Alkoholfreies Bier wurde um die Jahrhundertwende intensiv und kontrovers diskutiert. Einerseits verkörperte es die in deutschen Landen seit dem späten 18. Jahrhundert praktizierte Ersatzmittelproduktion. Anfangs wurden teure Kolonialwaren wie Kaffee, Tabak und Rohzucker durch heimische Kunstprodukte substituiert, doch seit den 1870er Jahren begann man zudem Schad- und Suchtstoffe aus Zigarren und Kaffee zu entfernen. Was lange als alltagsferne Chemikerspielerei galt, war um die Jahrhundertwende marktgängig. Alkoholfreies Bier war anderseits ein Hilfsmittel der seit den 1880er Jahren intensivierten Antialkoholpolitik. Staat, Kirchen und Temperenzvereine zielten auf ein Ende der durch billigen Kartoffelschnaps hervorgerufenen „Branntweinpest“. Zügellosigkeit, Haltlosigkeit und Degeneration drangen offenbar vor, fast zwei Drittel des Alkoholkonsums gingen auf das Konto von Spirituosen. Bier und auch Wein galten dagegen lange als „moderate“ Getränke. Bier konnte dem Trinker den Übergang zum gesünderen Leben erleichtern, zumal der Alkoholgehalt im späten 19. Jahrhundert lediglich zwischen drei und vier Prozent lag. Im Gegensatz zum schnellen berauschenden Schuss des Schnapses war der Gerstensaft zudem ein Nährmittel, damit Teil der Alltagskost. Bier materialisierte Ruhe und Geselligkeit, regte die Lebensgeister, erfrischte im Sommer, löschte den Durst nach körperlicher Arbeit. Der Biertrinker mochte nach Ansicht der vornehmlich bürgerlichen Temperenzler faul und träge sein, doch anders als der Trunkenbold, der Säufer, galt er nicht als halt- und charakterloses Subjekt, musste nicht vorrangig therapiert, sondern konnte in die richtige, die mäßige Richtung gelenkt werden.
Alkoholfreies Bier sollte diesen Übergang vereinfachen. Anderes Trinken, nicht anders Trinken schien eine wichtige Strategie für die Abkehr vom Alkohol. Entsprechend entstanden 1895/96 mehrere technisch elaborierte Verfahren zur Produktion eines Bieres ohne Alkohol, aus denen Valentin Lapps „Original alkoholfreies Bier“ herausragte. Drei Probleme verhinderten jedoch den Durchbruch zum Massenmarkt. Erstens schmeckten die neuen alkoholfreien Biere anders, fielen gegenüber den gängigen süffigen Biere ab. Zweitens waren sie teurer, aufgrund des geringen Konsums vielfach auch nur als Flaschenbier erhältlich, also weniger frisch und mit geringerem Kohlensäuregehalt. Drittens trafen die anfangs von kundigen Brauern entwickelten alkoholfreien Biere auf die fast einstimmige Ablehnung der eigenen Kollegen. Die Repräsentanten der Brauwirtschaft sahen kein Bedürfnis für einen solchen Bierersatz: Ein wenig Alkohol sei kein Problem, sei vielmehr Ausdruck von Lebensfreude und Selbstgenügsamkeit. Bier sei ein Gärungsprodukt, alkoholfreies Bier also eine Contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich.
Diese strikte Opposition der Brauereien gegen das neue alkoholfreie Bier sollte sich vor dem Ersten Weltkrieg jedoch langsam aufweichen – und just darum wird es in diesem Artikel gehen. Das „alkoholfreie Bier“ Trinkmit der Bochumer Schlegel-Brauerei wurde erstmals 1910 angeboten. Es war eine moderate, ökonomisch-pragmatische Reaktion auf den raschen Bedeutungsgewinn alkoholfreier Getränke, wie Limonaden und Brausen. Die Markteinführung stand zudem im Schatten der Pionierarbeit vieler kleiner Spezialanbieter, etwa der 1903 gegründeten American German Hopkos Company. Dieses Hamburger Franchiseunternehmen scheiterte rasch, verwies jedoch auf die nicht unbeträchtlichen Marktchancen gezielt beworbener alkoholfreier Getränke aus Hopfen, Malz und Kohlensäure.
Brauereien, Dienstleister und alkoholfreies Bier
Nach der Jahrhundertwende waren die Konturen sowohl des Marktes als auch der öffentlichen Debatten in sich widersprüchlich. Seit 1896 gab es offenkundig „alkoholfreies Bier“. Doch dieser Dachbegriff bezeichnete sehr unterschiedliche Getränke: „Bassara“ der Kasseler Firma Dr. Hilgenberg Nachf. war ein Name, nicht mehr. Zutaten und Rezeptur waren unbekannt, der englische Markt Zielpunkt, die dortigen Ingwer- und Root-Biere Vorbilder. „Frada“ wurde seit 1896 als „alkoholfreies Bier“ „aus fertigem, vergorenen, also ächtem Bier, durch mechanische Entziehung des Alkohols hergestellt“ (Badische Presse 1900, Nr. 140, Nr. 140 v. 20. Juni, 4). Das Verfahren hatte der Chemiker Walther Nägeli (1851-1919) in seiner in Mainz-Mombach gelegenen Konservenfirma entwickelt, es war Teil einer Dachmarke weiterer alkoholfreier Getränke. Der Geschmack Fradas variierte, konnte also offenbar nicht standardisiert werden. Das „Original alkoholfreie Bier“ des Leipziger Brauerbesitzers Valentin Lapp (1856-1908) bestand dagegen aus zerkleinertem, erhitztem, mit Diastase versetztem und dann gekochtem Malz, das anschließend mit Hopfen und Kohlensäure gesättigt wurde (Alkoholfreies Bier, Hopfen-Kurier 18, 1898, Nr. 21, 3-4). Die Bierwürze wurde also nicht vergoren, eine alkoholische Gärung fand nicht statt. Doch das neue Getränk war vollmundig und schäumend, wurde in standardisierter Qualität produziert. Lapp musste zudem Brausteuer bezahlen, sein „Bier“ daher fiskalisch Bier.

Sprachspiele: Aus Münchener alkoholfreiem Bier wird Münchener Bierwürze, alkoholfrei (Allgemeine Zeitung 1898, Nr. 336 v. 4. Dezember, 12)
Diese neuen Produkte stießen auf gellenden Widerspruch der Brauwirtschaft, zumal im bayerischen Braugebiet. Dort wurde die Vermarktung als „alkoholfreies Bier“ untersagt, obwohl just der Direktor der Münchener Brauerschule Karl Michel (1836-1922) ein solches Getränk 1898 entwickelt hatte. Die Brauereiverbände stellten klar: „Es gibt überhaupt kein alkoholfreies Bier und auch keinen alkoholfreien Wein. Wird dem Bier oder dem Wein der Alkoholgehalt auf irgend eine Weise entzogen, so ist der Rückstand weder Bier noch Wein, sondern nur wasserhaltiger Bier- oder Weinextrakt. Durch die Entfernung des Alkohols wird das Getränke in seiner Wirkung total verändert“ („Alkoholfreies Bier“, Gambrinus 30, 1903, 915). Wie schon angesichts früherer Ersatzmittel, wie heutzutage im Umgang mit vermeintlich alternativer „veganer Wurst“, beharrte die etablierte Konkurrenz auf ihrer Definitionsmacht: „Alkoholfreie Getränke haben keinen Anspruch, Wein oder Bier genannt zu werden. Wenn dieses doch der Fall wäre, so könnte demnächst auch alkoholfreier Kognak, Rum oder gar Spiritus angeboten werden; das wäre doch der höhere Blödsinn“ (Karl Langsdorf, Zur Alkoholfrage, Bayerisches Brauer-Journal 15, 1905, 4-6, hier 4). Nicht technischer Entzug, sondern selbstverantwortlicher Umgang mit Alkohol sei das Gebot, die Etablierung des rechten Maßes Aufgabe des Erwachsenen. Das Brauen sei eine bis weit ins 16. Jahrhundert zurückreichende Kulturtechnik, die neue alkoholfreie Konkurrenz dagegen Ausgeburt der schwarzen Kunst der Chemie: „Fast alle sind technisch unvollkommen, von miserablem Geschmack, viele enthalten auch eine nicht unbeträchtliche Menge Alkohol, in manchen wurden konservierende Zusätze, wie Salizylsäure, vorgefunden“ (Wlad[imir] Cihák, Der Kampf gegen den Alkohol (Schluß.), Bayerisches Brauer-Journal 16, 1906, 348-350, hier 349).

Wissensbasierte Dienstleistungen: Herstellungsrechte und Lizenzen (General-Anzeiger für Essen und Umgebung 1904, Nr. 92 v. 23. April, 8 (l.); Bielefelder General-Anzeiger 1907, Nr. 196 v. 22. August, 4)
Die Folge dieses Daseins und nicht Daseins war einerseits ein fast vollständiger Stopp der Entwicklungsarbeit innerhalb des Braugewerbes. Anderseits stellte dies die Innovationskraft des rasch wachsenden Marktes nicht still. Kleine Nischenproduzenten entwickelten auch ohne fundierte Fachbildung neue Produkte, neue Verfahren, präsentierten diese mit Verve und Werbung, machten häufig ein schnelle Mark, scheiterten aber im Regelfall nach nur kurzer Zeit. Ursächlich hierfür waren nicht nur schlechter Geschmack und nachweisbare Alkoholgehalte, sondern insbesondere die Marktmacht der Brauereien: Der wichtigste Vertriebskanal, die Gaststätten und Kneipen, war vertraglich meist an einzelne Alkoholproduzenten gebunden. Anbieter alkoholfreier Getränke mussten demnach andere (und teurere) Vertriebswege aufbauen. Bringdienste, Versandhandel und das Abziehen auf Flaschen für den Getränke- und Kolonialwarenhandel waren kapitalintensiv, so dass alkoholfreie Getränke entweder qualitativ minderwertig oder aber deutlich teurerer waren als die gängigen Biersorten. Gerade für bierähnliche alkoholfreie Getränke war dies ein Malus, während sich Limonaden wie die Bilz-Brause resp. Sinalco, Apfelsäfte wie Pomril oder Poetko oder auch Zitronensäfte wie Citril kurz nach der Jahrhundertwende etablieren konnten. Sie waren Ergänzungen, alkoholfreie Biere dagegen Konkurrenten.
Die hier nur angedeuteten Kontroversen und die hitzigen, auch von Nahrungsmittelchemikern mitbestimmten Debatten hatten jedoch Folgen. Zum einen führte der Wildwuchs der frühen Jahre zu genaueren Produktion- und Geschmacksprofilen alkoholfreier Biere, die just kleinere Tüftler in Richtung des erhofften Markterfolges lenkten: „1. Der Geschmack muß mehr oder weniger bitter, jedenfalls herzhaft und nicht fade sein. 2. Der Geruch muß ein gewisses Aroma zeigen. 3. Der Kohlesäuregehalt, welcher die erfrischen Wirkung bedingt, muß festgebunden sein. Hauptsächlich soll das Bier eine anregende Wirkung besitzen“ (Pharmaceutische Praxis 1, 1902, 321). Diese Zielsetzungen übernahmen vereinzelte Brauer: Der Pionier Valentin Lapp entwickelte bis zu seinem Tode immer wieder neue Verfahren, just um Alkoholfreiheit, Geschmack und Textur in Einklang zu bringen (Alkoholfreie Getränke, Münchner Neueste Nachrichten 1905, Nr. 423 v. 11. September, General-Anzeiger, 12). Trotz der öffentlich weiterhin strikt ablehnenden Haltung der Brauwirtschaft wuchs untergründig das Interesse an verbesserten Verfahren: „Vielleicht erleben wir noch, daß auch unsere Brauereien alkoholfreies Bier herstellen“ (Im Reiche der Gastronomie. III., General-Anzeiger für Dortmund und die Provinz Westfalen 1907, Nr. 126 v. 8. Mai, 5).

