Notstand auf dem Prüfstand: Die „Aktion Eichhörnchen“ 1957-1965

„Gute Hirten führen sanft“. Dieser Buchtitel des Kultursoziologen Ulrich Bröckling verweist auf gängige Herrschaftstechniken in postdemokratischen Konsumgesellschaften nach der vielbeschworenen „Zeitenwende“. Resilienz war für ihn schon vor Jahren ein Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts. Bröckling verstand darunter „das Vermögen eines Systems, Störungen und andere Stressoren zu absorbieren oder ihnen standzuhalten, ohne einen ‚Regimewechsel‘ zu vollziehen, das heißt unter Aufrechterhaltung seiner grundlegenden Struktur und Funktionen“ (Ulrich Bröckling, Resilienz. Über einen Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts, Soziopolis 2017, 2). Innerhalb dessen hat auch der Einzelne seinen Platz, hat er sich doch anzupassen.

Resilienz ist heute jedoch, wie auch Nachhaltigkeit, ein typischer Platzhalter für alles und jedes, ein Wischiwaschi-Begriff zwischen „analytischer Beschreibungskategorie und normativer Handlungsorientierung“ (Ebd.). Perfekt also für Zeiten, in denen die Grenzen zwischen Wissenschaft und Aktivismus fließend sind, in denen „Follow the Science“ zum Schlachtruf der Ungebildeten gerieren konnte. Resilienz ist ein entpolitisierender Begriff, es geht um Ausbalancieren und Stabilität, um den Fortbestand des Systems, also just um das, was 2019 eine Arbeitsgruppe um den Wiener Soziologen Ingolfur Blühdorn mit „Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit“ treffend benannt hat. Resilienz und Nachhaltigkeit sind demnach nicht Teil, sondern Spiegelbegriffe für das Ende der sozialökologischen Transformationsutopien in einer zunehmend unhaltbaren Gegenwart (Ingolfür Blühdorn, Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Berlin 2024).

Resilienz und Nachhaltigkeit in der soziologische Diskussion (Bröckling, 2017, I; Blühdorn et al., 2019, I)

Auch die Geschichtswissenschaft hat Fragen von Resilienz und Nachhaltigkeit thematisiert. Historiker wissen um die lange, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Begriffsgeschichte in Philosophie und Naturkunde. Ernährungsbezogen fand ich den Begriff erstmals 1840 bei der Einführung eines in England entwickelten Patentfleisches (Patent-Fleisch oder über ein in England patentirtes Verfahren Vieh zu töten. (Fortsetzung). Das Sonntagsblatt 1840, Nr. 22 v. 31. Mai, 174-175, hier 175). Das Vieh wurde durch einen Lungendurchstoß getötet, die zwei Jahrzehnte zuvor entdeckte Resilienz, die nach innen gewandte „Elasticität“ der Lunge (Elasticität der Lungen, Journal der Chirurgie und Augen-Heilkunde 6, 1824, 565-568), stand für besseren Geschmack.

Der Begriff wurde in den Folgejahrzehnten hierzulande in der Werkstoffkunde genutzt, blieb dort Fachvokabular, ehe er in den 1970er Jahren in psychologische und pädagogische Diskurse diffundierte (Leonhard Thun-Hohenstein, Kerstin Lampert und Ulrike Altendorfer-Kling, Resilienz – Geschichte, Modell und Anwendung, Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie 19, 2020, 7-20). Auch darin ging es um das Fleisch, nicht aber um das uns nährende, sondern um das widerspenstige, der geistigen Lenkung bedürftige. Wie die Lunge des Schlachtviehs nach innen drängt, so seither auch die Krisenvorstellungen nach Ende der goldenen Ära des Kapitalismus. Als interdisziplinäres Scharnier steht Resilienz Seit an Seit mit vielen anderen beliebig zu füllenden Flaggenworten (Margit Szöllösi-Janze, Resilienz: Zur Geschichte eines allgegenwärtigen Begriffs – Thesen zu den Herausforderungen einer modernen Zeitgeschichte, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 72, 2024, 559-589). In systemisch zunehmend ausdifferenzierten Gesellschaften sollen sie helfen, System und Individuum, zugleich aber widerstrebende gesellschaftliche Subsysteme miteinander zu koordinieren.

Die jeweils unterschiedliche Definition und Reichweite von Resilienz und ebenso Nachhaltigkeit ist Beispiel und Spätform sprachlicher Abstraktion, Ausdruck von vielfältigen unverzichtbaren und zugleich zwingend irreführenden Begriffen. Im Feldes des Essens und der Ernährung dominieren diese seit Beginn der Moderne, führen zu stetig schielenden Debatten: Die tägliche Kost ist seither verwoben mit Attributierungen wie „Kraft“, „Gesundheit“, „Genuss“, „Frische“ oder gar „Natur“ (Uwe Spiekermann, Künstliche Kost, Göttingen 2018, 714-721). Dies sind inhaltsleere Platzhalter, Engführungen des Denkens. Will man Essen und Ernährung dagegen verstehen und analysieren, so ist es erforderlich, historische Kontexte und die damit verbundenen Praktiken solcher Begriffe zu rekonstruieren. Und nun bin ich endlich da, wo ich hinwollte, nämlich bei der Vorratskiste 2026.

Ihr Inhalt soll nicht primär nähren, sondern „Sicherheitsgefühl und Zusammenhalt stärken“. Eine Sozialarbeiterin flötete: „Wenn man das Gefühl hat, das hat sich einer für einen überlegt, und man macht das richtig, macht das ruhiger.“ Mich beruhigte das nicht, denn Historiker wollen nicht ruhig sitzen, sehen zwingend eine Vorgeschichte, den Hintersinn, den doppelten Boden. Sie gleichen darin dem mythologischen Eichhörnchen, als Ratatösk einst flinker Mittler zwischen Hel, Midgard und Asgard, zwischen Mensch, Ahnen und Göttern. Dieses war Zwietrachtsäer und Gerüchteverbreiter, war aber auch, so erinnerte ich mich, bereits Anfang der 1960er Jahre putziges Symbol für umfassendes Nudging im Sinne rationalen Vorratshandelns.

Sicherheit und Zusammenhalt durch Grundvorrat in Westdeutschland 1962? (Luftschutz-Rundschau 1962, H. 4, 3)

Dieses Foto entstand zwischen Mauerbau und Kubakrise. Die Kiste war Teil und Ausdruck der „Aktion Eichhörnchen“, so die öffentliche Bezeichnung der als „Aktion Haushalt(s)bevorratung“ seit 1959 im Bundesernährungsministerium betriebenen Anstrengung für Sicherheit und Zusammenhalt.

Die wehrhafte Schweiz. Einführung eines freiwilligen Notvorrates Mai 1939 (Der Bund 1939, Nr. 237 v. 24. Mai, 8 (l.); Wohnen 14, 1939, 55)

Doch auch diese Vorratskiste hatte ihre Vorgeschichte. Nicht hierzulande, denn Blitzkriege bedurften ihrer nicht, wohl aber in der neutralen, aber wehrhaften Schweiz. Ab 1939 verkörperte sie Bürgersinn, war Teil glaubhafter Abschreckung (Haushaltsvorräte und Landesversorgung, Schweizer Frauenblatt 21, 1939, H. 15, 1). Der Notvorrat war ein privater Rütlischwur, sicherte Unabhängigkeit und weiterhin gute Geschäfte insbesondere mit dem deutschen Nachbar.

