Esst nicht so romantisch! Zeit, semantische Illusionen und Bereicherungsökonomie

Wir schielen, wenn wir über Essen und Ernährung sprechen. Eindeutigkeit fehlt, Sprache und Bilder irrlichtern. Wir reflektieren in der Regel weder die Grenzen, Sachverhalte präzise zu benennen, noch die historischen Kontexte der uns umgebenden und prägenden Bildwelten. Es fehlt zudem an einem reflektierten Bezug von Zeit. Die Folge ist eine in selbstgeschaffenen und -gehegten verbleibende Gesprächs- und Diskussionskultur über Essen und Ernährung. Die immense Fülle einschlägiger Publikationen, Features und Podcasts ist daher kein inhaltlicher Gewinn, sondern vor allem Symptom für die kaum ausgeprägte Fähigkeit unsere Sprache, unsere Bildwelten und die ihnen zugrundliegenden Zeitstrukturen angemessen zu reflektieren.

Um dieses strukturelle Dilemma genauer einzufangen, gilt es sich erst einmal mit dem Phänomen der Zeit näher auseinanderzusetzen (Norbert Elias, Über die Zeit, Frankfurt/M. 2014; Achim Landwehr, Geburt der Gegenwart, Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2014; Rüdiger Safranski, Zeit, 4. Aufl., Frankfurt/M. 2018). Sie ist eben nicht einfach gegeben, sondern existiert in sehr unterschiedlichen und historisch gewachsenen Formen. Sie ist eben mehr als dass „Heute morgen Gestern“ (Alfred Polgar, Schwarz auf Weiß, Berlin 1929, 210) ist. Es folgt ein kurzer Blick auf den Stellenwert der Geschichtswissenschaft, gibt es doch nicht nur Raum-, sondern auch Zeitpfleger. Um nicht im Abstrakt-theoretischen zu verbleiben, gilt es dann anhand einschlägiger empirischer Bespiele einerseits Sprache und Zeit miteinander in Beziehung zu setzen, die mit Essen und Ernährung verbundenen „semantischen Illusionen“ näher zu untersuchen. Schon hier verschwimmen Wörter und Bilder, Sprache und visuelle Kultur. Anderseits wird ein vertiefender Blick auf die heutige „Bereicherungsökonomie“ helfen, die Umdeutung und Nutzung von Zeitstrukturen und Bildern über Essen und Ernährung zumindest näher einzufangen.

Zeit und Zeiten – Erfahrungswissen und Erwartungshorizonte

Warum sind Geschichte(n) und historisches Wissen wichtig? Welche Vorstellungen von Zeit und Zeiten stehen dahinter? Schließlich leben wir im Hier und Jetzt, müssen ans Morgen denken, haben das Gestern längst vergessen. Doch Geschichtswissenschaft ist nicht umsonst die Wissenschaft mit der größten Laienbewegung. Auch wenn Oma ein mythisches Wesen ist und Vater/Mutter vielfach nicht mehr kochen können, ist Wissen um „gutes“, „schmackhaftes“ Essen vielfach noch Erfahrungswissen. Zeit ist zudem Grundlage und Rahmen jeder Mahlzeit. Sie existiert nur in einem kleinen Zeitfenster: „Essen ist fertig!“. In der Mahlzeit sehen wir jedoch, wenn wir wollen und können, geronnene Zeit, den Boden, die Arbeit, das Kapital. Und wir sehen, wenn wir wollen und können, auch darüber hinaus. Denn das Wesen der Nahrung ist Verwesung, jedes Essen ist ein Hinausschieben des unabänderlichen Endes, unseres Todes.

Menschen verstehen Leben zumeist als Kontinuum, sehen sich als eine Einheit. Als Biowesen verändern sie sich regelmäßig und erneuern sich großenteils, sind stofflich also kaum identisch. Als Kulturwesen aber können sie dennoch Ich und Du sagen. Im Kontinuum der Zeit vergleicht man ein Vorher und ein Jetzt, deutet die Gegenwart vor dem Hintergrund historischer Lernerfahrungen, just gewonnenen Erfahrungswissens (Eric Hobsbawm, Wieviel Geschichte braucht die Zukunft, München und Wien 1998). Bis ins 18. Jahrhundert hinein hieß es zudem „Historia magistra vitae“: Die Historie galt als Lehrmeisterin des Lebens. Verdichtete Erfahrungen halfen der Gattung sich in der Welt zurechtzufinden. Was anders ist traditionelle Kost? Sie scheint einfach, wird aus wenigen Grundnahrungsmitteln immer wieder ähnlich zusammengestellt und zubereitet. Vergangenheit war in der vorindustriellen Zeit gegenwartsbestimmend und zukunftsweisend. Wandel erfolgte im Rückbezug auf Vergangenes. Die Renaissance war vorwärtstreibend, da man das goldene Zeitalter der Antike wieder erreichen wollte. Die Bauernmassen der Reformation forderten das Urchristentum ein, revoltierten just deshalb gegen ihre Herren. Die „gute, alte Zeit“ war nicht Phrase, sondern Ziel, sie zu erreichen und fortzusetzen eine Aufgabe.

All das zerstob spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts. Das tradierte Zeitdenken blieb bestehen, wurde aber während der sog. Sattelzeit zwischen 1750 und 1850 überformt, dadurch altbacken. Am Anfang stand ein einfacher Begriff – die Geschichte. Sensationell neu, denn vorher ging es um Geschichten (Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 1989).

Dieser neue Kollektivsingular verband Erfahrungen, Regelwissen und Erwartungen. Res facta und res fictae verschmolzen. Man hörte und las von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, auch Revolutionen. Der Erfahrungsraum des Einzelnen wurde erweitert durch den Erwartungshorizont von Neuem, von Fortschritt. Die Vergangenheit war nicht länger zu wiederholen, sondern zu überwinden – sie wurde alt. Der Sprachwandel schwenkte vom Konkreten zum Abstrakten. Binnen sechzig Jahren sank etwa die Zahl der Worte für Riecheindrücke auf ein Drittel, wurde anschließend in Fachsprachen allerdings multipliziert (Uwe Spiekermann, Verlust der Sinne? Riechen und Schmecken im Wandel, Mitteilungen des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens 7, 2000, 33-39. Der Kollektivsingular Geschichte machte Zukunft erst denkbar, dann gestalt- und gar planbar – und schließlich musste sie gestaltet und geplant werden. Dynamik allüberall. Das bedeutete auch dass Geschichte fungibel und machbar wurde. Seither werden Traditionen systematisch erfunden. Denken Sie an „Nation“, an das „Dirndl“, an das „deutsche Bier“ – alles Erfindungen dieser Sattelzeit.