Startups in einen Zukunftsmarkt: Angebote alkoholfreier Brauerei (Hamburger Fremdenblatt 1900, Nr. 142 v. 21. Juni, 14 (l.); Berliner Tageblatt 1905, Nr. 509 v. 6. Oktober, 12)
Die Brauereien überlegten, kleine Dienstleister handelten. Sie entwickelten vielgestaltige Rezepturen und Verfahren, die sie seit den frühen 1900er Jahren mit der Suggestion möglicher großer Markterfolge just Brauereien andienten. Die mächtigen und finanzstarken Großbetriebe konnten Produktideen und Verfahren kaufen. Sie waren zugleich aber aufgrund hohen Transportkosten und zumeist bestehenden Preis- und Mengenkartelle vom Produktwettbewerb vielfach abgeschottet. Man agierte selbstbezüglich, fern vom Konsumenten. Bezeichnend hierfür war das 1906 im gesamten deutschen Braugebiet durchgesetzte Reinheitsgebot. Dadurch wurden die zuvor insbesondere im Norddeutschen Braugebiet gängigen Zusatzstoffe, Süss- und Konservierungsmittel untersagt, dies mit der höheren Qualität des „reinen“ Bieres begründet, das irreführend als „bayerisches“, als „deutsches“ Getränk mit lang zurückreichender Tradition präsentiert wurde. Bier wurde zum Produkt einer technisch versierten Brauerelite, die ihre Vorstellungen vom Produkt den Konsumenten überstülpte. Es ging ihnen vorrangig um Qualitätssicherung, um die Durchsetzung des untergärigen Bieres, nicht mehr um konsequente Produktentwicklung. Marktmacht sicherte stete und hohe Gewinne, der Konsument würde schon zulangen. Und das tat er, gedrängt durch eine im selbstzufriedenen Kunstschlaf ruhende Branche, die zwar ihre Technik stetig verbesserte, kaum aber ihre Produkte.
Ergänzungen der Angebotspaletten
Gleichwohl gärte es auch innerhalb der Branche. 1900 hatte der Bierkonsum im deutschen Zollgebiet noch bei 121 Litern pro Kopf gelegen. Schon vor der ersten Steuererhöhung 1906 war der Wert auf 112 Liter gesunken, um nach der kräftigen Steuererhöhung 1909 auf 99 Liter zu sinken. Im Norddeutschen Brauereigebiet war der Rückgang überdurchschnittlich. Die Brauwirtschaft klagte über den Steuerstaat, machte aber auch den wachsenden Konsum von Limonaden und anderen alkoholfreien Getränken für den Konsumrückgang verantwortlich. Als Gegenmittel setzte man auf seit langem bekannte alkoholärmere Biere. Sie waren schwach vergoren, wurden zugleich reichlich mit Zucker versetzt – und als Reformbier, Kraftbier und zunehmend als Malzbier angeboten (Bierbrauerei und Bierbesteuerung des deutschen Brausteuergebietes im Rechnungsjahre 1907, Gambrinus 35, 1908, 1022-1023). Im begrenzten Temperenzmarkt konnten sich alkoholfreie Biere dagegen weiterhin kaum durchsetzen, „da allenthalben der Aberglaube herrsche, daß zum Bier auch Alkohol gehöre“ (Dresdner Nachrichten 1905, Nr. 303 v. 1. November, 4).
Technischen Fortschritt gab es, dezentral, meist von jüngeren Fachleuten. Das galt etwa für den 1900 in Freiburg/Br. promovierten Chemiker Karl Robert Scholvien (1878-1964). Er nutzte die Spielwiese der seit 1890 bestehenden väterlichen Mühlhausener Brauerei Heiser & Scholvien, um mittels neuerer biochemischer Grundlagenforschung den Geschmack des alkoholfreien Bieres zu verbessern. Er dachte dazu die 1893 vom Hannoveraner Chemiker Carl Wehmer (1858-1935) erstmals beschriebene Zitronensäuregärung der Schimmelpilze weiter. Karl Scholvien ließ stark gehopfte Bierwürze steril mit Citromyces-Pilzen vergären (Jahresbericht über die Fortschritte in der Lehre von Gärungs-Organismen 16, 1905, 256). Der gallig-bitter schmeckende Sud wurde anschließend mit Holz- oder Knochenkohle verkocht und gefiltert. Das Scholviensche Verfahren war technisch ansprechend, doch es schien zweifelhaft, ob es auch praxistauglich war (Neues Verfahren zur Herstellung im Geschmacke veredelter, alkoholfreier und nicht nachtrübender Getränke aus gehopfter Bierwürze, Neueste Erfindungen und Erfahrungen 33, 1906, 553). Scholvien beantragte und erhielt mehrere Patente in Deutschland und Großbritannien, im August 1905 offerierte die kleine, zuvor zur Schlossbrauerei umbenannte Mühlhausener Firma die Innovation als alkoholfreies Getränk mit bierartigem Aroma (Deutscher Reichsanzeiger 1905, Nr. 86 v. 10. April, 33; ebd., Nr. 154 v. 3. Juli, 22; International Patents, GB190516478A). Man habe, so die Werbung, den bisherigen unangenehm rohen Geschmack alkoholfreier Bier überwunden; und Preisgerichte mehrerer internationaler Ausstellungen bestätigten dies (Echo der Gegenwart 1905, Nr. 197 v. 27. August, 14; Alkoholfreies Bier, Riesaer Tageblatt 1905, Nr. 198 v. 26. August, 2). Das neuartige alkoholfreie Bier werde in Thüringen „unter ständiger wissenschaftlicher Kontrolle, aus bestem Malz und Hopfen ohne Verwendung jeglicher Surrogate hergestellt“, war durch Pasteurisierung länger haltbar (Volksblatt für Berg.-Gladbach und Umgegend 1905, Nr. 100 v. 28. August, 3). Trotz reichsweiter Vermarktung blieb der Erfolg jedoch aus. Die Schlossbrauerei wurde 1909 umbenannt, 1910 dann geschlossen (Deutscher Reichsanzeiger 1909, Nr. 179 v. 31. Juli, 19).

Technische Innovation innerhalb der Brauereiwirtschaft (Hamburger Fremdenblatt 1905, Nr. 231 v. 1. Oktober, 39)
Der reichsweite Vertrieb des alkoholfreien „Thüringer Schlossbräu“ spiegelte den für die Investitionskosten viel zu kleinen Markt im Umfeld von Mühlhausen. Es gelang auch nicht, das Verfahren an leistungsfähige Großbrauereien in großstädtischen Massenmärkten zu verkaufen. Das war grundsätzlich überraschend, denn nach der Mitte des Jahrzehnte bemühten sich zumindest Großhändler um einschlägige Ergänzungen ihres Angebotes von Fruchtsäften, Brauselimonaden, Mineralwasser sowie Bier, Wein und Spirituosen (Schüler, Alkoholschwaches Bier, Gambrinus 33, 1906, 767-768). Die schlechte Qualität vieler durch kleine Anbieter beworbenen Geheim- und Patentmittel konnte die stets behauptete Güte des Bieres allerdings unterminieren. Entsprechend fragten Nahrungsmittelchemiker: „Ist es denn nicht viel richtiger, man erzeugt in der Brauindustrie gutschmeckende Biere und Würzen alkoholarm oder alkoholfrei der Art, daß der Trinker beim Genuß möglichst den Geschmack normalen Bieres hat?“ (Otto Reinke, Zur Herstellung alkoholarmer und alkoholfreier Biere, Chemiker-Zeitung 34, 1910, 1253-1254, hier 1253)
Die schon im Vorfeld breit diskutierten Konsumeinbußen durch die höheren Steuern führten denn auch zu lokalen Initiativen, wenngleich die Produktionsverfahren meist unbekannt sind. Das galt etwa für die 1871 im Süden Braunschweigs gegründete Feldschlößchen-Brauerei, die seit 1906 ein alkoholfreies Bier anbot (Der Landbote 1907, Nr. 151 v. 21. Dezember, 1). Das galt ebenso für den Ulmer Braumeister Jakob Zimmermann, der in der dortigen Brauerei zum Roten Ochsen ein „vergorenes Bier aus Malz, Hopfen und Hefe“ mit einem Alkoholgehalt von 0,6 Prozent anbot (Bottwartal-Bote 1908, Nr. 80 v. 13. Juli, 2-3, hier 3). Die Einzelflasche kostete jedoch zehn Pfennig – also deutlich mehr als frisch gezapftes Bier. Kleinere Lokalbrauereien übernahmen die Produktion am Niederrhein und im Großraum Bonn, hatten jedoch nur kurzfristig Erfolg (Westdeutsche Landeszeitung 1909, Nr. 73 v. 31. März, 4; General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 1909, Nr. 6832 v. 5. April, 10).
Derartige Innovationen erwiesen sich erst ex post als Vorboten von etwas Neuem. In den 1900er Jahren war ihre Bedeutung lokal begrenzt, denn auch bei überregional beworbenen alkoholfreien Getränken fehlte die Kapitalkraft für kontinuierlichere Werbung. Die neuen Produkte wurden zumeist mit nur einer Anzeigenvorlage präsentiert, diese dann mehrfach geschaltet. Die Ankündigung sollte Aufmerksamkeit schaffen, den Konsumenten zum Probieren anregen, dann habe das Getränk für sich selbst zu sprechen. Wie wir gesehen haben, war die Floprate hoch, so dass größere Unternehmen, wie die Bochumer Schlegel-Brauereien, derartige Konkurrenz zwar zur Kenntnis, nicht aber wirklich ernst nahmen. Doch das änderte sich spätestens 1909 mit dem in ganz Westfalen und breiten Teilen des Rheinlandes angebotenen alkoholfreiem Bier „Perplex“.

Perplex als alkoholfreier Konkurrent im Ruhrgebiet (Amts-Zeitung 1909, Nr. 16 v. 23. Februar, 4 (l.); Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 159 v. 5. Juli, 22)
Perplex wurde seit spätestens 1907 von der Bierbrauerei A. Schifferer in Kiel angeboten. Das 1881 gegründete Unternehmen war Anfang 1907 in eine Aktiengesellschaft mit einem Stammkapital von 2.000.000 M umgewandelt worden (Deutscher Reichsanzeiger 1907, Nr. 19 v. 22. Januar, 26). Die Kieler Brauerei beschränkte sich nicht mehr auf ihr Lokalgeschäft, sondern verkaufte zudem Regionallizenzen ihres alkoholfreien Malz-Hopfen-Getränks an andere Brauereien. Die Verfahrenstechnik ist unbekannt, doch nahrungsmittelchemische Untersuchungen ergaben einen relativ hohen Extraktgehalt. Es handelte sich demnach nicht um eine künstliche Komposition aus Zucker, Kohlensäure und Aromen, sondern um ein echtes Substitut für Bier (Pharmazeutische Zentralhalle für Deutschland 51, 1910, 351; Jahreskurse für ärztliche Fortbildung 2, 1911, 62).
Die Vermarktung erfolgte reichsweit, auch in der Schweiz produzierte seit 1908 die Winterthurer Brauerei Haldengut das in Halbliterflaschen angebotene Perplex und verkaufte es „zum gleichen Preise wie das ‚gewöhnliche‘ Bier“ („Perplex“!, Grütlianer 1908, Nr. 104 v. 6. Mai, 2). In der Schweiz gab es schon zuvor eine Reihe eigenständig entwickelter alkoholfreier Biere, doch Produktion und Vertrieb durch eine regional relevante Brauerei war Neuland (Der Bund 1900, Nr. 167 v. 18. Juni, 3; Anzeiger von Ulster 1902, Nr. 132 v. 13. November, 2). In Stuttgart übernahm die Großbrauerei Härle (Neues Tagblatt 1909, Nr. 277 v. 26. November, 4), doch schon zuvor hatte sich Perplex im Ruhr-Rheingebiet etabliert. Die Werbung zielte explizit auf ein Ergänzungsangebot „für weitere Schichten der Bevölkerung“: „‚Perplex‘ soll keinen Ersatz für Bier bilden, sondern die relativ sehr teuren alkoholfreien Getränke preiswert ersetzen“ (Huxaria 1909, Nr. 52 v. 4. Mai, Beil., 1). Seit 1908 bot die 60 Kilometer westlich von Bochum gelegene kleine Werler Brauerei Carl Kluxen das alkoholfreie Malzgetränk an, bewarb es als keimfreies Kräftigungs- und Nährmittel. Dem Lizenznehmer gelang es 1908/09, das neue Produkt im gesamten von Werl nach Recklinghausen und von Hagen nach Witten reichenden Absatzgebiet über Bierniederlagen zumindest kurzfristig zu etablieren.

