Ist Eintopf ein Nazi-Wort?

Eintopf 01_San Bernardino County_1934_02_26_p05

San Bernardino County Sun v. 26. Februar 1934, 2 (rechts Kunigunde Knorr)

Kunigunde Knorr hat diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Glaubt man der San Bernardino County Sun, so kochte sie im Februar 1934 ein „Eintopf-Gericht“ für die Besatzung des deutschen Motorschiffes Havel – und der launig-ungläubige Kommentar vermerkte: „Die Besatzungen von Nazi-Schiffen essen lediglich in einem Topf gekochte Speisen, um Geld zu sparen. Das Eingesparte  schicken sie dann an Kanzler Hitler, um damit arbeitslose Nazi-Arbeiter zu speisen“ (”Members of the crew on Nazi vessels eat only food which may be cooked in one pot to save money. The savings are sent back to Chanellor Hitler to feed unemployed Nazi workers.”). Kunigundes langer Schatten reichte bis in ein Interview in der Online-Ausgabe der Welt vom 9. Mai, in dessen Überschrift „Eintopf“ und auch „Nährmittel“ als „Nazi-Wörter“ bezeichnet wurden: Redakteur Matthias Heine und seine Gesprächspartnerin, die Mannheimer Philologin Heidrun Kämper, fanden sich dabei scheinbar auf der sicheren Seite: Der Kulturanthropologe Konrad Köstlin hatte schon 1986 in seinem Aufsatz „Der Eintopf der Deutschen“ pointiert festgestellt: „Vor 1930 gibt es das Wort »Eintopf« nicht, und als es in die deutsche Welt gesetzt wird, da hat das Zusammengekochte seine kochtechnische Unschuld verloren.“

Und wer wollte bestreiten, dass das Eintopfgericht spätestens ab dem 13. September 1933 zu einem Kultessen der virtuellen Volksgemeinschaft mutierte, als Kanzler Adolf Hitler eine „Winterhilfsaktion gegen Hunger und Kälte“ in Gang setzte. Diese Solidaraktion war nicht nur propagandistisch mit dem Eintopf-Sonntag verbunden, der am 1. Oktober 1933,

Eintopf 02_Die Leuchtrakete_11_1933_Nr11_p12_Eintopfsonntag_Aschinger

Die Leuchtrakete 11, 1933, Nr. 11, 12

dem Erntedankfest, einsetzte. Das Sonntagsessen sollte jeweils zu Montagsbeginn, später in kürzeren Abständen, durch ein einfaches Opfermahl ersetzt werden. Der eingesparte Betrag – ca. 50 Pfennig – wurde dann von freundlich-drängenden Personen in Uniform eingesammelt und dem neu eingerichteten Winterhilfswerk zugeführt. Die Mehrzahl der Deutschen machte mit, teils willig, teils unter dem offenkundigen Kontrolldruck. Besonders engagiert zeigten sich viele Hauswirtschaftslehrerinnen, etwa die später mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Erna Horn, deren kleine Broschüre über den Eintopf – „das deutsche Spargericht“ –, Rezeptvorschläge unterbreitete. Sie fühlten sich von den neuen Maßnahmen bestätigt, hatten sie doch schon lange für „Eintopf“ als eine vernünftige Antwort auf Nahrungsmangel und Einkommensengpässe geworben.

Schon lange? Ja, auch Kunigunde, die Havel-Köchin, hätte dies eigentlich wissen müssen. „Eintopf“ gab es schon lange vor 1933 – oder auch 1930 – in Deutschland. Das Wort wurde während der NS-Zeit allerdings neu aufgeladen, symbolisierte das Zusammenstehen des deutschen Volkes in Zeiten der Bewährung, des Kampfes, war einer von vielen nationalsozialistischen Propaganda-Begriffen. Eintopf stand während der NS-Zeit für völkische Inklusion und rassistische Exklusion – so wie viele andere Speisen dieser Zeit. Aber dies geschah während der NS-Zeit. Die verengende Bezeichnung von Eintopf als Nazi-Wort blendet dagegen die komplexe Vorgeschichte dieses Begriffes aus.

Unstrittig ist, dass es die Speisen, die heutzutage als Eintopf bezeichnet werden, schon vor der Industrialisierung gab. Sie waren häufig Armenspeisen, wie etwa die seit etwa 1800 gereichte Rumford-Suppe. Doch Eintöpfe waren zugleich regionalen Spezialitäten, beispielsweise die schwäbische Gaisburger Marsch oder der niederbayerische Pichelsteiner. Im Norden Deutschlands waren Eintöpfe verbreiteter, da die Küchentechnik weniger elaboriert war und auch die neuen Sparherde meist nur eine wirkliche Feuerstelle hatten. Eintöpfe, das waren Gemüse-Fleisch-Kombinationen. Hülsenfrüchte waren üblich, nicht aber alternativlos. Suppen aus Bohnen, Linsen oder Erbsen finden sich in den bürgerlichen Kochbüchern seit dem frühen 19. Jahrhundert – und gerade letztere wurde gerne verspeist: „Die überall bekannte und beliebte Erbensuppe verdient eine besondere Erwähnung. Man riecht im ganzen Hause dieses verführerische Gericht, wenn es in der Küche gekocht wird“ – so Oscar Peterson in seiner 1894 publizierten „Küche der Zukunft.“ Doch neben die Küche fanden sich Eintöpfe im späten 19. Jahrhundert insbesondere in der sich langsam Bahn brechenden institutionellen Ernährung: Armen- und Volksküchen dienten der Grundversorgung, Krankenhäuser und Kasernen boten Speisen für klar definierte Sondergruppen, ebenso frühe Mensen oder Schulspeisungen.