Um tiefer in die Archäologie dieser Resilienz stärkenden Vorratskisten einzusteigen, ist analytische Distanz erforderlich. Die „Aktion Eichhörnchen“ war Teil und Ausdruck der militärisch-strategischen Situation der 1950er Jahre, ist zugleich nicht verständlich ohne den langen Schatten der NS-Herrschaft und des selbst verantworteten Krieges. Die geschlagenen deutschen Rumpfstaaten bemühten sich nach der Niederlage um neue Souveränität, die „Aktion Eichhörnchen“ war dienender Teil des Bemühens im Westen. Im Mittelpunkt des Artikels wird die Aktion selbst stehen, ist sie doch eine der wenigen ernährungsbezogenen Nachkriegskampagnen mit einer breiten archivalischen Überlieferung. Wie im Titel versprochen, werde ich am Ende schließlich prüfen, ob die Interessengruppen, ob vor allem die Bevölkerung damals mitzog.

Zeitzeichen: Remilitarisierung und atomare Bedrohung

Die „Aktion Eichhörnchen“ stand sicherheitspolitisch am Ende einer langen Dekade, in der sich das fragile „Gleichgewicht des Schreckens“ herausbildete, zwei hochgerüstete Lager, die ihre Kriege in die globalen Peripherien auslagerten, weil sie im Zentrum zur wechselseitigen Auslöschung geführt hätten (Odd Arne Westad, Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte, Stuttgart 2019).

Macht und Ohnmacht im Atomzeitalter: B-52-Atombomber und Atlas-Interkontinentalraketen auf der Cooke Air Force Base 1961 (Ziviler Bevölkerungsschutz 6, 1961, Nr. 3, 19)

Noch Anfang des Koreakrieges wurde mit dem neuerlichen Abwurf der 1945 erstmals eingesetzten Atombombe öffentlich kokettiert, war sie doch Ausdruck amerikanischen Rüstungsvorsprungs. Doch die Sowjetunion konnte ihre Zweitklassigkeit dank Spionage und der Zwangsverpflichtung von 2500 deutschen Physikern und Raketenspezialisten rasch überwinden. In dem nun folgenden Wettrennen um die Vermeidung eines zweitens Platzes stellte sich ab Mitte der 1950er Jahre langsam Parität ein. Die Wettläufer lernten, daß dies der eigentliche Sinn dieser Sportart war. Sie durfte keine Verlierer hervorbringen, nur dann hatten alle gewonnen. „Der Gewinn war die Verunmöglichung des Dritten Weltkrieges“ (Jörg Friedrich, Yalu. An den Ufern des dritten Weltkrieges, Berlin 2007, 535). Zuschauer wurden dabei zu Teilnehmern, Feinde zu neuen Verbündeten.

Atomwaffen und Truppenrückzüge veränderten die strategische Situation in Mitteleuropa: Es gab ein massives konventionelles Übergewicht der UdSSR und ihrer europäischen Verbündeten. Die Besatzungsmächte nutzten die besetzten deutschen Staaten beide zur Stationierung von Atomwaffen. Die US-Militärstrategie des „New Look“ zielte ab 1953 auf Abschreckung durch massive Vergeltung, also den frühzeitigen Einsatz von Atomwaffen. NATO-Planspiele rechneten 1955 mit zwei Millionen toten und deutlich mehr verletzten Zivilisten bis zum Stopp eines sowjetischen Angriffs (Frederick Zilian jr., Gleichgewicht und Militärtechnologie in Mitteleuropa, in: Detlev Junker (Hg.), Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges 1945-1990, Stuttgart und München 2001, 350-362). Proteste blieben nicht aus, doch weder die „Ohne mich“-Bewegung gegen die „Remilitarisierung“, noch die 1957 gegründete „Kampf dem Atomtod“-Bewegung waren erfolgreich.

Remilitarisierung in West und Ost: Bundeswehrrekruten und NVA-Soldaten (Revue 1954, Nr. 43, 7 (l.); Armee-Rundschau 1960, Nr. 4, I)

Bundeswehr und NVA wurden aus dem Boden gestampft, die Wachstumsplanungen übertrafen anfangs die Geschwindigkeit des nationalsozialistischen Ausbaus der Wehrmacht (Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bundesrepublik und DDR 1949-1990, Bonn 2010, 303-307).

Was aber hat das alles nun mit der Kiste zu tun? Der Aufbau der Bundeswehr verringerte das konventionelle Übergewicht des Warschauer Paktes; seit 1961 schien daher „Flexible Response“ möglich, also eine verzögernde konventionelle Abwehr eines Angriffs, erst dann Einsatz von Atomwaffen. Doch lebendige Zivilisten fliehen, müssen versorgt werden. Darauf waren die deutschen Behörden nicht vorbereitet, seit 1956 schon gab es umfassende interne Debatten über die zivile Krisenversorgung im Kriegsfall (Theodor Sonnemann, Vorräte für Krisenzeiten, Die Ernährungswirtschaft 3, 1956, 218-219; Konserven für den Notfall, Der Spiegel 1957, Nr. 15, 12). Die staatlichen Lagerbestände wurden moderat aufgestockt, praktikable Vorratskisten für den Kriegsfall erforscht und diskutiert (Rudolf Heiss, Überlegungen über eine Krisenverpflegung, Die Ernährungswirtschaft 5, 1957, 201-205). Die Wehrmacht hatte vorgelegt, Trocknung, Gefriertechnik und Hitzesterilisierung waren jedoch zu verbessern (Spiekermann, 2018, 474-499).

Resilienzratgeber für den Atomkrieg in West und Ost (Jeder hat eine Chance, Bad Godesberg s.a. [1961]; Selbstschutz gegen Atomgefahr, Ostberlin 1961)

Sicherheit und Zusammenhalt wurden in Resilienzratgebern in Ost und West beschworen, denn „Jeder hat eine Chance“. Parallel begann der neuerliche Aufbau des Zivilschutzes, dem Reichsluftschutzverband mit seinen 22 Millionen Mitgliedern folgte der 1957 öffentlich anerkannte Bundesluftschutzverband. Das neue Zivilschutzgesetz sah den Wiederaufbau einer Warninfrastruktur vor, institutionalisierte Evakuierungspläne und ein umfassendes staatliches Bunkerbauprogramm. Doch was gelten Gesetze, wenn sie nicht finanzierbar sind, wenn der Staat die Selbstverpflichtung ignorierte? Die Bundesregierung privatisierte die Kriegsvorsorge (Frank Biess, Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, Bonn 2019, 133-141).

Überleben im selbstgebauten Bunker (Kristall 16, 1961, Nr. 23, 13)

Wenn der Staat ausfällt, sind die Einzelnen gefragt. Junge Männer dienten in der Bundeswehr, bei Feuerwehr, Luftschutz und THW. Doch auch die Frauen sollten nun ihren Gefechtsstand beziehen.

Kalter Krieg und warme Küche: Die Hausfrau auf ihrem Gefechtsstand (Frankfurter Illustrierte 1957, Nr. 47, 3)

Die Küchen waren gewiss kleiner, doch beim konventionellen Verzögerungskampf würden Haushaltsvorräte „Sicherheit und Zusammenhalt“ fördern, den Kampf fokussieren helfen.