Vermarktung mit Werbeklischees vom Lizenzhalter (Central-Volksblatt für den Regierungsbezirk Arnsberg 1908, Nr. 258 v. 17. Dezember, 4). 60
In Bochum, in der Schlegel-Brauerei, wurde dies gewiss mit Argusaugen zur Kenntnis genommen, denn Perplex konkurrierte unmittelbar mit den eigenen Bieren. Und die Einschläge kamen näher: Im Februar 1909 etablierte sich im benachbarten Gelsenkirchen die „Deutsche Gesellschaft für Malzverwertung von Pollem & Co. mbH“, deren Ziel die Produktion des alkoholfreien Bieres „Gerline“ war (Gelsenkirchener Zeitung 1909, Nr. 48 v. 1. März, 6). Im Dezember folgte ein entsprechender Betrieb in Düsseldorf (Kölnische Zeitung 1909, Nr. 1342 v. 18. Dezember, 1). Auch wenn es sich bei diesem Konkurrenzprodukt offenkundig um ein Malzbier handelte, war den Verantwortlichen der Schlegel-Brauerei doch klar, dass ihr Sortiment Defizite im alkoholfreien Segment besaß. Und man entschloss sich, diese Lücke mit „Trinkmit“ zu schließen.
Max Josephsohn und das Bureau für alkoholfreies Bier
Die Entwicklungsarbeit erfolgte allerdings nicht vor Ort. Schlegel kaufte vielmehr ein fertiges Produkt, ein von anderen entwickeltes Verfahren. Trinkmit wurde ein Schlegel-Bier, doch das Produkt stammte aus Berlin und Cottbus. Leisten wir uns also ein wenig Abstand von den Bierproduzenten des Ruhrgebietes und blicken genauer auf die eigentlichen Macher.
Vertragspartner der evangelischen Schlegel-Brauerei war das „Bureau für alkoholfreies Bier“, eine GmbH des Hopfenhändlers Max Josephsohn (1874-1922). Es verweist auf die hohe Bedeutung jüdischer Händler für das Wachstum und die ökonomische Leistungsfähigkeit der deutschen Brauindustrie (Christoph Pinzl, Hopfenanbau, in: Historisches Lexikon Bayerns (2011)). Die Familie Josephsohn stammte aus Posen. Der Vater von Max, Michaelis Josephsohn (1846-1909), war ein in der westlich von der Provinzhauptstadt gelegenen Mittelstadt Neutomischel erfolgreicher Hopfenhändler. Bereits sein Vater Meyer Josephsohn hatte sich in diesem Geschäftsfeld engagiert, das während der Frühindustrialisierung vom Berliner Agrarpionier, Investor und Bankier Joseph Jacob Flatau (1812-1887) entwickelt worden war (Rosemarie Köhler, Preußens Hopfenkönig Joseph Jacob Flatau (1991/92)). Die Region um Neutomischel entwickelte sich in den Folgejahrzehnten zum wichtigsten preußischen Hopfenanbaugebiet (Geschichte des Hopfenbaues und Hopfenhandels zu Neutomysl, Berlin 1860). Michaelis Josephsohn betrieb zusammen mit seinem Bruder Simon seit 1876 in der nahegelegenen Mittelstadt Graetz ein Handelsgeschäft, war zudem im Bank- und Wechselgeschäft tätig (Posener Zeitung 1883, Nr. 186 v. 15. März, 6; Adressbuch aller Länder der Erde 6, 1885-88, Bd. 9, 89; Posener Zeitung 1894, Nr. 892 v. 21. Dezember, 4). Die anlässlich eines Umzuges angebotenen Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände sowie ein Kuraufenthalt in Karlsbad zeugen vom Erfolg der gutbürgerlichen Familie Josephsohn (Posener Zeitung 1896, Nr. 267 v. 17. April, 8; Karlsbader Kurliste 1898, Nr. 69 v. 17. Mai, 1).

Werbung für die Technikinfrastruktur des Hopfenbaus (Allgemeine Hopfen-Zeitung 17, 1877, 568)
Michaelis Josephsohn gründete gemeinsam mit seinem Sohn Max 1900 in Neutomischel eine Offene Handelsgesellschaft, die 1905 nach Nürnberg verlegt wurde, dem neuen Wohnsitz der Familie. Max war der älteste von vier Geschwistern, zugleich der einzige männliche Nachkomme. Auch das Nürnberger und Bamberger Umfeld waren damals weltweit führende Hopfenregionen, auch dort gehörten jüdische Händler zu den führenden Mittlerpersonen (Deutscher Reichsanzeiger 1900, Nr. 172 v. 21. Juli, 21; ebd. 1905, Nr. 151 v. 29. Juni, 29). Michaelis Josephsohn starb 1909 als angesehener Kaufmann in Nürnberg, die Gesellschaft wurde von seinem Sohn in Schöneberg-Berlin fortgesetzt (Berliner Tageblatt 1909, Nr. 617 v. 5. Dezember, 16; Deutscher Reichsanzeiger 1910, Nr. 43 v. 19. Februar,30; Berliner Tageblatt 1910, Nr. 318 v. 16. März, 11; ebd., Nr. 365 v. 21. Juli, 12; Deutscher Reichsanzeiger 1912, Nr. 164 v. 23. Juli, 23).
Max Josephsohn hatte sich zuvor in Berlin etabliert und 1904 die aus Nürnberg stammende Rosa Kohn geheiratet (Berliner Tageblatt 1904, Nr. 260 v. 25. Mai, 8; ebd., Nr. 448 v. 3. September, 4). Sie hatten mindestens zwei Kinder, 1905 eine Tochter, 1909 den Sohn Heinz Martin (Berliner Tageblatt 1905, Nr. 314 v. 23. Juni, 8; Landesarchiv Berlin, Geburtsregister 1874-1911, 1909, Nr. 1595). Dieser berichtete 1996, dass sein Vater eigentlich Musiker, Violinist werden wollte, dass sein Großvater dieses aber abgelehnt habe. Er erwähnte auch nicht weiter bestätigte Ausflüge in die elektrotechnische Industrie, zudem einen zeitweiligen Umzug nach Den Haag (Interview USC Shoa Foundation, Nr. 12497 (1996)). Max Josephsohn starb 1922 nach längerer Krankheit im Alter von 48 Jahren (Landesarchiv Berlin, Sterberegister 1874-1986, Grunewald 1919-1922, Nr. 63).

Todesanzeige des Trinkmit-Vermarkters Max Josephsohn (Berliner Tageblatt 1922, Nr. 318 v. 22. Juli, 10)
Der Berliner Kaufmann entwickelte das alkoholfreie Bier Trinkmit gemeinsam mit dem Cottbuser Brauer Ernst Steffen. Die beiden hatten bereits 1907 in Schöneberg die Offene Handelsgesellschaft Steffen & Co. gegründet, um ein alkoholfreies Malzbräu zu vermarkten (Berliner Tageblatt 1907, Nr. 497 v. 30. September, 11; Deutscher Reichsanzeiger 1908, Nr. 104 v. 20. März, 31). Diese Firma war nur kurzlebig, schon im März 1909 wurde sie wieder aufgelöst (Ebd. 1909, Nr. 68 v. 20. März, 31).

Konzeptioneller Vorläufer von Trinkmit (Https://www.klausehm.de/BuchstabeC/C098.html)
Josephsohns Kompagnon hatte im Dezember 1905 eine seit 1880 bestehende Brauerei in Cottbus übernommen, arbeitete parallel für die Vereinsbank in Frankfurt/Oder (Berliner Börsen-Zeitung 1905, Nr. 592 v. 18. Dezember, 15; ebd. 1907, Nr. 316 v. 9. Juli, 22). Die kleine Brauerei bediente das gängige Lagerbiersortiment, diente zugleich aber als Experimentierstation für neuartige alkoholfreie Getränke. Zwischen Herbst 1907 und Februar 1908 entwickelte Steffen ein alkoholfreies Malzbier, das er regional als „Doppel-Malz-Bräu“ anbot (Deutscher Reichsanzeiger 1908, Nr. 30 v. 4. Februar, 37). Es wurde wahrscheinlich auch von anderen Brauern zur Sortimentsausweitung übernommen. Dem späteren Trinkmit-Lizenznehmer Schlegel dürfte dabei kaum entgangen sein, dass ein gleichnamiges alkoholfreies Malzbier 1909 von der kleinen Holzmindener Brauerei Ferdinand Hodapp auch im östlichen Westfalen und dem Weserbergland angeboten wurde (Westfälisches Volksblatt 1909, Nr. 81 v. 24. März, 6).