Eintopf 04_Illustrierte Weltschau_1914_Nr13_p07_Hamburg_Volksschule

Illustrierte Weltschau 1914, Nr. 13, 7

Eintöpfe waren vor dem Ersten Weltkrieg weitverbreitet, und vor allem im Norden eine Alltagsspeise. Die Speise(n) waren bekannt, doch lediglich unter Einzelnamen. Es fehlte ein verbindender Dachbegriff. Er entstand im Ersten Weltkrieg – und es waren Hauswirtschafterinnen und Praktiker der Ernährungspolitik, die ihn gezielt benutzten. Als im März 1915 die Generaloberin des Badischen Roten Kreuzes, Mathilde von Horn, über die Konsequenzen der englischen Seeblockade für die Hauswirtschaft sprach, empfahl sie „Eintopfgerichte aus Kartoffeln, Gemüse und etwas Fleisch“ (Der Volksfreund v. 26. März 1915). Die Agrarwissenschaftlerin Gertrud Dyhrenfurth mahnte 1916 in ihrer Broschüre „Das Vaterland und die deutschen Hausfrauen“: „Die sogenannten Eintopfgerichte haben soviele Vorzüge, daß sie unbedingt überall bekannt und eingeführt werden sollen.“ In den zahllosen Kriegskochbüchern, Helfern im Umgang mit der neuen Enge der Hauswirtschaft, finden sich nicht nur zahlreiche Rezepte von Einzelspeisen, sondern vielfach auch der Dachbegriff der „Eintopfgerichte“. Im deutschen Sparkochbuch von Victoria Löbenberg hieß es ab 1915 gleich in der Einleitung: „Kriegsgemäß sind alle Eintopfgerichte“. In vielen Regionen mussten diese neuen Speisen begründet werden, war ein Wandel tradierter Ernährungsgewohnheiten doch schwierig. Im Schwäbischen Kriegskochbuch von Luise Hainlen hieß es 1916 entsprechend: „Die Eintopf- oder Mischgerichte, unter Verwendung von wenig Fleisch und Fisch, die in Norddeutschland schon lange heimisch sind, verdienen in Kriegszeiten besondere Beachtung. Erhebliche Ersparnis an Kochgeschirren erleichtert die Küchenarbeit, die Möglichkeit, die Gerichte in der Kochkiste oder auf der Grude zuzubereiten ermöglicht der Hausfrau manche Morgenstunde zu anderer gewinnbringender Arbeit.“

Diese Argumente überzeugten zumindest die Verwaltungsbeamten und Militärs vor Ort, die eine seit 1915 zunehmend rationierte Lebensmittelversorgung organisieren sollten. Der Karlsruher Stadtverordnete Schneider stellte 1916 prototypisch fest: „Der Eintopf bewährt sich vorzüglich. Die norddeutsche Küche (Eintopf) hat mir besser geschmeckt, als die süddeutsche mit zwei Töpfen, wenn man alles durcheinander kocht, schmeckt das Essen besser.“ (Badischer Beobachter v. 14. Oktober 1916). Begrifflich findet sich der Singular „Eintopf“ selten, klar dominierten Komposita wie „Eintopfgerichte“ und „Eintopfspeisen“. Sie waren mit dem raschen Wachstum der Kriegsküchen verbunden, also Massenspeisungseinrichtungen in den urbanen und industriellen Zentren des Deutschen Reiches. Eintopf war jedoch – zumal in Bayern – nicht beliebt. Er stand für die Rationalität von Staat und Ernährungsexperten, doch Widerstreben war weit verbreitet. In München hieß es etwa 1918: „Im Hinblick auf die Vereinfachung der Zubereitung und des Betriebes wäre wohl das Eintopfgericht die zweckmäßigste Art dieser Mittagsbeköstigung. Es wurde aber dem Geschmacke unserer Bevölkerung, die sehr an der Suppe hängt, Rechnung getragen.“ (Öffentliche Gesundheitspflege 3, 1918, 9) Aus Nürnberg hieß es explizit: „Von dem Eintopfgericht, das süddeutschem Geschmack nicht entspricht, wurde meist abgesehen und nur im äußersten Falle davon Gebrauch gemacht.“ (Öffentliche Gesundheitspflege 3, 1918, 195) Dagegen wurden im Südwesten „Eintopfküchen“ eingerichtet, die auf die Versorgung der minderbemittelten Haushalte zielten. Oberhalb der Mainlinie und auch in Sachsen waren die Akzeptanzprobleme geringer, während in Berlin das Bürgertum recht reserviert blieb. Die zunehmenden Schwierigkeiten der deutschen Obrigkeit bei der Sicherung der Alltagsversorgung verwässerte allerdings die Erfolge der Speisungsbestrebungen, denn an die Stelle eines dampfend-sämigen und nährenden Eintopfes waren schon längst fettarme und wasserreiche Speisen getreten. „Eintopf“ galt zwischen 1917 und 1919 vielfach als Marker für schlechtes Essen.