Erbe: Hamsterfeind und Kampagnenvorbilder

Das Eichhörnchen wird langsam sichtbar. Und doch ist die Wahl eines solchen Signets nicht verständlich ohne Kenntnis des NS-Erbes und der visuellen Kultur der späten 1950er Jahre.

Ruhe und Entspannung als Absatzgaranten im Wirtschaftswunder in West und Ost (Kristall 14, 1959, 161 (l.), Zeit im Bild 1961, H. 21, 14)

Ebenso wie „Gut und günstig“-Produkte in der Edeka-Kiste Rahmenbedingungen der Gegenwart spiegeln, war der putzige Nager abgestimmt auf die Werbewelt der späten Wirtschaftswunderzeit. Man hatte es geschafft, man war wieder wer, nun hieß es Ruhe und Entspannung – obwohl die Kaufkraft damals nur ein Drittel der heutigen betrug, die Wohnfläche nur zwei Fünftel.

Der Hamster als egomanischer Volksfeind: NS-Zeit und DDR (Kladderadatsch 90, 1937, 23 (l.); Fliegende Blätter 197, 1942, 195; Zeit im Bild 1958, H. 3, 19 (r.))

Das Eichhörnchen der Aktion war zuerst einmal ein Gegensignet. Es stand gegen die Biene, die potenziell räuberische, vor allem aber gegen den Hamster. Dieser wehrhafte Winterruher mutierte schon ab 1915 zu einem Negativsymbol für den egoistischen urbanen Konsumenten, der sich in blankem Eigennutz nicht mit den Hungerrationen begnügen wollte. Bis zur Hyperinflation wurde er mit dem Schleichhändler, dem Wucherer verbunden, antisemitisch aufgeladen. Man vergaß, dass die Versorgungsprobleme aus Entscheidungen des großen Hamsters, des Staates, folgerten, der damals zu Lasten von Kranken, Alten und Ehrlichen handelte. Das galt auch für die NS-Zeit, wo private Hamsterei rigide verfolgt wurde, bis hin zur Todesstrafe. Auch in der DDR blieb der Hamster Volksfeind, war kapitalistischer Klassenfeind, egomanischer Kleinbürger. Der Staat forderte also nun Selbsthilfe, die zuvor kriminalisiert war.

Individuelle Haltung und völkische Resilienz als Garanten des deutschen Sieges (Salzburger Zeitung 1943, Nr. 335 v. 5. Dezember, 4 (l.); Oldenburgische Staatszeitung 1943, Nr. 221 v. 16. August, 5; Salzburger Zeitung 1944, Nr. 283 v. 20. Oktober, 3 (r.))

Der Nationalsozialismus kannte keine Vorsorgekisten, denn man hatte staatlich für den Krieg vorgesorgt, setzte auf Raub in den besetzten Gebieten. Resilienz war damals, zumindest offiziell, Qintessenz der Volksgemeinschaft, der wechselseitigen Sorge rassisch verbundener Menschen.

Völkische Resilienz bis zur Selbstaufgabe: Volksopfer 1945 (Das Reich 1945, Nr. 2 v. 14. Januar, 4 (l.); Salzburger Zeitung 1945, Nr. 15 v. 18. Januar, 3; Schwarzwald-Wacht 1945, Nr. 31 v. 6. Februar, 3 (r.))

Haltung und Opfer waren die Folge, Kampf bis zur Selbstaufgabe. Dies war Ende der 1950er Jahre immer noch Alltagswissen, ebenso wie die Erfahrungen des Bombenkriegs. Objektiv waren die Menschenverluste vergleichsweise gering, denn allein im Januar 1945 starben mehr deutsche Soldaten als Zivilisten während des gesamten Bombenkrieges (Ralf Blank, Kriegsalltag und Luftkrieg an der „Heimatfront“, in: Jörg Echternach (Hg.), Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945, Halbbd. 1, München 2004, 357-461, hier 459-461). Doch eine Vorratskampagne durfte an die verbrannten Vorräte und erstickte Verwandte nicht erinnern, wollte sie Erfolg haben. Die Deutschen sahen sich schließlich als Opfer des Krieges, wollten nicht neuerlich Opfer werden.

Vorbild Schweiz: Slogan und erwarteter Umfang (Mitteilungen des Delegierten für wirtschaftliche Kriegsvorsorge 1960, Nr. 6, 4 (l.); Der Honig fliesst nicht jederzeit, drum halt Notvorrat bereit, s.l. 1958, 8)

Stattdessen griff man auf ein unbescholtenes Vorbild zurück, auf die Schweiz. Den 1939 praktizierten Notvorrat behielt man dort auch im Atomzeitalter bei (Sibylle Marti, Horten für den Ernstfall. Konsum, Kalter Krieg und geistige Landesverteidigung in der Schweiz, 1950-1969, in: Patrick Bernhard und Holger Nehring (Hg.), Den Kalten Krieg denken, Essen 2014, 207-234). Es ging nun um einen kleinen, frei zu ergänzenden, immer wieder neu aufgefüllten Grundvorrat. Vorräte von ein, zwei Wochen pufferten Preisschwankungen ab, minderten den immer wieder beklagten weiblichen Hang zu Panikkäufen (F[ritz] Hummler, Die Notvorräte der schweizerischen Haushaltungen, Die Ernährungswirtschaft 9, 1962, 837-839).

Vorbild Schweiz: Die Hausfrau zwischen Vorratspflicht und Panikkäufen (Honig, 1958, 3 (l.), 6)

Die Bildsprache präsentierte durchaus selbstbewusste Frauen, auch wenn tradierte Geschlechtercharaktere in diesem Land ohne allgemeines Frauenwahlrecht letztlich dominierten.

Notstand. Souveränität und Versorgungssicherheit

Die Kiste hatte aber noch eine andere, eine eminent politische Funktion, diente sie doch einem zunehmend souveränen Westdeutschland. Die Bundesrepublik wurde mit den Pariser Verträgen 1955 teilsouverän. Im Kriegs- und Krisenfalle übernahmen jedoch weiterhin die Alliierten, der NATO-Rat, die vollziehende Gewalt. Der Verzicht auf ein Notstandsrecht war anfangs auch selbstgewählt, eine Lehre aus dem Scheitern der Weimarer Republik. Die Adenauer-Regierung wollte das ändern – und die Notfallversorgung war dafür ein wichtiges Element (Michael Schneider, Der Konflikt um die Notstandsgesetze, Gewerkschaftliche Monatshefte 37, 1986, 482-494)

Seit 1956 gab das Ernährungsministerium Flankenschutz, arbeitete einerseits an einer Notstandsversorgung erst im Kriegsfalle, anderseits an Vorsorge für Lieferkrisen. Die dann folgende freiwillige Haushaltsvorberatung war jedoch mehr als Krisenvorsorge. Sie sollte zeigen, dass der neue demokratische Staat im Einklang mit seinen Bürgern krisenresilient war, dass er auch unter Druck die Fahne des Westens hochhalten würde (Interview Süddeutscher Rundfunk, Welck v. 23. Oktober 1961, Bundesarchiv (BA) Koblenz, B 116/23746, 857).