Allegorie auf die Unverfügbarkeit der Zeit (Jugend 5, 1900, 25)

Wie mit Geschichte umgehen?

Damit war die Büchse der Pandora geöffnet. Geschichte war ein in die Zukunft hin offener Begriff, war nicht länger gebremst vom Erfahrungswissen. Grob lassen sich drei Arten neuartigen Umgangs aufzeigen: Erstens galt es den führenden Naturwissenschaftlern des 18. Jahrhunderts nachzueifern, wohl situierten Männer, die vielfach einer Gentlemen-Passion folgten, im eigenen Laboratorium nach der Wahrheit suchten. Dieses Geistesaristokraten hatten sich feste Regeln gesetzt, denken Sie an reproduzierbare Experimente. Historiker folgten. Sie bedurften allerdings der Quellen, entwickelten zugleich eine neuen Kunst kontrollierten Lesens. Als Ehrenmänner waren sie mit einem wissenschaftlichen Ehrenkodex verbunden. Als Geistesaristokraten vertraten sie zugleich aber auch ihre Herrschaftsinteressen. Ihre Geschichte war zumeist rechtlich und politisch ausgerichtet, diente der zu errichtenden „Nation“, schuf dazu die Vorgeschichten.

Das Bürgertum war skeptisch, solche Geschichte dünkte ihm zu eng. Goethe brachte dies auf den Punkt: „Wer nicht von dreitausend Jahren / Sich weiß Rechenschaft zu geben, / Bleib im Dunkel unerfahren, / Mag von Tag zu Tage leben“ (Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan, München 1961 [Erstausgabe 1819], 44). Regeln und Ehre hatte man selbst, doch historisches Wissen war für Bürger breiter und mehr: Es war Teil der Bildung. Und der breitere Blick erlaubte auch eine andere Geschichte, teils emanzipatorisch gegen den Adel, die Reaktion (Ferdinand Lasalle, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 3, Leipzig 1891, 203). Bürger waren und sind jedoch Marktwesen. Entsprechend wurde Geschichte zunehmend zum Geschäft, diente der Unterhaltungsindustrie, wurde gebogen und geschaffen als Teil gängigen Marktgehorsams.

Bleibt noch eine dritte Art, vielleicht die wichtigste. Gemeinhin referiert man dazu jüdische Denker wie Theodor Lessing, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin (Theodor Lessing, Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, München 1919; Siegfried Kracauer, Geschichte, von den letzten Dingen, Frankfurt/M. 1973; Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: Theodor W. Adorno und ders., Integration und Desintegration, Hannover 1976, 33-85). Doch in einer katholischen Akademie brauche ich keinen Umweg: „Tradition bedeutet, der unscheinbarsten aller Klassen – unseren Vorfahren – eine Stimme zu geben. Es ist die Demokratie der Toten. Die Tradition weigert sich, sich einer kleinen und arroganten Oligarchie derer zu unterwerfen, die zufällig gerade am Leben sind“ (Gilbert K. Chesterton, Orthodoxy, New York 1959 [Erstausgabe 1908], 48, eigene Übersetzung). So Gilbert K. Chesterton, uns bekannt als Krimiautor, doch zugleich Verteidiger des Glaubens.

Und Nicht-Katholiken sei es gesagt: Katholizismus ist eine historische Erfahrungsgemeinschaft, das Volk Gottes als solches heilig, zugleich darauf hoffend, das nach der Auferstehung der Toten die Zeit endet, das zeitlose Paradies beginnt. Doch zuvor verhindert die „Demokratie der Toten“ die vergangenen Leiden zu vergessen und zu verdrängen. Gewiss, das Gericht steht Gott zu, man ist kein Aktivist auf Erden. Doch Geschichte darf nicht allein aus der Perspektive der Durchgekommen und Sieger geschrieben werden. Das wäre blasphemisch – und fernab der getrockneten Tränen, der erstrebten Tischgemeinschaft mit dem Herrn (Unsere Hoffnung. Ein Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1973; Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, Mainz 1977).

Aufgabe und Konturen der Geschichtswissenschaft

Abwege, gewiss. Doch Sie verstehen nun vielleicht mehr über die Kakophonie der Zeitebenen und Geschichtsbilder, die allesamt auch Essen und Ernährung prägen, die Grundlagen unserer Existenz. Aufgrund heterogener Zeitebenen und Geschichtsbilder reicht ein gemeinsames Thema eben nicht für ein gemeinsames Gespräch. Wir mögen die gleichen Worte verwenden, sprechen aber nicht über das Gleiche, reden über unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen. Wir schielen.

Hier aufklärend zu wirken, ist eine Aufgabe just von Historikern. Doch sie nicht keine Helden der Ordnung und Eindeutig, bauen eben nicht wirklich Brücken, führen zusammen. Die Malaise der universitären Profession, die Beliebigkeit der vielen bunten historischen Publikationen ist vielmehr Teil des Schielens. Ein guter Historiker bringt zudem keinen Frieden, sondern untersucht Welten im Krieg: Essen ist zwingend ein Gewaltakt, Resultat von Hegen und Töten.

Geschichtswissenschaft integriert idealiter alle aufgezeigten Formen und Arten von Historie und Geschichte. Als Metawissenschaft analysiert sie menschliches Hoffen, Streben und Streben in der Zeit. Sie verflüssigt disziplinäre Grenzziehungen, verbindet das Wissen von Alltag, Wirtschaft und Wissenschaft, zeigt ihre zeitbezogene Bedingtheit auf. Das ist für disziplinär denkende Menschen irritierend. Wissen wird verdichtet, doch nicht im Sinne einer klaren Handlungsanweisung, eines praktischen, direkt umsetzbaren Wissens.