Eintopf 05_Badische Presse_1930_12_06_Nr568_p08

Werbung für Eintopf 1930 (Badische Presse 1930, Nr. 568 v. 6. Dezember, 8)

Nach dem Ersten Weltkrieg war Eintopf zwar bekannt, doch die wässerigen und schlecht schmeckenden Notspeisen lockten nicht, sie galt es vielmehr zu überwinden. Entsprechend setzte sich der Begriff noch nicht in der kulinarischen Literatur durch – wenngleich Belegstellen gewiss zu finden wären. „Eintopfgerichte“ finden sich in den 1920er Jahren dennoch zum einen im Umfeld von Notspeisungen, zumal während der Hyperinflation 1923. Zweitens etabliert er sich seither auch als Speisenbezeichnung in studentischen Mensen. Die angehenden Akademiker kokettierten mit der temporären Not, die nach dem Studium gewiss überwunden werden würde. Schließlich hielten Hauswirtschaftslehrerinnen an dem Begriff fest, versuchten nun, ihn aufzuhübschen, indem sie einerseits Rezepte lieferten, anderseits Eintöpfe als regionale und nationale Spezialitäten präsentierten. Das galt selbst für die süddeutsch-österreichische Küche. In den 1920er Jahren etablierte sich ein qualitativ hochwertigerer Eintopf, sachlich und auch begrifflich. Im Vorwärts verband man „Eintopfgerichte“ mit Ferienschiffen und Schulspeisungen. Und auch in den Imbissen der Warenhäuser konnte man günstige Eintopfgerichte finden.

Die Szenerie änderte sich während der Weltwirtschaftskrise. Ab 1930 wurden Notstands-, zumal Arbeitslosenspeisungen wieder üblich, ja erforderlich. „Eintopf“ diente zur Bezeichnung der Speisen, wurde aber auch zu einem Symbol der Nöte der Zeit. Deutschland, seine Arbeitslosenheere, schienen wieder auf eine Situation nicht verantworteter Enge zurückgeworfen. Solidarität war erforderlich, so wie während des Krieges, so wie während der Inflationszeit.

Das kleine Blatt_1932_04_11_Nr101_p4_Eintopf_Hausfrau

Eintopf auf den Tisch (Das kleine Blatt 1932, Nr. 101 v. 11. April, 4)

Doch „Eintopf“ stand nicht zwingend für die Nation am Kochtopf, mochte er auch arbeitslosen Stahlhelm- und SA-Angehörigen verabreicht werden. Auch Sozialdemokraten und – als Arbeitslosenpartei – die KPD verteilten Eintöpfe; für sie war das Ausdruck von Klassensolidarität angesichts der letzten Zuckungen des sterbenden Kapitalismus. Hauswirtschafslehrerinnen lenkten den Blick aber auch auf die große Zahl von Eintöpfen jenseits der Grenzen. Sie unterstrichen, dass „der ‚Eintopf“ in aller Welt beliebt und nicht nur die notwendige Folge und Begleiterscheinung von Herrn Schmalhans ist.“ (Das kleine Blatt v. 11. April 1932)

1933 stiegen die Nennungen erst im Herbst an. Zuvor findet sich „Eintopf“ eng verbunden mit studentischen Mensen, weniger mit Notstandsspeisungen. Das änderte sich mit dem Winterhilfswerk und dem Eintopfsonntag. Doch dies sollte nicht dazu führen „Eintopf“ als ein Nazi-Wort misszuverstehen. Der Begriff wies vielmehr zurück auf die Zeit des Ersten Weltkrieges, auf die ohne Lohn gebliebenen Opfer des Weltenbrandes. „Eintopf“ verwies auf eine neue Kampfsituation unter anderen, noch friedlichen Rahmenbedingungen. Er griff damit weit über die Grenzen der NS-Bewegung hinaus, verwies auf Gefahren und Bewährungsproben, die im Ersten Weltkrieg für (fast) alle bestanden. „Eintopf“ war ein breitgefächertes ideologisches Fahnenwort, das eben deshalb erfolgreich war. Es stand in der Tradition nationaler Inklusion, wie etwa bei der politischen Inszenierung beim Tag von Potsdam. „Eintopf“ war erfolgreich, weil der Begriff mehr war als ein „NS-Wort“. Kunigunde Knorr mag dies übersehen haben. Heutige Wissenschaftler und auch Journalisten aber sollten es besser wissen.

Uwe Spiekermann, 14. Mai 2018

Macht und Repräsentation – Zu Tisch mit Kaiser Wilhelm II.

Ja, die Kulissen der Paläste laden ein. Mächtige Bauten, große Räume, prächtige Tafeln. Ja, dort gab es erlesene Weine und delikate Speisen. Man vernahm raschelnde, edle Roben, verhaltenes Gemurmel, den dezenten Klang der Tischmusik und die Eilfertigkeit der Diener. Die höfische Pracht wirkt heute noch nach, Höfe und Herrscher bleiben dank Büchern, Filmen und Frauenzeitschriften ein Alltagsphänomen. Wie viel größer mag da die Ausstrahlung eines Hofes, eines Herrschers gewesen sein, der reale Macht in Händen hielt, der nicht nur in fernen Traumwelten, sondern im Deutschen Reich selbst agierte, dort seine Pracht entfaltete?

Berliner Leben_05_1902_Nr09_p142_WilhelmII

Wilhelm II (Berliner Leben 5, 1902, Nr. 9, 142)