Regionale Alternativen: Holmindener Doppel-Malz-Bräu der Brauerei Ferdinand Hodapp (Westfälisches Volksblatt 1909, Nr. 94 v. 7. April, 6)
Die möglichen Marktchancen neuer Bierprodukte waren wahrscheinlich auch ein Grund für die Ende 1908 erfolgte Umgründung der Steffenschen Brauerei in eine GmbH mit einem Stammkapital von 50.000 M (Berliner Börsen-Zeitung 1908, Nr. 570 v. 4. Dezember, 20). Steffen benötigte offenbar Kapital, ein 1909 auf Michael Josephsohn ausgestellter Wechsel über 8.000 M verweist zugleich auf einen hohen Kreditbedarf (Gestohlener Prima-Wechsel, Münchner Neueste Nachrichten 1909, Nr. 187 v. 22. April, General-Anzeiger, 3). Ende November 1909 folgte ein Konkursverfahren gegen die Ernst Steffens Brauerei GmbH (Deutscher Reichsanzeiger 1909, Nr. 284 v. 2. Dezember, 26). Die Firma wurde im August 1910 gelöscht, ging im gleichen Monat in eine neue Brauerei auf, die 1911 nach dem Ausscheiden Ernst Steffens als Geschäftsführer als Bürgerliches Brauhaus Cottbus fortgeführt wurde (Berliner Börsen-Zeitung 1910, Nr. 368 v. 9. August, 14: ebd., Nr. 404 v. 30. August, 15; Deutscher Reisanzeiger 1911, Nr. 96 v. 24. April, 36). Es ist anzunehmen, dass Ernst Steffen die brautechnische Grundlagenarbeit für Trinkmit geleistet hat, während die kommerzielle Verwertung durch seinen früheren Geschäftspartner Max Josephson erfolgte. Dieser gründete im Mai 1910 in Berlin ein „Bureau für alkoholfreies Bier“, das einerseits Nachfolger der Gemeinschaftsfirma von Steffen und Josephsohn war, anderseits die rechtlichen Grundlagen für den Lizenzverkauf von Trinkmit an die Schlegel-Brauerei legte (Bureau für alkoholfreies Bier, Bochumer Zeitung 1910, Nr. 116 v. 21. Mai, 5). Das Angebot des neuen alkoholfreien Bieres erfolgte demnach zwar durch eine große Brauerei, doch sie war eigentlich Fassade der kleinteiligen Entwicklungsarbeit unabhängiger Tüftler und Kaufleute.
Schlegel und die Trinkmit GmbH
Warum all diese kleinteiligen Fakten, warum nicht gleich der Übergang zum eigentlichen Markteintritt von Trinkmit? Diese kleinteilige Vorgeschichte macht schlicht deutlich, dass für jede „erfolgreiche“ und einfach darzustellende Geschichte komplizierte Konstellationen zentral und Zufälle normal sind. Eine eindeutige, gar lineare Kausalität wäre zwar einfach zu erzählen, wäre zugleich aber auch irreführend. Und was wüssten Sie wirklich, wenn Sie am Ende lexikalisch präzise sagen könnten, Trinkmit war ein von 1910 bis mindestens 1918 von der Bochumer Schlegel-Brauerei angebotenes alkoholfreies Bier, das als solches aber nicht benannt werden durfte?
Doch da der Name schon gefallen ist: Die Bochumer Schlegel-Brauerei war 1854 vom protestantischen Franken Johann Joachim Schlegel (1821-1880) gegründet worden. Die „Bayerische Bierbrauerei J.J. Schlegel“ war Teil der langsamen Modernisierung der westfälischen Brauwirtschaft (oberflächlich Gitta Böth, „Baierisches Bier“ aus Westfalen. Zur Geschichte der westfälischen Brauereien und Biere, Hagen 1998; Karl-Peter Ellerbrock (Hg.), Zur Geschichte der westfälischen Brauwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Dortmund 2012). In Bochum braute man untergäriges Lagerbier, die moderne Produktionstechnik prägte das Gewerk vor allem seit dem 1885 erfolgten Übergang in eine Offene Handelsgesellschaft. Vor Ort, in Bochum, herrschte noch kooperativ gebremste Konkurrenz: Marktführer war die 1874 gegründete Hansa Brauerei AG, die Scharpenseel-Brauerei AG lag etwa gleichauf mit Schlegel. Bochum, Mitte der 1850er Jahre mit ca. 6.500 Einwohnern noch weit kleiner als Neutomischel oder aber Cottbus, wurde eine der Boom-Städte der Hochindustrialisierung. Bergbau und Metallverarbeitung lockten Arbeitskräfte an, 1900 zählte man bereits 65.000 Einwohner, kurz darauf nannte man sich dank Eingemeindungen gar Großstadt. Beim Markteintritt von Trinkmit gab es etwa ca. 135.000 Bochumer.
Die Schlegel-Brauerei wuchs mit der Stadt. Im Januar 1899 mutierte sie zu einer Aktiengesellschaft mit einem Stammkapital von 2.000.000 M. In den Folgejahren erweiterte sie das Firmengelände und den Maschinenpark mit Investitionen von mehr als einer Million Mark, errichtete insbesondere ein neues Sudhaus und neue Keller- und Maschinenanlagen. Der Bierabsatz betrug 1898/99 72.582 Hektoliter, 1904/05 79.0817 hl, stieg 1905/06 auf 91.281 hl und pendelte seither zwischen 80 und 100.000 hl. Das Unternehmen wies hohe und stetige Gewinne auf, die Dividenden chargierten von 1898/99 bis 1910/11 zwischen 7½ und 10½ Prozent. Die Schlegel-Brauerei war teils noch im Familienbesitz, beherrschenden Einfluss hatten jedoch Kapitalgruppen um den Schaafhausenschen Bankverein in Essen, die Essener Kreditanstalt und die Deutsche Bank (Jahrbuch der Berliner Börse 1912/13, 34. vollst. umgearb. Aufl., Berlin, Leipzig und Hamburg, 1088). Für die gewerbliche Entwicklung des Deutschen Reiches war die Bierproduktion quantitativ mindestens ebenso wichtig wie die lokale Schwerindustrie. Um 1900 war jede zehnte Aktiengesellschaft im Deutschen Reich eine Brauerei.
Wie fast die gesamte Branche litt auch Schlegel unter der 1909 von 1,35 M/hl auf 3,31 M/hl erhöhten Brausteuer. Diese war Teil der langfristig angelegten Antialkoholpolitik, diente zugleich aber der Finanzierung der damaligen Aufrüstung. Im Geschäftsbericht sprach man daraufhin von einem nicht näher umrissenen „mächtigen“ Rückgang des Bierabsatzes. Technik und Marktmacht hätten die Folgen für die Brauerei begrenzt, die Gewinnsituation sei insbesondere durch eine Preiserhöhung des Rheinisch-Westfälische Bierkartells stabilisiert worden. Doch zugleich habe man zwei wichtige Veränderungen vorgenommen: Zum einen „füllt die Gesellschaft jetzt Bier in der Brauerei selbst in Flaschen ab; sie habe damit einen befriedigenden Erfolg erzielt.“ Zweitens stelle sie wegen „der Antialkoholbewegung […] außerdem jetzt ein alkoholfreies, bierähnliches Getränk unter dem Namen ‚Trinkmit‘ her; mit dem Ergebnis ist die Verwaltung bisher zufrieden“ (Schlegel-Brauerei, A.-G. in Bochum, Kölnische Zeitung 1910, Nr. 1226 v. 15. November, 3). Damit hatte Schlegel gegen den vor allem im Süden des Reiches geltenden Ehrenkodex verstoßen: „Ein tüchtiger Jünger Gambrinus‘ darf sich unseres Erachtens nicht in den Dienste der Antialkoholiker, der öffentlichen Gegner des Biergenusses, stellen“ (Alkoholfreies Bier, Gambrinus 36, 1909, 740).

Warenzeichen Trinkmit (Deutscher Reichsanzeiger 1910, Nr. 152 v. 1. Juli, 34)
Doch zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Schlegel-Brauerei und das Bureau für Alkoholfreies Bier Max Josephson schon vertraglich miteinander verbunden, Ende 1909, am 19. Dezember (Kölnische Zeitung 1914, Nr. 615 v. 28. Mai, 6). Es folgten die üblichen Rechtsakte: Das Warenzeichen „Trinkmit“ wurde Anfang Januar beantragt, im Juni 1910 dann erteilt.
Derweil hatte die Schlegel-Brauerei das Verfahren im eigenen Hause implementiert. Das neue alkoholfreie Bier schon wurde seit Mitte April mit relativ großen Anzeigen alle paar Tage in der Lokalpresse beworben (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 84 v. 12. April, 8). Bevor wir darauf genauer eingehen, noch etwas mehr Hintergrundinformation: Max Josephsohn gründete nach dem Erhalt des Warenzeichens Ende Juni 1910 ein neues Unternehmen, die Trinkmit GmbH. Sie war in Nürnberg ansässig, hatte ein Stammkapital von 30.000 Mark. Geschäftsführer Max Josephsohn übertrug die Warenzeichen und brachte für 22.500 Mark die Markenrechte und die seit 1909 abgeschlossenen Lizenzverträge in das neue Unternehmen ein (Warenzeichenblatt 18, 1911, 803; Deutscher Reichsanzeiger 1910, Nr. 153 v. 2. Juli, 25). Es ist anzunehmen, dass die Schlegel-Brauerei an dieser Gründung beteiligt war, auch wenn ihr Chefbuchhalter Anton Pomberg erst 1913 den Geschäftsführerposten der Trinkmit GmbH übernahm (Berliner Börsen-Zeitung 1913, Nr. 256 v. 4. Juni, 14).

Flaschenetikette von Trinkmit (Deutscher Reichsanzeiger 1911, Nr. 11 v. 13. Januar, 33)
Die Trinkmit GmbH lieferte nicht nur ein Rezept, ein Verfahren. Sie war zugleich Dienstleister für den Markenauftritt. Die Schlegel-Brauerei produzierte und bewarb das neue alkoholfreie Bier, doch zugleich hielt sie Abstand. Der Ehrenkodex der Brauereien stand dem entgegen. Trinkmit wurde zwar als alkoholfreies Bier vermarktet, war zugleich aber keines, denn dieses konnte es ja im Sinne der Brauereien gar nicht geben. Man behalf sich mit Umschreibungen für das Offensichtliche: „Trinkmit ist ein vollkommen alkoholfreies, aus erstklassigen Rohstoffen (Hopfen-Malz-Zucker) hergestelltes Getränk, extraktreich, daher nahrhaft und erfrischend. Es eignet sich insbesondere für solche Personen, die auf ärztliches Anraten alkoholhaltige Getränke meiden sollen, ist für Kranke, Genesene und Kinder“ (Warenzeichenblatt 18, 1911, 48).
Die Markteinführung war umrahmt von Werbemitteln, die nicht die Schlegel-Brauerei, sondern die Trinkmit GmbH entwickelt hatte. Dadurch war die Schlegel-Brauerei gleichsam Dienstleister für einen anderen Dienstleister, stellte vor allem die Produktions-, Vertriebs- und Absatzinfrastruktur zur Verfügung. Die Trinkmit GmbH unterstützte dies erst einmal mit einschlägigen Flaschenetiketten, gab es das alkoholfreie Getränk doch nicht vom Fass. Josephsohn war sich der Bedeutung modernen Produktmarketings bewusst, von moderner Markenführung kann allerdings noch nicht gesprochen werden. Im Mittelpunkt stand der sprechende Markenname, integrierte den nicht Alkohol trinkenden Konsumenten in die lustige Runde der fröhlichen Zecher. Doch die alkoholfreie Innovation erschien in unterschiedlichen Schriftarten, besaß keinen einheitlichen Markenauftritt.

Trinkmit als Labetrunk: Bieretikette von 1911 (Deutscher Reichsanzeiger 1911, Nr. 100 v. 28. April, 42; Warenzeichenblatt 18, 1911, 657)
Die neuen Etiketten unterstrichen zugleich eine zunehmend enge, auf die Bedürfnisse von Schlegel ausgerichtete Kooperation. Als Warenzeichen wurden sie von der Brauerei beantragt, dieser auch erteilt.

Warenzeichen Trinkmit (Deutscher Reichsanzeiger 1911, Nr. 251 v. 24. Oktober, 34)
Das galt allerdings noch nicht für ein neu entwickeltes, allgemein nutzbares Warenzeichen für Trinkmit. Unterstützung des lokalen Absatzes und bedingte Unabhängigkeit vom Hauptkunden gingen somit Hand in Hand. Max Josephsohns Ziel war ein weit über Bochum hinausreichendes Franchiseunternehmen.
Bei Gründung 1910 verfügte die Trinkmit GmbH über mehrere Verträge abseits der Bochumer Schlegel-Brauerei. Im Juli 1909 war man mit der russischen Brauerei Ramsay handelseinig geworden, eines im lettischen Libau gelegenen mittleren Unternehmens (Oskar Kleinenberg, Die gewerbliche Seite der kurländischen Ausstellung zu Mitau im Juni 1888, Baltische Monatsschrift 35, 1888, 344-350, hier 349). Im August folgte ein Vertrag mit der 1896 gegründeten Bürgerlichen Brauhaus AG zu Stendal, einem kleinen, von August und dann Franz Küntzel betriebenen Familienbetrieb (Deutscher Reichsanzeiger 1904, Nr. 139 v. 15. Juni, 27; ebd. 1910, Nr. 10 v. 13. Januar, 20). Es ist unklar, ob und in welchem Umfang diese Verträge umgesetzt wurden, zumal die Namen der Vertragsparteien in den offiziellen Dokumenten falsch geschrieben wurden (Ebd. 1914, Nr. 124 v. 28. Mai, 32). Dennoch gab es nach 1910 weitere Lizenzverträge. Bei der Markteinführung berichtete die Lokalpresse ferner über Verhandlungen mit „Eisenbahn-Speisewagen-Gesellschaften sowie mit Dampfschiffahrtsgesellschaften“, über die aber nichts Näheres bekannt ist (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 116 v. 21. Mai, 5).