Notstandsgesetze: Eine zweite Verfassung, seit Mitte der 1950er Jahre kontrovers diskutiert

Die sich über elf Jahre hinziehenden Debatten und Konflikte über die Notstandsgesetze waren für den Staat der Garant wiedergewonnener Souveränität, für die Kritiker eingeschränkte Freiheit (Demokratie vor dem Notstand, Frankfurt/M. 1965; Boris Spernol, Notstand der Demokratie. Der Protest gegen die Notstandsgesetze und die Frage der NS-Vergangenheit, Essen 2008). Schließlich galt ein Notstandsgesetz, die Reichstagsbrandversorgung, als eigentliche Verfassungsurkunde des Dritten Reiches.

Die Debatten waren zweigeteilt. Auf der einen Seite die mit einfacher Mehrheit zu verabschiedenden kleinen Notstandsgesetze, auf der anderen die neue Notverstandsverfassung, die 1968 im Rahmen der Großen Koalition mit Zwei-Drittel-Mehrheit verabschiedet wurde. Die „Aktion Eichhörnchen“ war anfangs Teil des Bemühens, eine gemeinsame überparteiliche Position zu etablieren. Dies misslang, so dass die verpflichtende Notbevorratung im Notstandsfall 1965 im Rahmen des Selbstschutzgesetzes gegen die Opposition durchgesetzt wurde. Sie gilt bis heute.

Bundesernährungsministerium, Carl Gabler und das Deutsche Grüne Kreuz

Die „Aktion Eichhörnchen“ wurde öffentlich im April 1961 gestartet. Bis 1965 hieß es eingängig „Denke dran / schaff Vorrat an“. Doch was war damit konkret verbunden?

Ernährungsminister Heinrich Lübke bei der Amtsausübung sowie der federführender Ministerialrat Magnus von Welck (Hamburger Abendblatt 1957, Nr. 265 v. 13. November, 1 (l.); Handelsrundschau 1961, Nr. 17, s.p.)

Die Impulse kamen aus dem Bundesernährungsministerium, insbesondere von Heinrich Lübke (1894-1972), einem unscheinbaren fleißigen Mann, einst für Raketen aktiv, dann für eine europäische Agrarpolitik und die sozialpolitische Abfederung des Endes der tradierten Agrarwelt. Lübke, sein Staatssekretär Theodor Sonnemann (1900-1987) und der für die Aktion federführende Ministerialrat Magnus von Welck waren keine NSDAP-Mitglieder gewesen, Ausnahmen bei mehr als 80 Prozent früheren Parteimitgliedern in den Leitungspositionen des Ministeriums 1960 (Friedrich Kießling, Landwirtschaftsministerium und Agrarpolitik in der alten Bundesrepublik, in: Horst Möller et al. (Hg.), Agrarpolitik im 20. Jahrhundert Berlin und Boston 2020, 365-512, hier 415-431).

Auf Drängen Lübkes wurde die Krisenversorgung seit 1956 von seinem Haus vorangetrieben. Ein Land mit einer Selbstversorgungsquote von nur zwei Dritteln war von Lebensmittelimporten abhängig. Die eingelagerten Notstandsvorräte des Bundes kosteten damals jährlich etwa 34 Millionen DM, dienten aber vorrangig der Preisstützung (BA Koblenz, B 136/8678, 835). Wie zuvor im Zivilschutz scheiterten weitergehende Ideen für staatlich eingelagerte Notstandspakete an den Kosten. Eine 14-tägige Grundversorgung allein der städtischen Bevölkerung hätte mehr als 1,3 Mrd. DM, mehr als drei Prozent des Bundeshaushaltes 1960 erfordert (BA Koblenz, B 116/23746, 587). Die „Aktion Eichhörnchen“ sollte also Milliardenkosten auf die Bürger umwälzen, die Krisenvorsorge weiter privatisieren.

Bis 1959 bemühten sich die Ministerialen um öffentliche Seelenmassage. Der Inhalt des Notvorrates wurde wissenschaftlich optimiert, ein Haushaltsmerkblatt formuliert ([Magnus] v. Welck, Vorschläge für einen Haushaltsbevorratung, Die Ernährungswirtschaft 6, 1959, 81-82; Vorschläge für eine Haushaltsbevorratung, ebd., 206). Man schrieb Entwürfe für Notstandsgesetze, für eine Bevorratungspflicht der Bürger. Lübke appellierte an die Hausfrauen, erinnerte an die tradierten Tugenden des Einmachens und Einkellerns (Vergeßt die Vorräte nicht. Lübkes neuer Appell an Hausfrauen, Mannheimer Morgen, 1959, Nr. 74 v., 1. April, 10; Kein Erfolg bei Frauen, Der Spiegel 1959, Nr. 14, 13-14). In der Marktwirtschaft sei zudem wirtschaftliches Haushalten angesagt: Einkauf in großen Mengen sei billiger.

Das Ministerium zielte auf Einvernehmen, sah man doch alle im gleichen Boot. Der Verbraucherausschuss und die Konsumgenossenschaften kritisierten die geplanten Maßnahmen jedoch scharf. Sie erinnerten an Realitäten abseits der Kapitänsbrücke. Bevorratung würde als Aufrüstung verstanden, sei zugleich unzureichend, in kleinen Wohnungen nicht unterzubringen, viel zu teuer, auch von vielen Leichtmatrosen nicht zu kontrollieren (Emmy Riedl, Notvorrat für jedermann, Der Verbraucher 13, 1959, 276; Vermerk von Welck über eine Aufklärungsbroschüre v. 7. Juli 1960, B 116/23746, 541). DGB und SPD unterstützten diese Kritik (SPD gegen Haushaltsbevorratung, Passauer Neue Presse 1959, Nr. 289 v. 18. April, 2; Otto Brenner, Nein zu Notstands- und Notdienstgesetz, Gewerkschaftliche Monatshefte 12, 1961, 70-72).

Firmensitz und Angebote der Münchener Werbeagentur Carl Gabler (Siegfried Wichmann, München 1869-1958: Aufbruch zur modernen Kunst, München 1958, XXVIII)

Was nun? Im Ministerium setzte man auf neue Kompetenz und Gemeinwohltarnung. Für das erste stand die Münchener Werbeagentur Carl Gabler. Sie entstand aus der Arisierung der Annoncenexpedition Rudolf Mosse, setzte sich in der Ausschreibung auch gegen führende „amerikanische“ Werbeagenturen durch (BA Koblenz, B 116/23742, 909-913). Man kannte und praktizierte die modische psychologische Werbeforschung eines Ernest Dichters (1907-1991), beachtete zugleich aber auch Hans Domizlaffs (1892-1971) lange dominierende Ideen von „Markentechnik“ und der im Anschluss an Gustave Le Bon (1841-1931) zu bearbeitenden „Massenseele“ (Rainer Gries und Stefan Schwarzkopf (Hg.), Ernst Dichter. Doyen der Verführer, Wien 2007; Hans Domizlaff, Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Ein Lehrbuch der Markentechnik, Hamburg 1939).

