absatz von Konsumgütern setzten. Wertheim und Tietz, Karstadt und Althoff stehen demnach für eine Demokratisierung des Konsums, für Verkaufspaläste zuvor unbekannter Größe, für Dienst am Kunden und die Etablierung des „Shopping“ als Freizeitgestaltung. Dieses Narrativ passt gut zum altbekannten Interpretament des vermeintlichen deutschen Sonderweges. Das Deutsche Reich ist demnach nicht nur politisch ein Spätstarter gewesen, sondern auch kommerziell. Das Aufkommen der Warenhäuser ist dann Teil einer nachholenden Modernisierung, die jedoch massive Widerstände im gewerblichen (und antisemitischen) Mittelstand und den konservativen Regierungen hervorrief, die zu exorbitanten Warenhaussteuern führten, also einer Art Sondersteuer gegen moderne Betriebe (vgl. „Warenhaussteuer in Deutschland“).

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Der größte Einkaufskomplex Berlins 1912: Kaufhaus Rudolph Hertzog (Berliner Leben 17, 1914, Nr. 2, s.p.)

Ich habe verschiedentlich gegen diese Warenhausfixiertheit argumentiert. Kann es wirklich sein, dass eine Betriebsform mit einem Marktanteil von 1913 2,2-2,5% den Konsumsektor derart prägte? Kann man wirklich ausblenden, dass alle – ja, mit Ausnahme der Sortimentserweiterung wirklich alle – den Warenhäusern zugeschriebene Innovationen in den frühen 1890er Jahren bereits von anderen Betriebsformen praktiziert wurden? Man kann dies, wenn man in treudeutscher Weise die Definitionen des preußischen Warenhaussteuergesetzes von 1900 für bare Münze nimmt. Dann spricht man von einem Warenhaus, wenn es sich um eine großbetriebliche, kapitalistische Unternehmung für den Kleinhandel mit Waren verschiedenster, innerlich nicht zusammenhängender Art in einheitlichen Verkaufsräumen/-häusern handelt. Solche Geschäfte hat es jedoch im Ausland praktisch nicht gegeben. Denn die vielfach als Vorbilder beschworenen französischen Warenhäuser waren – im deutschen Sinne – Manufakturwarengeschäfte oder Kaufhäuser, konzentrierten sich auf den Absatz von Konfektionswaren und ergänzender Artikel, vertrieben keine Lebensmittel. Entsprechende Kaufhäuser aber gab es in Deutschland in großer Zahl lange vor Beginn der imaginierten „Warenhausgesellschaft“. Das wurde in den 1880er Jahren auch allseits anerkannt. Deutschland stand demnach auf gleicher Höhe mit den französischen und englischen Konsumgesellschaften, die Großbetriebe waren mit denen des westlichen Auslandes grundsätzlich vergleichbar. Ansonsten wäre es nicht nachvollziehbar, wenn eine deutschsprachige US-Zeitung 1888 schrieb: „‘Bon Marche‘ und ‚Louvre‘ in Paris, Hertzog und Gerson in Berlin und die großen Modepaläste in London und St. Petersburg haben auch hier [d.i. Baltimore, US] ihre Nachahmer gefunden“ (Der Deutsche Correspondent 1888, Nr. 231 v. 26. September, 4).

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Rudolph Carl Hertzog in jungen Jahren (Berliner Leben 17, 1914, Nr. 2, s.p.)

Damit ist der interpretative Raum beschritten, der es wichtig macht, sich mit Großkaufhäusern wie Rudolph Hertzog zu beschäftigten. Das hat bisher kaum jemand getan (anders als, wenngleich kulturwissenschaftlich, bei Herrmann Gerson). Fragen wir also einmal genauer, ob das Kaufhaus vergleichbar war mit seinen europäischen Wettbewerbern und mit seinen vermeintlich bahnbrechenden späteren Überholern. Die Kerndaten sind bekannt: Am 14. Februar 1839 eröffnete der junge Kaufmann Rudolph Hertzog (1815-1894) im Zentrum Berlins, in der Breiten Straße, ein Manufakturwarengeschäft – eines von etwa 150 in der preußischen Hauptstadt. Hertzogs Vater Ferdinand waren Tuch- und Seidenhändler gewesen, und seine 1838 geheiratete Frau Rosalie (1817-1898) war die Tochter seines Lehrherrn Sy. Geschäftskontakte und profunde Warenkenntnisse hatte der junge Händler in Berlin bei George Gabain erworben, sie in Frankfurt/M. und dem französischen Textilzentrum Lyon erweitert. Seine Geschäftsprinzipien entsprangen dem Denken der damaligen Kaufmannselite, gingen jedoch weiter. Er wollte Stoffe und Seidenwaren zu soliden, aber – damals noch ungewöhnlich – festen Preisen verkaufen. Durch – so ein Rundschreiben von 1839 – „vorzüglich schöne Ware zu den möglichst billigen Preisen, werde er bemüht sein, das Vertrauen der Kundschaft zu erwerben und sich dauernd zu bewahren“ (Der Welt-Spiegel 1914, Nr. 7 v. 15. Februar, 7). 1848 hatte sein Geschäft eine Größe von 155 m², doch der steigende Absatz erlaubte regelmäßige Umbauten. 1867 wies es 2.290, 1878 3.710 und 1892 dann 5.405 m² auf. 1904 errichtete das Unternehmen einen neuen imposanten Bau in der gegenüberliegenden Brüderstraße, so dass eine Gesamtfläche von 10.800 m² und 1912 schließlich 15.875 m² umschlossen wurde. Rudolph Hertzog war und blieb größer als selbst die größten Warenhäuser: Wertheims Flaggschiff in der Leipziger Straße wies nach mehreren Umbauten damals knapp 15.000 m² auf.