Obwohl das in sich sehr heterogene Bürgertum seine gesellschaftliche Position stark ausbaute, gelang es ihm im 19. Jahrhundert nicht, den Adel aus wesentlichen Machtpositionen, sei es in Militär, Bürokratie, Politik und auf dem platten Lande, heraus zu drängen. Im Gegenteil: Mit Wilhelm II. hatte 1888 ein Kaiser das Zepter übernommen, der von der Gottesunmittelbarkeit seiner Herrschaft zutiefst überzeugt war und das konstitutionellen Systems bestenfalls formal akzeptierte. Er stand im deutschen Adel keineswegs allein, das neoabsolutistische Gebaren von „Kini“ Ludwig II. von Bayern ist wohlbekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die deutschen Höfe sich in historisch einmaligen Ausmaß ausdehnten und eine Repräsentationspracht wie nie zuvor entfalteten. So stiegen die Ausgaben des ehedem als „sparsam“ geltenden preußischen bzw. kaiserlichen Hofes seit den 1860er Jahren real deutlich an. 1908/09 kostete der Hof Wilhelm II. 22,2 Mio. Mark staatliche Subventionen, also „mehr als der Reichskanzler, die Reichskanzlei, das Auswärtige Amt (mit dem gesamten diplomatischen Korps und dem Konsulardienst), das Kolonialamt und die Reichsjustizverwaltung zusammen“ – so der britische Historiker John C.G. Röhl. Hinzu kamen noch Einnahmen aus dem beträchtlichen Vermögen der Hohenzollern. Im föderalen Reich gab es zahlreiche weitere Höfe. Ihre Ausgaben lagen bei zusätzlich etwa 20 Mio. Mark; und in dieser Summe sind die vielen herrschaftlichen Haushalte bis hinab in den niederen Adel nicht enthalten.

Der Welt-Spiegel_1913_06_19_p04_Schloss-Abenberg_WilhelmII

Schloß Abenberg im Rangau, Geschenk an Wilhelm II. zum 25-jährigen Thronjubiläum 1913 (Welt-Spiegel 1913, Ausgabe v. 19. Juni, 4)

Kurzum: Deutschland war mit einem Netz repräsentativer Zentren übersät. Allein der preußisch-deutsche Hof bestand aus mehr als 40 Schlössern mit nicht weniger als 3.500 Beschäftigten. Die Präsenz der Herrscher wurde durch eine den hochmittelalterlichen Kaisern kaum nachstehende Reisetätigkeit erhöht, und Hofberichterstattung prägte die meisten Printmedien.

Kochkunst und Tafelwesen_11_1909_p29_WilhelmII_Tafelaufsatz

Repräsentativer Nachtisch (Kochkunst und Tafelwesen 11, 1909, 29)

Essen (und Trinken) hatte eine wichtige Mittlerfunktion: Kontakte zwischen Herrschern und Untertanen waren fast durchweg mit der Speisekultur verwoben. Ihr Ziel war nicht primär Nährstoffzufuhr, sondern Herrschaftssicherung, hierarchische Kommunikation und die Festschreibung scheinbar obsoleter ständischer Unterschiede. Trinksprüche auf Empfängen, Büfetts auf Eröffnungsfeiern, erfrischende Getränke bei Hofbällen und ausladende Menüs mehrfach am Tage; sie alle waren Teil einer nach außen gewandten repräsentativen höfischen Speisekultur, der sich die Mehrzahl der Deutschen kaum entziehen konnte. Doch Essen integrierte nicht nur, sondern selektierte auch: Das strenge Hofzeremoniell schied strikt zwischen Teilnehmern und Nichtteilnehmern. Die einzelnen Mahlzeiten bzw. festlichen Veranstaltungen mit Mahlzeiten waren stets auf fest definierte Kreise zugeschnitten, ihnen anzugehören war wichtig für Karriere und Status. Der „Königsmechanismus“ des späten Kaiserreichs, das allgemeine Buhlen um das „Allerhöchste Vertrauen“ führte zu einer Ausweitung der höfischen Speisekultur auf die Angehörigen der engeren Herrschaftszirkel, deren Ausgaben anlässlich der häufigen Besuche des Kaisers immens anstiegen.

Lindenberg_1898_p059_Potsdam_Hohenzollern_Frühstück

(Paul Lindenberg: Das Familienleben am deutschen Kaiserhof, in: Paul Brehmer (Hg.): Am Hofe Kaiser Wilhelm II., Berlin 1898, 49-64, hier 59)

Blicken wir nun genauer hin: Zu Hofe gab es drei feste warme Mahlzeiten, Frühstück, zweites Frühstück und Lunch/Diner am Abend. Die Essenszeiten wurden im Laufe des Wilhelminismus deutlich hinausgeschoben, beim Frühstück von 7 Uhr auf 9 Uhr, beim Diner von 19 Uhr bzw. 19½ Uhr auf 20 Uhr. Die Hauptmahlzeit verlagerte sich vom Mittag auf den Abend. Zudem gab es regelmäßige Zwischenmahlzeiten, etwa vor dem Frühstück oder aber den Tee um 17 Uhr. Die Nahrungsaufnahme vollzog sich stets in Gesellschaft und nahm vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch: Eine mittägliche Familientafel währte nur 20-30 Minuten, selbst vielgängige Festmenüs selten mehr als eine Stunde. Grund hierfür war sicherlich die starke Fixierung auf den Kaiser, der stets schnell aß, konnte er doch aufgrund seiner Behinderung sein Essen – trotz individuell gefertigten Bestecks – nicht selbst zerlegen. Die Mehrzahl der Speisen war daher direkt verzehrfertig und wurde auch direkt verzehrt. Hatte der Kaiser aber einen Gang beendet, deckten die Diener bei allen Gästen ab.