Carl Gabler (1891-1979) und seine „Mad Men“ schlugen erfolgreich vor, die Vorratshaltung zu emotionalisieren, sie auf Grundgefühle zurückzuführen (Carl Gabler Werbegesellschaft, Aktionsprogramm für die Durchführung und Gestaltung einer allgemeinen Werbung zur Förderung einer freiwilligen Haushaltsbevorratung in der Bundesrepublik Deutschland, Oktober 1960, BA Koblenz, B 116/23742, 933-941). Die Hausfrau denke an auskömmliche Ernährung, an die Sicherheit ihrer Familie. Sei dies aber bedroht, würde sie handeln. Entsprechend sei ein wenig Angst nicht schlecht, denn der „Mensch der Masse“ brauche ein wenig Druck, wäre sonst bequem und träge. Wichtig sei, dass man ihm hirtengleich gangbare Wege zu „Vertrauen und Sicherheit“ weise, um so Aktivität und Gelassenheit zu verbinden. Geschichtsmythen konnten dabei helfen, zumal die Mär von Großmutters gläserner Wehr. Entpolitisierung war Trumpf: Von Kriegen dürfe nicht die Rede sein, stattdessen von Zusammenhalt und Sicherheit in krisenschwangerer Zeit. Geteilte Gefährdungen würden zu gemeinsamen Bewältigungsstrategien führen – das alles war eine Resilienzstrategie für eine gefestigte Demokratie, nur einmal rutschte der Begriff der „Volksgemeinschaft“ doch durch (ebd., 939).

All das entsprach dem Denken der konservativen Ministerialpatriarchen, war schon Vorschein der „formierten Gesellschaft“ unter Kanzler Ludwig Erhard (Heribert Kohl, Pluralismuskritik in der Bundesrepublik, Phil. Diss. FU Berlin, Berlin-West 1968, 137-145). Es folgten lange Debatten im Kabinett, dem Bundessicherheits- und dem NATO-Rat. Doch im Januar 1961 gab es grünes Licht, das Eichhörnchen sollte im Frühjahr Freilauf erhalten (Schreiben von Welck an den Staatssekretär des Bundeskanzleramtes Hans Globke v. 2. Februar 1961, BA Koblenz, B 116/23745, 605-609).

Deutsches Grüne Kreuz: Offizieller Träger der „Aktion Eichhörnchen“ (BA Koblenz, B 116/23747, 53 (o.); ebd., B 116/23748, 746)

Doch Tarnung ist nicht nur für kleine Nager erforderlich. Um im Sinne des Gemeinsinns zu erscheinen, wählte man als neutralen Träger das Deutsche Grüne Kreuz, Nachfolger der nationalsozialistischen Reichsarbeitsgemeinschaft Schadenverhütung und verschiedener Volksgesundheitsinstitutionen (Deutsches Grünes Kreuz an Welck v. 8. Dezember 1959, BA Koblenz, B 116/23748, 826-832). Es hatte Verdienste in der Präventionsarbeit, von Ernährung jedoch kaum Ahnung. Intern folgten kommunikative Desaster, doch nach außen prangte ein neutrales grünes Feigenblatt (Aktionsplan des Deutschen Grünen Kreuzes für die Haushaltsbevorratung v. 13. Februar 1960, BA Koblenz, B 116/23748, 760).

Das Desaster gründete vor allem im kategorialen Unterschied von Prävention und Resilienz. Prävention interveniert, damit befürchtete Schäden nicht eintreten (Bröckling, 2017, 3). Resilienz soll dagegen helfen, mögliche Schäden in Zukunft besser zu bewältigen. Darum ging es bei der „Aktion Eichhörnchen“: Sie war eine Maßnahme der Subjektivierung militärisch-strategischer Gefahren und nationaler politischer Ziele. Vorratshaltung bedeutete abwartende Handlungsbefähigung, war in Praxis geronnene Bejahung des bestehenden, doch stetig bedrohten Systems.

Umsetzung: Broschüren, Werbemittel und Friktionen

Nun endlich zur sozialtechnologischen Kampagne, nicht fern von heute Gängigem.

Das Eichhörnchen als Signet und der Slogan der Aktion Haushalt(s)bevorratung (BA Koblenz, B 116/23745, 352 (l.); ebd., B 116/23749, 23)

Symbol der Aktion war ein von Gabler entwickeltes stilisiertes Eichhörnchen, das vom Slogan umgarnt war – Denke dran / schaff Vorrat an. Anfangs wurde „Hab was im Haus‘, schaff‘ Vorrat an“ bevorzugt, doch der Konservenproduzent Bassermann schoss angesichts der Nähe zu „Hab‘ was im Haus von Bassermann“ quer (Geplatzer Hafersack, Der Spiegel 1960, Nr. 40 v. 27. September, 28-30, hier 29). Die Wahl des Eichhörnchens begründete Gabler mit bemerkenswerten Zeilen: „Die Zutraulichkeit, die Zierlichkeit und die außerordentlich interessante Kletter-, Spring- und Flugkunst des Eichhörnchens ist überall in der Welt Anlaß, dem kleinen Tier mit Sympathie zu begegnen. Die Ernährungsweise und Vorratshaltung des Eichhörnchens ist auch so vollkommen entfernt von der häßlichen, mürrischen und reizbaren Art des Hamsters, daß bei einer Symbolverwendung gerade dieses Tieres schon im Bewußtsein der Menschen bestehende Sympathie angesprochen werden und zu einer vorteilhaften Auswirkung gebracht werden können“ (BA Koblenz, B 116/23746, 937).

Zeitplan und Maßnahmenkatalog der „Aktion Eichhörnchen“, Februar 1961 (BA Koblenz, B 116/23745, 617)

Das Eichhörnchen war stehende Figur einer auf anfangs zwei Jahre angelegten Kampagne, einem systematischen, zeitlich koordinierten Einsatz unterschiedlicher Werbemittel und PR-Maßnahmen für unterschiedliche Zielgruppen. Ausgangspunkt und dann auch Zentrum war eine Broschüre mit Ratschlägen und präzisen Angaben für einen Grundvorrat.

Bildelemente der 1961 an 250.000 Multiplikatoren versandte Broschüre „Der König auf dem Hafersack“ (BA Koblenz, B 116/23743, 1039)

„Der König auf dem Hafersack“ nutzte ein Märchen, in dem ein Bauer dem König die Bedeutung seines häuslichen Vorrats plakativ vorführte (verkürzte Analyse bei Friedrich Kießling und Dominik Antruejo, „Der König auf dem Hafersack“. Überlegungen zu ‚Oben‘ und ‚Unten‘ in der Verbraucherpolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums von den 1950er bis zu den 1980er Jahren, in: Michael Rohrschneider und Andrea Stieldorf (Hg.), Bottom up. Durchsetzung von Interessen Mitwirkung ‚von unten‘ in der Geschichte, Bonn 2025, 263-286). Dann wurden mögliche Krisen geschildert und ein praktikabler Ausweg gewiesen. Intern hieß es: „Die Broschüre stellt im ersten Teil, an ein Märchen anknüpfend, dem Leser die Notwendigkeit und die Vorteile einer freiwilligen Haushaltbevorratung vor Augen, wobei alles vermieden wird, was eine Schockwirkung auslösen könnte. Der zweite Teil enthält praktische Hinweise für die Hausfrau über Zusammensetzung, Haltbarkeit, Aufbewahrung und Pflege eines Vorrats“ (Welck an Sonnemann v. 5. Juli 1960, BA Koblenz, B 116/23746, 547). Die Broschüre richtete sich an 250.000 Multiplikatoren, wurden gezielt an Pfarrer, Lehrer, Journalisten, Politiker und Gewerkschafter versandt, an Interessenvertreter des Lebensmittelsektors und der Hausfrauenvereine.