Trinkmit-Lizenznehmer in Hessen (Gießener Anzeiger 1911, Nr. 54 v. 4. März, 16 (l.); ebd., Nr. 48 v. 25. Februar, 11)
Wachsende Angebotspalette – Schlegel-Bier während der Trinkmit-Einführung
Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steigende Bierkonsum gründete auf einer kapitalkräftigen Produktion und der zunehmenden Standardisierung des Angebots. Dies umfasste die reichsweite Präsenz des dunklen Münchner Biers und dann auch des von nationalistischer Seite strikt bekämpften böhmischen Pilseners. Parallel wuchs vor allem in den Städten der Gastronomiesektor. Aus 1880 79 Litern pro Kopf der Erwachsenen wurden 1890 100 Liter, 1900 dann 119 Liter. Damit aber war der Markt gesättigt, und auch die Antialkoholbewegung forderte ihren Tribut: 1913 hatte sich der Bierkonsum auf 103 Litern pro Kopf verringert.

Mehr schlecht als recht: Schlegel-Werbung 1908 (Märkischer Sprecher 1908, Nr. 2 v. 3. Januar, 10 (l.); ebd., Nr. 185 v. 8. August, 14)
Die Schlegel-Brauerei war, wie die deutsche Brauwirtschaft insgesamt, werbetechnisch eher rückständig. Das lag nicht nur an mangelnder Konsumentenorientierung, sondern am einerseits recht homogenen, anderseits aber vielfach fehlenden Endprodukt: Die Masse des Absatzes erfolgte in Gaststätten, also aus dem Fass, im Glas. Die Wirte waren vertraglich an bestimmte Brauereien gebunden, wurden mit Werbeplakaten versorgt. Fuhrwerke und Lieferwagen präsentierten Firmensignets in der Vertriebsregion. Der Übergang zum Flaschenbier und das Angebot des Spezialgetränks „Trinkmit“ bildeten daher für die allgemeine Werbung der Schlegel-Brauerei einen wichtigen Einschnitt. Das Bierangebot selbst war konventionell, unterschied sich nicht wesentlich von dem der Konkurrenz. Die bayerischen Ursprünge spiegelten sich 1910 in einem dunkleren „Münchner“ Bier, daneben gab es das für das Ruhrgebiet zunehmend charakteristische „Helle“ Bier, also ein einfaches Exportbier.

Angebotspalette der Schlegel-Brauerei, inklusive des alkoholarmen Kraftbräus (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 86 v. 13. April,12)
Hinzu trat 1910 ein Pilsener, also ein helles, hopfig schmeckendes Bier nach böhmischer Art. An das tschechische Original reichte es allerdings nicht heran, der Alkoholgehalt lag deutlich niedriger (Alkoholarme und alkoholfreie Biere, Mülheimer Zeitung 1910, Nr. 107 v. 10. Mai, 5). Das Schlegel-Pilsener repräsentierte die Defensivlage der Branche, die sich daher auch am hochwertigen Bier der ausländischen Konkurrenz versuchte. Wie üblich klagte die Pilsener Genossenschaftsbrauerei gegen die missbräuchliche Verwendung der Herkunftsbezeichnung „Pilsener“. Da die Bochumer Brauereien aber „Schlegel-Pilsener“ resp. „Deutsch-Pilsener“ verkauften, wurde diese Klage abgewiesen (Eine neue Entscheidung in der Pilsener Frage, Allgemeine Zeitschrift für Bierbrauerei und Malzfabrikation 40, 1912, 437).

Deutsches Bier in xenophober Defensive: Lokale Gemeinschaftswerbung für „Deutsch-Pilsener“ bzw. Werbung für „Schlegel-Pilsener“ (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 294 v. 16. Dezember, 10 (l.); ebd. 1911, Nr. 210 v. 7. September, 4).
Seit 1910 bot Schlegel ebenfalls „Kraftbräu“ an, ein alkoholarmes Getränk aus Hopfen, Malz und Zucker. Auch dabei handelte es sich um ein lizensiertes Produkt, dass seit 1907 als „Alkoholfreies Bier – Kraftbräu“ von Dienstleistern angeboten wurde (Bielefelder General-Anzeiger 1907, Nr. 196 v. 22. August, 4). Marktpionier war seit 1909 die Brauerei Gütersloh AG (Gütersloher Zeitung 1909, Nr. 94 v. 7. August, 3; Volkswacht [Bielefeld] 1910, Nr. 60 v. 12. März, 12). Kraftbräu war allerdings ein Süssbier, also ein Malzbier mit relativ geringem Malzgehalt. Mangels präziser Begriffsdefinitionen wurden einschlägige Getränke damals auch als Sanitäts-, Gesundheits-, Doppel-Kraft- oder Ammenbier vermarktet (Dortmunder Zeitung 1910, Nr. 331 v. 3. Juli, 7). Anders als Trinkmit war der Name „Kraftbräu“ jedoch rechtlich nicht geschützt.

Analoges Biersortiment (Bielefelder General-Anzeiger 1910, Nr. 60 v. 12. März, 12)
Die Werbung für Trinkmit
Schlegel-Pilsener und auch Kraftbräu wurden werblich nicht näher vorgestellt, da der Kunde grundsätzlich wusste, um was es sich handelte. Bei Trinkmit war dies anders: Ein Bier mit einem Eigennamen fernab der gängigen Gattungsbegriffe. Ein Bier ohne Alkohol – und das von einer renommierten Brauerei. Das erforderte andere Werbung, mehr Worte, etwas Ausstattungstheater.

Braukunst alkoholfrei; Trinkmit-Werbung (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 111 v. 14. Mai, 16)
Trinkmit wurde augenscheinlich als „alkoholfreies Bier“ beworben; schaute man jedoch genauer hin, handelte es sich um ein „Bier-ähnliches Getränk aus Hopfen – Malz – Zucker“. Es wurde als Flaschenbier angeboten. Der Verkauf erfolgte „in fast allen Wirtschaften, Cafés, Kolonialwarenhandlungen“, bei lokalen Bierhändlern sowie der Schlegel-Brauerei. Die Brauerei nutzte also gängige Vertriebswege des Fassbiers und lokaler Bierverlage, zudem aber weitere Absatzwege, nämlich Flaschenbierhändler, Restaurants, Cafés und Lebensmittelgeschäfte (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 149 v. 29. Juni, 4). Trinkmit war teuer, die Hauszustellung von vier Flaschen kostete eine Mark. Das lag weit über den gängigen Preisen in den Wirtschaften, zielte also auf ein eher bürgerliches Publikum, nicht auf die Kernklientel der Bergleute und Metallarbeiter.
Redaktionelle Anzeigen feierten Trinkmit als modernes Angebot, als eine zeitgemäße Fortentwicklung deutscher Braukunst: „Sich den gegebenen Verhältnissen anzupassen, ist eine Hauptkunst unserer deutschen Industrie. Wenn auch manchmal einzelne Industriezweige durch Zoll- oder Steuergesetz hart bedrängt werden, so haben sie es immer verstanden, sich wieder aufzuraffen, indem sie sich den neuen Verhältnissen anpassen. Ein Beweis dafür ist, daß die Schlegel-Brauerei A.-G. auch dem Bedürfnis der Alkoholgegner dadurch Rechnung trägt, daß sie neben ihrem bekannten ‚Schlegel-Bräu‘ auch jetzt ein alkoholfreies Getränk unter dem Namen ‚Trinkmit‘ in den Handel bringt. […] Das Getränk ist lt. Analyse des städtischen Untersuchungsamtes vollkommen alkoholfrei und ohne jede Verwendung von künstlichen Stoffen rein aus Hopfen-Malz-Zucker hergestellt, sieht wie Bier aus, schmeckt wie Bier und wird von Personen, die keinen Alkohol zu sich nehmen sollen und doch den Biergeschmack lieben, wohl gern getrunken werden“ (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 87 v. 15. April, 3). Das klang nach Ergänzung, nach Nischenprodukt, während zugleich auf Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit verwiesen wurde.

Wissenschaft als Garantiemacht: Anzeigenserie mit Analyseergebnissen (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 125 v. 1. Juni, 12 (l.); ebd., Nr. 181 v. 5. August, 6)
Die Einstiegswerbung konturierte im April und Mai 1910 das Produkt als wohlschmeckend und alkoholfrei. Von Juni bis August führte man dann den wissenschaftliche Nachweis: Das lokale Nahrungsmitteluntersuchungsamt habe die Werbeaussagen zweifelsfrei bestätigt. Stadtchemiker Wilhelm Schulte (1846-1918) bescheinigte in einer für die Öffentlichkeit geschriebenen Analyse Trinkmit ein klares, perlendes Aussehen, einen erfrischenden Geschmack, und das Fehlen von Alkohol. Das Resümee lautete freudig: „Das untersuchte alkoholfreie Getränk ‚Trinkmit‘ verdient wegen der gänzlichen Abwesenheit von Alkohol, ferner des erfrischenden Geschmackes wegen die Beachtung aller Freunde eines gutbekömmlichen alkoholfreien Getränkes“ (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 127 v. 3. Juni, 4). Das war der Tenor eines im Pharmazie- und Geheimmittelsektor damals recht üblichen Reklamegutachtens.
Stimmten die Angaben? Selbst die führende österreichischen Brauzeitschrift kolportierte Aussagen wie „übertrifft alle bis jetzt auf den Markt gebrachten alkoholfreien Getränke“ (Gambrinus 37, 1910, 343). Eine Zweitanalyse kam wenige Jahre später zu dem abgewogeneren Resultat: „‚Trinkmit‘ ist das einzige, aus vergorenem Bier hergestellte, dem Bier im Aussehen und Schaumhaltigkeit vollkommen gleiche, im Geschmack fast ähnliche Getränk. Es hat die guten Eigenschaften des Bieres und zeigt bei sorgfältiger Analyse nur ganz geringe Spuren von Alkohol. ‚Trinkmit‘ ist pasteurisiert und dabei fast unbegrenzt haltbar. Des besseren Geschmackes wegen ist etwas Zucker beigefügt. Sonst hat ‚Trinkmit‘ keinerlei fremde Bestandteile“ (Zeitschrift für Angewandte Chemie 27, 1914, 497). Das klang deutlich positiver als bei vielen Vorgängern, mochte das Produktionsverfahren auch unklar bleiben. Bis nach dem Krieg folgten freundlich-lapidar Aussagen der Experten: „Ein alkoholfreies Getränk; Aussehen und Geschmack bierähnlich. A[nwendung] als Erfrischungsmittel. H[ersteller] Schlegel-Brauerei“ (Gehes Codex, 4. neubearb. Aufl., Dresden 1926, 1032).