Herauszustreichen ist, dass Geschichtswissenschaft eine Gegenwartswissenschaft ist (Uwe Spiekermann, Was kann die Geschichtswissenschaft zur Analyse gegenwärtigen Ernährungsverhaltens beitragen?, in: Andreas Bodenstedt et al., Materialien zur Ermittlung von Ernährungsverhalten, Karlsruhe 1997, 13-21). Vergangenheit kann nicht abgebildet werden, das verschwundene Mahl zeigt dies. Doch das Mahl wird vergegenwärtig unter Bedingungen der Gegenwart: Hat’s geschmeckt? Geschichtswissenschaft ist zudem eine empirische Wissenschaft. Ihre Aussagen sind zwingend rückgebunden an Quellen und Zeugnisse, finden hierin Gewicht und Stärke. Das Empiriekonzept ist breit, offen für jegliche Form menschlicher Äußerungen und Überreste. Diese Empirie hat selbstverständlich Grenzen, zumal beim Essen: Stetig da, stetig weg. Sie ist daher nicht theorielos. Doch es geht nicht um das Abarbeiten an einigen jeweils modischen Ansätzen, Turns und Wissenschaftsheiligen. Historiker wollen den Garten analysieren, nicht Topfpflanzen hegen.

Mit Blick auf Essen und Ernährung sind Historiker demnach unverzichtbar: Erstens geht es um erweiterte Vorstellungen von Wirklichkeit. Zweitens kann die Profession verlässliches Strukturwissen anbieten, die arroganten Lebenden in eine Langzeitentwicklung stellen. Drittens mündet das erweitere Wirklichkeitskonzept zwingend in ein erweitertes Konzept von Rationalität. Gerade beim Essen dominiert die Rationalität des vermeintlich Irrationalen. Viertens kann Geschichtswissenschaft helfen, die Bedeutung von Individualität präziser auszuloten. Der Einzelne als Einzelner, zugleich aber Individualität als ein kollektiver Mythos. Schließlich, fünftens, geht es immer auch um Selbstaufklärung von Wissenschaften und anderen Herrschaftsinstitutionen. Die Agrar- und Ernährungswissenschaften erhielten bis zu 50 Prozent der öffentlichen Forschungsgelder während des Nationalsozialismus – und machten fast ungebrochen weiter. Heute dominieren nationalsozialistische Kernbegriffe wieder unsere Debatten: Moral, Achtung, Wertschätzung, Haltung – das trennte damals die „Volksgemeinschaft“ von den „Gemeinschaftsfremden“.

Semantische Illusionen: Essen und Ernährung als Sprach- und Zeitblasen

Nun aber ins engere Feld des Essens und der Ernährung. Es wird erst einmal um die damit verbundenen semantischen Illusionen geben. Dieser sperrige Begriff soll die vielfältigen und stets widersprüchlichen Aussagen über Essen und Ernährung bündeln (zum Hintergrund: Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018). Sprache, so der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767-1835) während der Sattelzeit, „steht ganz eigentlich einem unendlichen und wahrhaft gränzenlosen Gebiete, dem Inbegriff alles Denkbaren, gegenüber. Sie muß daher von endlichen Mitteln einen unendlichen Gebrauch machen“ (Wilhelm v. Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts, Berlin 1836, 106). Unterschiedliche Zeitkorridore sind dabei zentral, denn Sprache ist Zeitcontainer, transportiert Vergangenheit. Wissenschaft, Wirtschaft und Medien haben mit der Tradition der vorindustriellen Zeit gebrochen, doch sie nutzen weiterhin Sprache und Bilder von Erfahrungswelten, die es nicht mehr gibt, die dennoch in Gegenwart und Zukunft hineinragen. Sechs Felder gilt es zu beleuchten.

Attributierungen

Erstens: Essen und Ernährung sind heute nicht mehr konkret, stehen nicht mehr für sich. Sie sind Teil einer semantischen Umfriedung, aus der sie kaum ausbrechen können. Die tägliche Kost ist verwoben mit Attributierungen wie „Kraft“, „Qualität“, „Gesundheit“, „Genuss“ oder gar „Natur“. Dies sind inhaltsleere Platzhalter. Will man Essen und Ernährung verstehen und analysieren, so sind ihre historischen Kontexte zu rekonstruieren. Ziel wäre zugleich eine konkretere Sprache, die mehr bietet als ahnende Sehnsucht nach dem „Guten“, „Echten“, „Urtümlichen“, nach „Bio“, „klimaneutral“ oder „vegan“.

Frischeangebote auf dem Flughafen in San Francisco 2019 (Uwe Spiekermann)

Betrachten wir „Frische“: Das Foto habe ich einst im Vorbeigehen geschossen, damals nicht recht verstanden. Die Frischeangebote sind allesamt hochverarbeitet und hygienisch verpackt. Was aber ist mit „frisch“ gemeint?

„Frische“: Nennungshäufigkeit in Literatur und Publizistik 1600-1999 (erstellt auf Basis von https://www.dwds.de/wb)

Als Attributierung bündelt „Frische“ Wünsche und formuliert Ansprüche. Sie ist eine Aussage über uns und unser Verhältnis zur Welt. Als Kollektivsingular entstand „Frische“ just zur Sattelzeit, etablierte sich seit Gründung des Kaiserreichs als zentrales Bewertungskriterium von Essen und Lebensmitteln, blieb dies bis Ende des Zweiten Weltkrieges, trat dann aber zurück, denn mit dem ubiquitären Einsatz von Kühltechnik wurden die Wünsche und Ansprüche anscheinend erfüllt.

Frische Lebensmittel: Unverarbeitet oder aber handwerkliche Zubereitung (Münchner Tageblatt 1832, Ausg. v. 5. Dezember, 1363 (l.); Neustadter Zeitung 1866, Nr. 264 v. 9. November, 2)

Lebensmittel sind flüchtige Güter. Ihre „Natur“ ist es, auszulaugen, zu verderben, ungenießbar, ja giftig zu werden. „Frische“ beschreibt dagegen einen Zustand, wo wir zulangen können. Es geht nicht um die Dinge, es geht um uns. Die in München (links) angebotenen Importwaren wie Trüffeln oder Polenta-Mehl waren „frisch“, da sie noch unverarbeitet, also unmittelbar nutzbar waren. In den Metzgeranzeigen (rechts) war „frisches“ Fleisch Ergebnis handwerklicher Arbeit. Das war konkret und griffig. Parallel erodierten aber die in Ernterhythmen und Jahreszeiten eingebundenen Versorgungsstrukturen von immer nur temporärer Fülle. Agrarreformen, industrielle Lebensmittelproduktion und zunehmend ausgreifende Handelsnetze führten sie auf leistungsfähigere Ebenen. Herkunft und Qualität der Lebensmittel wurden zum Problem.