Grundinformationen zum Kauf, zur Lagerung, zu den Kosten: Kleinanzeigen in allen deutschen Tageszeitungen (Badische Neueste Nachrichten 1961, Nr. 103, Nr. 107, Nr. 112, Nr. 124, Nr. 129, Nr. 135)

Die Broschüre zielte auf Meinungshoheit, bündelte Argumente für die Hirten. Breitenwirkung sollten Anzeigen hervorrufen: Alle 667 deutschen Tageszeitungen wurden bestückt, die Anzeigen erläuterten den Grundvorrat, beantworteten Fragen nach Lagerung und Kauf. Diese Serien wurden nach einer Pause neuerlich geschaltet.

Vertiefende Zweispalter in vierzehn führenden Illustrierten (v.l.n.r.: Hör Zu 1961, H. 20, 67; Stern 1961, Nr. 38, 50; ebd. 1961, Nr. 23, 81; ebd. 1961, Nr. 57, 58)

Deutlich aufwändiger und informativer waren zweispaltige Anzeigen in vierzehn führenden Illustrierten. Praktische Probleme im Umgang mit den Vorräten standen am Beginn, Anlässe und Begründungen folgten: Ein wenig Angst, eine helfende Hand, dann die Tat der Hausfrau: „Vorrat gibt Ihnen Sicherheit, Vorrat hilft Ihnen wirtschaften.“

Aufsteller und Schaufenstereinkleber 1961 (BA Koblenz, B 116/23745, 435 (l.); ebd., B 116/23742, 128)

Nicht alle lasen das. Doch sie trafen dann auf lockende Schaufensterplakate und Aufsteller in den mehr als 100.000 einbezogenen Läden.

Werbemittel für den Grundvorrat, hier Nudeln, Reis sowie Zucker (BA Koblenz, B 116/23745, 339-341)

Dort konnten die mitziehenden Händler ihre Angebote des Grundvorrates besonders hervorheben, gab es doch passgenaue Vorlagen: „Bilde Vorrat, Pfund für Pfund, lebe nicht von Hand in Mund.“

Resilienz durch Grundvorrat!? Parolen für den vorsorgenden Einkauf 1961 (BA Koblenz, B 116/23745, 343, 347, 349)

Die Parolen spiegelten das fröhliche, leicht augenzwinkernde Werbedeutsch der Zeit: „Als Vorrat eignet sich enorm, die Vollmilch in der Pulverform“. Preise waren angegeben, die enthusiasmierten Hausfrauen hatten zu zahlen.

Messestand der „Aktion Eichhörnchen“ auf der ANUGA, Köln, September 1961 (BA Koblenz, B 116/23745, 668)

Daneben gab es Ereignisse für Mittler und hohe Herren, hier ein Stand auf der ANUGA. Einladungen, Pressekonferenzen, Tagungen mit vorab abgestimmten Botschaften (vgl. auch Werner Schwarz, Ansprache anläßlich der Eröffnung der ANUGA, Die Ernährungswirtschaft 11, 1963, 863-865). Solche Propaganda ist unverzichtbar, ohne sie ist modernes Leben nicht denkbar (Jacques Ellul, Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird, Frankfurt/M. 2021).

Für 32 bis 44 DM: Präsentation des Grundvorrates (Passauer Neue Presse 1961, Nr. 92 v. 21. April, 5)

Im Mittelpunkt standen Krisenanfälligkeit, Vorratsaufgaben und Grundvorrat. Freudige Hausfrauen, gönnerische Einzelhändler gaben Beispiele, passten die allgemeinen Angaben an die regionalen und lokalen Gegebenheiten an.

Sicherung der Einflusssphären oder Krieg? Mauerbau der DDR ab dem 13. August 1961 und Plakat des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (Time 1961, Nr. 8 v. 25. August, 1 (l.); Passauer Neue Presse 1961, Nr. 273 v. 27. November, 12)

Der Mauerbau im August 1961 verlieh der „Aktion Eichhörnchen“ zusätzliche Dynamik. Die Bundesregierung münzte ihre grimmige Akzeptanz des Geschehens in notwendiges resilientes Vorratshandeln des Bürgers um: Die „Aktion Eichhörnchen“ wurde massiv ausgeweitet.

In Erwartung des Nicht-Erwartbaren: „Der König auf dem Hafersack“, gekürzt und für alle Bundesbürger (BA Koblenz, B 116/23743, 841, 843)

Die Hafersack-Broschüre wurde gekürzt, in einfachere Sprache übertragen, im Januar 1962 erhielten fast alle westdeutschen Haushalte die Broschüre frei Haus.

Virtuelles Wir: Hausfrauen-Atteste 1962. Beispiele für mindestens elf Motive in Tageszeitungen (oben: Honnefer Volkszeitung 1962, Nr. 96 v. 24.4., 2; ebd., Nr. 119 v. 22.5., 4; ebd., Nr. 248 v. 23.10., 2; unten: Passauer Neue Presse 1962, Nr. 73 v. 28.3., 3; ebd., Nr. 140 v. 20.6., 3; ebd., Nr. 220 v. 24.9., 3)

Das Eichhörnchen blieb Hingucker und Sympathieträger, wurde 1962 aber ergänzt durch die Konterfeis zahlreicher Hausfrauen, die gleichsam untereinander Gründe für den Grundvorrat lieferten. Sie erschienen abermals in allen westdeutschen Tageszeitungen.

Folgsame und doch selbstbestimmte Bevorraterinnen (Ziviler Bevölkerungsschutz 7, 1962, Nr. 9, 6 (l.), 7)

Diese fürsorgliche Belagerung zielte auf eine selbstbestimmte und doch folgsame Bevorraterin, klug, kundig, den Ratschlägen folgend, gelassen vertrauend.

Vereinfachte Bevorratung: Vorgepackte Vorratskisten im Handel (Passauer Neue Presse 1965, Nr. 273 v. 25. November, 20 (l.); Ziviler Bevölkerungsschutz 7, 1962, Nr. 9, 7)

Sie kaufte Pfund für Pfund, doch schon im Frühjahr 1961 boten Versandhäuser wie Quelle oder Neckermann auch fertig gepackte Vorratskisten an (BA Koblenz, B 116/23747, 220). Praktisch, einfach, länger haltbar. Die großen Ketten und Einkaufsgenossenschaften folgten, nicht aber die Konsumgenossenschaften.

Das stilisierte Eichhörnchen: Warenzeichen der Hannoveraner Handelsfirma Wilhelm Eichhorn (Deutscher Reichsanzeiger 1895, Nr. 194 v. 16. August, 9 (l.); Hannoverscher Kurier 1933, Nr. 173 v. 12. April, 10 (o.); Rechnung Fa. Eichhorn v. 22. September 1959, Sammlung Bock (u.); BA Koblenz B 116/23746, 136 [1933] (r.))