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Blick in einen der Haupträume nach dem Umbau 1878 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 268)

Hertzogs Wachstum in den 1860er und 1870er Jahren erfolgte parallel zum Entstehen der Pariser Großkaufhäuser, die durch vielfältige Reiseberichte und Zolas Roman „Das Paradies der Damen“ (1884) in Deutschland gut bekannt waren. Den französischen Romancier beeindruckte die präzise getaktete Verkaufsmaschinerie, der stete Strom bürgerlicher Kunden und die große Schar junger Verkäuferinnen. Bei Hertzog, wie bei fast allen großen Häusern in Deutschland bis in 1890er Jahre, dominierten zwar männliche Handlungsdiener, doch der Verkauf erfolgte nach regelmäßigen saisonalem Rhythmus und unter strikter Rechenhaftigkeit.

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Detaillierte Informationen für Schnäppchenjäger (Königlich privilegirte Berlinische Zeitung 1849_Nr. 270 v. 18. November)

Ausverkäufe, gemäß den üblichen Missinterpretationen der Vertreter der „Warenhausgesellschaft“ eng mit den neuen Betriebsformen verbunden, wurden seit den 1840er Jahren stetig durchgeführt. Das Wachstum von Rudolph Hertzog lässt sich jedoch eher auf seine massive Anzeigenwerbung zurückführen.

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Typische Rudolph Hertzog-Offerte in den 1840er bis 1860er Jahren (Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen 1857, Nr. 61 v. 1. März)

Der „König der Inserate“ pflegte eine dauernde Interaktion mit seinen Kunden, denen er ehrerbietig immer wieder Neuigkeiten aus Frankreich, Belgien und England offerierte. 1875 gab Hertzog ca. 150.000 Mark allein für Inserate aus, lag damit weit vor der Konkurrenz, etwa den Großbetrieben von Nathan Israel (gegründet 1815 resp. 1843), Herrmann Gerson (1836), Heinrich Jordan (1839) oder Valentin Manheimer (1840). Doch Hertzog zielte nicht allein auf Quantität. Sein eisern umsäumtes Namensschild auf dem Dach des 1868 umgebauten Geschäftshauses setzte ebenso Maßstäbe wie seine seit 1882 erscheinende jährliche Agenda.

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Namenszug 1907 (Agenda Rudolph Hertzog 1907, Berlin 1906, I)

Diese schon nach kurzer Einführungszeit fast 200-seitige Mischung von Kalender, Fremdenführer, Geschichtsbuch und Werbeschrift wurde „der Kundschaft“ jeweils vor Weihnachten zugesandt. Kaufzwang gab es nicht, wohl aber wurde ein Band wechselseitiger Verpflichtungen geknüpft. Das galt nicht nur in Berlin. Hertzog etablierte spätestens seit den Postreformen Anfang der 1870er Jahre ein immens erfolgreiches Versandgeschäft, das durch Anzeigen, vor allem aber einen mit Mustern prächtig ausgestatteten Katalog im Deutschen Reich, aber auch bei vielen Auslandsdeutschen, popularisiert wurde. Die Auflage lag 1887 bei 260.000 Exemplaren. Damit dürfte Hertzog den Versandhandel der großen Pariser Kaufhäuser zumindest erreicht haben. Ob er aber wirklich das größte europäische Versandhaus war – so Beobachter in den 1890er Jahren – ist mangels genauer Daten schwer abzuschätzen.