Frische als Resultat haushälterischer Arbeit: Weck-Schutzmarke („Tischlein deck dich“ kein Märchen mehr, hg. v. d. J. Weck GmbH, Hanau und Frankfurt/M. 1900, 1)

„Frische“ bedeutete zunehmend Bewahrung, Sicherung von Nährwert und Bekömmlichkeit. Dazu dienten zuerst häusliche Verfahren der Konservierung und „Frischhaltung“. Sie wurden nun aber ergänzt durch den gewerblichen Einsatz von Konservierungsmitteln, von Hitze- und Kältetechnik, von Zwischenlagern und Verpackungen. „Frische“ war ohne Technik und Wissenschaft nicht denkbar, war marktrelevant, Normalität und Ideal zugleich.

Frische durch branchenspezifische Sicherungssysteme: Informationsstand der Hannoverschen Frischei Genossenschaft 1931 (Genossenschaftsblatt 20, 1931, Nr. 13, (2))

Umfassende Frischversorgung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht möglich. Doch einzelne Branchen, etwa die Eierwirtschaft, begannen damals „Frische“ produktspezifisch zu definieren und zu garantieren. All dies sicherte die Grundversorgung, erhöhte zugleich die Ansprüche. „Natur“ wurde umgestellt, an die Nachfrage fremdversorgter Menschen angepasst.

Frische durch technologische Transformation (Hans Mosolff (Hg.), Tiefkühl ABC, Hamburg 1941, 16)

Technischer Fortschritt orientierte sich am Ideal ganzjährig frischer und stets verfügbarer Lebensmittel, veränderte so die Umwelt, die Welt. Den wichtigsten Beitrag zur Versorgung mit frischen Lebensmitteln in der Zwischenkriegszeit bildete die Kühlung und Tiefkühlung von Lebensmitteln. Der massive Eingriff war sowohl stetig, als auch kurz, ultra-kurz, nicht zerstörerisch, stabilisierte scheinbar etwas Gegebenes. Der Aufstieg der kühlen Frische ging einher mit der Durchsetzung stofflichen Wissens in der Bevölkerung, ein hoher Vitamingehalt galt als Garant für „Frische“.

Frische als normierende Fiktion (50 Jahre Selbstbedienung. Sonderausgabe „Dynamik im Handel“, o.O. 1998, 152)

Elektrokühlschränke, Gefriertruhen sowie die Transformation des Handels etablierten dann neue offene Kunsträume, in denen „Frische“ präsentiert und inszeniert wurde. Frische wurde zum Wert an sich, ein positiv stimmender kühl-freudiger Breitbandbegriff. „Frisch“ sollten die Waren sein, „frisch“ aber auch das Leben, ja der Mensch selbst. Die Fassade „frisch“ hilft, die zahllosen unabdingbaren Eingriffe in unsere Lebensmittel vergessen zu machen. Entscheidend ist das Produkt, nicht die Wertschöpfungskette, nicht dessen Geschichte. „Frische“ ist demnach keine unschuldige Attributierung. Sie führt zu überbordenden Anforderungen an Lebensmittel, unser Umfeld und uns selbst, deren Erfüllung enorme Folgekosten mit sich bringt. „Frische“ ist ein Selektionsmodus der Moderne, zugleich ein Bedeutungsfresser, der andere Bewertungen verdrängt. „Frische“ weist zugleich aber zurück auf Verlorenes, ist eine Ursprungssehnsucht, Heimatersatz in einer heimatlosen Welt voller semantischer Illusionen.

Lebensmittel

Zweitens: Mit Wörtern schaffen und ordnen wir die Welt. Sie sind zugleich Träger von Vergangenem, falls es sich nicht um gängige Plastikworte handelt. Der Lebensmittelsektor war jedoch nicht statisch, war geprägt durch neue Produktionsverfahren, neue Rohstoffe, durch stoffliche Substitution. Margarine bestand anfangs aus Rinderfett, in den 1930er Jahren aus Waltran und Billigölen, ist heute meist Container heterogener Pflanzenöle. Konkret: Margarine ist keine Margarine ist keine Margarine.

Aus diesem Grunde sind Lebensmittel ein Hauptkampfplatz von Sprachspielen und Sprachkämpfen. Vegane Wurst unterstreicht dies. Doch solche Häutungen sind nicht neu, wenn sie etwa an nikotinfreie Zigarren in den 1870er oder an alkoholfreies Bier in den 1890er Jahren denken. Die Begriffe transportieren tradierte Werte und Vorstellungen – und die semantische Illusion suggeriert Einheitlichkeit.

Dachbegriff Tomate: Marktangebote Ende der 1930er Jahre und Veränderungen von Standardtomaten 1900, 1920 und 1940 (Martin Kämpfer, Entwicklung und gegenwärtiger Stand des Qualitätsbegriffs bei Gemüse, Landwirtschaftliche Jahrbücher 93, 1944, 523-662, hier 551 (l.), 587)

Das gilt auch für Grundnahrungsmittel, wie etwa die Tomate. Ein einheitlicher Begriff, der Heterogenität überdeckt. Oben sehen Sie gängige Marktangebote der Vorkriegszeit. Tomaten waren Teil der für alle Agrargüter geltenden Züchtungsziele. Dies erhöhte Stoffgehalte, machte die Formen handhabbarer, letztlich auch preiswerter. Doch was ist eine Tomate?

Heutige Tomaten: Breit gefächertes Angebot mit Miniaturisierungen und „alten Sorten“ (Uwe Spiekermann, 2026)

Zielte der Massenkonsum auf billige Grundversorgung, so führt die heutige Marktsegmentierung zu einer neuerlichen Heterogenisierung des homogenen Produktes. Das dient der Wertschöpfung.

Tomaten in Supermarktqualität, als Vorstellung der verarbeiteten Ware, als Rahmen für die Vermarktung uncharismatischer Produkte (Das Beste aus Reader‘s Digest 26, 1973, Nr. 5, 123 (l.); ebd. 22, 1969, Nr. 9, 126)

Zugleich überbrückte die homogene glatte Ware die zunehmend dominante Verarbeitung. Lebensmittel werden Beiwerk, werden Zutaten.

Veränderungen ohne Wissen um die einschlägig verwandten Tomaten: Tomatenmark und Tomatenketchup (Frankfurter Illustrierte 1959, Nr. 20, 59 (l.); Das Beste aus Reader‘s Digest 22, 1969, Nr. 9, 83)

Heutzutage werden bis zu 60 Prozent der in Deutschland konsumierten Tomaten verarbeitet, die Sorten sind dafür optimiert. Etwa 96 Prozent aller hiesigen Tomaten werden importiert, weit mehr als im Kaiserreich. Experten und Politiker begrüßen den wachsenden Gemüsekonsum, doch die Tomate ist keine Tomate ist keine Tomate. Ist solcher Gemüsekonsum wirklich „gesund“ oder „klimafreundlich“?