Leider hatte es bei den Vorüberlegungen jedoch einen kleinen Fehler gegeben. Denn die Heimat des Eichhörnchens war Hannover, zumindest besaß die Hannoveraner Handelsfirma Eichhorn seit 1895 die Rechte an allen figürlichen Darstellungen des Kleinnagers. Gabler und Ministerium nahmen deren Proteste anfangs nicht recht ernst, denn man verfolgte ja keine unmittelbar kommerziellen Zwecke. Doch man unterminierte die Werbekraft des Eichhorn-Eichhörnchens. Eine einstweilige Verfügung folgte, Gabler und die Ministerialen schäumten. Sie gingen in Revision, des Sieges sicher. Doch David besiegte Goliath im August 1961 abermals (BA Koblenz, B 116/23749, 25-59).

Ende der Benutzungsgenehmigung für das Eichhörnchen-Zeichen am 31.12.1962 (BA Koblenz, B 116/23746, 49)

Die Hannoveraner waren entgegenkommend, für jährlich 1.000 DM durfte die Kampagne weiterlaufen. Ein Jahr später rechneten sie nach, verlangten nun jährlich 25.000 DM, waren allerdings zu Kompromissen bereit. Das führte zu Verhandlungen und dann Zerwürfnissen. Ab Ende 1962 durfte das Eichhörnchen nicht mehr verwandt werden. Die Millionen-Aktion verlor ihr zierlich-zutrauliches Gesicht.

Ohne Eichhörnchen, doch mit der Emphase des „Richtigen“: Beginn der Anzeigenkampagne 1963 (Honnefer Volkszeitung 1963, Nr. 32 v. 6. Februar, 3)

Doch Resilienzkampagnen bedürfen eines langen Atems. Ab Anfang 1963 traten Verpackungen an die Stelle des fleißigen Tieres, auch der Tenor wandelte sich. Die neuen Anzeigenserien für „freiwillige Haushaltsbevorratung“ waren nüchterner, die Hausfrau wurde nun vor allem rational angesprochen (Kriege, Haushaltsbevorratung – eine Forderung unserer Zeit!, Die Ernährungswirtschaft 11, 1963, 954-956). Dieser Richtungswandel spiegelte vor allem politischen Entscheidungen. Die christdemokratisch-liberale Bundesregierung hatte sich entschlossen, nicht länger den Schulterschluss mit den widerspenstigen Sozialdemokraten zu suchen, sondern die kleinen Notstandsgesetze endlich umzusetzen. Willst Du resilient nicht sein, ist die Mehrheit dennoch mein.

Anzeigenkampagne zur „freiwilligen Haushaltsbevorratung 1963“ mit elf Anzeigenmotiven (Neckar-Bote 1963, Nr. 83 v. 27. Mai, 3; ebd., Nr. 90 v. 8. Juni; ebd., Nr. 174 v. 6. November, 3; ebd., Nr. 182 v. 20. November, 3)

Neuerlich folgten die üblichen Massenanzeigen, sachlich gehalten, formal solide, visuell unattraktiv. Redaktionelle Texte ergänzten sie (Die hundert kalten Wintertage sind nicht vergessen, Passauer Neue Presse 1963, Nr. 291 v. 17. Dezember, 4).

Revidierter Ratgeber für die Haushaltsbevorratung 1963: Versandauflage 13,3 Mio. (BA Koblenz, B 136/8678, 883, 884, 885)

Der 1963 neuerlich an „alle“ bundesdeutschen Haushalte versandte „Ratgeber für die richtige Haushaltsbevorratung“ enthielt nur mehr Arbeitsaufträge, kaum Begründungen.

Vorschläge für die Haushaltsbevorratung 1963: Grundvorrat und Ergänzungsvorrat (BA Koblenz, B 136/8678, 886)

Der Ratgeber weitete die Aufgabe, neben den Grundvorrat trat nun der vorher nur verhalten erwähnte Ergänzungsvorrat in den Vordergrund. Er antizipierte damit die ab 1965 verpflichtenden Vorgaben des Selbstschutzgesetzes, reagierte zugleich auf die Lobbyarbeit vieler Produzenten. Die Kiste sollte nun auch Getränke enthalten.

Selbsthilfe erforderlich: Hausfrauenarbeit bei fehlender Kennzeichnung (Das Ostpreußenblatt 1964, Nr. 22 v. 30. Mai, 4)

Die Kampagne selbst wurde bis 1965 fortgeführt, die sachliche Informationsvermittlung erfolgte auch in Comicform. Die Hausfrau folgte darin den Ratschlägen; warum also sie weiter erläutern?

Prüfung. Selbstzufriedenheit, Kritik und die eigensinnige Bevölkerung

Kommen wir zum kommunikativen Widerhall, zur öffentlichen Kritik, zur abschließenden Prüfung.

Die Archivalien enthalten viele Beispiele für Kritik an der „Aktion Eichhörnchen“. Die Selbstzufriedenheit der Macher brach sie nicht, gezielte Gegen-PR war die Antwort (Leserbrief von publicontact, Spandauer Volksblatt 1963, Ausg. v. 21. Dezember, BA Koblenz, B 116/23743, 560). Dass die Haushaltsbevorratung im kleinen Notstandspaket bis 1965 verpflichtend festgeschrieben werden sollte, erschien ihnen als Folge ihrer öffentlichen Arbeit, nicht als Ausdruck einer gescheiterten Resilienzstrategie aller.

Wo unterbringen? Vorschläge der Macher nach Kritik von Verbraucherverbänden (BA Koblenz, B 116/23745, 712, 720, 722)

Diese Selbstzufriedenheit war durchaus elastisch. Man modifizierte den Grundvorrat und ergänzte den Ergänzungsvorrat, förderte Forschung für bessere Konservierungsverfahren und Verpackungen. Zugleich gab man Ratschläge für eine praktikablere Vorratshaltung im verfügbaren Wohnraum. Keine Resonanz fand dagegen die vor allem von der DDR artikulierte Gegenpropaganda, die die Aktion als eine profitable Strategie der westeuropäischen Monopole, als ein Schüren von Kriegspsychosen und als Teil der westdeutschen Kriegspropaganda brandmarkte (Profit aus der Kriegsfurcht, Neue Zeit 1961, Nr. 291 v. 13. Dezember, 1-2; Bonn schürt Kriegspsychose, Neue Zeit 1964, Nr. 186 v. 11. August, 7; Krieger und das ‚Eichhörnchen‘, Berliner Zeitung 1965, Nr. 204 v. 27. Juli, 3). Anderseits gab es nicht zuletzt bei Verbrauchervertretern Kritik an einer nur halbherzigen Aktion, die den Ernst der Lage eben nicht präzise benannte (Max Karl Feiden, Unter dem Bett ist kaum Platz für Vorräte, Weser-Kurier 1961, Nr. 231 v. 2. Oktober, 8; Ernährungssicherung in Krisenzeiten, Der Verbraucher 18, 1964, 677).

Krisenvorräte in bundesdeutschen Haushalten 1959 und 1961 (Krisenvorräte in jedem vierten Haushalt, Informationsdienst Institut für Demoskopie Allensbach, BA Koblenz, B 116/23742, 446)

Die „Aktion Eichhörnchen“ wurde von drei repräsentativen Meinungsumfragen evaluiert. Die Allensbach-Erhebung hob nach dem Mauerbau eine gegenüber 1959 deutlich gestiegene Bevorratung hervor, von 8 auf 24 Prozent. Die gegenüber dem Frühjahr 1961 deutlich höheren Werte dürften allerdings vor allem mit der Einmachsaison zu tun gehabt haben. Auch kurz nach dem Mauerbau kannten 40 Prozent der Hausfrauen die Aktion nicht. Von den übrigen 60 Prozent hatte nur ein Drittel gesonderte Vorräte angelegt.