Übergang zur Standardwerbung von alkoholfreien Getränken (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 141 v. 20. Juni, 8 (l.); ebd., Nr. 182 v. 6. August, 8)
Ende Juni, Anfang August 1910 lief die vermeintlich objektive Gutachtenwerbung aus. Nun beschwor die Schlegel-Brauerei den Nutzen Trinkmits für möglichst breite Konsumentengruppen: Einerseits wurde die „Güte“, die Qualität beschworen, so ansprechend, „dass die neidische Konkurrenz darüber schimpft.“ Anderseits galt es als „vollkommen alkoholfrei“, „gesund und nahrhaft“, „ein guter Trank für Frauen“, „ärztlich empfohlen“ und als „Lieblingsgetränk der Kinder“. Dieses schon aus der Einführungszeit etwa des Malz-Hopfen-Zucker-Getränkes „Hopkos“ bekannte Werbetremolo begleitete die Bochumer Zeitungsleser bis ans Jahresende, gar bis ins neue Jahre (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 306 v. 31. Dezember, 8).

Absatz in Nachbarstädten (Ohligser Anzeiger 1910, Nr. 180 v. 4. August, 4 (l.); Wattenscheider Zeitung 1910, Nr. 110 v. 18. Mai, 4)
Die Werbung für Trinkmit konzentrierte sich auf die Kernstadt Bochum, reichte aber darüber hinaus. Während Fassbier durch Vertragsbindungen eng an lokale Wirtschaften und Gaststätten gebunden war, bot Flaschenbier grundsätzlich bessere Chancen zur Marktausweitung. Das betraf erst einmal Nachbarstädte im Umkreis von bis zu einhundert Kilometern. Die einfach gestalteten Anzeigen besaßen Hinweischarakter, dezentrale Aufsteller und das Verhandlungsgeschick der Bierverleger entschieden über den unmittelbaren Verkaufserfolg vor Ort. Der hohe Preis erlaubte attraktive Handelsspannen, bot Anreize für den Absatz des alkoholfreien Bieres.

Etablierung mit lokaler Präsenz und redaktioneller Reklame (Wittener Volks-Zeitung 1910, Nr. 125 v. 6. Juni, 4 (l.); Wittener Tageblatt 1910, Nr. 156 v. 11. Juni, 4)
Schlegel vergab Gebietslizenzen an Großhändler und Repräsentanten. Diese schalteten eigenständig Annoncen, die Schlegels Werbeaussagen umformulierten und reproduzierten. Entsprechend finden sich auch redaktionelle Reklamen, also in die Zeitungen eingestreute kleine Texte, neutral gehalten, doch das Produkt preisend. So las man Geschichten vom ärztlichen Verbot des Alkoholgenusses, von der Entfremdung am gewohnten Stammtisch. Doch nun habe Schlegel „nach langen Bemühungen und Versuchen“ Trinkmit entwickelt. Eine Erlösung: „Mit Freuden wird dieser neue Labetrunk von den Personen begrüßt werden, die aus Gesundheits- oder anderen Rücksichten sich den Genuß eines Glases Bier versagen müssen“ (Wittener Tageblatt 1910, Nr. 156 v. 11. Juni, 4). Das alkoholfreie Bier erlaubte Teilhabe im bewährten Männerverbund, die renommierte Brauerei garantierte zudem Alkoholfreiheit und das Fehlen gängiger Hilfsmittel, wie Farbstoffe oder Schaummittel (Wittener Volks-Zeitung 1910, Nr. 136 v. 18. Juni, 2). Gleichwohl blieb es Ersatz für das eigentliche, das alkoholhaltige Bier: Entsprechend wandte man sich auch gezielt an Ärzte und Krankenanstalten, um mit deren Hilfe Trinkmit zu popularisieren (Münsterischer Anzeiger 1910, Nr. 363 v. 21. Mai, 4).

Aufbau eines überregionalen Absatznetzwerkes (Sauerländer Tageblatt 1910, Nr. 140 v. 28. Mai, 3 (l.); Rheinische Wirte-Zeitung 12, 1910, Nr. 19, 2)
Die Schlegel-Brauerei versuchte von Beginn an Trinkmit als Spezialbier im gesamten rheinisch-westfälischen Raum zu etablieren. Dazu schaltete sie gleichlautende Anzeigen, um vorrangig Wirte und Gaststättenbesitzer als Käufer zu gewinnen. Alkoholfreies Bier war im Sinne des Braugewerbes kein Bier – und just daher konnte man es zur Unterminierung der gängigen Gebiets- und Regionalkartelle nutzen. Der Erfolg dieser Anstrengungen blieb allerdings im Dunkeln. Die meisten Gaststätten und Restaurants beließen es bei allgemeinen Hinweisen auf ihre Lage und ihr Angebot, erwähnten einzelne Angebote wie Trinkmit nur selten.

Trinkmit und andere alkoholfreie Restaurantgetränke (Münsterischer Anzeiger 1910, Nr. 257 v. 18. September, 16 (l.); Westfälische Volks-Zeitung 1911, Nr. 98 v. 26. April, 12)
Die Antialkoholbewegung setzte zu dieser Zeit vor allem auf neuartige Limonaden und Brausen, auf Mineralwasser sowie Milch und Milchgetränke. Das hatte auch etwas mit der inneren Spaltung der Temperenzler zu tun. Alkoholfreies Bier war von ihnen vor 1900 zumeist begrüßt worden, konnte sich aufgrund des Geschmacks und der höheren Preise in dieser Nische aber nicht durchsetzen. Trinkmit hatte allerdings zumindest anfänglich nicht unbeträchtlichen Erfolg in der Szene: Das in der Senne gelegene alkoholfreie Restaurant Hohenzollernheim soll im Mai 1910 rund 51.000 Flaschen bestellt haben (Bochumer Zeitung 1910, Nr. 134. 11. Juni, 3). Schlegel pflegte auch in den Folgejahren die Kontakte zur Nischenökonomie der Antialkoholiker, argumentierte dabei stets mit der gesicherten Alkoholfreiheit. So konnte man sich von billigeren, zugleich doch häufig mehr als ein Prozent Alkohol enthaltenden Konkurrenzprodukten positiv abzugrenzen (Der Gemeinnützige 1913, Nr. 212 v. 13. September, 1).
Die Werbung für Trinkmit bedeutete für die Schlegel-Brauerei insgesamt eine beträchtliche Erweiterung ihres Werbeauftrittes. Qualitativ veränderte sich die unlenke und auch nicht ansatzweise auf der Höhe der damaligen Produktwerbung stehende Warenpräsentation der Brauerei anfangs allerdings kaum. Auch im Folgejahr 1911 fielen die Annoncen einerseits wieder zurück auf die simplen Textanzeigen Schlegels, reduzierten sich auf Produktnennung und simple Slogans. Anderseits konzentrierten sie sich nun wieder zunehmend auf die warme Jahreszeit, der Hochzeit außerhäuslichen Getränkekonsums. Die Anzeigen setzten 1911 Ende Mai ein, kurz vor Pfingsten (Bochumer Zeitung 1911, Nr. 126 v. 31. Mai, 12). Von Juli bis Oktober wurden dann Erinnerungsslogans in der Form früherer Standardwerbung geschaltet. Damit beugte man sich den üblichen saisonalen Marktrhythmen, versuchte also nicht mehr, das alkoholfreie Flaschenbier auch während der Winter- und Frühjahrszeit anzupreisen, um so die saisonale Struktur der Bierproduktion abzumildern.

Saisonale Belebung des Absatzes – und Integration von Trinkmit in die einfache Standardwerbung der Schlegel-Brauerei (Bochumer Zeitung 1911, Nr. 128 v. 2. Juni, 4 (l.); Bochumer Zeitung 1911, Nr. 177 v. 31. Juli, 12 (r. u.); ebd., Nr. 219 v. 18. September, 8)
Eine öffentliche Diskussion über das neue alkoholfreie Bier Trinkmit kam nicht zustande. Das eigentliche Skandalon, dass nämlich eine Brauerei ein solches Getränk anbot, interessierte kaum jemanden. Anders als in den Jahren nach Einführung des alkoholfreien Bieres 1896 war für die Öffentlichkeit nicht länger eine Ungebührlichkeit. Ein breit gestreuter Werbeartikel betonte lediglich, dass Schlegel nun „in eine Art Wettbewerb mit sich selbst“ eintrete (Lippische Post 1910, Nr. 82 v. 9. April, 3; Der Gemeinnützige 1910, Nr. 43 v. 12. April, 3). Nur vereinzelt kritisierte man Schlegel für die bedingte Heuchelei, in den letzten Jahren die Temperenzbewegung verdammt und kritisiert zu haben, ihren Anhängern nun aber den Stoff für ein alkoholfreies Leben zu liefern (Civis. Alkoholarme und alkoholfreie Biere, Bochumer Zeitung 1910, Nr. 128 v. 4. Juni, 3). Trinkmit wurde stattdessen als Teil einer allgemeinen Bewegung zulasten niedriger vergorener Biere mit hohem Extrakt- und relativ geringem Alkoholgehalt gedeutet (Alkoholarme und alkoholfreie Biere, Bochumer Zeitung 1910, Nr. 119 v. 11. Mai, 11). Dass parallel Pilsener mit recht hohen, bei vier bis fünf Prozent liegenden Alkoholgehalt zunehmend Marktanteile gewannen, wurde dabei allerdings übergangen. Trinkmit war letztlich Teil einer wachsenden und erwartbaren Marktdifferenzierung im Getränkesektor, einer zunehmenden Abkehr vom engen Standardangebot. Trinkmit repräsentierte zugleich die langsame qualitative Verbesserung nichtalkoholischer Getränke.
Die Schlegel-Brauerei grenzte in Werbeartikeln ihr neues Produkt daher qualitativ ab von anderen „sogenannten alkoholfreien Bieren, die alles andere, nur kein Malz und keinen Hopfen enthalten und von denen ein Urmünchener nach kurzer sachverständiger Probe einmal schaudernd sagte: Braun ist’s, naß is’s un schäumen tuat’s aa, aber Bier – Bier is’s net!“ Ja, Trinkmit sei kein richtiges Bier, könne den vergorenen Gerstensaft auch eigentlich nicht ersetzen; doch als Erfrischungsgetränk stelle es die wachsende Palette der Mineralwässer und Milchgetränke eindeutig in den Schatten (Alkoholarme und alkoholfreie Biere, Bochumer Zeitung 1910, Nr. 119 v. 25. Mai, 11). Das galt insbesondere für Männer, für die von ihnen bevorzugten herberen Getränke. Zugleich aber wurde Trinkmit auch als Angriff auf männliche Konsumweisen verstanden: Männer, nicht degenerierte Männer, würden von mäßigem Biergenuss eben nicht geschädigt. Hinzu kam die Wirkung: „Was nützt mir das ganze Trinken, wenn man nicht etwas fröhlich dabei wird“ (Civis, 1910), Nicht nur Trinkmit-Trinker würden sich dem Spott ihrer Geschlechtsgenossen aussetzen, sondern auch Brauereien, die ihre Kernprodukte nicht verteidigen würden. Als hätten Märkte irgendeine innere Werthaltung, irgendeine Produktloyalität. Ein Wirtschaftsredakteur vermerkte daher treffend, dass es Schlegels „Aktionären schließlich völlig gleichgültig sein [dürfte, US], ob sie ihre Dividende aus alkoholhaltigem Bier oder alkoholfreiem Trinkmit erhalten“ (Die rhein.-westfäl. Brauindustrie im Jahre 1910, General-Anzeiger für Dortmund und die Provinz Westfalen 1911, Nr. 34 v. 3. Februar, 2).
Relativer Erfolg: Trinkmit bei Schlegel
Trinkmit war für die Schlegel-Brauerei ein ökonomischer Erfolg: Das neue alkoholfreie Bier habe den staatlich und konjunkturell bedingten Rückgang der Erträge begrenzen helfen. Man habe damit auch auf veränderte Bedürfnisse der eigenen Kundschaft reagiert (Schlegel-Brauerei, Bochumer Zeitung 1910, Nr. 271 v. 19. November, 14). 1909/10 sei der Absatz der rheinisch-westfälischen Brauereien zwar um mehr als zehn Prozent zurückgegangen, doch dies sei auch Folge der allgemeinen Lebensmittelteuerung und des kühlen und nassen Sommerwetters gewesen. Schlegels Innovation galt als vorbildlich (Die Rheinisch-Westfälischen Aktienbrauereien, Kölnische Zeitung 1911, Nr. 124 v. 3. Februar, 3). Im Folgejahr 1910/11 erreichte der Bierabsatz bei Schlegel neue Rekordwerte, auch der Reingewinn stieg beträchtlich auf etwa 314.853 M: „Auch der Absatz für unser ‚Trinkmit‘ war, wenn man in betracht zieht, daß es sich um ein neues Getränk handelt, befriedigend“ (Schlegel-Brauerei, Bochumer Zeitung 1911, Nr. 272 v. 18. November, 15).
Die Kooperation von Josephsohns Trinkmit GmbH und der Schlegel-Brauerei initiierte zugleich eine begrenzte Modernisierung des Marketings in Bochum. Im Vergleich mit dem einen Nischenprodukt dürfte der allgemeine Übergang zum Flaschenbierabsatz allerdings noch wichtiger gewesen sein. Doch der Nürnberger Kleinbetrieb verwies die Bochumer auf die Schwächen ihres Marktauftritts, auf die Enge und Selbstbezüglichkeit der eigenen Organisation. Entsprechend dürfte die 1910 einsetzende Neugestaltung vieler Schlegel-Werbemittel eine indirekte Folge der Kooperation mit der Trinkmit GmbH gewesen sein. Größere Marktnähe und die Konsolidierung auf hohem Niveau unterstützten den Weg zur lokalen Marktführerschaft und damit auch den Weg zur 1918 erfolgten Fusion mit dem Hauptkonkurrenten Scharpenseel.