Speise- und Produktbezeichnungen

Drittens: Moderne arbeitsteilige Gesellschaften gründen auf komplexen wissenschaftlich-technischen Versorgungs- und Wertschöpfungsketten. Doch zugleich wird die Aussagekraft von Speise- und Produktbezeichnungen illusionär. Auch dies allerdings ein alter Hut, wie die Normierung etwas der Speisenbezeichnungen in der Restaurantküche in den 1890er Jahren unterstrich.

Italien in unsere Küchen durch Miracoli („Wunder“): Die Mär von den fremden Spaghetti, von den fremden Maccaroni (Die Neue Verpackung 18, 1965, 1576)

Als Beispiel können Maccaroni dienen. Im frühen 19. Jahrhundert, lange vor dem Einsatz von Extrudern und Formmaschinen, war dies ein Dachbegriff für italienische Nudeln aller Art, nicht wie heute eine kleingezwackte Sorte.

Lange vor dem Massentourismus: Maccaroni-Stand in Neapel (Das Pfennig-Magazin 1, 1833/34, 297)

Selbstverständlich war der Reiz der fremden Küche Teil bürgerlicher Bildung, Neapel war um 1800 Europas drittgrößte Stadt. Dortiges Street Food musste probiert werden, war Teil der Grand Tour.

Abkehr von der schmutzigen Handarbeit auf den Straßen: Maccaronipressen der Nordländer (Dinglers Polytechnisches Journal 159, 1861, Taf. VII (l.); Kick, 1873, II)

Für die Nordländer war dies Exotik, doch zugleich ineffizient, unhygienisch, Ausdruck von Rückständigkeit. Neue, aus der Metallverarbeitung übernommene Technik führte erst in Großbritannien, dann auch in Deutschland seit Mitte der 19. Jahrhunderts zu einer eigenen Maccaroni-Produktion.

Deutsche Maccaroni, besser, billiger und auch mit Eiern (Kölnische Zeitung 1883, Nr. 359 v. 28. Dezember, 8 (o.); Karlsruher Tagblatt 1887, Nr. 162 v. 16. Juni, 2109)

Maccaroni wurden dadurch spätestens in den 1880er Jahren deutsch. Die neue Waren war haltbar und maschinell gefertigt, obsiegten auf internationalen Ausstellungen gegen die italienische Konkurrenz. Anfangs noch aus russischer und italienischer Rohware gefertigt, wurde zunehmend auch deutscher Hartweizengries verarbeitet. Und man verbesserte weiter, teils durch Proteinzusätze, teils durch die für deutsche Nudeln ja häufig verwandten Eier.

Maccaroni als reichsweit präsenter Markenartikel (Die Woche 13, 1911, 4. S. v. 1451)

Maccaroni sind demnach seit hundertfünfzig Jahren deutsch, ein Markenartikel, industriell gefertigt, sauber, appetitlich und billig.

Alltagspräsenz qua Humor (Kölner Local-Anzeiger 1912, Nr. 75 v. 18. März, 11; Humor-Bacillen 2, 1892, Nr. 69, 4)

All die Witze der 1950er und 1960er Jahre, der komplexe Umgang mit den Maccaroni/Spaghetti, waren gängig schon im Kaiserreich. Und doch erzählten meine Eltern immer gern von ihren frühen kulinarischen Erfahrungen in Italien – es handelte sich um Illusionstheater, immer wieder aufgewärmt, so wie abendliche Nudeln. Maccaroni/Spaghetti sind semantische Illusionen, deren Herkunft und „Originalität“ nur dank historischen Vergessens funktioniert.

Chemische Stoffe

Viertens: Wohlan, es gibt vielleicht noch festen Grund, gibt es doch die Naturwissenschaften. Schon der Begriff verdeutlicht allerdings fehlende Reflektion, denn Natur ist eine kulturelle Konstruktion. Dennoch folgen wir willig ihren kaum verstandenen Modellannahmen.

Vitamine als lenkender und markt-ordnender Mythos (Die Volksernährung 5, 1930, 308 (l.); Hermann Ertel, Die gesundheitliche Bedeutung der Ernährung, in: Hans Reiter und Joh[annes] Berger (Hg.), Deutsches Gold. Gesundes Leben – Frohes Schaffen, München 1942, 105-129, hier 108)

Betrachten wir „Vitamine“: Schon seit der 1911 erfolgten Benennung dieser neuen Gruppe lebensnotwendiger und krankheitsverhindernder Stoffe kritisierten gerade Naturwissenschaftlern den Begriff – und spätestens seit den 1930er Jahren werden die A-B-C-D-E-Hülsen fachlich kaum mehr verwandt. Doch dem bis heute währenden Lockreiz tat das kaum Abbruch. Zentral war hierbei das Liebigsche Minimumgesetz, nach dem Stoffe erst im Verbund wirken, Kleinstmangel große Folgen hat. Dennoch schienen die neuen Lebensstoffe sonnenhoch über der tradierten kalorischen Kost.

Vitamine: Gezielte Lebensmittelauswahl erlaubt Prävention, verhindert Krankheiten (Deutscher Reichsanzeiger 1923, Nr. 44 v. 21. Februar, s.p. (l.); Die Ernährung der Pflanze 28, 1932, 332)

Die Benennung der Vitamine veränderte Forschung, Wirtschaft und Ernährungsalltag. Lebensmittel wurden verstärkt nach Stoffgehalten bewertet und vermarktet. Ernährung mutierte zur Krankheitsverhinderung und Prävention. Die wachsende Zahl essenzieller Stoffe fütterte Expertensysteme, die Auskunft über die „richtige“ Ernährung gaben, tradiertes Alltagswissen zugleich entwerteten. Breiteres Wissen über die „Lebensstoffe” ging einher mit schwindender Beachtung der Erfahrung, des historisch konkreten Lebens und Essens.

Gutes und völkisch wertvolles Leben durch Vitaminzufuhr (V.l.n.r.: Bremer Zeitung 1942, Nr. 28 v. 28. Januar, 4; ebd., Nr. 92 v. 2. April, 4; Simplicissimus 47, 1942, 127; ebd., 42)

Die Synthese erster Vitamine führte vor allem während des Krieges zu neuen Darreichungsformen, geadelt durch Attributierungen fast jeder Art. Kraft, Entspannung, Arbeitsfreude, Leistungsfähigkeit waren aber zugleich Teil des Wehrschaffens der Volksgemeinschaft. Parallel erfolgte eine nie wieder erreichte Vitaminpolitik für die Arbeits-, Wehr- und Gebärsstände.