Die Woche_15_1913_p907_Gala_Berlin_Heirat_Hohenzollern

Gala mit Wilhelm II., Zar Nikolaus II. und König Georg V. anlässlich der Hochzeit von Prinzessin Viktoria Luise mit dem welfischen Herzog von Cumberland (Die Woche 15, 1913, 907)

Über die Speisen wurde viel geschrieben, doch diente dies vorrangig der Stilisierung. Die strikte Trennung zwischen den vermeintlich einfachen und kräftigen Speisen der Familientafel und den delikaten Genüssen bei größeren Empfängen führt in die Irre, sie sollte eher die Volksverbundenheit des Kaiserhauses demonstrieren. Schon die Art der Zubereitung schloss dies aus, der Schmorbraten des Hofes konnte mit dem des bürgerlichen Hauses kaum verglichen werden. Höchste Qualität der Nahrungsmittel, perfekte Saucen und raffinierte Gewürze ließen die Speisen am Hofe generell zu Wohlgenüssen werden. Schon direkt nach der Thronbesteigung 1888 setzte der Geschmack des Kaiserpaares neue Akzente. Die Speisekarten trugen seitdem deutsche anstelle der zuvor üblichen französischen Bezeichnungen, und auf Wunsch Wilhelm II. wurden regelmäßig kalte Vorspeisen und zunehmend Fischgerichte aufgetragen. Die Menüs selbst folgten allerdings anerkannten kulinarischen Regeln. So wechselten sich anregende und sättigende Speisen ab, zielten die Köche auf größtmögliche geschmackliche Abwechslung und vermieden Wiederholungen. Festliche Diners wiesen zwischen neun und zwölf Gängen auf, lediglich während der häufigen Jagdgesellschaften reduzierte man sie auf sieben. Das war höfische Repräsentationskultur, denn im Doorner Exil lag die Zahl der Gänge bei zumeist zwei bis drei, in seltenen Fällen bei vier bis fünf. Die Tafel war stark fleischbestimmt: Braten aus Rind-, Kalb- oder Lammfleisch bildete meist den „pièce de résistance“, neben Fischgerichten wurden stets mehrere Geflügelgerichte aufgedeckt. Wild dagegen besaß, abgesehen vom gern gereichten Rehrücken, bei festlichen Diners nur eine Randstellung – eine Überraschung angesichts der massakerhaften Jagdleidenschaft des Kaisers.

Dincklage-Campe_1898_p310_Jagdschloss_Grunewald_Frühstück_Hohenzollern

(Friedrich v. Campe-Dincklage: Das Waidwerk, in: Georg W. Büxenstein (Hg.): Unser Kaiser. Zehn Jahre der Regierung Wilhelm II. 1888-1898, Berlin/Leipzig/Stuttgart 1898, 305-315, hier 310)

Hier könnte man fortfahren, etwa einen Blick auf das exklusive Tafelporzellan werfen, bei den riesigen Tafelaufsätzen verweilen, gar einen Blick in die modernen Kücheneinrichtungen der Schlösser zu werfen. Die Prachtentfaltung des Hofes käme noch stärker zum Ausdruck, die Differenz zur bürgerlichen „Sparsamkeit“ wäre noch augenfälliger. Wichtiger aber ist, nach der realen Bedeutung der höfischen Speisekultur für die allgemeine Küche zu fragen, zumal auf die der gehobenen bürgerlichen Kreise. Gab es also eine „Aristokratisierung“ (oder auch „Feudalisierung“) der feinen Küche? Die wenigen empirischen Untersuchungen hierzu erlauben keine generellen Aussagen. Was für die Familie Krupp galt, auch für viele gesellige Essen des Besitzbürgertums, muss nicht zwingend für die Mehrzahl des in sich so heterogenen gehobenen Bürgertums gelten.

Kochkunst_08_1906_p278_Menükarte_WilhelmII_Krupp_Essen_Villa-Hügel

Kaiserbesuch der Kruppschen Villa Hügel (Kochkunst 8, 1906, 278)

Dennoch scheint die höfische Speisekultur hochgradig prägend gewesen zu sein, sei es durch die immense Zahl offizieller Besuche, bei denen dem Kaiser auch kulinarisch stets etwas ihm angemessenes geboten werden musste. Sei es durch die für die gehobenen Restaurants und professionellen Köche wichtigen Fachzeitschriften, wie etwa „Die höfische und herrschaftliche Küche“ oder „Kochkunst und Tafelwesen“, die jährlich zig Menüs des Hofes nachdruckten und so zum Vorbild auserkoren. Sei es durch die Etablierung einer größeren Zahl exklusiver Spitzenrestaurants, etwa des Hotel „Adlon“ in Berlin, an dessen Gründung Wilhelm II. persönlich beteiligt war. Und sei es schließlich durch die immer wiederkehrenden Speisepläne und Hofberichte in den Familien- und Gesellschaftszeitschriften der Jahrhundertwende. Die kaiserliche Tafel blieb schon aus Kostengründen der Mehrzahl der Deutschen verwehrt. Das aber heißt nicht, dass nicht viele sich einmal wünschten, dort zu sein, wo das glänzende Leben sich abspielte, sich an delikaten Speisen, an erlesenen Weinen zu laben und mit dem Kaiser anzustoßen auf das Wohl des Deutschen Reiches.

Uwe Spiekermann, 12. Mai 2018

Zwerge in Wissenschaft und Öffentlichkeit – Ein Tribut an General Mite

Ranke_1886_p233_General Mite

Archiv für Anthropologie 16, 1886, 233

Beim Aufräumen stieß ich auf ein eigenartiges Bild, das ich einst nutzen wollte, um den Forschungsdrang der Ernährungsphysiologie im 19. Jahrhundert zu unterstreichen. Selbstversuche waren nicht unüblich und angesichts gesellschaftlicher Not gab es auch Forschungen, die heute keine Ethikkommission mehr zulassen würde. Das Bild zeigt einen Zwerg, genannt General Mite [also Däumling], in den 1880er Jahren weit bekannt in den USA, Großbritannien und auch auf dem europäischen Festland. Links neben ihm steht seine Bühnenpartnerin Millie Edwards, der vermeintliche Riese rechts ist dagegen der Vater des Generals. Es war Teil eines 1886 im Archiv für Anthropologie unter dem Titel „Ueber den amerikanischen Zwerg Frank Flynn, genannt General Mite, dessen Körper- und Geistesentwickelung und Nahrungsbedarf“ erschienenen Aufsatzes. Die Autoren waren zwei führende Vertreter der sog. Münchener Schule der Physiologie: Heinrich Ranke (1830-1909), ein Mediziner, der sich zuvor schon der Arbeit von italienischen Ziegelarbeitern gewidmet hatte, und Carl von Voit (1831-1908), ein Pionier der Stoffwechselforschung, dessen Kostmaß – pro Tag 118 g Eiweiß, 500 g Kohlenhydrate und 56 g Fett – seinerzeit die wichtigste Bezugsgröße für eine angemessene Ernährung bildete (mehr dazu in Uwe Spiekermann, Künstliche Kost. Ernährung in Deutschland, 1840 bis heute, Göttingen 2018, Kapitel 2.1).