Neue Werbemittel: Warenzeichen der Bochumer Schlegel-Brauerei (Deutscher Reichsanzeiger 1910, Nr. 45 v. 22. Februar, 36 (l.); ebd. 1910, Nr. 197 v. 23. August, 27; ebd. 1913, Nr. 252 v. 24. Oktober, 37 (r.))
Die verbesserte Werbung bedeutete allerdings noch lange keinen Übergang zur Konsumentenorientierung. Diese galt weiterhin als trinkfreudig, das Bier als konsumtiver Selbstläufer. Ein nettes Mädel auf der Flasche, die Zusicherung stets hoher Qualität und technische Verbesserungen schienen ausreichend zu sein, um die eigene Marktstellung auch in Zukunft behaupten zu können.

Beworbene Qualität: Das ungeliebte Flaschenbier (Warenzeichenblatt 18, 1911, 63 (l.); Bochumer Zeitung 1912, Nr. 81 v. 4. April, 8)
Zwei Jahre nach der Einführung war Trinkmit als Ergänzungsangebot etabliert. Die Werbung wurde 1912 zurückgefahren, denn dieses Bier lief – dazu reichte das Angebot. Eine Ausnahme boten allein kleinteilige Empfehlungsschreiben von Ärzten und Pfarrern. Auch mit dem Versand von Proben an Multiplikatoren näherte man sich der Geheimmittelwerbung an, beließ das alkoholfreie Bier bewusst in der hochpreisigen Nische konstitutiv geschwächter bürgerlicher Konsumenten. Die Brauerei gestand dem Bierkonkurrenten Trinkmit just diese Konkurrenz nicht zu. Bier blieb Bier, alkoholfreies Bier war kein Bier; selbst wenn man es verkaufte.

Kleinteilige Trinkmit-Werbekampagne mit Empfehlungsschreiben (V.o.n.u. Bochumer Zeitung 1912, Nr. 80, 3; Nr. 84, 6; Nr. 90, 12; Nr. 96, 3 (l.); Nr. 102, 3; Nr. 108, 6; Nr. 114, 5; Nr. 119, 3)
Das relative Abdrängen in den Gesundheitssektor wurde auch sprachlich unterfüttert, denn Schlegel umtänzelte nicht mehr länger den Kernbegriff des alkoholfreien Bieres, sondern sprach nun vom bierähnlichen Getränk. Trinkmit war gesund, weil es einerseits aus reinem, vergorenen Bier hergestellt, weil es anderseits pasteurisiert wurde. Das deckte sich mit den allgemeinen Warnungen des Braugewerbes vor den strukturellen Gesundheitsgefahren von Limonaden und künstlichen Mineralwässern. Nur bei Bier, auch bei alkoholfreiem, werde das Wasser sicher gekocht, seien Infektionen daher praktisch ausgeschlossen (Bochumer Zeitung 1912, Nr. 183 v. 6. August, 7).

Pasteurisiert, bierähnlich und gesund (Bochumer Zeitung 1912, Nr. 183 v. 6. August, 7)
Kein Durchbruch: Alkoholfreies Bier vor dem Ersten Weltkrieg
Die Markteinführung von Trinkmit bei der Schlegel-Brauerei führte lokaler Zufriedenheit und regionaler Ausstrahlung zum Trotz nicht zu einem breiteren Angebot alkoholfreier Biere durch Großbrauereien. Die strikte Frontstellung wurde nicht aufgebrochen, sondern beibehalten. Typisch hierfür war eine kleine Machtdemonstration mehrerer Aktionäre und Vorstandskollegen gegen die Wiederwahl des Kieler Perplex-Herstellers Anton Schifferer (1871-1943). Als Produzent eines alkoholfreien Bieres schien er 1910 für den Aufsichtsrat von Deutschlands größter Brauerei nicht mehr tragbar zu sein (Hamburgischer Correspondent 1910, Nr. 508 v. 30. Oktober, Nr. 608 v. 30. November, 10). Schifferer stellte daraufhin die ökonomisch erfolgreiche Produktion ein, stieg später dann gar zum Aufsichtsratsvorsitzenden von Schultheiß auf. Trotz Perplex, trotz Trinkmit – deutsche Brauereien standen den neuartigen „Kunstprodukten“ (O[tto] Mezger, Über alkoholfreie Getränke, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 15, 1908, 14-19, hier 17) weiter fern.
Dieses Problem teilten sie mit der Öffentlichkeit, denn „alkoholfreies Bier“ wurde mittels vieler Verfahren hergestellt, bezeichnete höchst unterschiedliche Getränke. Doch wie bei anderen neuartigen Lebensmitteln dieser Zeit – man denke etwa an den Heißgetränkerfolg der Ersatzkaffees – löste sich das Neue nicht vom Alten, emanzipierte sich nicht vom Referenzprodukt Bier: „Alkoholfreie Biere oder Malzgetränke sind Erzeugnisse, welche im wesentlichen aus Wasser, Hopfen und Malz, eventuell unter teilweisem Ersatz des Malzes durch Zucker hergestellt worden sind und keinen Alkohol“ enthalten (A[dolph] Beythien, Welche Anforderungen sind von der amtlichen Nahrungsmittelkontrolle an die alkoholfreien Getränke zu stellen?, Zeitschrift für Untersuchung der Nahrungs- und Genußmittel 14, 1907, 26-33, hier 29). Alkoholfreie Biere blieben Ersatzprodukt, entgiftete Biere, wurden nicht zu neuen Produkten eigenen Rechts. Die Innovationen der Tüftler rieben sich am tradierten Angebot, wurden von diesem umrahmt und eingehegt. Auch Schlegel machte dabei mit, der Bezug auf die Ärzte spiegelte dies. Alkoholfreies Bier war in Deutschland, anders als etwa die parallel entwickelten „near beers“ in den USA, trotz beträchtlicher technologischer Innovationen nicht für den eigentlichen Massenmarkt bestimmt (H. Paproth, Ernährungswirtschaftliche und sozialhygienische Bedeutung des Bieres, in: Die deutsche Brauindustrie der Gegenwart, Mannheim 1930, 236-248, hier 236). Dort regierte König Gambrinus, sollte auch weiter regieren.
Dies bremste Innovationen, verlagerte sie zugleich: Typisch hierfür war die 1911 reichsweit diskutierte Erfindung des deutschstämmigen Chemikers Otto Overbeck (1860-1937). Der wissenschaftliche Direktor der britischen Brauerei Hewitt Bros in Grimsby hatte ein Verfahren entwickelt, um Alkohol mittels eines Kohlensäuregasstromes aus gebrautem Bier zu tilgen (Alkoholfreies Bier, Düsseldorfer General-Anzeiger 1911, Nr. 18 v. 18. Januar, 18). Das neue Getränk erschien als Meilenstein der Verfahrenstechnik: „Die Herstellungsrechte […] sind bisher für den Bezirk Lincolnshire von zwei Firmen erworben worden, und man wird binnen kurzem die entalkoholisierten Biere in ganz England kaufen können. Was das Wesentliche bei der neuen Entdeckung ist, ist der völlig unveränderte Geschmack des Bieres. 52 Fachleute konnten einen Unterschied im Geschmack der ihnen verabreichten Proben von gewöhnlichem und entalkoholisiertem Bier nicht entdecken“ (Ein neues alkoholarmes Bier, Niederrheinisches Tageblatt 1911, Nr. 27 v. 28. Januar, 2). Das neue Bier warf zugleich jedoch neue wissenschaftliche Rätsel auf, denn der entfernte Alkohol bildete sich teilweise wieder neu, so dass anfangs alkoholfreies Bier nach längerer Lagerung wieder einen Alkoholgehalt von ein bis zwei Prozent aufwies (Alkoholfreies Bier mit Alkohol, Münchner Neueste Nachrichten 1911, Nr. 58 v. 4. Februar, 2; Durch Elektrizität entalkoholisiertes Bier, Egerer Zeitung 1911, Nr. 87 v. 15. April, 5). Die deutschen Brauer, die parallel ihre international führende Position an die deutschamerikanische Konkurrenz verloren, waren und blieben daher nicht nur skeptisch, sondern urteilten abfällig: „Fraglich ist vor allen Dingen, ob das vom Alkohol befreite Bier auch haltbar sein wird. Alkoholfreies Bier wird immer ein Zwischending bleiben, der richtige Alkoholfeind wird Milch oder Brauselimonade trinken“ (Ein neues alkoholfreies Bier in England, Der Gemeinnützige 1911, Nr. 41 v. 17. Februar, 3).