Vitaminisierung: Lebensmittel als variable Stoffcontainer (V.l.n.r.: Deutsche Handels-Rundschau 1941, Nr. 19, II; Hamburger Abendblatt 1952, Nr. 265 v. 13. November, 8; Stern 1962, H. 14, 94; Revue 1963, Nr. 10, 3)

Vitamine adelten seither auch industriell verarbeitete Produkte, rundeten sie ab, machten sie „gesund”. Folge war eine zunehmende Beliebigkeit der Lebensmittel, war eine Unterminierung ihrer tradierten Funktionen und Werte.

Kräftigung und Performance: Vitaminpräparate (Revue 1960, Nr. 20, 57 (l.): Der Spiegel 1954; Nr. 39 v. 22. September, 31)

Die Isolierung der Vitamine erlaubten scheinbar die Korrektur jeglicher Einseitigkeiten der Alltagskost. Ein kommerzieller Bypass. Gesundes war einfach käuflich, alles machbar, ohne eigene Anstrengung. Semantische Illusionen beförderten Wandel, die Abkehr vom täglichen Kochen, einer saisonalen und regionalen Nahrungsauswahl.

Fake History

Fünftens: Schon lange vor den heutigen KI-Debatten über die künstliche Neuschaffung der Vergangenheit war Fake History gängig.

Das Backpulver wurde von Dr. Oetker eingeführt, gar erfunden!?? (V. l. n. r.: Hamburger Nachrichten 1869, Nr. 84 v. 9. Februar, 7; Bonner Zeitung 1879, Nr. 270 v. 2. Oktober, 1090; General-Anzeiger für Elberfeld-Barmen 1896, Nr. 93 v. 21. April, 8)

Dies erfolgte zum einen über die Werbung, durch eine Überdosierung geglaubter Geschichten. Auch wenn ich eigentlich vorab hätte fragen müssen: Wer hat das Backpulver eingeführt, gar erfunden, so bin ich sicher das die Marktmacht von Dr. Oetker die gewünschte Antwort bewirkt hätte. Doch das wäre Fake History. Backpulver wurde hierzulande Ende der 1860er Jahre von Justus Liebig und seinem Schüler Eben Norton Horsford eingeführt. Ein Durchbruch unterblieb, doch in den Folgejahrzehnten offerierten leistungsfähige und reichsweit agierende Unternehmen all das, was August Oetker von ihnen Anfang der 1890er Jahre abkupferte.

Tiefkühlkost ist eine Innovation der Wirtschaftswunderzeit!?? (Hakenkreuzbanner 1941, Nr. 88 v. 29. März, 8 (l.); Hannoverscher Kurier 1941, Nr. 84 v. 5. März, 6)

Gängig sind zudem Narrative, durch die ein Bezug auf die für die Nachkriegsernährung konstitutive NS-Zeit getilgt wird. Das Deutsche Tiefkühl-Institut feierte im letzten Jahr freudig 70 Jahre Tiefkühlkost. Dabei waren die damaligen Akteure zumeist schon Teil der nationalsozialistischen Großraumwirtschaft, der Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung und Wehrmacht durch Frischwaren besetzter und kooperierender Staaten. Entsprechende Fake History ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Reform- und Alternativwirtschaft

Sechstens: Beendeten möchte ich diesen Abschnitt mit Blick auf die Reform- und Alternativwirtschaft. Diese Bannerträgerin einer zukünftigen Umgestaltung des Bestehenden scheitert daran ja ebenso verlässlich. Sie gleicht darin der öffentlichen Ernährungskommunikation, die seit einhundert Jahren berechenbar ihren selbstgesetzten Zielen nicht erreicht, zur historischen Selbstreflektion dennoch nicht in der Lage ist. Scheitern mündet in intensiviertes und noch lukrativeres Weiter-so.

Gesunde Reformkost per Versandgeschäft vor dem Ersten Weltkrieg (Vegetarische Warte 46, 1913, s.p.)

Eine breite, anfangs aber deutlich kleinere Alternativwirtschaft gibt es seit eineinviertel Jahrhundert. Die Abkehr vom verderblichen Genuss des Animalischen und das Flaggenwort Gesundheit dominierten. Die Angebotspalette war breit, konzentrierte sich auf Getreideprodukte, etwa das neu entstandene Vollkornbrot, auf Pasten und Konzentrate oder auch auf Süßwaren. In all diesen Segmenten wurde man Schrittmacher für den Massenmarkt – und das gilt bis heute.

Fleischersatz als gängiges Angebot vor dem Ersten Weltkrieg (Deutscher Reichsanzeiger 1913, Nr. 126 v. 30. Mai, 17 (l.); ebd. 1916, Nr. 224 v. 22. September, 12)

Heute gängige Segmente wie etwa Fleischersatzprodukte waren schon in den Anfängen üblich, denn trotz der vielbeschworenen Natürlichkeit ging es auch damals bereits um High-Tech-Produkte.

Nischenprodukt Fleischersatz? Thronfolger Franz Ferdinand besucht einen Karna-Verkaufspavillon im Wienerwald (Neues Wiener Journal 1912, Nr. 6569 v. 6. Februar, 13 (l.); ebd., Nr. 6697 v. 16. Juni, 24)

Der Alternativsektor war klein – aber bildungsbürgerlich und lautstark. Entsprechend wirkten die Anbieter weit über die nur geringe Zahl der Vegetarier. Die Neuform, die Dachorganisation des Alternativhandels, hatte in den 1930er Jahren rund 2.000 Filialen.

Alternative wozu? Bioprodukte des Jahres 2024 (Schrot & Korn 2024, Nr. 1, 34)

Ich will und kann nicht vertiefen, doch auf drei Punkte verweisen: Erstens werden gerade bei der Vermarktung die agrarischen Restbestände immer wieder revitalisiert, obwohl Biolandwirtschaft eine begrüßenswerte Fortentwicklung der konventionellen Landwirtschaft bildet. Zweitens ignoriert die fehlende historische Selbstreflektion die enge, ja symbiotische Beziehung mit der sonstigen „konventionellen” Ernährungswirtschaft. Die jährlich prämierten besten Bioangebote unterscheiden sich in Preis und Rohstoffqualität vom Standardangebot, doch eine Alternative bieten sie nicht. Drittens aber überdecken die schönen Bilder das Kernproblem, dass nämlich mehr als ein Jahrhundert alternativer Angebote nicht zu einem Wandel in Produktion und Konsum geführt haben. Man setzt auf die Zukunft, die lichte, wird als Nische für betuchtere Kreise auch weiterhin von der ökologischen Zukunft sprechen, während rundum der Grundlagen erodieren.