Beide Wissenschaftler hatten schon lange auf einen Zwerg gewartet, denn mit Hilfe derart lebendigen Materials ließen sich wichtige Fachfragen klären. Ranke, der den Kontakt zu Flynns Vater herstellte, wollte vor allem die gängigen Entwicklungsgesetze des Menschen überprüfen. Zur Debatte standen vor allem die Vorstellungen eines „Homme Moyen“, wie sie seit den 1840er Jahren vor allem der belgische Statistiker Adolphe Quetelet (1796-1874) propagierte hatte. Seine „Physique Sociale“ (1869) und „Anthropométrie“ (1870) waren Referenzwerke, die es sowohl zu präzisieren als auch zu überwinden galt. Der heutige Body Mass Index (BMI) geht beispielsweise auf diese Arbeiten zurück. Rankes Messen des Zwerges zielte auf die Proportionen der Körperentwicklung, auf den „normalen“ Übergang vom Säugling zum Erwachsenen. Voit interessierten dagegen die Beziehungen zwischen der Größe eines Lebewesens und seines Stoffwechsels (wobei sich der Professor, wie in Deutschland üblich, auf die Arbeiten seiner Assistenten bezog, vor allem denen von Max Rubner, dem später so bezeichneten Vater der Kalorienlehre).

Wellcome Library London, L0063542

Poster London 1882 (Wellcome Library, L0063542)

Die Ergebnisse der Untersuchungen – einfache Messungen und die Analyse der Speisen des General Mite – bestätigten die Grundannahmen der bayerischen Wissenschaftler. Der Zwerg und seine Partnerin standen zwischen Säuglingen und Erwachsenen. Der 19-jährige General (Ranke nahm 16 Jahre an) maß 82,4 Zentimeter, sein Gewicht betrug ohne Kleider 6570 Gramm. Seine etwa 15 Jahre alte Partnerin kam auf 72 Zentimeter bei einem Gewicht von 6601 Gramm mit Kleidern. Dies entsprach Säuglingen im Alter von zwei bis zweieinviertel Jahr. Zugleich aber wiesen beide im Wesentlichen die Proportionen von Erwachsenen auf, insbesondere einen relativ kleineren Kopf und Unterkörper. Ranke konnte nicht erklären, wie dies möglich war, zumal die Eltern beider Erstgeborenen später zahlreich „normale“ Kinder hatten. Doch das hieß im Wissenschaftsjargon nur, dass weitere Forschungen erforderlich seien, ebenso präzisere Messmethoden. Voit referierte die Ergebnisse Max Rubners im Sinne von dessen dann 1893 aufgestellter Oberflächenregel, die besagt, dass der Stoffverbrauch pro Kilogramm Körpergewicht mit abnehmender Körpergröße zunimmt. General Mite verbrauchte zwar wenig Nahrung, doch lag sein Konsum pro Kilogramm Körpergewicht dreimal höher als der des „normalen“ Menschen. Sein früherer Tod war also wahrscheinlich.

Soweit die Wissenschaftler. Ich gehe nicht auf die im Artikel nur gestreifte Frage der geistigen Entwicklung dieser „abnormen“ Menschen ein. Die etwas früher angestellten Untersuchungen des Berliner Anthropologen Rudolf Virchow (1821-1902) betonten eine gewisse geistige Rückständigkeit, doch Ranke konnte dem nach einigen Gesprächen nicht beipflichten. Für ihn war der General „smart“ und witzig, gewandt und von gutem Benehmen. Allein die Geschlechtsentwicklung war verzögert, Rückfragen bei der Wärterin des Zwergenpaares führten zu dem wissenschaftlichen Ergebnis, dass beide Zwerge noch keine Schambehaarung aufwiesen.

Stratton_und_Barnum_um_1850_Wikipedia

P.T. Barnum und General Tom Thumb, 1850 (Wikipedia)

Doch die Wissenschaftler mussten sich leider auf Informationen zweiter Hand verlassen. Das galt noch stärker für das Massenpublikum. Zwerge waren schließlich ein Riesengeschäft. Das galt schon für Charles Stratton (1838-1883), einem amerikanischen Zwerg, der 1842 von Zirkusdirektor und Marketingpionier Phineas Taylor Barnum (1810-1891) entdeckt wurde. Als General Tom Thumb tourte er erst durch die USA, seit 1844 auch durch Europa. Als er 1848 nach Berlin kam, rühmten die Kritiker seine Parodien berühmter Männer. In Großbritannien hatte er zuvor wohl drei Millionen Schaulustige angezogen und die holde Weiblichkeit war Garant für hohe Einkünfte. Der General sang nicht nur und machte Kunsttücke, sondern gab gegen ein kleines Salär auch ein Küsschen, umarmte die zahlende Kundschaft. Spätere Europatouren schlossen sich an, eine Zwergenheirat 1863 – auch Abraham Lincoln steuerte ein Geschenk bei – belebte das stockende Geschäft mit dem Kleinwuchs. Stratton starb als reicher Mann, als Berühmtheit seiner Zeit.