Stete Innovationen: Hopfengetränk Weltwohlbräu (Durlacher Wochenblatt 1913, Nr. 98 v. 28. April, 4)
Auch in Deutschland wurde weiter geforscht. Die 1907 gegründete Berliner „Betriebs- und Studiengesellschaft für alkoholfreies Bier GmbH“ des Ingenieurs Hans Wernaer steht für eine an sich bestehende und zugleich zunehmend gebrochene Innovationskultur (Berliner Börsen-Zeitung 1907, Nr. 124 v. 14. März, 21). Der zuvor in Steglitz und Dortmund tätige Brauermeister wurde im gleichen Jahr nach Brasilien abgeworben, wo er als technischer Leiter der Brahma-Brauerei die Trinkkultur nicht nur Rio de Janeiros nachhaltig prägte, sondern seine Forschungen erfolgreich fortsetzte (Edgar Helmut Köb, Die Brahma-Brauerei und die Modernisierung des Getränkehandels in Rio de Janeiro 1888 bis 1930, Stuttgart 2005, 211-218; Auszüge aus Patentschriften 33, 1912, 244). Forschung zu „Alkoholfreiem“ stand trotz Ausnahmen gegen die Interessen einer selbstbezüglichen und sich selbst beschränkenden Branche. Dass diese sich dadurch nicht unbedingt einen Gefallen tat, war außerhalb Deutschlands offenkundig.
Übernahme und Ende der Trinkmit GmbH
Damit könnte man schließen. Doch offen ist einerseits die weitere Entwicklung der Kooperation von Schlegel-Brauerei und Trinkmit GmbH: Letztere verlagerte ihren Sitz 1912 von Nürnberg nach Max Josephsohns Wohnort Berlin, wo ab 1913 der neue Geschäftsführer Anton Pomberg die finanzielle Federführung der Schlegel-Brauerei manifestierte (Deutscher Reichsanzeiger 1912, Nr. 256 v. 26. Oktober, 26; ebd., 1913, Nr. 132 v. 6. Juni, 21). Dieser Drift wurde im Mai 1914 nochmals manifester, als man zudem eine Zweitniederlassung in Bochum eingerichtete (Ebd. 1914, Nr. 124 v. 28. Mai, 32). Die Gesellschaft vergab bis kurz dem Krieg weitere Lizenzen, konnte aber nicht wirklich expandieren: Mochte der Nutzen an der abgesetzten Menge beim teureren alkoholfreien Trinkmit auch höher sein, so war der Gesamtnutzen des gängigen Bieres doch größer, da davon schlicht mehr konsumiert wurde (Albert Lienhard, Der Kriegszustand und der Alkohol, Das Volk 1914, Nr. 271 v. 18. November, 2).
Der Krieg unterminierte dann die Existenzgrundlage der Trinkmit GmbH. Die rasch einsetzende Bewirtschaftung der Rohstoffe des Braugewerbes mündete nicht nur in eine zunehmend schlechtere Qualität des Bieres, sondern untergrub anfangs aufgrund des schnell sinkenden Alkoholgehaltes auch die Stellenwert eines Ersatzproduktes. Im Mai 1914 wurde die Bochumer Zweigstelle der Trinkmit GmbH, im Juni 1915 die Berliner Muttergesellschaft aufgelöst (Bochumer Zeitung 1915, Nr. 174 v. 28. Mai, 7; Deutscher Reichsanzeiger 1915, Nr. 169 v. 21. Juli, 27). Anton Pomberg schied als Geschäftsführer aus. Die üblichen Wartefristen vergingen, offene Rechnungen wurden beglichen. Am 8. September 1916 endete die Liquidation in Bochum, drei Tage später auch die in Berlin (Deutscher Reichsanzeiger 1916, Nr. 229 v. 28. September, 14; ebd. 1916, Nr. 218 v. 15. September, 11).
Trinkmit als Ersatzmittel während Ersten Weltkrieges
Das Ende der Kooperation von Trinkmit GmbH und Schlegel-Brauerei bedeutete allerdings nicht das Ende des gleichnamigen Getränkes. Paradoxerweise wurde das alkoholfreie Getränk seit spätestens 1916 ein wichtiges Hilfsmittel im Kampf gegen die vielbeschworene „Biernot“. Die Getreidebewirtschaftung begann bereits im Oktober 1914, im Dezember übernahm eine neu errichtete Kriegs-Getreide-Gesellschaft die Verteilung. Sie beschlagnahmte ab Januar Weizen und Roggen, dann auch Hafer und Gerste. Die Brauereien erhielten nun immer weniger Malz. Wären die Hochgesänge auf die Qualität des deutschen Bieres ernstgemeint gewesen, so hätte man die Produktion deutlich reduzieren müssen. Das aber hätte den Betrieb unrentabel gemacht. Daher reduzierten die Brauereien im kartellierten Gleichschritt den Stammwürzegehalt, um mit weniger Substanz eine gleiche Menge an „Bier“ produzieren zu können. Verglichen mit 1913 wurden 1916 wurden 62,1 Prozent weniger Braustoffe eingesetzt, 1917 waren 87,0 Prozent. Der Stammwürzegehalt sank von üblicherweise 10 bis 12 Prozent bis 1915/16 auf unter sieben Prozent. Das folgende Einfachbier hatte dann lediglich fünf, im Januar 1918 gar nur noch drei Prozent. Bier wurde zur Plörre. Um den Geschmack ansatzweise zu verbessern, mischten die Wirte das „Bier“ nun aber mit bierähnlichen Getränken, deren Produktion von 1.285 hl 1915 auf 421.188 hl 1917 explodierte (Rudolf Caspary, Die Wirkungen des Krieges auf die Brauindustrie, Stuttgart und Berlin 1927, 57-60). Diese schmeckten noch nach Bier.

Regionale Konkurrenz der Bierersatzpräparate (Gevelsberger Zeitung 1916, Nr. 154 v. 5. Juli, 6 (l.); Altenaer Kreisblatt 1917, Nr. 86 v. 16. April, 4)
Die Schlegel-Brauerei profitierte von diesem Wandel. Im Geschäftsjahr 1915/16 verkaufte sie bereits 5000 hl Trinkmit als Streckungsmittel für einen besseren „Bier“-Geschmack (Schlegel-Brauerei Aktiengesellschaft in Bochum, Berliner Börsen-Zeitung 1916, Nr. 582 v. 12. Dezember, 10). Die alteingesessene Marke war seit 1917 ein auch offiziell anerkanntes Streckungsmittel (Bierstreckung durch Ersatzmittel, Volkswacht [Bielefeld] 1917, Nr. 77 v. 31. März, 3; Karlsruher Zeitung 1917, Nr. 196 v. 22. Juni, 4). Der Reingewinn stieg 1916/17 weiter, die „besonders große Nachfrage“ nach Trinkmit und die nun höchst attraktiven Lizenzen hatten „in besonderem Maße zu dem günstigen Abschlusse beigetragen“ (Schlegel-Brauerei A.-G. in Bochum, Westfälische Volks-Zeitung 1917, Nr. 282 v. 4. Dezember, 3). Weniger (Alkohol) war nun mehr (Geschmack) geworden, Trinkmit mutierte kurzfristig zu einer ökonomischer Stütze des Betriebes. Da kümmerte es kaum, dass man Schlegels Geschäftsgebaren sarkastisch mit der Schlagzeile „Das Geschäft mit Bierersatz“ übertitelte (Gelsenkirchener Zeitung 1917, Nr. 282 v. 6. Dezember, 2).

Lizenzen als Geschäftsmodell während des Ersten Weltkrieges (Der Oesterreichische Bierbrauer 45, 1917, Nr. 3, 2)
Trinkmit als „Volksgetränk“ während des Zweiten Weltkrieges
Die Überlieferung zu Trinkmit bricht 1918 ab – und die Schlegel-Brauerei produzierte nach Ende des Krieges kein alkoholfreies Bier mehr. Stattdessen offerierte man ab spätestens 1927 das alkoholarme Malzbier „Lebensbronnen“ (Westfälische Volks-Zeitung 1927, Nr. 215 v. 16. September, 4). Damit kopierte man die Konkurrenz, etwa die Dortmunder Ritter-Brauerei mit ihrem spätestens seit 1910 angebotenen „Kraft-Born“.
Gleichwohl war Schlegel-Scharpenseels Trinkmit-Geschichte noch nicht abgeschlossen. Der nationalsozialistische Musterbetrieb, in dem Anton Pomberg 1933 zum Vorstand aufrückte und auch als NSDAP-Ratsherr bis zu seinem Tod Ende 1940 die Nazifizierung der Brauerei vorantrieb, begann 1942 mit der Produktion eines neuen bierähnlichen Getränks, dem man just den Namen Trinkmit gab (Schlegel-Scharpenseel-Brauerei AG, Bochum, Kölnischen Zeitung 1943, Nr. 45 v. 26. Januar, 3). Öffentlich als eher fade Alternative bewertet (Nach dem Sonntag, Herner Zeitung 1942, Nr. 131 v. 8. Juni, 4), war es allerdings Resultat einer spätestens 1937 einsetzenden Entwicklung hin zu sogenannten Volksgetränken. Dieses Mal würde man vorbereitet in den Krieg ziehen, dieses Mal würde die „Biernot“ in Grenzen gehalten werden können (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, 543-547). Der vom Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti (1900-1945) Anfang 1940 verkündete Conti-Plan mobilisierte hohe Investitionen für ein bierähnliches hygienisches Hopfen- und Malzgetränk mit einem Alkoholgehalt von höchstens 0,5 Prozent (H[einrich] Lüers, Zur Frage neuer Getränke, Allgemeine Brauer- und Hopfen-Zeitung 80, 1940, 761-762).

Die Wiederkehr des Trinkmit als Bierersatz während des Zweiten Weltkrieges (Herner Zeitung 1942, Nr. 130 v. 6. Juni, 8)
Die Forschungen ergaben dutzende alkoholfreier Biere, die weiterhin nicht so genannt werden durften. Das Brauereigewerbe zog jedoch weiterhin nur unwillig mit. Da die Effekte der Rationierungswirtschaft der im Ersten Weltkrieg ähnelten, begannen nach Kriegsbeginn nicht nur die Ressortforschungseinrichtungen in Berlin und München, sondern auch mehrere Großbrauereien mit interner Entwicklungsarbeit. Das war existenzsichernd, denn der Bierabsatz wurde neuerlich durch die Herabsetzung des Stammwürze, Kontingentierung, Zwangszusammenlegungen und das Verbot des Bierversands reguliert und reduziert (Brauereibilanzen 1942, Die Zeit [Reichenberg] 1943, Nr. 62 v. 3. März, 4). Die Folge waren vor allem neue Leichtbiere, zudem zahlreiche Süßbiere. Bedingt durch den Anpassungsdruck des Krieges und die Forderungsprofile der Politik veränderte sich langsam auch die Stellung zum alkoholfreien Bier: „Früher ein Stiefkind der alkoholfreien Industrie, werden die alkoholfreien Kinder heute geradezu gehätschelt“ (Neue Gewohnheiten, Soester Anzeiger 1943, Nr. 167 v. 20. Juli, 1). Trinkmit wurde mit gutem Erfolg eingeführt und fast bis Kriegsende hergestellt (Die Brauwelt 1947, 198 (Geschäftsbericht 1944/45).
Während in Bochum die Entwicklungsarbeiten an der Neuauflage von Trinkmit arbeiteten, wurde Max Josephsohns Schwester Gertrud Josephsohn (1877-1942) im Vernichtungslager Sobibor mit Kohlenmonoxid-Gas erstickt. Seine beiden anderen Schwestern Margarete und Elise überlebten den Judenmord, starben in Argentinien und Berlin. Die Gattin des früheren Trinkmit-Gründers Rosa Josephsohn, geb. Kohn, überlebte die deutsche Judenverfolgung ebenfalls und wanderte 1949 via Den Haag nach Israel aus (Arolsen, Passagierlisten von Flüchtlingen 1946-1971, Niederlande, Rotterdam, 1949, Mai). Der gemeinsame Sohn Heinz Martin (1909-2002) verwirklichte den Jugendtraum seines Vaters, studierte Violine, arbeitete bis 1933 im deutschen Filmgewerbe, flüchtete dann in die Niederlande, später in die USA und Argentinien. Er tilgte seinen Namen und wurde als Henry Martin ein Filmkomponist u.a. für Paramount. Als alter Mann erinnerte er sich nicht mehr an Trinkmit GmbH seines Vaters. Auch beim nationalsozialistischen Musterbetrieb Schlegel-Scharpenseel erinnerte sich niemand mehr an die einstmals erfolgreiche und ungewöhnliche Geschäftsverbindung.
Uwe Spiekermann, 12. September 2026