Bereicherungsökonomie: Ästhetisierung und Geschichtsfälschung zwecks Wertschöpfung

Es folgt der vierte Abschnitt, ein zweiter, deutlich kürzerer inhaltlicher Teil. Für einen Sozial- und Wirtschaftshistoriker kann es eben nie nur um Sprachspiele gehen, sind die materiellen, die politik-ökonomischen Grundlagen doch mindestens gleichrangig. „Bereicherungsökonomie” ist ein recht neues, gleichermaßen von Soziologen und Ökonomen entwickeltes Konzept (Luc Boltanski, Arnaud Esquerre, Bereicherung. Eine Kritik der Ware, Berlin 2018; Ha-Joon Chang, Edible Economics. A Hungry Economist Explains the World, Dublin 2022). Die Kernpunkte sind einfach und überzeugend, werden allerdings nicht historisiert. Bereicherungsökonomie ist demnach Konsequenz eines veränderten Industriekapitalismus und des lange gängigen Massenkonsums. Wertschöpfung erfolgt durch die Heterogenisierung homogener Güter – denken sie etwa an Wasser – und die Umdeutung der Deindustrialisierung in Chancen für neuen Wohlstand. Das Ländliche, Handwerkliche, Alte wird aufgewertet, Vergangenheit und Traditionen hervorgehoben und ästhetisiert. Pointiert: Wohlig stinkender Käse wird zum Ausdruck handwerklicher Könnerschaft. All das ist angebunden an die Plattformökonomien. Regionale Traditionen machen Kunsthandwerk und Sammeln attraktiv, bereichern den Tourismus, ermöglichen Ausstellungen, leiten die Trends bei Landlust, Manufactum und vielen anderen. 15 bis 20 Prozent des BIP sollen dadurch möglich sein.

Storytelling: Rumvermarktung trotz fehlenden Porträts: Georg Stade, aus Peine stammender Gründer der West Indies Rum Refinery, Barbados (1893) wird gefunden und gemalt (Rufus Frost Herrick, Denaturated or industrial Alcohol, New York 1907, 33; https://maisonferrand.com/brand/stades-rum)

All das reicht von Slow Food Festivals bis hin zum einfachen Storytelling. Dafür ein schlagendes Beispiel: Der im französischem Besitz befindliche Marktführer von Rum auf Barbados beschloss vor sechs Jahren seine Produktpalette zu ändern, verstärkt Markenartikel anzubieten. Vom Gründer, dem deutschen Zivilingenieur Georg Stade, gab es jedoch kein Foto. Man wusste aber um ein älteres Betriebsfoto von Geo. Stade & Co., sah darauf einen unpassenden Herrn mit Melone, ließ ein schmeichelndes Gemälde anfertigen.

Der Außenblick des Konsumenten: Stade’s Rum West Indies Rum Distillery, Barbados (Teil von Maison Ferrand, Paris), 85%iger Marktanteil aller Rum-Getränke aus Barbados (https://maisonferrand.com/brand/stades-rum)

Das bildete den Hintergrund für den Produktlaunch von „Stade‘s Rum“ – und nun hieß es „The Legend lives again“. Drei Facetten derartiger Bereicherungsökonomie will ich ihnen vorstellen, auch um die Breite des veränderten Umgangs mit Geschichte zu verdeutlichen.

Arbeit und Könnerschaft

Erstens: Die Adelung handwerklicher Könnerschaft ist nicht neu, hat – parallel zur Schutzzollpolitik – das tradierte Lebensmittelhandwerk hierzulande lange unterstützt. Dennoch ist die Zahl der Betriebe seit dem Kaiserreich auf etwa acht Prozent geschrumpft. Stärker noch war der Bedeutungsverlust der Landwirtschaft. Auch wenn Deutschland seit den 1890er Jahren Industriestaat wurde, gab es im Primärsektor noch 1933 mehr Beschäftige als im Gewerbe. Heute liegt der Anteil je nach Erhebungsmethode bei 1,2 oder aber 1,9 Prozent.

Regionale „Originale“ werben für Tetrapak-Verpackungen (Der Verbraucher 27, 1973, Nr. 21, 29)

Die Folge der massiven Umwälzungen war eine Entwertung handwerklicher und landwirtschaftlicher Arbeit. Hier sehen sie den Wurzelsepp als Werbefigur, die Trachtendame als Restposten.

Unbekannte Vergangenheit, Emotionalisierung, Handarbeit (https://xn--traditionsbcker-blb.de/wir-feiern-unser-brot-aus-tradition-mit-liebe/)

Heutige Bereicherungsökonomie versucht gegenzuhalten – wir können entsprechenden Bildern nicht entgehen. Doch Tradition hat an sich keinen Wert, Begriffe wie Echt und Liebe können mehr sein als emotionalisierende Werbebezeichnungen. Auch Handarbeit hat seine Makel. Solche schönen Bilder beziehen sich auf eine irreale, historisch nicht recht nachweisbare Vergangenheit und Handwerkskunst. Sie sind eben nicht echt.

Moderner Hofladen mit Artefakten längst ausgesonderter Arbeitsgeräte (https://geheimtippmuenchen.de/geheimtipp/schwabinger-hofladen-regional-bio-ehrlich-ein-einkaufserlebnis/)

Das gilt ähnlich für die Direktvermarktung landwirtschaftlicher Güter. Vergangenheit wird inszeniert, die Fron des früheren Alltags verkitscht. Das klingt einseitig, gewiss. Doch die Bereicherungsökonomie ist ja eine Defensivreaktion auf strukturelle politik-ökonomische Wandlungen. Und abseits der nur imaginierten Geschichte ist zu fragen, ob nicht veränderte Politiken, veränderte wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, eine stärkere Gewichtung materieller Grundlagen wichtiger wären. Aber es scheint ertragreicher, Bananen im Hofladen zu verkaufen…

Zukunftsträume statt historisch reflektierter Menschenverstand

Zweitens: Bereicherungsökonomie verschiebt zeitliche Bezüge aber auch im großen Ganzen. Wir reden zunehmend über Zukunft, denn dort ist noch alles möglich. Kritische Rückfragen auf Basis der Erfahrung der großen Mehrzahl der Toten, der Alten, sie unterbleiben. Das führt zu massiven Fehlallokationen, zum kopfschüttelnden Abwenden.