Eine Ifak-Umfrage bestätigte Ende 1961 diese Ergebnisse. Vor allem ländliche Haushalte hielten noch an tradierten Bevorratungspraktiken fest, während drei Viertel der Befragten keine Vorratshaltung betrieb und dieses Verhalten auch in Krisen kaum veränderte (zum Kontext s. Ingeborg v. Poser u. Gr.-Naedlitz, Wandlungen in der Vorratswirtschaft der Familienhaushalte, in: Erich Egner (Hg.), Aspekte des hauswirtschaftlichen Strukturwandels, Berlin-West 1967, 137-163). Sie belegt zugleich, dass die 1959 vom Verbraucherausschuß des Ministeriums artikulierte Kritik von der Mehrzahl der Bevölkerung weiterhin geteilt wurde. Die Nicht-Nennung des Krieges konnten diesen nicht vergessen machen, Notvorräte galten den meisten just deshalb als sinnlos. Was sollten Mehl, Zucker und Reis im Atomkrieg ausrichten, was beim Anrücken der östlichen Truppen? Die Befragten fokussierten sich stattdessen auf ihre Lebenswelt, auf aktuelle wirtschaftliche Probleme, auf Geld- und Platzmangel, die mit der stetigen Erneuerung der Vorräte verbundenen Kosten. Viele sahen auch keine wirkliche politisch-militärische Gefahr – und im Falle eines Falles sei Notversorgung ohnehin eine staatliche Aufgabe (Krisenvorräte in Haushalten. Ifak Presse-Information 1961, 420).

Der Massenversand der Broschüre und die weit gestreuten Anzeigen erhöhten 1962 den Bekanntheitsgrad der Aktion auf 86 Prozent. Mehr als ein Drittel gab nun an, einen Grundvorrat angelegt zu haben. Ein Jahr später war dieser Wert bereits auf 18 Prozent gesunken. Weitere Erhebungen legen nahe, dass sie 1964 und danach weiter absackten (Die Welt v. 28. August 1962, BA Koblenz, B 116/23742, 426; FAZ v. 9. November 1963, ebd., B 116/23743, 548; Otto H.C. Scharfenstein, Eichhörnchenaktion und Dosenpackung, Die Ernährungswirtschaft 12, 1964, 880, 882-884).

Die „Aktion Eichhörnchen“ hatte zwischenzeitlich einiges bewirkt, doch sie scheiterte am selbstgesetzten Ziel, einem Grundvorrat in allen bundesdeutschen Familien. Zudem verwiesen Konsumentenvertreter und SPD auf einen die Aktion deutlich bremsenden Mangel: Mangels Kennzeichnungspflichten konnte niemand präzise wissen, wie lange die unterschiedlichen Lebensmitteln halten würden (Vorratshaltung erfordert Kennzeichnung der Haltbarkeitsdauer für Nahrungsmittel, Verbraucher-Politische Korrespondenz 9, 1962, Nr. 28, 2-4; Erika Luther, Wünsche der Verbraucher an die Haushaltsberatung [1962], BA Koblenz, B 116/23748, 109-131; Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht, 4. Legislaturperiode, Bonn 1963, 2364 (Käte Strobel). Hierzulande wurde das Mindesthaltbarkeitsdatum erst 1981 eingeführt.

Fazit

Lassen Sie mich zum Schluss weiter über die Kiste hinausblicken, ein allgemeineres Fazit ziehen:

Erstens: Das politische Kernkalkül des Ministeriums, eine verpflichtende Haushaltsbevorratung im Krisenfall, wurde 1965 erreicht. Das Selbstschutzgesetz im kleinen Notstandspaket war Teil nachfolgender politischer Souveränität. Das zeitgleiche Ende der „Aktion Eichhörnchen“ ist vor diesem Hintergrund erklärlich und nachvollziehbar.

Zweitens: Dieser politische Erfolg ging allerdings einher mit wachsendem politischen und öffentlichen Widerstand gegen die Notstandsgesetze, gegen die Doppelung von freiwilliger Haushaltsbevorratung und verpflichtenden Notrationen im Kriegsfall. Die Macher setzten ab 1963 auf ihre politische Mehrheit, zielten nur mehr verbal auf die mit der Aktion eigentlich angestrebten Resilienz der gesamten Bevölkerung.

Drittens: Für die breite Mehrzahl war ein privates Vorsorgeregime trotz der militärischen Gefährdungslage nicht mehr zeitgemäß. Entsprechend scheiterte auch die 1965 von Kanzler Ludwig Erhard propagierte „formierte Gesellschaft“ des Maßhaltens und der inneren Konfliktvermeidung, die sich mit heutigen Vorstellungen von resilienten und nachhaltigen Gesellschaften vielfach deckt. Die breite Mehrzahl optierte für Enthäuslichung und Fremdversorgung als zentralen Versprechen einer modernen Konsumgesellschaft.

Viertens: Die breite Ohne-mich-Haltung der Bevölkerung angesichts der eingeforderten Haushaltsbevorratung war Ausdruck der Liberalisierung und mentalen Weitung der Bundesdeutschen lange vor den weit überschätzten politischen Ereignissen 1968. Höhere Kaufkraft, sinkende Arbeitszeiten, neue Mobilität, der mögliche Urlaub im Ausland, die Pille, wachsende Gleichberechtigung von Frauen und Jüngeren, neue Konsum- und Lebensstile kennzeichneten bereits die frühen 1960er Jahre: The Times They Are a-Changing. Freiwillige Haushaltsbevorratung stand quer zu alledem.

Fünftens: Die seit 1963 zunehmend diskutierte sozialliberale Entspannungspolitik bot parallel ein neuartiges und realistisches Politikmodell der Gefährdungsminderung. Gerade im Atomzeitalter galt es Spannungen zu mindern, mit dem Gegner zu reden, sich nicht allein für den Konfliktfall zu wappnen.

Immer noch grüßt das Eichhörnchen!?? Aktuelles Ausmalbild der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (www.ernaehrungsvorsorge.de)

Die heutige Wiederkehr der Vorratskisten mag ein Zeichen berechtigter Sorge um die Zukunft sein. „Sicherheit und Zusammenhalt“ bieten sie nicht. Die propagierte Resilienz ist vielmehr ein Stillstellungsmodus in einer bewegten Welt, bei der Menschen wie Eichhörnchen auf das Ende des Winters warten. Wohlverstandene Resilienz verharrt nicht, sondern wagt den realistischen Blick auf Probleme, versucht diese aktiv zu wenden. Die Prüfung der „Aktion Eichhörnchen“ unterstreicht, dass Wandel vor allem dann möglich ist, wenn man den Kokon des vermeintlich Bestehenden durchbricht. Es gilt, zu den Ursachen von Sicherheitsrisiken vorzudringen, nicht aber es beim Kurieren der Symptome zu belassen.

Uwe Spiekermann, 31. Oktober 2026

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung eines Vortrages vom 23. Oktober 2026 auf der Esskultur-Jahrestagung „Resilienz und Nachhaltigkeit der Agrar- und Ernährungssysteme. Kritische Infrastrukturen zwischen Vulnerabilität, Transformation und sozialer Ungleichheit“ in Berlin.