General Mite war gewissermaßen ein Wiedergänger, wenngleich deutlich kleiner als der über ein Meter messende General Tom Thumb. General Mite wurde erstmals 1876 auf der Weltausstellung in Philadelphia der sensationslüsternen Öffentlichkeit präsentiert, also nur kurz nach Einsetzen der Wachstumsstörungen. Sein Vater übergab ihn anfangs einem Manager, Frank Uffner, später übernahm er selbst die Federführung im lukrativen Familienunternehmen. Uffner kombinierte General Mite mit einem kleinen, naja, sehr kleinen mexikanisches Mädchen, Lucia Zarate.

Berliner Börsen-Zeitung_1885_04_11_p14_General-Mite_Schaustellerei_Concordia-Theater

Berliner Börsen-Zeitung 1885, 11. April, 14

Die eigentlichen Erfolge im Ausland aber, vor allem von 1885 bis 1887, sahen General Mite an der Seite des 1877 geborenen US-Amerikanerin Millie Edwards. Höhepunkt des Showbusiness war auch hier die Hochzeit, 1884 in Manchester und in ganz Europa freudig zur Kenntnis nahmen. Abermals zog ein Zwergenpaar Millionen in den Bann – und dies mit einem eher konventionellen Programm. Die Berliner Börsenzeitung berichtete 1885: Die beiden Zwerge traten auf, nahmen auf ihrem ach so kleinen Sofa Platz, es folgten Details des Regisseurs und Conférenciers aus ihrem Leben. Der General sang, rezitierte Shakespeares „Sein oder nicht sein“, es folgte ein Tänzchen, dann ritten beide auf Ponys durch die Manege. Küsschen fehlten, doch dafür hatte man den Standardzwerg Berlins im Einsatz, der hier nur zeigen musste, dass er eigentlich ein rechter Riese war, verglichen mit dem kleinsten „Ehepaar seit Erschaffung der Welt.“

1887 kehrten die beiden – pekuniär sehr gut abgesichert – in die USA zurück. Sie siedelten 1890 nach Australien über, wo weiteren Touren folgten. General Mite starb 1898 an Leber- und Nierenversagen, während das Leben seiner angetrauten Ehefrau Millie 1919 endete – während ihrer offenkundig letzten Tour. Die Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahren wiederholt mit Völkerschauen, Schaustellern und den Frühformen des Vaudevilles beschäftigt. Darin finden sich all die korrekten Abgrenzungen zu derartig geifernden Massen, zum kommerzialisierten Schauen des Abnormen. Ja, aufgeklärte Menschen sind an Zwergen nicht interessiert, beklagen einzig deren Schicksal. Und doch haben Sie – wie auch ich – diese Geschichte genossen. Warum nur, warum?

Uwe Spiekermann, 10. Mai 2008

Der Dank der Heimatstadt – Lamstedt und Claus Spreckels

Lamstedt ist ein kleiner Ort in Norddeutschland, im Landkreis Cuxhaven. Die Samtgemeinde umfasst noch mehrere kleine Dörfchen und Flecken, zusammengezählt leben vor Ort immerhin 3.300 Menschen. Gleich zwei Museen gibt es, auch wenn das „Bördemuseum“ die Anfang der 1970er Jahre erfolgte Wende der Volkskunde hin zur Kulturanthropologie sicher nicht mitgemacht hat.

IMG_4252

St. Bartholomäus Kirche Lamstedt

Lamstedt, als Kirchensprengel seit dem frühen 12. Jahrhundert nachweisbar, besitzt eine eindringliche, ab dem 16. Jahrhundert dann evangelische Langhauskirche, ein abseits des Ortskerns liegendes Schul-, Sport- und Verwaltungszentrum und das Erlebnisbad „Lambada“, ausgestattet mit „Kids River“-Rundkanal und Schwallwasserpilz. Auch den neuen Friedhof habe ich besucht. Die Geschicke vor Ort bestimmt die konservative CDU, die bei den letzten Wahlen mehr als 70 % der Stimmen holte. Ein ruhiges, gutes Leben, das mag Lamstedt bieten.

IMG_4428

Zentrum abseits des Ortskerns

Doch mein Besuch galt nicht dem einst als Treffpunkt geplanten menschenleeren Funktionsmöbelplatz des Rathausumfeldes, folgte auch nicht der einladenden Werbebotschaft „Börde Lamstedt hat’s … gemütlich einkaufen und mehr.“ Mein Besuch galt Lamstedt als Geburtsort von Claus Spreckels (1828-1908), dem wohl bedeutendsten Lamstedter (auch wenn der frühere Fußballnationalspieler Wolfgang Rolff wohl mehr Bewohnern bekannt sein dürfte).

Claus Spreckels verließ Lamstedt 1846. Er war Sohn von Kötnern, die unterhalb der Kirche wohnten, in der Großen Straße 25. Das Kötnerhaus besteht nicht mehr, doch ein letzter Teil des Herrenhofes. Der junge Spreckels musste seinen Lebensunterhalt als Dienstmann und Tagelöhner verdienen, die größeren Höfe mit fruchtbaren Lössböden boten hierzu Gelegenheit. In den „hungrigen“ 1840er Jahren, kurz vor der politischen Revolution 1848, boten die USA jedoch eine Möglichkeit für ein besseres Leben. Hinzu kam die missliche Aussicht auf preußischen Militärdienst. 1846 schiffte Claus Spreckels in Hamburg ein, kam wohl 1847 in Charleston, South Carolina, an, wo er bereits auf eine kleine Auswanderergruppe der Region traf, die bei der Eingliederung halfen.