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Blick in den Versandsaal ca. 1880 (Illustrirte Zeitung 78, 1882, 269)

Wichtig aber ist, dass dadurch der Name Hertzog zu einem reichsweiten Haushaltsbegriff für Stoffe und Konfektionswaren wurde. Auch Größe und Tenor der Anzeigen veränderten sich. Die vielfach fälschlich den Warenhäusern zugeschriebenen ganzseitigen und bebilderten Inserate finden sich bei Hertzog seit spätestens 1887, doch Versandhäuser wie Mey & Edlich oder aber zahlreiche Aktiengesellschaften der Gründerzeit waren hier vorangegangen. Der Versandhandel führte zu einem raschen Wachstum des Sortimentes auch im Ladengeschäft. Neben die bisherigen Textilien traten zunehmend Einrichtungs- und Dekorationsgegenstände, Wäsche und Trikotagen, Mäntel, Anzüge und Kostüme. Hertzog begann zudem 1879 mit der Eigenproduktion von Gardinen, gründete dazu eine Fabrik in Plauen.

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Ganzseitige bebilderte Anzeige 1887 (Der Bazar 33, 1887, 232)

Als Rudolph Hertzog 1894 in Karlsbad starb, arbeiteten ca. 500 Beschäftigte in Berlin und mehr als 100 in Plauen. Bis 1914 konnten diese Zahlen nochmals vielfach erhöht werden und mit ca. 50 Millionen Mark Jahresumsatz rangierte es noch vor jedem einzelnen Warenhaus der Reichshauptstadt. Gleichwohl gab es Unterschiede zur neuen Konkurrenz. Sie lagen vor allem in der Person des Gründers. Dieser war ein konservativer Monarchist, kaisertreu und Bismarcknah, ein wichtiger Finanzier des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stoeckers (1835-1909). Hertzog war ein Patriarch, unterstützte freigiebig bei Not und Armut, forderte aber Gehorsam und Unterordnung. Seine politische Agenda hatte Folgen für das Geschäft. Obwohl international bestens vernetzt, baute er bei Konfektionswaren stark auf lokale Netzwerke von Zwischenmeistern. Er misstraute der Börse, arbeitete mit Eigenmitteln, blieb voll verantwortlicher Einzelkaufmann. Hertzog beschäftigte keine Handelsvertreter, da er die gewachsenen Strukturen in anderen Orten nicht allein durch seine Kapitalkraft zerstören wollte. Er stand für strikten Leistungswettbewerb, praktizierte aber eine Kultur bedingter Rücksichtnahme gegenüber dem ehrsamen Mittelstand, dessen Forderungen er auch politisch unterstützte. Schließlich zielte Rudolph Hertzog nicht auf die „Demokratisierung“ des Konsums. Seine Kunden stammten aus dem Adel und dem Bürgertum, nicht aus dem Kleinbürgertum oder gar der Arbeiterschaft. Die erste Anzeige in der SPD-Zeitung „Vorwärts“ erschien 1919, während nationalliberale und konservative Zeitungen, etwa die National-Zeitung, die Norddeutsche Allgemeine Zeitung oder die Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung, auf seine regelmäßigen Inserate setzen konnten. Diese soziale Schließung reduzierte die Wachstumschancen, wenngleich dadurch das Sortiment durchweg höherwertiger blieb als das der später um die solvente Kundschaft buhlenden Warenhäuser. Der Erfrischungsraum von Hertzog bot beispielsweise dem Publikum kostenlos Kaffee, Tee, Kakao oder Eis an, denn die Welt dieses Kaufhauses betrat nur jemand mit Einkommen und Hintergrund.

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Die „bessere“ Gesellschaft im Treppenhaus (Agenda Rudolph Hertzog 1907, Berlin 1906, 76)

Doch zurück zur Mär von der „Warenhausgesellschaft“. Das Kaufhaus Rudolph Hertzog war ein bedeutender Exponent der tiefgreifenden Veränderungen im Manufakturwarenhandel seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Schon lange vor dem Aufkommen der Warenhäuser in den frühen 1890er Jahre führte das Kaufhaus zentrale Elemente einer modernen Konsumgesellschaft ein: Strikte Rechenhaftigkeit im Betrieb, Kulanz im Umgang mit der gehobenen Kundschaft, feste Warenpreise, Ausverkäufe, intensive Werbetätigkeit, große und prächtige Verkaufsräume. Rudolph Hertzog und eine große Zahl führender Kaufhäuser in Berlin und anderen Groß- und Mittelstädten konnten sich mit den Häusern in London, Paris und Wien durchaus messen. Deutschland mochte zwar bis Ende des 19. Jahrhunderts ärmer gewesen sein, doch es gab gewiss keinen konsumtiven deutschen Sonderweg. Wer von einer „Warenhausgesellschaft“ um die Jahrhundertwende spricht, unterstreicht mit seiner Warenhausfixiertheit nur mangelnde Sachkenntnisse über die Entwicklung des Handels und des Einkaufens in Deutschland im 19. Jahrhundert.

Uwe Spiekermann, 2. Juni 2018