Jeder Trend bricht – doch die Kurven in die Zukunft zeigen stetiges Wachstum (https://www.sphericalinsights.com/de/reports/vegan-food-market)

Dazu kein Bild, sondern eine der gängigen Zukunftsinszenierungen. Seit zwanzig Jahren werden Markterwartungen zunehmend interpoliert, in die Zukunft fortgeschrieben. Produzenten und Lohnschreiber applaudieren.

Historisch gebrochene Trends: Erfahrungswissen bleibt ohne Widerhall (Uwe Spiekermann, Propheten und Apokalyptiker. Ein Rückblick auf die Diskussion über grüne Gen­tech­nik im späten 20. Jahrhundert, Mitteilungen des Internationaler Arbeitskreis für Kultur­for­schung des Es­sens 6, 2000, 30-46, hier 33 (o.); Dirk Bessau, Nadine Hoppe und Thomas Lehr, Chancen und Risiken des Functional Food Marktes. Historische Entwicklung, Rechtslage, Entwicklungstendenzen und Unternehmensstrategien, s. l. 2002, 11)

Doch Trends brechen – zwingend. Denken Sie an die früheren Megatrends Mood Food, Nutrigenomics oder Nanotechnologie. Blicken Sie auf diese beiden Zukunftsprognosen zur Gentechnik oder aber dem wichtigsten Segment von Functional Food – und urteilen Sie selbst über die Rationalität entsprechend zukunftsaffiner „Experten“.

Geschichte als Steinbruch

Der dritte und letzte Aspekt ist dagegen nicht neu. Doch die Nutzung von Geschichte als Steinbruch wird in den Bildwelten unserer Zeit einfacher und üblich.

Kriegspropaganda für vegetarische Ernährung: J. Howard Millers „Rosie the Riveter“-Plakat für Westinghouse (1943) und Werbung für die Veggienale 2025 (WikiCommons (l.); Schrot & Korn 2025, Nr. 10, 64)

Historische Sachverhalte werden zunehmend aus ihren Kontexten gelöst, zu neuen Memen verdichtet, beliebig neu gefüllt. Hier dient etwa eine Propagandaplakat des Zweiten Weltkrieges leicht verändert der Anpreisung einer Lebensmittelmesse. Das mag in unsere militarisierte Gegenwart passen, in gängiges Freund-Feind-Denken. Doch es sagt vor allem etwas über die Verbreiter solcher Umdeutungen, nichts über die Angebote.

Kommerz und Traditionspflege beim FC St. Pauli (https://www.rindchen.de/weine/topkategorien/kein-wein-den-faschisten)

Wie abstrus derartige Bereicherungsökonomie sein kann, sehen Sie hier: „Kein Wein den Faschisten“ heißt es beim Absteigers FC St. Pauli, angeboten wird zugleich „Antifaschistenwein”. Für die Vermarktung wird auf den revolutionären antifaschistischen Kampf in Spanien oder auch hierzulande verwiesen. Nichts von dessen kläglichem Scheitern, nichts von den Verbrechen auch der roten Kämpfer; und nichts über den Wein.

Kann man etwas tun – und sollte man etwas tun?

Weiten wir am Ende nochmals den Blick.

Erstens: Wissenschaft ist unverzichtbar, hat aber nicht die Aufgabe von Führung. Sie spiegelt und verändert die Gegenwart, kann Szenarien und Prognosen entwickeln, uns Klarheit über die Folgen unseres Tuns gaben – mehr aber nicht. „Follow the Science“ ist autoritär und antidemokratisch, lenkt ab von der bestehenden Pluralität der Wissenschaft, vor allem aber von fehlenden gesellschaftlichen Debatten.

Zweitens: Geschichtswissenschaft verweigert sich im Idealfall den Illusionen der Gegenwart, den Anspruchshaltungen der Zukunft. In Bezug auf die jeweilige Art des Essens und der Ernährung ist sie eine Putzkolonne. Zu fragen ist dabei: Wie und auf welche Weise wird Geschichte weitergetragen, wie verstehen wir sie, wie kann man die Mythenstrukturen durchbrechen – und damit mehr über Essen und Ernährung in Erfahrung bringen. Heute legt sich Zitat legt sich über Zitat über Zitat. Doch es gilt, zu den Quellen zurückzufinden, sie zu überprüfen und damit die „Realität“ zu hinterfragen, eine, die zumeist einer Überprüfung nicht standhält.

Drittens: Menschen sind – auch heute noch – verankert, haben ihre eigene Historie. Sie leben abseits der „Realität“, in eigenen Zeitkorridoren, haben einen eigenen Lebenswillen, sind befähigt, in einer unwirtlichen, in einer zunehmend unhaltbaren Welt zu überleben. Sie werden sich einrichten, auch in etwas anderem, abseits der Illusionen einer Welt der sozial-ökologischen Transformation, den heute noch dominanten Zukunftsträumen und Geschichtserzählungen von absterbenden, nur noch medial dominanten Generationen (Ingolfur Blühdorn, Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Berlin 2024).

Viertens: Wir sind Teil dieses Wandels, denn der Begriff des Fortschritts passt nicht mehr. Doch auch das ist nicht neu: Goethe schrieb 1825 an seinen Freund Carl Friedrich Zelter: „Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet. […] Laß uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir her ankamen; wir werden, mit vielleicht wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die sobald nicht wiederkehrt“ (Schreiben v. 6. Juni 1825, in: Ernst Beutler (Hg.), Johann Wolfgang Goethe. Gedenkausgabe, Zürich 1950, 632-634, hier 634). Das gilt für mich in meiner Funktion, das gilt für uns Zeitgenossen. Nicht Trauer sollte uns dabei lenken, sondern die nüchterne Erkenntnis, dass andere Zeiten angebrochen sind. Wir stehen vor Aufgaben fernab des bürgerlichen „Lifestyles“ einer Gesellschaft, die sich in selbstgewebten Geschichten verfangen hat und diese Knäuel nicht mehr zu entwirren weiß.

Uwe Spiekermann, 8. August 2026

Der vorliegende Beitrag ist eine leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Sommerakademie „Mahlzeit! Koch- und Esskultur zwischen Überleben und Lifestyle“ der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart am 1. August 2026.