SanFranciscoMorningCall1895-02-08_12161

Claus Spreckels (San Francisco Call 1895, Nr. v. 8.2.)

Es folgte eine der vielen Varianten des amerikanischen Traums, die es hier nicht zu erzählen gilt. Spreckels wurde Kolonialwarenhändler, machte sein Geld vor allem mit Alkohol. Seine Frau Anna, geboren im benachbarten Flecken Mittelstenahe, folgte ihm in die USA, sie heirateten 1852 in New York. Claus, unterstützt von seinem Schwiegervater, dann auch von nachkommenden Brüdern, etablierte sich in New York, siedelte 1856 über in die Glücksritterstadt des Westens nach San Francisco. Spreckels wurde wohlhabend als Kolonialwarenhändler, erwarb ein kleines Vermögen als Bierbrauer und als Zuckerproduzent brachte er es bis Ende der 1860er Jahre zum Dollar-Millionär. Anschließend reüssierte er zum Quasi-Monopolisten im Zuckergewerbe im amerikanischen Westen, war die treibende Kraft der Transformation Hawaiis zum führenden Zuckerproduzenten und wurde zum Pionier der Rübenzuckerindustrie in den USA. Mehr wäre zu erzählen, reichen muss der einfache Hinweis, dass Claus Spreckels auf der (nicht unproblematischen) Liste der reichsten US-Amerikaner aller Zeiten auf Platz 40 auftaucht. Er war Multimilliardär und um 1900 wohl der reichste deutschstämmige Unternehmer, reicher als Siemens, Thyssen oder die Hohenzollern.

Claus Spreckels hat die Bande zu Lamstedt nie gekappt. Er kam mehrfach zurück, auch einer der ausgewanderten Brüder siedelte sich hier wieder an. Die Vernichtung der Privatakten während des Erdbebens in San Francisco 1906 lässt vieles im Dunkeln. Sicher aber scheint, dass er seiner Schwester Anna Hinter den Höfen 10 ein auch heute noch bestehendes und gut gepflegtes Haus geschenkt hat. Auch die Kirchenorgel konnte 1907 dank einer Spende des Lamstedter Milliardärs bezahlt werden.

Lamstedt_Claus-Spreckels-Straße

Der Plan von Lamstedt – mitten im Ortskern, mit Claus-Spreckels-Straße

Mein Besuch galt diesen Resten, galt vor allem aber der in gängigen Karten verzeichneten Claus-Spreckels-Straße. Das war der Dank der Heimatstadt an ihren größten Sohn. Ähnliches hatte ich in Honolulu gefunden, dort wo einst Spreckels Stadtpalast stand. Auch an mehreren Orten Kaliforniens gab es solche Ehrerweisungen. Und die von ihm gegründete Stadt Spreckels trägt bis heute seinen Namen. Nun also Lamstedt, der Ort, wo sein Leben begann.

Ich hätte vorsichtig sein sollen. Die Claus-Spreckels-Straße liegt, glaubt man den Karten, im Gewerbegebiet „An der Gösche“, erschlossen wohl kurz vor dem Jahr 2000. Der damalige Samtgemeindebürgermeister sprach in der Niederelbe-Zeitung 2008 von elf neu angesiedelten Betrieben, von 150 neuen Arbeitsplätzen. Er sprach nicht von der Claus-Spreckels-Straße. Und als ich vor einigen Jahren den lokalen Heimatpfleger danach fragte, antwortete der schlicht, dass es diese Straße gar nicht gäbe.

Lamstedt_Claus-Spreckels-Straße_Real

Claus-Spreckels-Straße, Lamstedt

Also hin: Was ich sah, erinnerte mich an manche Sackgasse meiner Hochsauerländer Heimat. Ein Weg, nicht wirklich erschlossen, nicht asphaltiert, eine Planungsidee, keine Umsetzung. In den Unterlagen für das neue, 2017 in Angriff genommene Gewerbegebiet „Auf dem Kampen“ wird erwähnt, dass bereits ein Drittel der Fläche des alten Gewerbegebietes von benachbarten Betrieben reserviert sei. Eine Karte zeigt gar Konturen von Firmen – und die Claus-Spreckels-Straße mit einem Wendehammer. Doch selbst in Lamstedt gibt es nicht nur eine Realität.

Haften blieb mir bei alledem eine Zeile aus dem Nekrolog von Claus Spreckels in der Hawaiian Gazette vom 29. Dezember 1908: “Most of the good people of Lamstedt were satisfied to do as they were told, and they made no further mark on the history of the world,” also “Die meisten der guten Leute aus Lamstedt waren damit zufrieden, das zu tun, was ihnen gesagt wurde, und sie hinterließen deshalb keinen Fußabdruck in der Geschichte dieser Welt.” Claus Spreckels war damit nicht zufrieden. Er verließ Lamstedt als Namenloser. So namenlos wie heute das Stück Erde, das seine Heimatstadt zu seiner Ehre einst vorgesehen hatte.

Uwe Spiekermann, 9. Mai 2018

Ein Besuch bei Kaffee HAG Bremen

IMG_4534

Kaffee HAG steht für koffeinfreien Kaffee – auch wenn das Genussmittel heute, dank veränderter Grenzwerte, als entkoffeiniert bezeichnet wird. Kaffee HAG steht zugleich aber für einen frühen Erfolg bei der Produktion von Lightprodukten und für den unternehmerischen Erfolg des Bremer Kaufmannes und späteren Kunstmäzens Ludwig Roselius (1874-1943). Weiterlesen